Durchs komplette Emotionsrepertoire

von Leo Lippert

Berlin, 12. September 2015. "Bewegung auf der Bühne und im Saal gewünscht!" Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig als der Aufforderung am Kartenschalter Folge zu leisten, denn bis auf ein paar wenige Sitzreihen ist der große Saal der Volksbühne leergeräumt. Auf einer riesigen Fläche, die Bühne und Zuschauerraum verbindet, findet dann auch kein gewöhnlicher Theaterabend statt, sondern eine ausladende, unüberschaubare Videoinstallation ohne Zentralperspektive, ohne Totale, ohne Dramaturgie. "Rebel Dabble Dabble Berlin" ist die ortsspezifische Variante eines Projekts, das Paul McCarthy mit seinem Sohn Damon bereits 2012 in Los Angeles und 2013 in New York realisiert hat, und nun für den Theaterraum der Volksbühne adaptiert hat.

Die Installation macht explizit, was eigentlich nur als Gerücht kursiert: die ausschweifenden Sex- und Gewaltorgien, die Regisseur Nicholas Ray mit seinen jungen Stars James Dean, Sal Mineo, und Natalie Wood in einem holzverkleideten Bungalow im Hotel Chateau Marmont in den Hollywood Hills gefeiert haben soll. Wer anhand dieser Namen nicht sofort weiß, dass es um den Hollywood-Klassiker "Rebel Without a Cause" (1955) geht, hat Pech gehabt. Denn die Installation ist inhaltlich ein hermetischer Referenzraum, eine Hommage an einen Kultfilm, die die "off-scene"-Gerüchte mit der "on-scene"-Filmhandlung vermischt und den ödipalen Konflikt des Films auf die verkorksten Beziehungen seiner Stars pfropft.

Eigene und Multi-Perspektiven

An den Wänden des Theaterraums hängen riesige Leinwände (vier auf der Zuschauerseite, fünf bis sechs im Bühnenraum), die gleichzeitig und mehrperspektivisch Filmsequenzen in Endlosschleife zeigen. Ausgestattet mit schlecht sitzenden Perücken und Vintage-Outfits arbeiten sich da fünf Schauspieler*innen (unter ihnen Paul McCarthy selbst sowie der Hollywood-Star James Franco) durch das komplette Emotionsrepertoire, von zärtlich bis gewalttätig. Sie knutschen, ohrfeigen sich und schreien mal lustvoll, mal schmerzverzerrt. Sie ficken, küssen, und spritzen sich Wasser ins Gesicht. Sie wälzen sich schlammbedeckt in der Badewanne. Sie schlagen mit Eisenstangen gegen Wände, sägen Gucklöcher ins Holz und räkeln sich schließlich lasziv vor der Kamera.

Dazwischen zwei Sperrholz-Bühnenbilder: Ein Nachbau des Wohnzimmer-Sets aus "Rebel Without a Cause", das gespenstisch und einsam auf der Drehbühne langsame Runden zieht, und der lebensgroße Bungalow No.2 im Chateau Marmont, mit einsehbaren Fenstern. Ein Paradies für Spanner: Auf die beiden kleineren Leinwände im Inneren werden unsimulierte Sexszenen projiziert. Bei all diesen Videosequenzen filmt immer auch mindestens eine wackelige Kamera eine andere wackelige Kamera, die gerade die Schauspieler*innen filmt. Diese Multi-Perspektivität der Schauanordnung erweitert die Blickachsen und macht sie gleichzeitig in ihrer Konstruktion erkennbar. Als Zuschauer*in muss man sich aus dem Zusammenspiel der Perspektiven eine eigene basteln. Das Schauen wird dadurch bewusster, vielleicht auch ein wenig demokratischer.

Maximale Gleichzeitigkeit

Gleichzeitig ist "Rebel Dabble Dabble Berlin" immer auch eine Aufmerksamkeits-Überlastung, die (sich) zu schnell erschöpft: Es ist ohrenbetäubend laut, die Drehbühne macht einen ganz mulmig, und die wackeligen Kamerafahrten auf mehreren Leinwänden gleichzeitig rufen bald Schwindelgefühle hervor.

