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Vorreiter

1. Februar 2011. Seit einiger Zeit ist eine Neubewertung des Erfolgs-Dramatikers Lutz Hübner im Gange. Die Zeiten, in denen der meist gespielte deutsche Gegenwartsdramatiker als Jugendstückeschreiber, Gebrauchsdramatiker für Schnellschüsse, "massenkompatibel", "klischeehaft" und "holzschnittartig" galt, scheinen allmählich vorbei zu sein. In der Frankfurter Rundschau vom 28.1.2011 hat nun auch Peter Michalzik, seit Jahren als Scout für die Mülheimer Stücke unterwegs und schon deshalb mit der neuen deutschsprachigen Dramatik vertraut, eine Lanze für Lutz Hübner gebrochen.

Michalzik, der Hübner in Dresden vor dessen jüngster Premiere "Die Firma dankt" traf, teilt mit, der Autor wohne in Berlin-Kreuzberg, was sozusagen wie Brief und Siegel darauf wirkt, dass der Mann etwas von den aktuellen Konflikten in der Gesellschaft versteht.

Ziemlich präzise

Seit über einem Jahr laufe in Dresden Hübners Schulkomödie "Frau Müller muss weg", da geht es um den Stress, den Eltern ihren Kindern und der Schule machen, damit der Nachwuchs es aufs Gymnasium schafft. Es treffe "einfach ziemlich präzise", was Hübner dazu geschrieben habe, "es ist entlarvend, es ist lustig". Auch in "Die Firma dankt" suche sich Hübner einen "der Brennpunkte unserer Gesellschaft" mit dem üblichen Personal: der ökonomische loser Krusenstern, die "junge, sehr hübsche und sehr distanzlose Assistentin", der "stromlinienförmige Personalchef", die Personaltrainerin über vierzig, "das Damenopfer".

"Identifikationspotential" habe die Aufführung in Dresden reichlich, einhellig die Begeisterung bei der usverkauften Generalprobe. "Die neue Ökonomie ist ein unseriöses Lustschloss, das weiß jeder, hier bekommen wir"s gezeigt. Mit unseren guten alten Arbeitswerten hat das nichts mehr zu tun."

Trotzdem, schreibt Michalzik weiter, sei Hübners Drama "deutlich subtiler und präziser, als die Schwarz-Weiß-Malerei, in der auch dieses Stück wahrgenommen werden wird". Denn der böse, junge Konkurrent Sandor sei "nur eine Phantasie" des abgehalfterten Helden Krusenstern. Das eigentliche Thema sei Krusensterns Angst. "Angst davor, dass er die Arbeitswelt nicht mehr versteht, ihre Gesetze, ihre Regeln, alles was zählt."

Zu böse für's Fernsehen

Außerdem seien die Sympathien keineswegs so klar verteilt. Hübner vergebe keine "Zensuren" und liefere auch "keine Klischees". Er spitze "sehr geschickt" zu, wo "tatsächlich der Konflikt, die Angst und der Hass lauern", er sei "böse genug", um dabei "treffgenau zu sein", und "professionell" genug, um das in eine amüsante Geschichte zu verpacken. Hübner überzeichne, er steigere den Konflikt "ins Groteske, bis dahin wo der Irrsinn der Wirklichkeit sichtbar wird". Die ausbleibende Resonanz der deutschen Fernsehindustrie zeige, dass Hübner trotz der "realistischen Figuren- und Milieuzeichnung" eben doch ein Theaterautor sei und keiner fürs TV, dafür sei er einfach zu böse. Seine "Eskalationsdramaturgie" sei eben doch "sehr Theater und wenig Film".

Im öffentlich subventionierten deutschen Theater kann man eben doch noch deutlich freier denken, als im pflichtbezahlten deutschen Staatsfernsehen. Hübner sei der bisher zu wenig geschätzte Vorreiter einer neuen, konkreten, gesellschaftsbezogenen Dramatik. Seine größte Stärke sind sehr treffsichere Sätze mit entlarvenden Zwischentönen.

