Dinge des Lebens

16. April 2025. Ihre Inszenierungen suchen die geklebten Stellen unserer Existenz: Die britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart ist seit ihrem Festival-Erfolg "Civilisation" auch auf deutschsprachigen Bühnen "durchgestartet". Kurzporträt einer aufregenden Neudenkerin des alten Theaterrealismus.

Von Janis El-Bira

Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart © Richard Perryman

16. April 2025. Man ahnte ja immer, dass das britische Theater noch nicht alle Karten ausgespielt hat. Zwar ist die große Erfolgswelle aus neuer Dramatik und Regieexporten von der Insel nun auch schon wieder über zwei Jahrzehnte her. Aber mit dem aktuell eher schwindenden Interesse an Textflächen und Postdramatik wächst der Wunsch nach einem Theater, zu dessen Themen und Figuren sich wieder Fühlung aufnehmen lässt. Und Themen und Figuren – das konnten sie ja immer, die Briten. Also rollt mit Alice Birch, Ella Hickson, Alexander Zeldin und anderen gerade eine zweite Welle britischer Autor*innen und Regisseur*innen durch Kontinentaleuropa, die dem guten alten UK-Theaterrealismus aus Psychologie, Melancholie und Klassenbewusstsein ein Update verpassen. 

Schmerzlich und staunenswert

Zu deren Aufregendsten und Vielversprechendsten gehört Jaz Woodcock-Stewart. Die 1990 geborene Regisseurin, aufgewachsen im Black Country der englischen West Midlands, einer Wiege der Industrialisierung, katapultierte sich 2021 mit einem kleinen Festival-Hit ins deutschsprachige Theaterbewusstsein. Damals gastierte sie – in ihrer Heimat schon länger als Großtalent gehandelt – mit ihrer Inszenierung "Civilisation" beim Festival Fast Forward am Staatsschauspiel Dresden. Direkt räumte sie dort den Hauptpreis ab, wurde später auch zu Radikal jung nach München eingeladen und ließ selbst gestandene Theaterkritiker*innen tief durchatmen.

Ein heftiger Abend war das, bis zu den Haarwurzeln versunken in die wundreibende Arbeit der Trauer. Einer Frau schaut man zu, wie sie klarzukommen versucht mit dem Tod eines geliebten Menschen. Wie sie Kleider aussortiert, Versicherungen kündigt, welke Blumen entsorgt. Lauter Alltagsdinge, wortlos verrichtet. Das große Fehlen des Anderen erzählt sich entlang scheinbar banaler Gegenstände. Dinge, die an unserem Leben kleben und die von uns wie Krümel abfallen, wenn wir nicht mehr da sind. Man sammelt sie mit auf an diesem schmerzlichen und so staunenswert beherrschten Abend – und geht hinterher doch gefassteren Herzens aus dem Theater.

Bandagierte Seelen

Die Dinge und wie wir uns mit ihnen eine Realität, letztlich eben eine "Zivilisation" zimmern, sind zentral in den Arbeiten von Jaz Woodcock-Stewart. Gleich zu Beginn ihrer aus dem Fast Forward-Sieg resultierenden Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden, "Jason Medea Medley", werden alle Bestandteile des Bühnenbilds aufgerufen und zur Tür hineingeschoben, bis die Simulation von Bürgerlichkeit komplett ist. Alles in diesem so ungemein genau hinschauenden Theater ist auf Brüchigkeit angelegt. Geklebte Gegenstände, bandagierte Seelen. Im deutschsprachigen Theaterraum, an den sie auch die aus Großbritannien gewöhnten Standards in Sachen Diversität und Kollektivgeist heranträgt, zeigt Jaz Woodcock-Stewart aktuell am Theater Basel eine vielgelobte "Glasmenagerie". Am Deutschen Nationaltheater in Weimar aktualisiert sie im Herbst eine ihrer Inszenierungen aus London. Ihre Arbeit hier, darf man hoffen, hat damit gerade erst begonnen.

Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. 

www.jazwoodcockstewart.com

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