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© Joshua White / Paul McCarthy

Dieses Zuviel macht auch eine Theaterrezension schwierig, insofern sie Bericht des Gesehenen sein will. Denn es ist schlicht unmöglich, alle Perspektiven einzunehmen, die die Installation vorgibt – aussichtslos der Versuch, alles wahrzunehmen. Manches sieht man mehrfach, vieles bleibt ungesehen. Die wiederholende Gleichzeitigkeit der Videoschleifen macht auch klar, dass die Installation kein zeitlich linear strukturiertes Erleben vorgeben will, keinen Anfang und kein Ende. Die zeitliche und örtliche Rahmung des "Stücks" wird daher für jede*n Zuschauer*in selbstbestimmt anders sein. An dieser Stelle ein Eingeständnis: Der Rezensent war etwa hundert Minuten vor Ort, und damit wesentlich länger als die meisten Zuschauer*innen, von 19 Uhr bis 20.40 Uhr.

Inmitten einer Event-Party

Dabei scheint für die durchschnittliche Zuschauer*in die Videoinstallation der McCarthys ohnehin nur Beiwerk zu sein. Auch wenn das vielleicht nicht unbedingt der Absicht der Künstler entspricht, so entwickelt sich der Abend nach den ersten fünf Minuten Staunen zu einem formidablen Eventschuppen-Event, einer Premierenparty vor der Premierenparty. Ab und zu ein flüchtiger Blick auf die Videoleinwände – ansonsten kennt man sich, schwatzt, und netzwerkt. Castorf mault in sein Handy. Ostermeier sitzt für eine Weile erste Reihe fußfrei und hält Hof. Büdenhölzer plauscht mal hier, mal dort.

Neben den Promis auch sonst allerlei Exklusives: Schnell bildet sich vor dem Aufgang zum Dachgeschoß des Bungalows eine nicht enden wollende Menschenschlange -  denn es dürfen immer bloß zwei Personen am Stück die Treppe hoch. Zwischendurch werden ein paar Zuschauer*innen mit grünen Party-Bändchen durch eine geheimnisvolle Hintertür gescheucht (der Rezensent hat leider nur ein rotes Bändchen bekommen und findet keinen Einlass). Und sowieso ist jede Menge Sicherheitspersonal damit beschäftigt, die Installation zu schützen und die eingangs gewünschte Bewegung der Zuschauer*innen in die richtigen Bahnen zu lenken. Ein falscher Schritt, schon bekommt man ein "Halt, das ist Kunst!" nachgerufen, selbstverständlich volksbühnenironisch.

Ins Off geschaut

Vielleicht ist das aber auch genauso gewollt. Vielleicht ist genau das die im Programmtext angekündigte "Neuaufladung" der Installation im Theaterkontext. Denn die Doppelung ist tatsächlich unheimlich: So wie die McCarthys in "Rebel Dabble Dabble Berlin" den Blick auf das obszöne Off eines Hollywood-Klassikers lenken, so lenkt die Installation selbst den Blick auf das Off eines Theater-Klassikers: auf die Volksbühnen-Maschinerie samt ihrer rebellischen Zuschauer*innen. Die Installation wird damit gleichzeitig zum lokalen Resonanzraum – der Eitelkeiten, Beziehungskrisen und lange eingespielten Routinen hochprofessioneller Ereignisproduktion.

