In Bewegung bleiben

von Natalia Laube und Mercedes Méndez

8. März 2021. Theater in Buenos Aires ist wie Wasser: es dringt in jede Ecke, es sucht sich neue Wege, kommt stets voran. Man muss die Seele des argentinischen Theaters erfassen, um dieses Phänomen zu erklären. Unzählige Künstler:innen – Professionelle und Amateure – machen Theater, ohne sich von Gedanken aufhalten zu lassen, was dabei am Ende rauskommt, wie oder wo es zu einer Premiere kommt oder wie viele Menschen zusehen werden. Sie wollen einfach etwas erschaffen. Durch das Theater wird eine Gemeinschaft erzeugt, in der Kunst Verbreitung findet. Es ist ein Ventil, um sich auszudrücken – und zwar ohne die Sicherheit, dass das Ergebnis jemals Geld oder Prestige bringen wird.

Staying In Motion

by Natalia Laube and Mercedes Méndez

8. März 2021. Theatre in Buenos Aires is like water: it seeps into every corner, seeking new paths, always making headway. To explain the phenomenon one must first speak of a social spirit composed of thousands of creators—professionals and amateurs—who gather to create without considering the results, without planning where or how to premiere or how many people will ultimately watch. They just want to create. Theatre operates as a means to build community, to circulate artistic thought and serve as a vehicle for expression, without any certainty that the result will be money or prestige.

Kranker Mann am Zuckerhut

von Michael Laages

4. Oktober 2017. Das jüngste Drama ist sehr speziell. "O Evangelho segundo Jesus, Rainha do ceu" das "Evangelium nach Jesus, der Himmelskönigin", erzählt eine der zentralen Geschichten christlicher Tradition in extrem ungewohnter geschlechtlicher Konstellation: Christus ist in der Solo-Performance (ursprünglich von und mit der Schottin Jo Clifford) eine Frau, und Renata da Silva Carvalho Franzoni, die das Stück in Brasilien spielt, ist "trans", für die Zeitungen also schlicht "Transvestit". Seit Wochen füllen sie ihre Spalten mit dem Streit um Natalia Mallos Inszenierung des Stücks, die Anlass bot für vielerlei Angriffe und offene Zensur.

Im Kolonisations-Verein

von Michael Laages

Juli 2013. Brasilien kann sehr kalt sein. Acht Grad zeigt das Thermometer dieser Tage in den Morgenstunden etwa auf der Avenida Paulista, der alten Repräsentationsmeile im reichen São Paulo; und wer in den Eingangsportalen der Banken oder unter dem hoch gebauten Kunstmuseum der Architektin Lina Bo Bardi einen Schlafplatz findet, wird sich nah am Gefrierpunkt wähnen.

Der nahrhafte Rest

von Michael Laages

São Paulo, August 2010. In den besten Familien kommt das ja vor: zwei Kulturen, im Körper und im Kopf. Und es ist auch gar nichts Besonderes daran - die Eltern zum Beispiel von Nathalie Suck, die auf der Bühne "Fari" heißt, hatten halt mit dem Wirtschaftsboom der 60er und 70er Jahre Deutschland verlassen, um anderswo auf der Welt das kleine (und vielleicht eben etwas größere) Glück der modernen Arbeitswelt zu finden. Und so wurde der Vater Einkaufsleiter bei einem der großen deutschen Autobauer, die in Brasiliens Wirtschaftsmetropole Sao Paulo Filialen eröffneten, um von dort aus oft ganz Latein- oder Südamerika mit Autos und Zubehör zu versorgen.

Drehbühne durch die Zeit

von Anne Phillips-Krug

Buenos Aires, Juni 2010. Mariano Pensottis Stück "El pasado es un animal grotesco" (Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier) beginnt mit Szenen in Buenos Aires am 22. Juni 1999: Mario schaut sich mit seiner Freundin ihre Lieblingsszenen aus den Filmen von Jaques Demy an. Laura spricht in einem Vorort von Buenos Aires eine Abschiedsbotschaft für ihre Familie aufs Tonband, bevor sie sich mit den Ersparnissen ihres Vaters auf den Weg nach Paris macht. Pablo findet eine Kiste mit einer abgeschnittenen Hand vor seiner Tür, die sein Leben bis zum Ende beeinflussen wird, und Vicky erfährt von der zweiten Familie ihres Vaters, - mit einer ihr zum Verwechseln ähnlichen Tochter.

Liebes neues Jahr!

Vera Cruz (Itaparica / Bahia), 26. Dezember 2008. Das hättest Du Dir auch nicht gedacht, dass ausgerechnet Du dieses kleine Deutschland im Zustand des Abstürzens übernehmen musst, nicht wahr? Darum wirst Du genug zu tun haben damit, den ökonomischen Dreck aufzuräumen, den die führenden Gangster des herrschenden Kapitalismus gerade angerichtet haben; gerade so, als wären sie "agents provocateurs" im Geiste des so gern und so oft totgesagten Privat-Philosophen aus Trier, dessen "Marxismus" auf einmal (Ironie dieser schlimmen Geschichte) wie bewiesen daher kommt. Hätten wir nur besser aufgepasst und nachgefragt, wenn die Lehrer in Gemeinschaftskunde früher immer sagten, Wirtschaft sei so schwierig und eigentlich ja nicht zu erklären.

Franz, der Frosch, in Fortaleza

von Michael Laages

São Paulo, Juli 2008. Weit rum gekommen ist sie ja schon – aber ob Cora Frost wohl jemals zuvor in Brasilien Geburtstag gefeiert hat? Jetzt war das gerade so – die Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin, eine der eigenwilligsten und deshalb bedeutendsten Chanson-Frauen im deutschsprachigen Raum, gehört zum "Kulturfest", das seit Anfang Juli durch Brasilien reist. In vierzehn Städten zwischen Blumenau im tiefen Südosten und Belém im nordwestlichten Amazonas-Delta wird sie Fausts Gretchen spielen und singen.