Irgendwie ist Berlin immer blau 

16. April 2026. Die Farbe Blau inspirierte schon Joni Mitchell, Billie Holiday oder Yves Klein. Maggie Nelson hat sich in ihrem Buch "Bluets" mit der Sehnsuchts- und Seelenfarbe befasst. Zur Eröffnung des Berliner FIND-Festivals landet der poetische Stoff nun im Labor der Videobilder von Katie Mitchell. 

Von Esther Slevogt

"Bluets" in der Regie von Katie Mitchell an der Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola

16. April 2026. Es ist das Bild der Stadt Berlin, das diesen Abend beginnt und in gewisser Weise wird Berlin die wesentliche Protagonistin dieses Abends bleiben: Hauptstadt des Regens und der Tristesse, durch deren Straßen immer wieder geführt wird, ihre Innen- und Außenräume. Eine Stadt, die seltsam strahlend und geläutert wirkt in den langen Kamerafahrten, die ihre Fassaden und Straßenzüge abtasten. Meist in der Gegend rund um die Schaubühne am Lehniner Platz, also der Kurfürstendamm und seine Seitenstraßen. Manchmal aber geht es auch die Kantstraße herunter oder in die Gegenden um Hauptbahnhof, Charité und Alexanderplatz. In der Regel ist es abends, ja, und blau ist die Stadt dabei immer irgendwie auch.

Denn diese Farbe ist eine weitere Protagonistin dieses Abends, der ihr auch seine Überschrift verdankt. "Bluets", das wie ein Amalgam aus Blue und Sonett klingt. Um kleine Stücke über die Farbe Blau und ihre Funktion als Sehnsuchts- und Seelenfarbe (240 sind es insgesamt) handelt es sich bei Maggie Nelsons Buch, auf dem dieser Abend beruht, und das auf Deutsch zuerst 2018 erschien. Jetzt hat "Bluets" in der Inszenierung von Katie Mitchell das FIND-Festival eröffnet, wo die Regisseurin in diesem Jahr Artist in Focus ist. 

Eine Etüde über das Sehen 

Die Bühne (Alex Eales) ist wieder das für die Arbeiten der britischen Künstlerin typische Labor: Mehrere Stationen, wo sich die Illusionsmaschine Theater nackt und sachlich zeigt und der Prozess des Gemacht-Werdens immer Teil der Geschichte ist. Drei Akteur*innen, Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler, spielen stumm die fragmentarischen Szenen. Sie erschließen sich stets nur im großen Videobild über der Bühne, wenn etwa Alina Vimbai Stähler scheinbar U-Bahn fährt, oder Renato Schuch mit wehendem Haar irgendwo draußen zu stehen scheint, während unter dem Video live zu sehen ist, wie das Bild entsteht.

Vimbai Stähler posiert, die körperlichen Erschütterungen des Zuges simulierend, vor dem Video eines U-Bahninterieurs in motion. Schuchs Haare werden von einem windmachenden Techniker in Bewegung gesetzt. Der Abend ist dadurch auch eine Etüde über das Sehen und die Relativität aller Wahrnehmung. So, wie in einem Video riesengroß einmal eine Biene in das Zentrum einer knallroten Mohnblume fliegt, während eine Stimme erklärt, dass die Biene selbst hier gerade einen klaffenden bläulich-lila Mund wahrnimmt.

Im Labor der Videobilder (Bühne: Alex Eales) im Bild: Alina Vimbai Strähler © Gianmarco Bresadola

Der Fluss aus Stimmen aus dem Off (von Pia Amofa-Antwi, Veronika Bachfischer, Holger Bülow und Konrad Singer) schafft so etwas wie einen Stream of Consciousness, der neben Ausflügen in die Phänomenologie der Farbe "Blau" hauptsächlich die Geschichte der namenlosen Protagonistin erzählt – die ihre Liebe verlor und im Krankenhaus eine querschnittsgelähmte Freundin pflegt. Die eine Obsession für die Farbe Blau hegt, daher immer wieder blaue Dinge von nahen Menschen geschenkt bekommt, die dann überlebensgroß auf der Leinwand erscheinen. 

Der Sog ist beträchtlich 

Wenn dort nicht gerade die Fragmente der Geschichte zu sehen sind: in Form einer Hand, die aus einem OP-Hemd ragt, und von einer anderen gestreichelt wird; Menschen, die sich schlaflos auf Kissen winden. Während wir darunter live sehen: alles künstlich erzeugt, die Schauspieler*innen posieren nur für die Kamera. Trotzdem ist der Sog beträchtlich. Auch wenn sich im gleichförmigen Pathos des Singsangs der Stimmen langsam so etwas wie eine innere Lähmung beim Zuschauen einstellt. Es wird von Goethes Farbenlehre berichtet, von der Kathedrale von Chartres und ihrem somnambulen Blau. Von Billie Holiday und dem Blues. Von Menschen, die sich die Schneidezähne durch Lapislazuli ersetzen ließen. 

