Wir fallen immer wieder auf Österreich herein

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 10. Januar 2020. "In Österreich musst du katholisch oder nationalsozialistisch sein, alles andere wird nicht geduldet." Mehr brauchte es 1988 nicht, um auch scheinbar reflektierte Menschen durchknallen zu lassen. Heute würde man es einen Shitstorm nennen, was die Uraufführung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" durch Claus Peymann entfesselte. Dank der um das Boulevard-Massenblatt Kronen Zeitung zentrierten österreichischen Medienlandschaft funktionierte ein solcher auch vor Erfindung von Social Media wie am Schnürchen. Radaubruder H. C. Strache etwa – damals 19 Jahre alt – brüllte bei der Premiere aus einer Loge.

Reliquie des österreichischen Theaters

Damals also reifte "Heldenplatz" in wenigen Wochen zur Theater-Ikone – und ward in Österreich doch schnell zur Reliquie. Tolle Burgtheater-Bilanz zwar für den Uraufführungsregisseur Claus Peymann, 120 Aufführungen in zehn Jahren. Danach eine weitere Inszenierung in der Josefstadt. Man glaubt es gar nicht, dass die Aufführung nun im Grazer Schauspielhaus erst die vierte Produktion von "Heldenplatz" in Österreich ist.

heldenplatz 3 560 karelly lamprecht uÖsterreichische Vox populi auf dem Heldenplatz: Ensemble © Karelly Lamprecht

Sinnvoll ist's, das Stück jetzt zu zeigen, da die Welt für viele (mit Bernhards Worten) "nur noch eine hässliche und durch und durch stumpfsinnige" ist und sie deshalb illiberalen Wortführern nachlaufen. Das hat Thomas Bernhard im "Heldenplatz" hellsichtig beschrieben. Und sollten sich Genossen ins Theater verirren, finden sie im "Heldenplatz" den Ruin der Sozialdemokratie mit beispiellosem Durchblick vorformuliert.

Hineingezogen in hinterhältige Satz-Ellipsen

Regisseur Franz-Xaver Mayr war bei der Heldenplatz-Uraufführung gerade zweieinhalb Jahre alt. Er wird seine Generation kennen und wissen, was ihr an zeitgeschichtlichem Vorwissen möglicherweise fehlt, um Bernhards Tiraden von damals einzuordnen. Deshalb lässt er eine der Figuren, den Professor Landauer, mehrmals heraustreten aus dem Stück und ihn das Publikum direkt ansprechen: Prof. Landauer alias Sarah Sophia Meyer gibt uns Lesetipps in Sachen Sekundärliteratur zu Thomas Bernhard und speziell zum "Heldenplatz". Die Bücherliste liegt auch im Foyer auf, beim Büchertisch. Sollte man mitnehmen.

heldenplatz 1 560 karelly lamprecht uLeben am Heldenplatz: Trauerfeier und tristes Fest (in der Mitte: Julia Gräfner) © Karelly Lamprecht

Sonst aber alles andere als Bildungstheater. Franz-Xaver Mayr stülpt dem Text keine vorschnelle, vor allem keine geradlinig-glättende Interpretation über. Er zieht das Publikum hinein in Bernhards hinterhältige Satz-Ellipsen. Doktor Schuster ist aus dem Fenster gesprungen, hinunter auf den Heldenplatz. Die Hinterbliebenen sprechen zwar über ihn, über den Selbstmord eines vor den Nazis Geflohenen, der im Exil in Oxford so fremd war wie er auch nach der Rückkehr nach Wien dort nicht heimisch geworden ist. Vor allem aber reden diese wenig empathischen Leute von sich, von unerfüllten Erwartungen und trügerischen Hoffnungen. Verquere Lebenslinien und Lebensentwürfe ohne Perspektive brechen sich in Nebensätzen Bahn. Unterschiedliche Traumatisierungen mit innerfamiliären Wechselwirkungen werden in dieser Inszenierung unterschwellig, aber aufmerksam herausgeschält. Das ist viel spannender als die Hasstiraden aufs ewiggestrige, braun-morastige Österreich, für das Thomas Bernhard im "Heldenplatz" die Trademarks vergibt.

Genderwandel verstärkt Konturen und Schrullen

Ein gestalterischer und sprechtechnischer Höhepunkt gleich zu Beginn ist die Suada der Frau Zittel. In deren Kleid steckt Florian Köhler. Frau Zittel war die Wirtschafterin des Verstorbenen, für ihn dienstbarer Geist und Gesellschaftsdame zugleich, vielleicht sogar Lebensmensch. Respekt, Sympathie, Leidenschaft gar – ein Panoptikum unterschiedlicher Gefühle setzt Florian Köhler mit beeindruckender Sprechtechnik und sorgsam moderater Gestik um. Keine Spur von tuntenhaftem Gehabe in dieser Rockrolle.

heldenplatz 4 560 karelly lamprecht uProfessor Onkel Robert: Julia Franz Richter im Kreis des Ensembles © Karelly Lamprecht

Einige Rollen sind geschlechtsverwandelt in dieser Aufführung, aber nicht aus gerade modischem Genderbewusstsein heraus. Diese Akzentverschiebungen helfen, Konturen, auch Schrullen der Handelnden zu verstärken. Julia Franz Richter beispielsweise steckt im übergroß karierten Sakko des Professors und Onkels Robert, des Bruders des Verstorbenen. Auch er ist einst emigriert und wieder heimgekehrt nach Österreich. Er steht fürs Sich-Ausblenden aus den Zeitläuften. "Ich bin ja gegen fast alles", sagt er, "aber protestieren – nein!" In sonderbar erdferner, gelöster Distanz schaut Robert auf seinen Bruder zurück. Nur ein Mal "gestattet" er sich selbst "eine kleine Erregung".

