In der Badewanne

von Michael Stadler

Berlin, 22. Februar 2018. Es ist eine prächtige Weltpremiere im ost-prächtigen Berliner Kino International. Gezeigt wird "Partisan", ein Dokumentarfilm über die Frank-Castorf-Ära an der Volksbühne. Einige Weggefährten schauen mit, darunter Herbert Fritsch, Alexander Scheer, Henry Hübchen. Einer ist nicht da, der Chef selbst. Castorf war ja oft nicht bei seinen Theaterpremieren anwesend, kam erst zum Schlussapplaus. Das übliche Duckmäusertum, scherzt Henry Hübchen, und erzählt nach dem Film dem Publikum, wie er an einem Premierentag um 17 Uhr im größten innerlichen Stress mit seinem Regisseur Castorf telefoniert habe. Der lag in irgendeiner Badewanne.

Zeitreise mit Ost-Look

Dass eine Castorf-Premiere für die Schauspieler*innen im Grunde und in der Regel der erste Durchlauf war und dass er die Überforderung zum Prinzip machte, so dass wirklich jeder, Schauspieler wie Publikum, nach jedem Abend einfach fertig war, sind keine News, aber man hört sie immer wieder gerne. "Partisan" ist ein Erinnerungsfest für wehmütige Volksbühnenliebhaber, mit wunderbaren Bonmots des Castorf-Teams, unter den Gesprächspartnern ganz bewusst vermeintliche Randfiguren wie Souffleuse Christiane Schober, Bühnenarbeiter Frank Meißner und Andreas Speichert, die zentral fürs Funktionieren der Volksbühne waren und sich auch wertgeschätzt fühlten. Die Filmemacher Lutz Pehnert, Matthias Ehlert und Adama Ulrich zeigen neben Interviews einiges an altem Filmmaterial aus den Archiven von RBB und SFB. Die Zeitreise erheitert aus der souveränen heutigen Sicht, die Nostalgie trieft aus allen filmischen Poren.

Partisan 560 SolofilmWolfgangGaube uPartisanen: Sebastian Klink, Frank Castorf © solo:film / Wolfgang Gaube

Wie reißerisch und unheilvoll die Medien Castorf damals bei seinem Volksbühnen-Antritt 1992 als "Regieberserker" und "Stückezertrümmerer" ankündigten! Etiketten, die Castorf nicht loswurde, wobei das Auseinanderlegen der Vorlagen heute niemanden mehr juckt (bis auf die Brecht-Erben). Ausschnitte aus alten Volksbühnen-Shows vermitteln eine Wildheit, einen politischen Drive, eine Lust an spielerischen Vignetten, Tobsuchtsanfällen, Experimenten, die sich im abgebrühten Heute, wo selbst das anything goes Langeweile erzeugt, nie wieder so wunderbar herstellen lässt. Das "Zertrümmern" sei nun mal notwendig gewesen, meint Martin Wuttke, damit so ein Stück einem in der Jetztzeit noch was sagen kann. Auf der langen Couch im Foyer der Volksbühne hocken die Interviewpartner vor einer holzgetäfelten Wand. Der olle Ost-Look – immer wenn sie den gesehen habe, erinnert sich Sophie Rois, selbst bei Gastspielen in Warschau oder anderswo, habe sie sich heimisch gefühlt, obwohl sie selbst aus der beschaulichen oberösterreichischen Provinz stammt.

Ob die Wut sein muss?

Mit einem Fußballspiel vergleicht Henry Hübchen die Castorf-Inszenierungen. Auch wenn Castorfs Matches ein wenig länger als 90 Minuten gehen, würde man beim Fußball doch niemals das Zuschauen abbrechen, weil das Spiel zwischendurch vor sich hinplätschert, denn: "kann ja noch ein Tor fallen!" Hübchen fasst die einzig wahre Fanhaltung prägnant zusammen: "Bleiben. Durchhalten. Dann wird’s ein Genuss." Bei allem Revolutionsgeist ist die Geschichte der Volksbühne aber auch eine der Anpassung. Gerade kleidertechnisch: Sieht man in alten Aufnahmen noch langhaarige Menschen in abgetragenen Klamotten herumlaufen, sehen sie heute alle, auch Castorf, ziemlich gestriegelt aus. Zitat Hübchen: "Heute trägt jeder einen schönen Anzug von Peek & Cloppenburg."