Schauspieler*innen wie Renato Schuch posieren nur für Kamera © Gianmarco Bresadola

Es ist bereits die dritte Auflage des Stoffs. Schon 2019 kam eine Version am Deutschen Schauspielhaus Hamburg heraus – eine Vorstudie, wie Mitchell jetzt in einem Artist Talk vor der Premiere sagt. Auf dem Video sieht es allerdings nach einem vollgültigen Theaterabend aus. Abstrakter vielleicht als die neue Fassung, und stärker auf die radikalen Empfindungen der Protagonistin fokussiert. 2024 war im Royal Court Theatre in London laut Programmheft die Uraufführung der jetzigen Fassung.

Stimmungslagen einer Krypto-Bourgeoisie

Süffig ist die Berliner Version vor allem als Stadt-Porträt, durch die langen einsamen Fahrten der Protagonist*innen durch Berliner Nächte, die gefüllt sind mit den Stimmungslagen einer Krypto-Bourgeoisie zwischen Liebesunfähigkeit und halbgarem Kunstverstand. Sie hungern nach dem Leben, und verstehen nicht, dass ihre selbstmitleidig im Pathos zusammengeschnurrten Seelen die Ursache ihrer Misere sind. Ein bisschen vermisst man die Berliner Gedächtniskirche, die mit ihren 20.000 Glasfenstern zum Blauesten gehört, was diese Stadt zu bieten hat und vom französischen Glaskünstler Gabriel Loire in Chartres entworfen und hergestellt wurden. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Bluets 
von Maggie Nelson 
In einer Fassung von Margaret Perry 
Aus dem Englischen von Jan Wilm, zusätzliche Übersetzungen für die Fassung von Gerhild Steinbuch 
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüm: Sussie Juhlin-Wallén, Videoregie: Grant Gee, Video Design: Virginie Taylor, Musik: Paul Clark, Sound Design, Munotida Chinyanga, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Bethany Gupwell:
Mit: Eva Meckbach, Renato Schuch, Alina Vimbai Strähler und den Stimmen von Pia Amofa-Antwi, Veronika Bachfischer, Holger Bülow und Konrad Singer. 
Premiere am 15. April 2026 
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause 

https://www.schaubuehne.de

Kritikenrundschau 

"Es ist eine reine Formspielerei, die einen vom Text eher entfernt und dann auch noch ziemlich oldschool ist. Das ist Katie Mitchell von vor 20 Jahren, was sie da abliefert", sagt Barbara Behrendt in Deutschlandfunk Kultur ("Fazit", 15.03.2026). Mitchells Live-Film-Ästhetik "in Rheinkultur" sei "schnell ermüdend, weil das doch sehr banale und abgegriffene Bilder sind, die da gezeigt werden". Es sei zu "illustrativ". Ein "verwunderlicher" Auftakt des FIND-Festivals, so Behrendt. 

"So eindrucksvoll reibungslos" Katie Mitchells "Livevideohörspiel" in der Schaubühne ablaufe, "so gut es mit der Darstellung und dem Einsprechen" klappe – "theatralisch ist dieser Abend eher unauffällig", findet Simon Strauß von der FAZ (16.4.2026). "Aber von der Stimmung her, durch die zahlreichen Schattierungen der Gefühlsfarbe Blau, die hier szenisch angedeutet werden, bekommt er eine sinnliche Prägnanz." Neben "aller ironischen Emphase für die Blauäugigkeit" sage der Abend "auch etwas sehr Ernstes", so der Kritiker: "Streiten, verletzen, verkennen: ja, aber vergessen, was wir uns gesagt haben und woran wir glauben: nie."

"Die technische Raffinesse erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers, der immer wieder vom Leinwandgeschehen auf den technischen Tanz darunter wechselt", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (16.4.2026). "Wer da noch dem dichten Text zu folgen vermag, wird schnell merken, dass darin, auch mit viel Raffinesse, vor allem das Unsagbare verhandelt wird: Suff, Sex, Trauer, Schmerz, Leere und Einsamkeit werden von diesem seltsamen Blau verschleiert", so der Kritiker. "Man findet also nirgends Halt in dieser kalten Theaterapparatur der Selbstvergessenheit."

"'Bluets' ist eine der ungewöhnlichsten und gelungensten Inszenierungen der Spielzeit" – und „eine große Liebeserklärung an Berlin", meint Felix Müller von der Morgenpost (17.4.2026). "Wir sehen die Schauspielenden (…) durch die Stadt streifen, durch die Europacity, den Berliner Untergrund, sie stehen an Straßenecken oder nachts am Wasser. Ist der eine groß im Bild, spricht eine andere, es ist ein innerer Monolog, den wir hören – und er ist Ergebnis einer faszinierenden, makellosen Choreografie, die es immer auch erlaubt, die nächste Szene zu erahnen."

 

Kommentare  
Bluets, Berlin: Multifunktionsroboter
Treffender als die Nachtkritik die beiden Bewertungen von Barbara Behrendt und Ulrich Seidler: die x.-te Wiederholung des bekannten Live-Hörspiel-Stils von Katie Mitchell ermüdet, fügt dem Text nichts hinzu.Die Schauspieler sind zu "Multifunktionsrobotern" degradiert. Bayern-Real in der Champions League war das spannendere Abendprogramm am Mittwoch
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