(jnm)

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Vorreiter

1. Februar 2011. Seit einiger Zeit ist eine Neubewertung des Erfolgs-Dramatikers Lutz Hübner im Gange. Die Zeiten, in denen der meist gespielte deutsche Gegenwartsdramatiker als Jugendstückeschreiber, Gebrauchsdramatiker für Schnellschüsse, "massenkompatibel", "klischeehaft" und "holzschnittartig" galt, scheinen allmählich vorbei zu sein. In der Frankfurter Rundschau vom 28.1.2011 hat nun auch Peter Michalzik, seit Jahren als Scout für die Mülheimer Stücke unterwegs und schon deshalb mit der neuen deutschsprachigen Dramatik vertraut, eine Lanze für Lutz Hübner gebrochen.

Michalzik, der Hübner in Dresden vor dessen jüngster Premiere "Die Firma dankt" traf, teilt mit, der Autor wohne in Berlin-Kreuzberg, was sozusagen wie Brief und Siegel darauf wirkt, dass der Mann etwas von den aktuellen Konflikten in der Gesellschaft versteht.

Ziemlich präzise

Seit über einem Jahr laufe in Dresden Hübners Schulkomödie "Frau Müller muss weg", da geht es um den Stress, den Eltern ihren Kindern und der Schule machen, damit der Nachwuchs es aufs Gymnasium schafft. Es treffe "einfach ziemlich präzise", was Hübner dazu geschrieben habe, "es ist entlarvend, es ist lustig". Auch in "Die Firma dankt" suche sich Hübner einen "der Brennpunkte unserer Gesellschaft" mit dem üblichen Personal: der ökonomische loser Krusenstern, die "junge, sehr hübsche und sehr distanzlose Assistentin", der "stromlinienförmige Personalchef", die Personaltrainerin über vierzig, "das Damenopfer".

"Identifikationspotential" habe die Aufführung in Dresden reichlich, einhellig die Begeisterung bei der usverkauften Generalprobe. "Die neue Ökonomie ist ein unseriöses Lustschloss, das weiß jeder, hier bekommen wir"s gezeigt. Mit unseren guten alten Arbeitswerten hat das nichts mehr zu tun."

Trotzdem, schreibt Michalzik weiter, sei Hübners Drama "deutlich subtiler und präziser, als die Schwarz-Weiß-Malerei, in der auch dieses Stück wahrgenommen werden wird". Denn der böse, junge Konkurrent Sandor sei "nur eine Phantasie" des abgehalfterten Helden Krusenstern. Das eigentliche Thema sei Krusensterns Angst. "Angst davor, dass er die Arbeitswelt nicht mehr versteht, ihre Gesetze, ihre Regeln, alles was zählt."

Zu böse für's Fernsehen

Außerdem seien die Sympathien keineswegs so klar verteilt. Hübner vergebe keine "Zensuren" und liefere auch "keine Klischees". Er spitze "sehr geschickt" zu, wo "tatsächlich der Konflikt, die Angst und der Hass lauern", er sei "böse genug", um dabei "treffgenau zu sein", und "professionell" genug, um das in eine amüsante Geschichte zu verpacken. Hübner überzeichne, er steigere den Konflikt "ins Groteske, bis dahin wo der Irrsinn der Wirklichkeit sichtbar wird". Die ausbleibende Resonanz der deutschen Fernsehindustrie zeige, dass Hübner trotz der "realistischen Figuren- und Milieuzeichnung" eben doch ein Theaterautor sei und keiner fürs TV, dafür sei er einfach zu böse. Seine "Eskalationsdramaturgie" sei eben doch "sehr Theater und wenig Film".

Im öffentlich subventionierten deutschen Theater kann man eben doch noch deutlich freier denken, als im pflichtbezahlten deutschen Staatsfernsehen. Hübner sei der bisher zu wenig geschätzte Vorreiter einer neuen, konkreten, gesellschaftsbezogenen Dramatik. Seine größte Stärke sind sehr treffsichere Sätze mit entlarvenden Zwischentönen.

(jnm)

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