Die Quelle - Theater am Werk Wien
Das Leiden der Wiederkäuer
17. April 2026. Calle Fuhr, der Kapitän des neueren Investigativtheaters, wühlt, journalistisch abgesichert, dort, wo es richtig stinkt: in der Schmutzwäsche von Groß-Unternehmen, in Umwelt-, Finanz- oder Politskandalen. Im Theater am Werk geht's um die Arbeit mit Whistleblowern. Ein lehrbuchreifer Abend.
Von Jakob Hayner
"Die Quelle" von Calle Fuhr im Theater am Werk Wien © Victoria Nazarova
17. April 2026. Es gibt Theaterabende, die sich sehr bemühen, ihre gesellschaftspolitisch fraglos wichtige Botschaft so zu erklären, dass sie auch den letzten im Publikum klar wird. Theaterabende, die nachdrücklich betonen, dass sie es mit der "echten" Welt und "echten" Problemen zu tun haben.
Sobald es aber um für das Theater nicht völlig nebensächliche Dinge wie Dramaturgie und Sprache geht, lassen dieselben Abende eine ähnliche Dringlichkeit wie bei ihrem Anliegen vermissen und richten sich ästhetisch gemütlich zwischen Vorabendserie und Durchschnittsdoku ein. Zu diesen Abenden gehört "Die Quelle", die neue Arbeit von Calle Fuhr am Theater im Werk in Wien.
Unternehmensdrama im Hosenanzug
"Die Quelle" erzählt – darauf wird man mit einem Einblender am Anfang ausdrücklich hingewiesen – eine wahre, aber fiktionalisierte Geschichte über Whistleblower und investigativen Journalismus. Der 1994 in Düsseldorf geborene Autor und Regisseur Calle Fuhr hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der Protagonisten des recherchebasierten Arbeitens an der oft gerühmten und jetzt auch in Millionenhöhe geförderten Schnittstelle zwischen Theater und Journalismus entwickelt. In Wien hat er mit "Heldenplätze" und "Die Redaktion" bereits ähnliche Themen auf die Bühne gebracht, wie auch bei "Die Quelle" in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Investigativmagazin "Dossier".
Saubere Recherchen im kleinen Online-Magazin: Violetta Zupančič und Kaspar Locher © Victoria Nazarova
Für "Die Quelle" setzt Fuhr, anders als bei vorigen Abenden, nicht auf eine Mischung aus Ted-Talk und Stand-up-Comedy, sondern auf geradliniges Erzähltheater. Es gibt einen großen und dubiosen Energiekonzern namens "Power", von dem wir vier Figuren kennenlernen: den Oberboss (Dennis Cubić), den Unterboss (Kaspar Locher), die "Pressetussi" (Zitat Unterboss; Gerti Drassl) und einen Unterunterboss. In echt tragen sie natürlich sehr wichtig klingende englische Bezeichnungen.
Außerdem tragen sie dunkelblaue Anzüge und weiße Hemden (Männer) oder Hosenanzug mit Blazer (Frau), machen bedeutungsvolle Mienen, zupfen unaufhörlich an ihren Hemdsärmeln herum und knöpfen die Sakkos auf und zu. Dazwischen wird geschrien (nach unten) oder geschleimt und gemauert (nach außen, zur Presse). Business as usual.
Ein Umweltskandal drückt den Aktienkurs
Als der Unterunterboss dem Unterboss meldet, dass aus einer Pipeline in Niederösterreich Methan austritt und die Kühe auf der Wiese tot umfallen, landet das beim Oberboss, der das gar nicht gerne hört – und wie alles, was schlecht für den Aktienkurs sein könnte, ignoriert. Blöd nur, dass es kurz darauf in der Zeitung steht. Nicht in der großen Zeitung, die sich als ehrenamtliche PR-Abteilung des Konzerns versteht, wie die einleitende Pressekonferenz zeigt, sondern in dem kleinen, heldenhaften, idealistischen Online-Start-up, das in seiner Wohnzimmerredaktion noch "wirklichen, sauberen Journalismus" macht. Bei Kaffee und Salzstangen erklären sich die drei Redakteure gegenseitig ihre Arbeit, damit das Publikum auch mal sehen kann, wie das in echt so ausschaut.
Warum kann das kleine Online-Magazin über die geheimen, dunklen Machenschaften des Konzerns berichten? Weil es eine Quelle hat. Also eigentlich zwei, wegen dem Zwei-Quellen-Prinzip, aber das wird zur Abwechslung nicht extra erklärt. Kurzer Qualitätscheck: "Gute Quelle? – Sehr gute Quelle." Und so erfährt der Held der Geschichte, der junge Investigativreporter mit dem nassforschen Temperament (Johannes Nussbaum), auch von einer Schmiergeldkasse, zweifelhaften Verbindungen nach Saudi-Arabien und dem fetten Sponsoring für die Pinakothek, das sich als förderlich für die Karriere der Künstlerfreundin (Violetta Zupančič) der Pressefrau erweist. Und später kommt noch ein Überwachungsskandal dazu. Oder anders gesagt: viel Aufklärungsbedarf.
Nichts für Feinschmecker
Die vorhersehbare Handlung mit weder tiefen noch sympathischen Figuren zuckelt von einem müden Dialog zum nächsten, vom Konzernbüro über die Redaktion zu Privaträumen und wieder zurück. Dass das Geschehen etwas kleinteilig wirkt, wird noch durch die Bühne verstärkt, auf die Sophie Eidenberger drei Podeste mit freihängenden Jalousien und entsprechenden Möbeln gestellt hat, von denen jeweils das beleuchtet wird, das gerade bespielt wird.
Was nach zweieinhalb Stunden bleibt? Quellen, Quellenschutz, investigativer Journalismus, alles sehr wichtig. Recherchetheater als großspuriges Infotainment fürs Bildungsbürgertum? Man bekommt die Botschaft auch noch im Kuvert auf den Stuhl gelegt, falls es wer nicht kapiert hat. Klar, es muss im Theater nicht immer für Feinschmecker sein, es darf auch einfache Kost sein. Aber zu sehr vorgekaut doch bitte auch nicht.
Die Quelle
von Calle Fuhr
Regie: Calle Fuhr Bühne und Kostüm: Sophie Eidenberger Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf. Mit: Dennis Cubić, Gerti Drassl, Kaspar Locher, Johannes Nussbaum, Violetta Zupančič.
Premiere am 16. April 2026
Dauer: 2 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
theater-am-werk.at
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Besonders beeindruckend finde ich, dass trotz der vielen Informationen alles verständlich bleibt. Das ist für mich eine große Stärke, weil so auch schwierige Inhalte klar vermittelt werden, ohne an Tiefe zu verlieren.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass etwas „vorgekaut“ ist, sondern dass das Stück klug aufgebaut ist und wichtige Themen spannend und verständlich auf die Bühne bringt.
Beim Schlussapplaus stand der ganze Saal, Standing Ovations. Schade dass in der Kritik die Atmosphäre des Abends so gar nicht berücksichtigt wird.