Medienschau: diverse – Resümee des Theatertreffens

Gut gemacht, gut gemeint?

Gut gemacht, gut gemeint?

20. Mai 2025. Am Wochenende ging das 62. Berliner Theatertreffen zu Ende, und die Feuilletons ziehen Bilanz. Im Einzelnen kommen sie zwar zu durchaus unterschiedlichen Schlüssen. Aber es gibt auch Beobachtungen, die sich durchziehen.

"Berliner Bühnen sind spitze", überschreibt Rüdiger Schaper seinen Artikel im Tagesspiegel (20.5.2025) und urteilt: "Die drei Berliner Produktionen zählten zu den stärksten. Das war offenkundig." Ansonsten seien vor allem "verkopfte Rituale, mechanisch agierende Figuren und blasse Konzepte zu durchleben" gewesen. "Ob Brecht aus München, 'Blutbuch' aus Magdeburg, Garcia Lorca aus Hamburg oder 'Double Serpent' zuletzt aus Wiesbaden: All diese Stücke pflegen eine befremdliche Künstlichkeit, wirken irgendwie outriert und laufen sich fest in abgeschlossenen Zirkeln."

Auch Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (18.5.2025) konstatiert viel Formwillen, vermisst inhaltliches Gewicht – und hebt ebenfalls die drei Berliner Beiträge ausdrücklich positiv hervor. "Wären da nicht noch das anarchisch gegen alle Konzepthuberei und Formversprechen angaloppierende Religionsspektakel 'Sancta' der Florentina Holzinger und die sich längst jenseits aller Konkurrenz unter die Haut spielende letzte Pollesch-Erzählung 'ja nichts ist ok', man hätte das Theater in diesen Theatertreffentagen sehr vermisst", bemerkt die Kritikerin. "Auch Hakan Savaş Micans wunderbar musikalische Theatralisierung von Dinçer Güçyeters poetischer Biografie 'Unser Deutschlandmärchen' konnte einem beim Wiedersehen im Gorki-Theater das Herz noch einmal öffnen."

"Auch in diesem Jahr waren die meisten Produktionen gut gemacht, allesamt gut gemeint, aber nur in den selteneren Fällen als ästhetische Erfahrung erlebenswert", schreibt Erik Zielke im nd (19.5.2025) Die "stärkeren Bühnenabende" des Festivals – "Bernarda Albas Haus", "Die Gewehre der Frau Carrar" oder "Kontakthof – Echoes of ’78" – seien sämtlich "Auseinandersetzungen mit dem Kanon der Theaterkunst" und als solche "teilweise überraschend". Auch "ja nichts ist ok" sei vielleicht am ehesten als "Teil eines Kanons" zu begreifen, der sich immer neu formiere. "Denn das Pollesch-Theater, das sich auch nach dem plötzlichen Tod des Autor-Regisseurs fortsetzt, hat sich längst als stilbildend erwiesen. Auch weil es dem Zeitgeist immer wieder ein Schnippchen geschlagen hat."

"Statt auf intellektuelle Erschütterung, kluge Zeitgeist-Einschübe oder aktuelle Debattenbeiträge setzte das Theater der Gegenwart (…) auf imposante Kulissen und betörende Ästhetik. Geschichten fehlten genauso wie Vorhänge", so Marie-Luise Goldmann in der Welt (20.5.2025). "Viele Erzählungen (da, wo eine zu erkennen war) blieben blass, selbstverliebt – und oft schlicht langweilig. Nur wenige Inszenierungen schafften es, sich aus dem Käfig der hermetischen Selbstbespiegelung zu befreien." Als positives Gegenbeispiel nennt die Kritikerin hier "Blutbuch" vom Theater Magdeburg und fährt fort: "Neben 'Sancta' lieferten höchstens zwei Stücke lang anhaltenden Gesprächsstoff, da sie Sehgewohnheiten infrage stellten und Wahrnehmung destabilisierten", nämlich "Kontakthof – Echoes of 78" und "EOL".

"Inszenierungen mit herausragendem Schauspiel blieben die Seltenheit", berichtet Barbara Behrendt in rbb|24 (19.5.2025). "So düster wie angekündigt zeigte sich das Festival dann allerdings längst nicht", sagt Behrendt und fand in "Double Serpent" von Sam Max/Ersan Mondtag "einen steilen Ausreißer nach unten“. Die "gefeierten Inszenierungen" seien jene gewesen,"die den Geschichten, den Figuren mehr Raum bieten als solche mit den statischen Regiekonzepten". Die Kritikerin hebt "Blutbuch", "EOL" und "ja nichts ist ok" positiv hervor. Kritisch merkt sie an: "Nur eines ist leider beim Theatertreffen völlig ins Abseits geraten: die qualitätvolle Diskussionskultur."

(Tagesspiegel / Berliner Zeitung / nd / Welt / rbb|24 / cwa / chr)

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