Die geballte Energie einer Psychose kommt in Gestalt der Witwe Hedwig auf die Bühne. Die "Frau Professor" hat stets gelitten in der Wohnung mit freiem Blick auf den Heldenplatz. Sie vermeint dort die Stimmen und Schreie der bedrohlichen Vergangenheit (die auch eine bedrohliche Zukunft werden könnte) zu hören. So leise Julia Gräfner und der Regisseur diese Rolle anlegen: Das Entsetzen ist der Frau ins Gesicht geschrieben.

"Wir fallen immer wieder auf Österreich herein", heißt es einmal. Das hat vielleicht etwas Schicksalhaftes, und so hat Franz-Xaver Mayr in das Stück eine Art Antikenchor eingebracht, eine insistierend-beharrliche Vox populi. Die Kostümierung markiert einen eigenartigen Zeitensprung. 1988 waren die Beatles-Frisuren der Männer und die schwarzen Pagenfrisuren der Frauen eigentlich schon out. Vielleicht ein Hinweis, dass die 68er-Generation in Österreich politisch auch eher dumpf war und keine Anstöße zur Vergangenheitsbewältigung gegeben hat?

 

Heldenplatz

von Thomas Bernhard, mit einem Prolog und ein paar Fußnoten von Franz-Xaver Mayr

Regie: Franz-Xaver Mayr, Bühne: Korbinian Schmidt, Kostüme: Michela Flück, Musik: Matija Schellander, Video: Billy Roisz, Licht: Micha Beyermann, Dramaturgie: Karla Mäder.

Mit: Florian Köhler, Raphael Muff, Julia Franz Richter, Evamaria Salcher, Oliver Chomik, Franz Solar, Sarah Sophia Meyer, Fredrik Jan Hofmann.

Premiere am 10. Januar 2020

Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Die Inszenierung sei "gut gemeintes Beiwerk, das Bernhards konzentrierten Biss verharmlost", so Nerbert Mayer in der Presse (12.2.2019). Auch der Gender-Rollentausch sei weitegehend misslungen: "Kein Mehrwert, sondern Überforderung." Fazit: "Diese akademische Aufarbeitung des Skandals von '88 ist ein Rückzug ins Biedermeier. Der wilde Bernhard wurde domestiziert."

"Die geschlechterkonträre Besetzung ist der entschiedenste Schritt dieser Inszenierung, und sie hat durchaus Wirkung", findet hingegen Margarete Affenzeller im Standard (13.1.2020). Sie breche das festgeschriebene Dominanzverhältnis der Reden (Geschlecht, Alter) auf und ermögliche es, beispielsweise mit Julia Franz Richter als Prof. Robert, die Anliegen einer jungen Frau und eines alten Mannes zusammenzudenken. Zudem trage Franz-Xaver Mayr dem Kunstcharakter des Stücks Rechnung, schaffe Nähe zu den bösen Kunstmärchen E. T. A. Hoffmanns. "Für eine Teufelsaustreibung war das Gesamtbild aber zu zaghaft."

Mayr lege den Fokus nicht auf wohlbekannte Schimpftiraden, sondern auf subkutane Vorgänge, beschreibt Martin Behr in den Salzburger Nachrichten (13.1.2020) den Abend. Allerdings habe der zeitgenössische Klassiker seit seiner Urauführung "ein paar Staubwusel" abbekommen: "Zu wenige Passagen, die unbehaglich sind, verstören. Gegen die aufrüttelnde, provokative Kraft des Ibiza-Videos bleibt dieser 'Heldenplatz' historisierend und, ja: kreuzbrav."

 

Schon nach kurzer Zeit treibe man wieder "im Flow der Worte, in den Wirbeln und Katarakten dieser Zornrede namens 'Heldenplatz'", schreibt Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (12.1.2020), die "hingerissen" ist von der "Sprechkunst des Schauspielers Florian Köhler, der hier in Dauerwelle und Trauerbrosche als Frau Zittel auf der Bühne steht". Zwar sei Franz-Xaver Mayrs Inszenierung mitunter "klüftig", finde aber einen Weg, das Stück von seinen "Bedeutsamkeitskrusten" zu befreien. Letztlich sei die "unterdosiert gallige" Produktion in erster Linie ein "Unterhaltungsabend", was auch zeige: "Selbst schneidendste Kritik ist längst ins anscheinend unerschütterliche österreichische Selbstbild eingemeindet".

 
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