Theatertreffen 2015 – Eine Gastrokritik zu Thom Luz' Inszenierung von Judith Schalanskys "Atlas der abgelegenen Inseln"
Die Schmonzette ist zu stark karamellisiert
von Sophie Diesselhorst
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Die Schmonzette ist zu stark karamellisiert
von Sophie Diesselhorst
Berlin, 4. Mai 2015. "Atlas der abgelegenen Inseln". Das Lokal ist schummrig und verraucht. Der erste Gang ist die Treppe hoch, denn die Gäste sollen sich auf mehrere Stockwerke verteilen. Sobald das geschehen ist, backen alle zusammen als nachträgliches Entrée ein akustisches Blätterteigteilchen, das in den hohen Fluren aufs schönste hallt und echot.
Die Servicekräfte sind klassisch gekleidet und unzuverlässig. Sie kommen und gehen hektisch und raunen bei jedem Vorbei-Huschen dienstfertig: "Ich bin gleich wieder da!" Manchmal stellen sie zwischendurch etwas ab, zum Beispiel eine kleine Harmonie aus sanften Paukenschlägen oder eine dezente Serenade, auf drei Geigen dahinpizzicatiert, grundiert von Posaunenhupern.
Primo: Tagliatelle aus Anekdotenschrot
Bevor es zu schaumig wird, folgen als Primo: Tagliatelle aus Anekdotenschrot. Sie sind lang und schwierig aufzugabeln. Außerdem fehlt eine Sauce. Wie um das zu kompensieren, reichen die Servicekräfte daraufhin eine lange Folge feingeschnitzter, hochdekorativer Exotismen.
Verrauchtes Menü im Treppenhaus © Karl-Bernd Karwasz
Es gibt das Versprechen auf eine Nordische Seekuh, aber es wird nicht eingelöst. Überhaupt scheint man in diesem Hause auf die undeftigen Zwischengänge spezialisiert zu sein. Auch wird das Hauptaugenmerk eher auf die angemessene Servier-Temperatur als auf die raffinierte Würzung gelegt.
Dessert: Flageolett-Schmonzette
Ein mehrgängiges Dessert wird eingeleitet von Geigen, die ins Flageolett schmelzen, bevor sie abkratzen. Den Servicekräften gefriert indes das Lächeln in den ein wenig zu stark geschminkten Gesichtern. Die Schmonzette ist zu stark karamellisiert.
Was die Getränke angeht, so wird das Wasser live von Eisblöcken abgeschmolzen – ein bisschen viel Theater, das vielleicht von den fehlenden Gewürzen ablenken soll.
Als das Licht angeht und ein Rausschmeißer in Pagenuniform als Beispiel die Treppe hinab vorangeht, merken meine Begleitung und ich, dass uns irgendetwas zu Kopfe gestiegen ist und selbiger morgen schwer sein könnte. Eine Empfehlung kann deshalb nur zusammen mit einer Warnung ausgesprochen werden.
Zur Nachtkritik der Premiere von Atlas der abgelegenen Inseln in Hannover (9/2014)
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Komplette Kritik: https://stagescreen.wordpress.com/2015/05/06/wir-gestrandeten/