Burn, Baby, Burn! - Schauspiel Hannover
Was erlauben Rom?
18. April 2026. Es hat gebrannt, und fünf Menschen stiefeln durch die Ruinen und suchen nach Rettenswertem. Oder bietet die Katastrophe gar die Chance auf einen Neuanfang? Yael Ronen durchmisst in ihrem neuen Stück eine dauerlodernde Welt – ohne freilich auf den ihr eigenen Humor zu verzichten.
Von Tim Schomacker
"Burn, Baby, Burn!" von Yael Ronen am Schauspiel Hannover © Jörg Brüggemann/Ostkreuz
18. April 2026. Kaum jemand kehrt derzeit an deutschsprachigen Theatern die Scherbenhaufen der Gegenwart so kunstvoll zusammen wie Yael Ronen. Die Liste ihrer Produktionen der vergangenen zwanzig Jahre liest sich wie eine Aufstellung großer Krisen und manchmal auch kleinerer Weltlagen, vorbeiwehender Aufreger oder beherzt geführter Dauerdiskurse. Nun macht die Regisseurin und Autorin – wie stets mit einer Mischung aus eigenem Team und einladendem Haus – in Hannover Station. Und kommt, einmal mehr, zum Ende – einer einer Zivilisation nämlich, deren katastrophisches Vergehen je nach Interpretation in einen Totalschaden oder womöglich auch einen Neuanfang mündet.
Stottern und stochern
Gewiss nicht zufällig beginnt der neue Ronen-Abend "Burn, Baby, Burn!" mit einem sehr großen und sehr schönen Bild! Auf Evi Bauers angedeuteter Antikenruinenlandschaft wird, im Vollbild, ein loderndes Feuer projiziert – was gleichzeitig Assoziationen einer Katastrophe wie auch eines behaglichen Kaminfeuers zulässt. Mögen die Wirren beginnen.
Wie Jetons auf das grüne Filz eines Roulettetischs wirft Ronen ihre Figuren in die Situation hinein, das einmal ihr Leben war. Das Feuer ist heruntergebrannt, die Fünf waten durch Asche. Eigentlich darf noch keiner hinein in die zerstörte Zone. Sie sind trotzdem da. Und stottern und stochern in den Überresten nach Hinterlassenschaften ihrer früheren Existenzen – also: nach sich selbst. Dabei sagen sie bisweilen unangenehm vorformatierte Sätze wie: "Als ob jemand den Soundtrack der Welt stummgeschaltet hat…". Oder: "Es ist offensichtlich, dass die versuchen, mich daran zu hindern, die Wahrheit ans Licht zu bringen."
Im Rücken die Ruinen von Europa: Evi Bauers Bühne ist eine zentrale Mitspielerin in Yael Ronens neuem Abend © Jörg Brüggemann/Ostkreuz
Aus den Ronen-typisch kunstvoll ineinander verschlungenen Erzählungen der Figuren ergibt sich ein vorläufiges Bild: Es hat gebrannt, nicht genug für eine Menschheitsvernichtung, aber ausreichend, um einen gemeinsamen Katastrophenerfahrungszusammenhang herzustellen. Da ist Lilli, die ihrem Vater versprach, sein letztes Buch zu vollenden. Da ist der Historiker-Vater, der sich, schwerkrank, kurz vor dem Feuer suizidiert hat, als mahnender Geist. Da ist Sam, der Tiere rettet und sich gegenüber den Menschen, derart verdächtig in Nachsicht übt, dass eine zu tilgende ältere "Schuld" naheliegt. Da ist Artur, der irgendwie traurig im schlaksigen Körper seines früheren Schüler-Ichs feststeckt: ein zum Pyromanen gewendetes Mobbingopfer. Und da ist schließlich Bianca, die sich in der verrußten Gegenwart im Verschwörungs-Influencerinnentum verhakt hat und früher mal – die Chronologien und Identitäten sind hier bisweilen vage – eine Kriminalistin gewesen sein könnte.
