Franz, wo ist dein Bruder?

von Anne Peter

Berlin, 23. März 2009. Wenn man dieses Stück liest, meint man, Großbritannien läge nicht bloß jenseits des Ärmelkanals. Sondern noch viel weiter weg von Deutschland. Man vermutet, der Autor des Stückes sei noch nie hier gewesen, und wenn, dann höchstens in den frühen Neunziger Jahren zu einer Stippvisite.

 

Doch weit gefehlt. Mark Ravenhill gehörte Ende jenes Jahrzehnts zu den angesagtesten Autoren der neuen britischen Dramatik, zu den In-yer-face-Schreibern, denen man auch Sarah Kane und Martin Crimp zurechnet. In Deutschland populär wurden Ravenhills Stücke vor allem durch Thomas Ostermeier, der sich 1998 mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Ravenhills "Shoppen und Ficken" in der Baracke des Deutschen Theaters einen Namen machte. An der Schaubühne setzte er seine Bemühungen um die deutsch-britischen Theaterbeziehungen fort. Nun wird dort Ravenhills neuestes Werk gezeigt, das Wiedervereinigungs-Stück "Over there", als englisches Gastspiel im Rahmen ihres internationalen Autorenfestivals "digging deep and getting dirty".

Allegorie auf die beiden deutschen Staaten

Ravenhill hat sein Stück, zusammen mit dem Regisseur Ramin Gray und als Koproduktion mit der Schaubühne, am Londoner Royal Court Theatre selbst urinszeniert. Etwa neun Monate lang habe er "so viel wie möglich über deutsche Geschichte gelesen", gab er im Vorfeld in einem Interview zu Protokoll. Auch Gespräche habe er geführt, vor allem mit "netten alten Damen". Angesichts des Stückes fragt man sich allerdings, was bloß aus all dieser Recherche-Arbeit geworden ist. Im Text selbst ist davon kaum eine Spur zu entdecken.

Der Plot geht so: Die Zwillinge Franz und Karl wurden getrennt, als die Mutter mit einem von ihnen von der DDR in den Westen ging. Mitte der Achtziger treffen sich die beiden wieder, zunächst im Osten, später auch im Westen. Dann kommt der Mauerfall, die Wende und die Wiedervereinigung von Land und Brüdern, in Folge derer die Bruderliebe jedoch so manchen Knacks bekommt.

Wie unschwer zu erkennen ist, sind diese beiden, Franz und Karl, als Allegorien der beiden deutschen Staaten lesbar. Und dabei denkbar scherenschnittig gestaltet: Franz ist der mittlerweile hemmungslos anpassungsbereite Manager-Seminar-Leiter, Karl der sich im neuen System nicht zurecht findende Haltlosigkeitstyp, dem zunächst nichts anderes einfällt, als den Bruder zu imitieren, was sich u.a. darin ausdrückt, dass er fortan nur noch in dessen Anzügen herumrennt und ihm den Sohn abspenstig zu machen trachtet. An diesem Jungen, der Zukunft verheißt, klammern sie sich beide, bequatschen ihn wahlweise auf Englisch oder Russisch und versuchen, ihn für die jeweils eigene Seite, also für Kapitalismus oder Sozialismus, zu vereinnahmen.

Sinnbildlich kannibalistisches Finale

Das Ganze ist tatsächlich so platt wie es klingt und kann lediglich mit der eher betagten Erkenntnis aufwarten, dass sich damals nicht zwei gleichberechtigte Partner vereinigten, sondern der eine vom anderen quasi geschluckt wurde, was hier in einem kannibalistischen Finale versinnbildlicht wird, bei dem sich Franz, der Wessi, Karl, den Ossi, im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt. Von der BRD erfährt man dabei übrigens nicht wesentlich mehr, als dass man dort viele unnötige Dinge kaufen konnte, von der DDR, dass sie eine Arbeiter- und Bauern-Demokratie war, in der die Menschen dem Frieden zustrebten...

Die spärliche Substanz wird durch einige Kunstgriffe aufgepeppt: So tragen die Zwillinge etwa die Namen der Schiller'schen Moor-Brüder. Ohne dass das allerdings weiter- oder gar tiefer führen würde, die Analogie vermag höchstens die Klischeebildung voranzutreiben: hier der Materialist, dort der Idealist, hier der böse Businessman, dort der gute Communista. Übrigens zieht Letzterer sich am Ende auch – bedeutsam, bedeutsam – in die Wälder zurück.

