Presseschau vom 14. Mai 2011 – ein Porträt von Herbert Fritsch in der taz
Von den Verhältnissen zugerichtet
Von den Verhältnissen zugerichtet
14. Mai 2011. Während beim Theatertreffen sein Biberpelz noch läuft und seine Nora morgen kommt, schreibt Esther Slevogt in der taz über den Doppel-Nominierten Herbert Fritsch. Sein Theater bekenne sich in seiner "ins Radikale, oft ins Groteske verzerrten Künstlichkeit" stets zu seinem Gemachtsein, empfinde alle Mimesis als verlogen. "Die Wahrheit des Mediums Theater kann sich für Fritsch nur im Bekenntnis zur Lüge und zur Täuschung zeigen, in einem grundsätzlichen Bekenntnis zum Medium selbst, dessen Mittel er ausstellt, transparent macht und an seine Grenzen treibt."
Sein "Biberpelz" führe vor Augen, dass "die Welt grotesk, der Mensch nur ein von den Verhältnissen übel zugerichtetes, entstelltes Monstrum und Hoffnung auf Veränderung ziemlich sinnlos ist. Weil nämlich die, die diese Veränderung ins Werk setzen müssten, sie stattdessen mit Lug und Betrug betonieren." Auch wenn es Fritsch niemals einfiele, seine Kunst als "politisches Theater" zu etikettieren, habe der "Biberpelz" damit einen "zutiefst politischen Kern". Dieser Theatermacher mit seiner "anarchistisch-surrealen Fantasie" halte den "Sinn grundsätzlich für eine totalitäre Zumutung", die er mit seiner "terroristischen Komik" bewusst unterlaufe. Wenn er die "Biberpelz"-Figuren "zur Grimasse ihres Unterdrücktseins erstarren" lasse, hebe er "auch ziemlich kongenial das Menschenbild aus den Angeln, das bürgerliche Dichter und Theatermacher sich immer so gern von den sogenannten kleinen Leuten machen, deren Elend sie für ihre Kunstzwecke ausbeuten, aber in Wahrheit nicht antasten".
Albtraumhafte gesellschaftliche Verhältnisse herrschten für Fritsch auch im deutschen Stadttheatersystem, wo er sich nach eigenem Bekunden "immer auch wie ein Schauspielerbefreier" fühle, der die "vom Sinn- und Diskursterror des Regietheaters vollkommen eingeschüchterten Ensembles durchs Spiel entfesseln und befreien will". Und es sei tatsächlich immer wieder erstaunlich, was Fritsch speziell vorher eher unauffälligen Ensembles kleinerer Häuser von Halle bis Oberhausen "an Aberwitz und spielerischer Präzision" entlocke. Dabei wirkten seine Inszenierungen, wie etwa sein Oberhausener Tartuffe, gelegentlich "wie expressionistische Fieberträume berühmter Stoffe". Allerdings hinterlasse Fritschs "Flucht vor dem Sinn" bisweilen auch "eine schmerzliche Leere hinter der Oberfläche seiner virtuos komponierten Szenarien".
(ape)
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