Nach dem Leben - Staatstheater Nürnberg
Als ich noch ein Lebender war
19. April 2026. In Nürnberg adaptiert Stas Zhyrkov einen Film von Hirokazu Koreeda, in dem Verstorbene sich entscheiden müssen, welche Erinnerung sie ins Jenseits mitnehmen wollen. Das Ergebnis ist mal ernst, mal rührselig, bis Spieler Alexander Darkow für einen großen Moment sorgt.
Von Wolfgang Reitzammer
Stas Zhyrkov adaptiert den Film "Nach dem Leben" von Hirokazu Koreeda in Nürnberg © Konrad Fersterer
19. April 2026. Die österreichisch-japanische Schriftstellerin Milena Michiko Flaŝar hat in ihrem Essay "Sterben auf Japanisch" das unterschiedliche Verhältnis zum Tod zwischen Asiaten und Westeuropäern angedeutet: Während die Japaner wie durch eine durchsichtige Gardine auf das Ende blicken, stellt der Deutsche lieber einen blickdichten Paravent auf. Vorhang auf also für eine wahrlich global gedachte Produktion des Staatstheaters Nürnberg: ein ukrainischer Regisseur (Stas Zhyrkov) bringt ein Stück auf die Bühne, das auf einem 1998 im Kino aufgetauchten Film des Japaners Hirokazu Koreeda basiert, zu dem der Engländer Jack Thorne eine Theaterfassung geschrieben hat. Die deutsche Erstaufführung fand übrigens 2025 in Göttingen statt, Regie führte Ulrike Arnold, bis vor einem Jahr noch im Ensemble des Nürnberger Theaters.
Sieben Tage für eine Entscheidung
Hinter dem Vorhang verbirgt sich ein kleines Programm-Kino (oder gespiegeltes Kammer-Theater) mit drei Reihen zu je neun Sesseln (Bühne: Jan Hendrik Neidert), Sinnbild für eine Art Wartezimmer, in dem Verstorbene die erste Woche nach ihrem Tod verbringen müssen. In diesem Zwischenreich sollen die eingetroffenen Untoten sich entscheiden, welche Erinnerung sie in die Ewigkeit mitnehmen wollen. Dabei werden sie von sogenannten Lotsen betreut, die in einer strengen Blaumann-Uniform gewandet sind (Kostüme: Lorenza Diaz Stephens) und darauf achten, dass nur eine Erinnerung ausgewählt wird.
Im Wartezimmer der Erinnerungen © Konrad Fersterer
Das Stück präsentiert fünf Personen, die unter dieser Maßgabe ihr Leben retrospektiv auf wirklich Bedeutsames und Wertvolles untersuchen sollen. Dabei helfen ihnen fünf Memory-Guides, von dem Chef (Alexander Darkow) werden sie launig mit dem Beatles-Song "Hello Goodbye" begrüßt. Die 94-Jährige Beatrice Killick (Adeline Schebesch) sorgt sich vor allem um das Wohlergehen ihrer Katze, erinnert sich dann aber wehmütig an Tanzabende mit ihrem Bruder Harold und der Musik der späten 1940er Jahre. Hiro Mochizuki (Pius Maria Cüppers) findet zunächst alles so lala und ziemlich mittelmäßig, bis er die besondere Geschichte seiner Frau als Erinnerungs-Schatz entdeckt. Graham Jenkins (Joshua Kliefert) hat den Ton einer am Rucksack angebrachten Glocke im Ohr, phantasiert sich dann aber mit einem Cessna-Modellflugzeug über die Wolken des Alltags. Die sehr junge Jill Smith (Marie Dziomber) kommt wohl frisch aus der rosafarbenen Welt des Disneylands und trägt einen Plüsch-Delphin mit sich herum. Das Personen-Panorama wird komplettiert von dem sehr dehnbaren und sprunghaften Obafemi Taylor (David Gavira), der aber die Entscheidung verweigert und zur Strafe als Neu-Lotse im Zwischenreich verbleiben muss.
Streit beim Bodenpersonal
Dieses ausgesprochen disparate Personal trägt zwar die originelle Grundidee von Koreeda, sorgt aber gleichzeitig für einen nicht ganz unfallfreien Balanceakt zwischen Seriosität und Sentimentalität, zwischen ruhigen Momenten der Besinnung und lautem Konflikt-Geschrei. Auch die munter bewegte Drehbühne und viele live eingespielte Video-Sequenzen können nicht verhindern, dass längliche Passagen entstehen – vor allem wenn die Streitigkeiten unter dem Lotsen-Personal mit viel Körper-Einsatz thematisiert werden.
Die Erde, vom Jenseits aus betrachtet © Konrad Fersterer
Nach der Pause verwandelt sich das nüchterne Kino zeitweise in einen lautstarken Jahrmarkt mit Film-Leinwand und Autoscooter. Ja, es ist Showtime, denn die favorisierten Erinnerungen werden nun vom Personal als Performance dargeboten: Schattenspiel, Duftproben und schräger Gruppengesang. Dies mündet in einen sehr beeindruckenden Moment der Stille und Selbstreflexion: Alexander Darkow fasst zusammen, dass man nun den ganzen Abend über Erinnerungen geredet habe, und trägt als Produkt der Probenarbeit etwas sehr Persönliches vor.
Das wäre wohl ein stimmiges Schlusswort gewesen, doch es folgt noch ein innerer Konflikt des Lotsen Charlie (Luca Rosendahl), der im früheren Leben in die gleiche Frau wie später Herr Mochizuki verliebt war. Deshalb will er sich unbotmäßig aus der neutralen Betreuer-Rolle lösen, eine sehr bedeutsame Erinnerung an eine besondere Nacht in London formulieren und ebenfalls an der Himmelstür zur Ewigkeit anklopfen.
So mischen sich sowohl beim Stück als auch bei der Inszenierung originelle Ideen und ins Leere laufende Handlungs-Pfade, starke szenische Momente und vordergründige Hanswurstiaden, philosophischer Tiefgang und arg konventionelle Suche nach Spannung und Drama.
Ins Theater gehen und sterben
Übrigens können auch die Zuschauer auf vorher verteilten Zetteln ihre eigenen Erinnerungen vor dem späteren endgültigen Ableben notieren – und vielleicht mit anderen diskutieren. Der Verfasser dieser Zeilen hat sofort daran gedacht, wie er 1967 im Rahmen der Schulplatzmiete das Stück "Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke in Nürnberg gesehen und mit klammheimlicher Freude bemerkt hat, dass sein Lateinlehrer unter Protest die Aufführung verließ.
Nach dem Leben
von Jack Thorne
Eine Bühnenfassung des Films von Hirokazu Koreeda
Regie: Stas Zhyrkov, Bühne: Jan Hendrik Neidert, Kostüme: Lorenza Diaz Stephens, Bohdan Lysenko, Licht: Mareike Neumann, Dramaturgie: Rania Mleihi.
Mit: Pius Maria Cüppers, Alexander Darkow, Marie Dziomber, David Gaviria, Kinan Hmeidan, Joshua Kliefert, Claudia Gyasi Nimako, Krstinja-Maria Peters, Luca Rosendahl, Adeline Schebesch.
Premiere am 18. April 2026
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de
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