Diese Brüder werden verkörpert von dem Real-Zwillingspaar Harry und Luke Treadaway, die noch das Beste aus ihrer Vorlage machen, indem sie allen Witz der Dialoge nach außen kehren und mit einem perfekt auf den Punkt getimten Spiel aufwarten. Die umgangssprachlichen Ravenhill-Repliken kommen spontan, jede Geste, jeder Tonfall sitzt – präziser Alltagsgesten-Realismus in einem Umfeld aus Konsumgüter-Verpackungen, die ordentlich entlang der Hinterwand des von Johannes Schütz gestalteten, leuchtend weißen Milchglaskasten drapiert sind. Kellog's-, Persil-, Haribo-Kartons, die manchmal zum Spielelement werden: Pünktlich zum Fall der Mauer wird ein ganzer Turm solcher Pappbehältnisse links über den Bühnenkastenrand gekippt. Am Ende wird's noch mal eklig, Karl beschmiert sich mit allerlei Lebensmitteln: auf den Apfelsaft das Mehl, dann Ketchup, Nutella, Senf – eine Selbstzurichtung, fertig zur Bruderspeisung. Es bleibt eine ziemlich hohle Kiste, das alles.

Over there
von Mark Ravenhill
in englischer Sprache, Gastspiel der Koproduktion
Regie: Mark Ravenhill und Ramin Gray, Bühne: Johannes Schütz. Mit: Harry Treadaway und Luke Treadaway.

www.schaubuehne.de
www.royalcourttheatre.com

 

Mehr zu Mark Ravenhill: Im März 2008 inszenierte Thomas Ostermeier in Berlin Der Schnitt, ein Stück, das im gleichen Monat in Konstanz erstaufgeführt worden war. Im Oktober 2007 kam in Frankfurt pool (no water) heraus.
Hier geht es zur Over there-Kritik des britischen Telegraph und hier zu einem Probenbericht im Guardian.

 

Kritikenrundschau

Doris Meierhenrich schreibt in der Berliner Zeitung (25.3.) über das "Internationale Autorenfestival zu Identität und Geschichte" mit dem Titel "Digging Deep And Getting Dirty", in dessen Rahmen Mark Ravenhills "Over There" gezeigt wurde von einem "kurzen Vergnügen". Die deutsche Geschichte sei hier "nur Mittel von Ravenhills allgemeiner Gegenwartskritik, die allseitige Amerikanisierung beklagt": "Der Ostbruder Karl wird mit seiner Freiheit nicht fertig und vom Westbruder Franz verspeist." Abgehalftert tauchten beide in Amerika wieder auf. "Und während man sich über diese simple Moritat die Haare rauft, hält das klare, schnelle Spiel der Zwillinge Luke und Harry Treadaway doch in Bann. Durch sie schmerzt die blanke Oberflächlichkeit des Stücks nur noch ein bisschen."

Für Jürgen Otten (Frankfurter Rundschau, 25.3.) geht es in diesem Stück um "ein Anderssein". Es verhandelt zwar "auf der erkennbaren ersten Ebene die deutsch-deutsche Causa", doch "das im Titel bekundete Da-drüben-Gefühl meint im Subtext doch wohl etwas anderes, jedenfalls garantiert auch etwas anderes. Es beschreibt die Verwirrung der Gefühle, die zwei Menschen überkommt, die sich unfassbar ähnlich sind, mit diesem Ähnlichsein aber nicht zurechtkommen". Der Clou des Abends sei aber die Besetzung: "Luke Treadaway spielt Karl, den Ossi. Sein Bruder Harry Treadaway, von dem wir annehmen dürfen, dass er tatsächlich sein Zwillingsbruder ist, spielt Franz, den Wessi. Was für eine Konstellation!" Und diese beiden Brüder spielten "phantastisch", immer wieder klatschten sie sich diesen einen Satz ins Gesicht: "Du bist ein Anderer."

Dirk Pilz
(Neue Zürcher Zeitung, 25.3.) dagegen hat dieser Theaterabend "einigermassen sprachlos" gemacht. Denn ihm zufolge zielt Ravenhill mit seinem Zwillingsbruderstück einzig auf die deutsch-deutsche Geschichte: "Der eine denkt und fühlt am anderen vorbei – und der Westen raubt dem Osten seine Seele." Fassungslos mache dabei vor allem "das simple Wiederkäuen längst überwunden geglaubter Ressentiments. Es wirkt fast, als sei das Drama gleichsam unter den Stammtisch gefallen". Denn das Stück schließe weder die Konflikte noch die Wirklichkeit auf, "und von einer differenzierenden Geschichtsbetrachtung kann keine Rede sein. Als wären nicht zwanzig, sondern erst zwei Jahre seit 1989 vergangen." Immerhin sei aber die Inszenierung zu loben, weil sie den beiden Schauspielern "ein derbes Körperspiel antrainiert" habe. "Die peinliche Geistesarmut des Textes ist so indes nicht zu vertuschen."

 

 
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