Am Furor des Chefs hat sich jedoch nicht allzu viel verändert. "Sucht euch einen anderen Regisseur!", raunzt Castorf bei den Proben zu "Die Sache Danton" 1994, weil er den Kampf auf der Bühne vermisst und nur Allüren sieht. In einer langen Einstellung sieht man ihn später bei der Arbeit am finalen Faust, und wie er da kocht, seinen Ärger zu deckeln versucht und doch rauslässt, weil die Abstimmung von Musik und Spiel nicht so hinhaut, wie er das will, ist eine Schau.

Gott sei Dank gibt es solche Momente in einer Doku der Heiligsprechung, wobei man doch Sympathie mit Castorf hat, weil da einer ist, der fürs Theater brennt, seine Leidenschaft weder zu zügeln weiß, noch das möchte. Da ist aber auch einer, der beim Durchsetzen seines Willens diktatorische Züge trägt. Ob die Wut sein muss, um großartige Inszenierungen hinzubekommen, ruft die Autokraten-Frage auf, die derzeit in Sachen Matthias Hartmann und Co. an Theatern diskutiert wird und die Blätter der Feuilletons zum Rascheln bringt. Den Regisseuren an seinem Haus hat Castorf jedoch laut Aussagen seiner Mitarbeiter freie Hand gelassen, und auch in Sachen künstlerische Handschriften ließ der Chef an seinem Haus Einiges zu. Zumal er ja nicht der alleinige kreative Kopf der Volksbühne war, sondern Design-Mastermind Bert Neumann mit seinen die Regisseure herausfordernden Bühnenbildentwürfen oft der erste Autor einer Inszenierung war.

Viel Zeit nimmt sich der Film nicht für den Nachfolger

Schaut man sich zudem die Schauspieler und Mitarbeiter auf der überdimensionierten Volksbühnen-Foyercouch an, dann wirken sie allesamt so robust, wie es eine*r unter Castorf eben auch sein musste. "Machste was mit Castorf, machste was mit Castorf?", sei die Standardfrage an der Volksbühne gewesen, erinnert sich Sophie Rois, aber sie selbst wollte lieber unter der Regie von Christoph Schlingensief spielen. Auch wenn Castorf die Regiearbeiten seiner Kollegen teils gar nicht so mochte, sie durften sich an der Volksbühne nach ihrem Willen austoben. Auszeiten von der Volksbühne, von Castorf haben sich einige genommen, das Krisenjahr 2007 war so ein Angelpunkt, aber dann kamen doch einige wieder zurück. Bei allen Problemen, die er mit Castorf, auch seiner Art habe, bewundert etwa Herbert Fritsch die Konsequenz, die Radikalität, die Energie des Intendanten. Das lässt sich so kaum woanders finden.

Wie ein Schock wirkt es dann auch, wenn gegen Ende des Films, nach langem Eintauchen in das wilde Paradies und die schöne Hölle der alten Volksbühne, nach aller Schnoddrigkeit, nach den Gelagen auf und jenseits der Bühne, dem Chaos und der Freiheit plötzlich Chris Dercon ins Bild kommt. Viel Zeit nimmt sich der Film nicht für den Nachfolger. Die Politik fordert, dass auch die Volksbühne "sich weiterentwickeln" muss, aber nach Revolution sieht das Neue nicht gerade aus. Was aber auch klar ist am Ende einer dokumentarischen Hommage, die sich ihren Titel von einem Ausspruch Castorfs borgt: "Theater ist der letzte Partisan", meinte er mal. Der letzte Partisan ist aber natürlich er: Castorf hat einige Grabenkämpfe an seiner Bühne ausgefochten. Die Badewanne sei ihm gegönnt.

 

Partisan
von Lutz Pehnert
Regie: Lutz Pehnert, Matthias Ehlert, Adama Ulrich, Kamera: Wolfgang Gaube, Musik: Moritz Denis.
Mit: Frank Castorf, Sophie Rois, Kathrin Angerer, Herbert Fritsch, Henry Hübchen, Alexander Scheer u.a.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten

www.berlinale.de

 

Am 3., 5. und 10. März jeweils um 19.30 Uhr wird der Film im Kino Babylon Mitte gezeigt.

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