Presseschau vom 30. November 2011 – Die Süddeutsche Zeitung zum 20. Geburtstag des Theaterhauses Jena

Es gibt keine Grenzen, außer finanzielle

30. November 2011. In diesem Herbst wird das Theaterhaus Jena zwanzig Jahre alt, das bei seiner Gründung 1991 einen dritten Weg zwischen Stadttheater und Freier Szene beschritt. Aus diesem Anlass widmet Egbert Tholl dem Theater in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2011) ein Porträt.

Darin blickt er auch auf die lange Theatertradition der thüringischen Stadt zurück, die Tholl zufolge wesentlich von drohenden und tatsächlichen Theaterpleiten bestimmt worden ist. Mit dieser, auch 1990 wieder aktuellen Situation sei der damalige Kulturdezernent der Stadt allerdings sehr offensiv umgegangen: Er reiste nach Berlin "und kaufte an der Ernst-Busch-Schule einen kompletten Schauspieler-Jahrgang plus zwei Regisseure ein, die über ABM-Maßnahmen finanziert wurden. Zusammen entwickelten sie ein basisdemokratisches Modell der Theaterleitung, und die künstlerischen Erfolge unter Sven Schlötcke, dem Wortführer der Diskutanten, waren so enorm, dass 1993, als die ABM-Verträge ausliefen und das Experiment von seiner Einstellung bedroht war, sich zahlreiche Theater in Deutschland nebst Künstlern wie Heiner Müller, Frank Castorf und Roberto Ciulli sich für seinen Fortbestand einsetzten."

Daraufhin wurde, wie Tholl weiter schreibt, eine GmbH gegründet, ein Teil der Belegschaft wurde zu Gesellschaftern – ein Modell, das im Prinzip heute noch existiere. "Wie auch die permanente Finanznot: Stadt und Land teilen sich die Zuschüsse, die sich derzeit auf knapp zwei Millionen Euro belaufen. Immerhin, die Situation ist stabil. Und die neue Leitung bringt mit dem Geld in ihrer ersten Saison 14 Produktionen heraus, neun davon ganz in Eigenleistung, der Rest wird koproduziert."

Diese neue Leitung, übrigens die vierte seit 1991, knüpfe, so Tholl, an die "anarchischen Anfangszeiten" an: "Die beiden bestimmenden Menschen im Leitungsteam haben erst vor ein paar Jahren ihr Studium beendet. Jonas Zipf, Dramaturg und gelernter Regisseur, machte seine Diplominszenierung im verwaisten ehemaligen Stammhaus der Süddeutschen Zeitung im Zentrum Münchens – eine wilde Übernahme eines Gebäudes, an dem schon die Bagger nagten. Moritz Schönecker, der so etwas wie der künstlerische Leiter und Hauptregisseur in einem Team ist, das 'über den basisdemokratischen Verdacht nicht ganz erhaben ist' (Zipf), schwatzte vor zwei Jahren für seine Diplominszenierung in München José Saramago das Placet für die deutschsprachige Erstaufführung seines Romans 'Stadt der Blinden' ab."  Ihnen zur Seite stehe Schöneckers Bruder Benjamin, Tholl zufolge "ein Bühenbildanarchist bester Güte."

"Das Trio ist 30 oder jünger, erkundete während des mehrmonatigen Bewerbungsverfahrens die Stadt und schuf Verbindungen zu den sozio- und jugendkulturellen Einrichtungen. Die Drei erhielten wohl gerade wegen ihrer Offenheit den Zuschlag vor den Mitbewerbern. Der Kunstminister gab ihnen mit auf den Weg, dass es keine Grenzen gäbe außer finanziellen."

(sle)

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