Lust auf Anarchie

15. April 2025. Wie man mit schönster Weirdness punktet, zeigt die Schauspielerin Annie Nowak am Schauspiel Frankfurt. Sie ist eine Akteurin, die ein sagenhaftes Spektrum durchmisst: von der kernigen Panzerknackerin bis zur kalten Königstochter.

Von Shirin Sojitrawalla

Annie Nowak in "Morgen ist (vorläufig) immer da" © Jessica Schäfer

15. April 2026. Im Alter von 12 Jahren ist sie für eine Mitschülerin als Pippi Langstrumpf eingesprungen. Ihr Schauspiellehrer nannte sie daraufhin eine "Rampensau", eine "Person, die umso besser spielt, wenn Publikum im Saal ist". Das antwortet Annie Nowak auf die Frage, ob sie sich noch an den Moment erinnern könne, an dem klar war, dass sie Schauspielerin werden wolle.

Raumeroberung

Wer sie schon einmal auf der Bühne gesehen hat, weiß, wovon sie spricht. Unangepasst, frech und einen Tick verspult erlebt man sie dort. Seit fünf Jahren gehört sie zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt, das sie zum Ende der Spielzeit verlassen wird, um erst einmal frei zu arbeiten. Ein Verlust für das Haus. Im Monologstück "Morgen ist (vorläufig) immer da" von Iva Brdar, lümmelt Annie Nowak im Bett herum und sucht Anschluss ans eigene Ich. Es handelt sich um ein Solo in der Mini-Spielstätte Box, in der einem das Theater quasi auf die Pelle rückt. Nowak scheint keine Berührungsängste zu kennen, sie spielt sichtlich gern, auch mit dem Publikum.

Annie Nowak © Noel RichterUnvergessen, wie sie in Sebastian Hartmanns Version von Schnitzlers "Traumnovelle" an der Rampe des Schauspielhauses mit dem Saal schäkert, oder in Jelineks "Sonne/Luft" immer wieder ins Publikum strahlt. Sie ist eine sehr körperliche Spielerin, eine, die sich gern bewegt und Raum einnimmt, auch mal mit dem Skateboard über die Bühne flitzt und zur Not an Krücken spielt.

Anarchisches Spiel 

Geboren wurde Annie Nowak 1997 in Rüdersdorf bei Berlin. Nächstes Jahr wird sie also 30 Jahre alt, kein schlechter Zeitpunkt für einen Neuanfang. Studiert hat Nowak an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig und war danach Mitglied des Studios am Staatsschauspiel Dresden. Bevor sie ihr Engagement in Frankfurt am Main antrat, spielte sie am Deutschen Theater in Berlin in der Produktion "Katzelmacher" von Jessica Glause.

Zwei Titelrollen in Frankfurt umreißen das Spektrum ihres Talents: das Familienstück "Wickie und die starken Männer" und "Antigone" in der Regie von Selen Kara. Annie Nowak erweckt nicht nur in diesen Rollen den Eindruck, aufs Erwachsenwerden zu pfeifen, ihre Körpergröße (163 cm) tut ein Übriges. Als Antigone wirkt sie trotzdem anders, zurückgenommener, in einem Korsett von Regeln erstarrt. Ein kaltes Königskind, das den eigenen Tod in Kauf nimmt für die gerechte Sache. Anarchischer tritt sie als Puck in Christina Tscharyiskis "Ein Sommernachtstraum" auf. Ein unverschämter Kobold, der Liebe streut wie Zunder und den Zauberwald als Abenteuerspielplatz begreift.

Auch mal Panzerknackerin

An ihrer Stimme erkennt man Nowak sofort, ein herrlich variantenreicher, oft ins Nölige kippender Ton. Im Frankfurter "Arturo Ui" spielt sie den Gangster Emanuele Giri wie einen Panzerknacker, mit kernigem Gang, unmöglicher Punkfrisur und wilden Warzen im Gesicht. Annie Nowak punktet auch hier mit schönster Weirdness. Ihre vorerst letzte Produktion am Schauspiel Frankfurt wird im Mai die Beatrice in "Viel Lärm um Nichts" sein, in der Regie von Tina Lanik. Sehr sicher wird sie auch in dieser Rolle glänzen.

Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. Zuletzt: die Wiener Autorin Barbi Marković, das Künstlerduo an der Seite von Emre Akal Mehmet & Kazim und das Kollektiv Frankfurter Hauptschule.

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