Perspektiven des Erhabenen
In einer wirklich tollen Sequenz will Bianca für ihre Forschungsarbeit über jugendliche Brandstifter Artur interviewen. Er sitzt in einer psychiatrischen Klinik, weil er seinerzeit das Auto seines Lehrers angezündet hat, und klettert während des Gespräches bergziegengleich über die antiken Ruinen. Bianca hingegen hat offensichtlich Höhenangst, klammert sich zugleich an die Ränder der Steinblöcke und an ihrem Handy fest, das das Gespräch aufzeichnet: Die beiden nähern sich gewissermaßen von verschiedenen Seiten dem Erlebnis der Erhabenheit.
Nachrichten aus der verrußten Gegenwart © Jörg Brüggemann/Ostkreuz
Dass Yael Ronen nicht nur bestens funktionierende Übergänge zwischen den Szenen und Erzählungen baut, sondern bisweilen auch überraschende Kippmomente einarbeitet, trägt den Abend. Wie sie mit der Zurschaustellung von Gefühl spielt, mit der Frage nach der "Echtheit" eines Moments – und wie sie uns dabei immer wissen lässt, dass sie genau darum weiß –, das erinnert an ein ultrasouverän produziertes Konzeptalbum und darf sich insofern getrost Glam und Show gönnen, etwa in den lässig ins Geschehen eingestreuten Gesangeinlagen. Shirin Eissa performt eine beeindruckend brüchige "Mad World" nach Tears for Fears im schmalen Gegenlicht, Jonathan Stolze glänzt mit einer geschickt an eine Nero-Trump-Parodie gestrickten Tiger Lillies-Adaption von "Start a Fire", und Jonathan Duardo Brito brilliert mit einer gedragqueenten Version des Peggy-Lee-Klassikers "Is That All There Is?".
Slicke Platte
Der eigentliche (Ab)Gesang aber ist gar kein Song-Cover, sondern ein Vortragsflashback des bereits tödlich erkrankten Historikers. Der nämlich verschneidet das Vergehen seines Körpers mit Studien zur Endlichkeit des römischen Reiches zu einer erschütternden Gegenwartsdiagnose. Eine wirkliche Abhandlung würde diese Idee kaum tragen – eine slicke Platte mit hübschen Aktualitätstupfern aber schon. Entsprechend gab es euphorischen Applaus, mehrheitlich zu Recht.
Burn, Baby, Burn!
Von Yael Ronen
Deutsch von Irina Szodruch
Regie: Yael Ronen, Bühne: Evi Bauer, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Friedel, Ofer Shabi, Video: Stefano Di Buduo, Licht: Oliver Hisecke, Dramaturgie: Yunus Ersoy, Irina Szodruch.
Mit: Jonathan Duardo Brito, Shirin Eissa, Philippe Goos, Stella Hild, Jonathan Stolze.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
Wenn es an diesem Abend ein Problem gebe, dann bestehe das darin, dass "alles wirklich sehr, sehr klar und sehr, sehr deutlich ausgesprochen wird", berichtet Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur (Fazit, 17.4.2026). Der Abend nehme den Charakter eins Pamphlets an. Dennoch: "Riesiger Jubel" – vor allem aber auch, "weil die Botschaft so einfach ist", wie der Kritiker glaubt: "Die Welt geht unter, und wir müssen eigentlich nur noch gucken, warum."
"Das Team um Regisseurin Yael Ronen setzt erfolgreich auf Humor", findet Agnes Bührig vom NDR (18.4.2026). Der Abend sei "kurzweilig, mit viel Drive, unterhaltsam und trotzdem tiefgründig", so die Kritikerin. "Die Katastrophe ist mehr als Untergang allein. Sie schafft Raum für Neues, macht der Veränderung Platz."
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Yael Ronen ist eine begeisternde Komposition gelungen.
Alle Schauspielerinnen/Schauspieler setzen diese Komposition auch sagenhaft gut um. Insbesondere Philipp Goos hat mir gut gefallen!