Je tremble I & 2 - Joël Pommerat stellt aus Showklischees Alpträume her
Ich zittere, also bin ich
von Dorothea Marcus
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Der Theater-, Hörspiel- und Kurzfilmautor und Regisseur Pommerat, 1963 geboren, gilt zur Zeit als eine der interessantesten Figuren im französischen Theater. Er gastiert auf vielen Festivals und war beim "Theater der Welt" in Halle mit seinem abgründigen Familienstück "Cet enfant" zu sehen. Mit seiner Kompanie "Louis Brouillard" arbeitet er schon seit 1990 und hat fast zwanzig seiner Stücke uraufgeführt. So richtig erfolgreich ist er aber erst seit dem Festival von Avignon 2006, wo er mit "Au monde" Furore machte, das ebenfalls eine Familiensaga war.
Unterhaltung als Katharsis
"Je tremble" hat dagegen mit Familienbanden nur am Rande zu tun, und spielt eher mit den Widersprüchen von Unterhaltung und Realität, Schock und Katharsis, Mitgefühl und Sensationsgier. "Ich schulde Ihnen eine Erklärung", sagt der Moderator, "am Ende dieses Abends werde ich sterben - und zwar wirklich. Zuerst aber werden wir Party machen." Ein Schuss streckt ihn nieder, aber grinsend steht er wieder auf, nein, richtig sterben wird er erst später. Jetzt zuckt er noch zum Song "Sex Bomb", während im Hintergrund ein verschwommenes, dunkles (Sex?)video läuft.
Die Party ähnelt eher einem Alptraum. Mit wenigen Mitteln deformiert Pommerat die professionelle Unterhaltungsmaschinerie: durch Lichtwechsel, die die Gesichter der Darsteller verzerren, durch Playbacks, die aus dem Ruder laufen und von ganz anderen Personen gesungen werden als denen, die auf der Bühne sind. "Wer hat noch Ideen, für die man träumen kann? Geben Sie mir meine Zukunft zurück!" brüllt eine magere Frau mit riesenhaftem Kopf und überschlagender Stimme, während eine andere ein zehnfach verlangsamtes Lied von Sinead O'Connor singt. "Vielleicht entspricht das hier nicht ganz Ihren Erwartungen", schaltet sich der Moderator mit schneidender, fieser und beschwörender Stimme ein. "Aber bedenken Sie: was Sie jetzt fühlen, werden Sie nie wieder fühlen. Sie sind einsam und doch mit allen zusammen. Sie konstruieren Ihre Welt. Gucken wir hier mal, was wir aus unserem Leben gemacht haben." Nichts Schönes auf jeden Fall.
Immer grotesker und barbarischer
Weiter geht der Reigen und wird immer unerträglicher: Ein Kapitalist, der Reichste der Welt, verschenkt ein Gewehr an einen Mann, der angeblich nicht existiert und erschießt ihn. Zwei Frauen werfen sich verzückt in die Arme des Mörders. Einer Frau werden hinter Gaze die Körperteile abgesägt, inklusive Kopf – dazu wird Diana Ross gesungen. Eine andere Frau erzählt, wie ihre Mutter zwei Finger bei einem Arbeitsunfall verlor. Der Glitzervorhang verändert spektakulär seine Farben, die Szenen werden grotesker und barbarischer. Doch die Songs bleiben lieblich
Im zweiten Teil steigt der Moderator, der nicht gestorben ist, von einer Himmelsleiter herab. Ein vermeintlicher Zuschauer verirrt sich auf die Bühne, "ich wollte einige kritische Anmerkungen machen" und wird im "Off" hingerichtet. Zu zarten Chopin-Klavierweisen stürzt sich ein Mann beim Abendessen auf seine Partnerin und zerfleischt sie wie ein Vampir, sekundenhaft sieht man das blutige Ergebnis. Zwei Frauen verbeißen sich ineinander wie Kampfhunde, ein Mann überschüttet seine Frau mit Briefen, Gedichten und Anrufen, bis sie ihn verlässt, launig wird zwischendurch getanzt, es glitzert und leuchtet. Eine Meerjungfrau lässt sich für ihren menschlichen Ehemann den Schwanz wegoperieren, weil er ihn ekelt - aber ihr Humpeln ekelt ihn noch mehr.
Schillernde Außenbilder
Doch letztlich ermüdet, dass die Kabarettnummern und aneinandergereihten Szenen keinerlei Zusammenhang haben. Sie produzieren und zitieren schillernde Außenbilder, verfremden sie dabei monströs und morbid, narren mit Hilfe der "falschen" Playbacks die Wahrnehmung, stellen aus Showklischees Alpträume her und greifen immer wieder auf traditionelle Theatermittel zurück: das jagt den Zuschauer zwischen Innen- und Außenblick, Distanz und Mitgefühl ständig hin- und her
Dennoch nutzt sich dieser Effekt nach einiger Zeit ab, bleibt der Abend in einer Dimension stecken, zieht sich in die Länge. Und auch wenn es immer wieder einen Schockeffekt gibt, der den vorherigen übertrifft, wird die Wirklichkeitsshow von Pommerat zum banalen und beliebigen Katastrophenhopping – oder führt sie diesen Effekt wiederum auch nur vor? Schwer zu beantworten. Genauso schwer, wie zu begreifen, dass der erste Teil von "Je tremble" überhaupt noch eine Fortsetzung brauchte.
Je tremble 1 & 2
von Joël Pommerat
Inszenierung und Bühne: Joël Pommerat, Lichtdesign: Eric Soyer, Kostüme: Isabelle Deffin.
Mit: Saadia Bentaïeb, Agnès Berthon, Hervé Blanc, Lionel Codino, Ruth Olaizola und Marie Piemontese.
www.festival-avignon.com
Mehr lesen? Hier geht es zur Nachtkritik von Joël Pommerats Stück Cet Enfant beim Theater der Welt 2008 in Halle. Und hier gibt es einen Bericht vom vergangenen Festival d'Avignon 2007.
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