Vertraute Fremde

von Matthias Weigel

Timișoara, 11. November 2014. Holzjalousien und bröckelnde kaiserliche Fassadenreste lassen fast vergessen, dass sich im Erdgeschoss des prächtigen Gebäudes aus der Donaumonarchie längst ein MacDonalds eingenistet hat. Während sich das gentrifizierungsgeschädigte Touristenherz an den unsanierten, rohen Schönheiten im Zentrum von Timișoara kaum sattsehen kann, beklagen die Einwohner hier, dass die Gebäude über Jahrzehnte ihrem Verfall überlassen wurden – ein Versäumnis, dass nun mühsam nachgeholt werden müsse.

Das Spiel der Klangfarben

von Herwig Lewy

Cluj, November/Dezember 2012. Nach drei Länderquerungen und zweiundzwanzig Eisenbahnstunden nähere ich mich Cluj. Beim letzten Zugwechsel in Bratca vor 100 Kilometern hatten wir Reisenden auf einem keinen halben Meter breiten und wenige Zentimeter hohen Bahnsteig gewartet. Eben erzählte mir die Mitreisende Timea von ihren Zahnschmerzen und dem Mangel an Narkosemitteln in öffentlichen Krankenhäusern Rumäniens. Der Nebel wird dichter, als wir die Stadt mit den drei Eigennamen unterhalb des Karpatenbogens erreichen: Cluj, Kolozsvár, Klausenburg. Es ist eine Gegend mit vielen Völkern und vielen Sprachen: rumänisch, ungarisch und deutsch. Sie scheint wie geschaffen für ein Internationales Theaterfestival mit dem Titel "Interferences". Überschneidungen, Gewohnheit im Umgang mit diversen kulturellen Praktiken und Ausdrucksformen haben in dieser heterogenen Landschaft Tradition.