Unsocial Media?

"Weil das Theater ja ganz dicht dran sein will an der Welt und ihren Dramen, twittert es jetzt mit – freilich nur über sich selbst", schreibt eine skeptisch gestimmte Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (13. Dezember 2013) über die Twitter-Theater-Woche #TTW13. Die Tweets der Theater (über Kantinenspeisekarte, Praktikantinnen und den Schweiß der Schauspieler) führen sie "unweigerlich zu der Frage (...): Muss ich ein Groupie sein, um mich für solche Tweets zu interessieren?" Die Theatergemeinde bleibe "gern unter sich. Das fällt im virtuellen Raum besonders auf, wo alles von Reaktionen lebt." Und die kämen bei dieser Twitter-Woche aus einem spärlichen Rund von zwanzig Leuten. "Ansonsten wünschen sich die Theater gegenseitig gute Nacht und guten Morgen. Dramaturgen posten Witze, die außerhalb ihres Berufsstands niemand versteht." Und "mehr als um die Inszenierungen geht es dann darum, (...) was das Ganze eigentlich sein soll: Werbung fürs Theater oder ein offener Dialog? Vor allem aber wird die Frage aller Fragen diskutiert: Darf man live aus dem Parkett twittern? (...) Beim Social TV sitzt der Zuschauer allein zu Hause, beim Social Theatre mit anderen im Theater. Und da wirkt jeder noch so sozial gemeinte Blick aufs Smartphone schnell, na? Unsozial."

Christiane Lutz hat für die Süddeutsche Zeitung (13. Dezember 2013) den Residenztheater-Twitterer Ingo Sawilla zur Twitter-Theater-Woche interviewt. Der verspricht am letzten Tag "eine Mischung aus Tag der offenen Tür und Publikumsgespräch". Er sagt: "Ich will was lernen von unseren Zuschauern. Was sie interessiert, was sie nicht verstehen. Ich will über Twitter Prozesse sichtbarer machen. Viele Leute wissen nämlich gar nicht, was wir den ganzen Tag über tun. (...) Ich will ihnen zeigen, was passieren muss, damit jeden Abend dieser Lappen hochgeht." Wie die Twitterstatisten heute Abend auf die Bühne der "Flegeljahre" integriert werden? "Die drei Twitterer stecken wir in ein Wirtshaus auf der Bühne, in dem ohnehin 40 Statisten sitzen." Er wünscht sich, dass die drei "schreiben, was sie empfinden", "keine Live-Kritik in 140 Zeichen". Es gehe darum, "den Wahnsinn, der live auf der Bühne stattfindet, noch mal zu vermitteln". Und jeder könne sich von zu Hause aus einmischen. Einen künstlerischen Mehrwert könne das Twittern von der Bühne auch haben, schließlich gehe es in Jean Pauls "Flegeljahren" "um das Schreiben eines Romans. Kapitelüberschriften werden eingeblendet, über Twitter schaffen wir eine neue Ebene der Schriftlichkeit." Sawilla hält es für wichtig, dass die Theater sich mit Twitter und Co. auseinandersetzen. Es sei wichtig "das Medium an sich ernst zu nehmen" und nicht nur als "Betriebskanal" zu verstehen. Allerdings: Den "Zauber des Live-Erlebnis" werde das Internet "natürlich nie ersetzen."

Für Jan Wiele von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.12.2013) ist die #TTW13 nicht mehr als ein "sagenhafter Social-Media-Gag (...), um auf sich aufmerksam zu machen". Es wollte sich ihm "auch nach Stunden und Tagen nicht recht erschließen, wann es denn endlich über Neckereien hinausgehen sollte". Die angekündigten Live-Übertragungen hätten sich "leider als solche ohne Bewegtbild und Ton" herausgestellt, "was eine Twitter-Diskussion über alles Theatralische stark erschwerte". Die Münchner Twitterstatisten hätten "wacklige Bilder und tiefe Einsichten ('Ist jetzt surreal hier') (...) live von der Bühne" durchgefunkt – "warum man Theater lieber aus zweiter Hand und im Korsett von 140-Zeichen-Nachrichten erleben soll, konnten aber auch sie nicht vermitteln. Das erhoffte 'Aufbrechen elitärer Theaterkritik' durch Graswurzel-Tweets blieb jedenfalls aus. (...) Härter durchzuhalten als diese fünftägige Twitter-Lektüre konnte wohl kaum etwas sein. Selbst das Warten auf Godot oder aufs Christkind scheint ein Klacks dagegen."

Christiane Lutz resümiert in der Süddeutschen Zeitung (16.12.2013) die TTW und besonders die "Flegeljahre"-Twitterstatisten-Aktion des Residenztheaters. "Anfangs hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen", zitiert sie Twitterstatist Philip Kern: "Obwohl ich ja nur dafür da war, habe ich mein Smartphone erst heimlich unter dem Wirtshaustisch bedient." Was bei der TTW herausgekommen sei: "lustige Fotos, kleine Interviews und jede Menge Theaterwitze (...). Selbstreferenziell, natürlich, aber Twitter ist nun mal so." Klar, auf Twitter entstehe "leicht der Eindruck, man befände sich im Zentrum einer wilden Party, das Stimmengewirr ist undurchdringlich", der Veranstaltungsort werde leicht vergessen, "denn Twitter ist noch immer ein etwas abgelegener Partykeller in einer Kleinstadt." Das sei den teilnehmenden Theatern allerdings "längst bewusst" und die Erwartung daher nicht gewesen, "vom Nischen- zum Massenprodukt zu werden, sondern das Theater auf eine ungewöhnliche Weise sichtbar und erlebbar zu machen". Sie zitiert dazu Resi-Twitterer Ingo Sawilla: "Ich weiß, was das Medium kann. Ich weiß aber vor allem, was es nicht kann." "Ob und wie man am Theater künstlerisch mit Twitter umgehen kann", so Lutz, "stand nicht im Vordergrund der Aktion". Ein paar ventilierte "Ideen für die Zukunft" schreibt sie auch noch auf: "Zum Twittern geladene Jugendliche zum Beispiel. (...) Vielleicht wird es in gekennzeichneten Reihen ja bald regelmäßig Twitter-Erlaubnis in den Theatern geben."

(ape)

 

Alle Informationen und Twitterfenster zur ersten Twitter-Theater-Woche Deutschlands hier – offizieller Hashtag: #TTW13. Diskutiert und gebrainstormt wurden in dieser Woche etwa schon über die Fragen: Darf man im Zuschauerraum twittern? Bedeutet die digitale Öffnung episches Theater nach Brecht? Mittwitterer und Diskutanten sind wie immer herzlich willkommen. Das Münchner Twitter-Statisten-Experiment ist hier dokumentiert.

 
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