Presseschau vom 1. März 2012 − Piratin Julia Schramm über die entgrenzte Kommunikation im Internet
Der Terror der Narzissten
Der Terror der Narzissten
1. März 2012. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung (29.2.2012) schreibt die Politologin Julia Schramm, die für den Bundesvorstand der Piratenpartei kandidiert, über das Kommentarwesen im Internet.
Es sei üblich geworden, Menschen, die in "irgendeiner Form aus dem Brei der (Netz-)Menschen herausstechen", anzugreifen. "Jede sichtbare Person wird bekämpft, beschimpft und beleidigt."
Das Netz ist so doof wie die Gesellschaft, die es nutzt
Zu Zeiten der "traditionellen Medien", des Radios, des Fernsehens und der Zeitung also, wurden die Bürger mit Feststellungen, Meinungen und Polemik "übergossen". Die Barriere zwischen Sprecher und Angesprochenen, Regierenden und Regierten sei "eindeutig" und das "Machtgefälle" "deutlich" gewesen. Die Stimme der "einfachen Bürger", die auf Demonstrationen, in Leserbiefen oder Höreranrufen laut geworden sei, war auf die "Gunst" derer "angewiesen", die entschieden, was publiziert wurde und was nicht.
Durch neue Technologien entstandene "wechselseitige Kanäle" würden die sozialen und politischen Hierarchien "verwischen". Der "Regierungssprecher (@regsprecher) und die stellvertretende Schatzmeisterin der Partei Bibeltreuer Christen im Kreisverband Castrop-Rauxel Nord begegnen sich grundsätzlich auf Augenhöhe im Social-Media-Raum". Doch bleibe das Netz "abhängig von der Gesellschaft, die es nutzt".
Das Stampfen der Öffentlichkeit
Und so verrieten "Kommentare in Foren, unter Artikeln, auf Twitter oder anderen sozialen Medien oft mehr über die Schreiber als über die Adressaten"; frei von "jeglicher Kontrolle durch Mimik und Gestik" begegneten diese Schreiber dem Gegenüber mit der "ganzen Empörung einer unzufriedenen Bürgerseele".
Wer heute in die Öffentlichkeit gehe, setze sich "der totalen und ständigen Resonanz aus". Schweigen werde immer negativ ausgelegt. Doch wer wolle noch "öffentliche Verantwortung übernehmen, wenn sie (oder er) dann unter Dauerbeschuss steht und die Menschen ihr Innerstes über ihr (oder ihm) auskippen?" Wer, außer Menschen mit "ausgeprägt narzisstischer Natur, die sich an jeglicher Form der Resonanz selbst bestätigen", könne sich diesem Dauerbeschuss stellen? Die "empathischen, reflektierten und idealistischen Menschen" entzögen sich irgendwann dem "Stampfen der beschleunigten Öffentlichkeit" – "zum Schaden der Gemeinschaft, die auf diese Menschen angewiesen" sei.
(jnm)
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