Geerdet, handfest, klar

von Georg Kasch

9. April 2014. Sie war nie ein Star, und doch gehört sie zu den festen Säulen der (ost-)deutschen Theaterszene: Ursula Werner war die Mascha in Thomas Langhoffs legendärer "Drei Schwestern"-Inszenierung von 1979 am Berliner Maxim-Gorki-Theater, die Uraufführungs-Charlie in "Die neuen Leiden des jungen W." in Halle, und Rudi Strahl schrieb ihr die Eva der Erfolgskomödie "In Sachen Adam und Eva" auf den Leib.

ursuala werner immer 140Und doch wurde ihr größter, später Erfolg ein Film: "Wolke 9" von Andreas Dresen. Die Rolle einer verheirateten Frau im Rentenalter, die sich noch einmal verliebt, mit schonungslos offenen Sexszenen und berührenden Zärtlichkeiten. In Improvisationen mit einem vertrauten Team entstanden, wurde die Premiere in Cannes zum Durchbruch. Der Auftritt wäre für Ursula Werner beinahe geplatzt, weil der Regisseur ihrer damaligen Gorki-Produktion "Hamlet" die Hauptprobe auf den Tag der Filmpremiere gelegt hatte.

Allet noch mal jutjegangen, kann man da nur sagen, aber wie (der ungenannt bleibende Regisseur) Tilmann Köhler kriegen auch andere ihr Fett weg in "Immer geht's weiter", Werners Autobiografie, die sie sich selbst zum 70. Geburtstag im September 2013 schenkte, die aber erst jetzt fertig wurde. Noch mehr aber lobt sie: Kollegen, Regisseure, überhaupt das Ensemble-Theater alter Prägung. Man bekommt einen guten Eindruck, wie das war, Theater (und Film) in der DDR zu machen. Jedenfalls für eine Schauspielerin, die ein bisschen Glück hatte und nicht auf den Mund gefallen war.

"Na ja, die können es wagen"

Wer allerdings eine Analyse der Verhältnisse erwartet, Hintergründe oder Interna, die einen neuen Blick zulassen auf den Betrieb, der wird ebenso enttäuscht wie Freunde des geschliffenen Stils (Sätze wie "Die Arbeit des Schauspielers ist doch wirklich sehr anstrengend" sind keine Ausnahme).

Spannend sind in dieser Autobiografie die Details, wenn man etwa erfährt, wie schwer es war, es als Arbeiterkind in einen künstlerischen Beruf zu schaffen, auch im Arbeiter- und Bauernstaat, weil die Ermutigung fehlte. In ihrem Jahrgang in der Schule war sie eine von mehreren, die letztlich Schauspielerinnen wurden, aber anders als etwa Renate Krößner ("Solo Sunny") machte Werner erst mal eine Ausbildung zur Tischlerin: Die anderen hatten Kontakt "zu der Welt, in die sie jetzt wollten, eine ganz andere Verbindung als ich und von zu Hause in dieser Hinsicht bestimmt jede Unterstützung. Ich dachte, na ja, die können es wagen."

Das legendäre Gorki-Theater

Mehr kommt dann aber auch nicht, und so hat man öfter das Gefühl, man möchte doch all die Anekdoten von Ursula Werner besser persönlich erzählt, am liebsten vorgespielt bekommen: Wie es war in jenem Hallenser Ensembles, das mit kritischen Stücken und engagierten Publikumsgesprächen den Aufbruch wagte. Wie der Ensemble-Geist am Berliner Maxim-Gorki-Theater unter dem legendären Intendanten Abert Hetterle die Künstler und alle Gewerke zusammenschweißte und legendäre Inszenierungen entstanden wie die Uraufführung von Volker Brauns "Übergangsgesellschaft" 1988. Ein West-Gastspiel nutzte Werner für heimliche drei Tage in Paris, in der Nacht des Mauerfalls schlich sie sich an ein ziemlich menschenleeres Brandenburger Tor. Filmisch wären das tolle Szenen, plaudernd hingeschrieben wirken sie, als müsste da noch eine Erkenntnis oder zumindest eine Pointe kommen.

So macht das chronologisch erzählende Buch etwas vergessen, wie wunderbar Ursula Werner auf der Bühne ist. Oft geerdet, handfest, klar, aber mit einem so untrüglichen Gespür für Komik, wodurch sie etwa im erwähnten "Hamlet" als Totengräber zum lebendigsten Moment der Inszenierung wurde. Oder ihre Mascha, die zum Glück auf Film eingefangen wurde – eine vibrierend Liebende, die sich bedingungslos gegen alle Widerstände stemmt. In Berlin übrigens, wo Werner die meiste Zeit ihres Lebens lebte (und wo schon ihre Eltern herkamen), sieht man sie gerade vor allem auf der Leinwand oder im Fernsehen. Theater spielt sie stattdessen an den Münchner Kammerspielen. Ihre Autobiografie ist da nur bedingt ein Trost.


Ursula Werner: Immer geht's weiter.
Autobiografie
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2014, 240 Seiten, 17,99 Euro.

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