Presseschau vom 1. Dezember 2011 – Interview mit Matthias Lilienthal in der Berliner Zeitung

Total verschattet

alt

Total verschattet

1. Dezember 2011. Im Interview mit der Berliner Zeitung gibt Matthias Lilienthal Auskunft über sein Selbst- und Theaterverständnis als scheidender künstlerischer Leiter des HAU – und verrät, was er danach machen wird. Das HAU sei "so eine Instanz, die die Internationalisierung am Theater vorangetrieben hat", so Lilienthal. Außerdem ein sozialer Ort, kein Kunstort. "Kunst finde ich ja erst mal immer scheiße."

In den letzten zehn Jahren hätten Billigflieger und die englischsprachige Boheme einerseits und die türkisch-migrantische Szene andererseits die Stadt sehr verändert. "Das HAU dürfte das Theater sein, das die Globalisierung in der Stadt am stärksten reflektiert hat." Mit 120 Produktionen im Jahr – "nur mit knapper Not" schaffe er es, sich mit allen diesen Arbeiten zu beschäftigen, so Lilienthal: "Das HAU befreit mich davon, ein Privatleben führen zu müssen."

In der Auswahl der HAU-(Ko-)Produktionen gehe es ihm "um Inhalte, die eine Reibung zur Stadt entwickeln." Bei der Frage, was gutes Theater sei, sei er "total verschattet". "Ich weiß vorher nie, ob das nächste Projekt total aufregend oder mittelgut wird. Ich würde sagen, dass ungefähr ein Drittel der Theaterarbeit aufregend ist, gut geschätzt. Überall."

Also auch am Stadttheater, das laut Lilienthal Schwierigkeiten hat, kulturelle Produkte im europäischen Rahmen auszutauschen. "Was es braucht, ist ein Netzwerk freier Spielstätten. Es würde dem Hau sehr helfen, wenn es freie Produktionsstätten in München, Stuttgart, Köln geben würde." Dass sich eine Stadt wie München so etwas nicht leiste, finde er skandalös. "Kultureller Austausch wird eine immer größere Rolle spielen. Deshalb muss man über solche Spielstätten nachdenken."

Was die Zukunft des HAU betrifft, so gebe es eine Verabredung mit seiner designierten Nachfolgerin Annemie Vanackere, "dass die Grundstrukturen erhalten bleiben und dass es ein zentraler Ort der Stadt für Freie Gruppen und den internationalen Austausch ist." Wie sie es fülle, das sei ihre Sache.

Was die Zukunft des Matthias Lilienthal betrifft, so habe er nach knapp zehn Jahren HAU Lust auf etwas Neues. "Ich mache X-Wohnungen in New York, Tokio und Peking. Wahrscheinlich gehe ich für zehn Monate nach Beirut. Nicht Bayreuth − wie Sie jetzt vielleicht akustisch missverstehen − sondern Beirut!"

(sd)

Kommentar schreiben