 

Rebel Dabble Babble Berlin
Videoinstallation von Paul McCarthy und Damon McCarthy
Regie: Paul McCarthy und Damon McCarthy, Dramaturgie: Henning Nass.
Mit: Susan Averitt, James Franco, Paul McCarthy, Elyse Poppers, Jay Yi.
Dauer: geöffnet von 19.00 bis ca. 23.30.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"Viel zu 'verstehen' im engeren Sinne" gebe es bei "Rebel Dabble" nicht, meint Michael Laages vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 13.9.2015). Zu sehen gebe es in den "handwerklich eindrucksvollen, überwiegend aber inhaltslosen Bühnen-Bauten" und auf den Projektionsflächen vor allem "Szenen häuslicher Gewalt (...), mal als Slapstick, mal als körperlich anstrengendes Gerangel und Geprügel (und eben Gerammel (...)), mal als klaustrophobisch-perverse Gedanken-Folter." Das Prinzip des "Installations-Rätsels" sei schnell verstehbar, "und auch der Reiz schwindet bald. Kein Text, kein wirkliches Spiel, nichts, was im lebendigen Sinne 'Aktion' wäre, setzt der monströsen Bild-Welt irgendeine Reibung, irgendeinen Widerstand entgegen." Alles ziemlich "ziellos, ortlos, inhaltslos." "Das sei 'die Zukunft'", hat Laages Castorf im Vorübergehen ätzen hören, die Volksbühne räume sich hier "demonstrativ leer, schafft sich grob-ironisch schon mal selber ab, bevor Chris Dercon sie abschaffen wird in der bisherigen Form" – als "eine Art abendfüllender Warnung vor dem, was kommen könnte".

Doris Meierhenrich zeigt sich in der Berliner Zeitung (14.9.2015) überrascht, dass der "Meister" McCarthy "mit einer so dürftigen Aufwärmarbeit sein Bühnendebüt feierte." Sie vermisst vor allem das, was "man im weitesten Sinn 'theatralisch' nennen möchte und im Livecharakter einer Aktion zu suchen ist." Die "Scheinverwirrung" auf der Leinwand (1. Dean, Wood, Ray; 2. deren Darsteller; 3. die von ihnen dargestellten Figuren) greife "direkt in den propagandistischen Kern der obszönen Identifizierungsmaschine Hollywoods, die Paul McCarthy genüsslich auseinander nimmt." Der "Mythen-Splatterer McCarthy" klappe die "subkutanen Trieb- und Machtströmungen" der "schönen, bunten Cinemascope-Oberfläche" nach oben, was "überzeugend durchdacht und durchaus witzig-parodistisch in sado-masochistische Wohnzimmer-Szenen gesetzt" sei. "Doch wirklich spannend oder augenöffnend ist es nicht. Nach einer Dreiviertelstunde haben sich all die umgestülpten Bilder und Anspielungen ausgesprochen und ausgesehen".

"Wer McCarthys Vorstellung besucht, um zu sehen, wie eine Ikone der amerikanischen Performancekunst, der sonst in Museen und gut situierten Galerien ausstellt, ein Theaterhaus bespielt, wird nach kurzer Zeit feststellen: Es ist business as usual", langweilt sich auch Birgit Rieger im Tagesspiegel (14.9.2015). Dass das McCarthy-Setting dem ähnlich ist, was Castorf, Pollesch und Schlingensief an der Volksbühne bereits vielfach boten, mache die Show auch "eher uninteressanter. Nachdem man festgestellt hat, dass die Vorstellung schauspielerfrei bleiben wird, ist eigentlich die Luft raus." Dabei sei McCarthy eigentlich "ein Meister des Körperlichen – und des Unbehagens", thematisiere oft "unterschwellige Ängste, die sich niemand gerne eingesteht." In den Siebziger Jahren habe er mit seiner Kunst noch Tabus gebrochen, doch "mittlerweile wirkt seine Betrachtung eher verbohrt."

 Dieser Abend rennt "lärmend offene Türen ein", findet Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (17.9.2015). Seine "intendierte Wirkung ist überdeutlich. Die Konfrontation der hergestellten Hollywood-Welt mit den ungebändigten Begierden soll die Filmindustrie als Illusionsmaschine entlarven". Entsprechend gebe es Bilder mit "sehr viel Gewalt, sehr viel Sex" zu sehen. "Blut und Pornografie in Endlosschleife."

 

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