Goldstück - Chemnitz 2025: Kulturhauptstadt Europa
Bis dein Tod uns scheidet
14. Juni 2025. Ein Kaleidoskop häuslicher Gewalt zeigt das Theaterkollektiv Pièrre Vers in seinem Chorabend "Goldstück". Und den Sumpf, aus dem (r)echte Männer geboren werden. Auf dem Kosmos-Festival der Kulturhauptstadt Europa 2025 in Chemnitz.
Von Tobias Prüwer
Verena Güntners "Goldstück", inszeniert vom Kollektiv Pièrre Vers in Chemnitz © Ralf Puder
14. Juni 2025. "Ich liebe dich doch." "Du bist mein Goldstück." "Das kommt nie wieder vor." Diese Worte kennen von häuslicher Gewalt betroffene Frauen nur zu gut. Diese auch: "Warum verlässt du ihn nicht einfach?" Von "Beziehungsdrama“ und „Familientragödie“ ist dann in den Gazetten zu lesen, wenn es bei Schlägen hinter der Wohnungstür nicht bleibt. Aus dem Blick betroffener Frauen entwickelte das Theaterkollektiv Pièrre Vers mit einem Text von Verena Güntner das "Goldstück", das auf dem Kosmos-Festival in Chemnitz im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms Uraufführung hatte.
Toxische Männlichkeit und Femizide
Toxische Männlichkeit und Femizide, Gewalt durch den Partner und fragile Identitäten gehören seit Jahren zu Themen der Populärkultur. Endlich, könnte man meinen, immerhin wird fast jeden Tag eine Frau vom Partner oder Ex-Partner getötet. Der Text von Verena Güntner nimmt sich des Komplexes an, schildert clipartig das Erleben von Frauen, die Beziehungsgewalt erfahren. Und die gesellschaftlichen Umständen, die dazu führen oder den Umgang damit erschweren. Regisseur Christof Seeger-Zurmühlen setzt das in einer Art Kaleidoskop um, bei dem alles in der Schwebe bleibt. Auf Lösungen ist er nicht aus.
Auf dem Boden in der alten Industriehalle, die auch mal als Puppentheater diente, sind vier Wände abgesteckt. Metallstangen und LED-Bänder zeichnen den Grundriss nach, aufgerichtet steht ein stilisierter Türrahmen. Im Hintergrund ist eine Bank zu sehen. In diesem Raum aus fast nichts positionieren sich die 16 Darstellenden – darunter vier Männer – immer wieder neu. Sie erscheinen entindividualisiert, in ihrer leicht sportiven Klamotte, die wahlweise aus weiße Hemden und Trainingshosen oder Röcken mit Trainingsjacken besteht. Abwechselnd wird aufgesagt und etwas gespielt, dann in den Chor zurückgetreten.
(R)echte Männer essen Schnitzel
Langsam schält sich ein roter Faden heraus, der sich lose durch den Abend zieht. Drei Figuren im Frauenhaus berichteten von ihren Gewalterfahrungen. Eine Tote zählt die 19 Einstichstellen, eine andere ist mit ihrem Sohn zu erleben. An diesen stellen sich Fragen, wie man zum toxischen Mann wird. Denn diese Figur wird hineingezogen in einen Taumel aus rassischen und misogynen TikTok-Clips, aus völkischen Anrufungen und Männlichkeitsfetisch: "Echte Männer sind rechts", wird AfD-Politiker Maximilian Krah zitiert. Und Karnivoren: "Ich will mein Schnitzel."
Energetische Chorarbeit: in Verena Güntners "Goldstück", inszeniert vom Kollektiv Pièrre Vers © Ralf Puder
Wie Facetten erscheint eine Gegenwart auf, wo gerade in der jungen Generation eine Wertedifferenz zwischen den Geschlechtern aufbricht. Dazwischen überblenden sich Gemeinschaftsszenen und Uneindeutiges, sodass die Einzelschicksale immer wieder wie aus einem Nebel herausgeschält werden. "Bis dein Tod uns scheidet."
Musikalischer Sog
Den Einzelstimmen ist ein Gesellschaftschor gegenübergestellt, in dem sie auch aufgehen. Der dient als Reflexionsfläche, stellt die Frauenperspektiven infrage, ist aber auch mal unterstützend aktiv, dann wieder als dumpfer Resonanzraum, in dem toxischer Männlichkeit keine Grenzen gesetzt werden. Manchmal wiederholt er nur die Aussagen der Frauen. Das Chorische hat Kraft. Die Verdopplungen der Aussagen unterstreichen und verfremden zugleich. Das sprechen in der Gruppe hat Rhythmus und verleiht der Inszenierung zusätzliche Musikalität.
Denn über einzelnen Szenen hängt ohnehin schon ein leiser Klangteppich, ploppen Beats auf. Eine zusätzliche Spielerin steuert diese am Mischpult, erschafft Geräusche mit Mund und Xylophon und singt. Auch der Chor stimmt beim Erzeugen der Geräuschkulisse ein, bis hin zum Knarzen, was unheimliche Effekte erzeugt. Das hat genauso eine Sogwirkung wie einige kollektive Tanzmomente, wenn die 16 Leute als ein tanzender Bewegungschor dicht vorm Auge zappeln und zucken. Lösungen sind nicht parat, aber das schafft Sichtbarkeit, welche Erfahrungen jenseits der Tür lauern können.
Goldstück – Eine theatrale Untersuchung zu Frauenhass und rechter Radikalisierung
von Pièrre Vers | Text Verena Güntner
Regie, Konzept: Christof Seeger-Zurmühlen, Raum, Kostüm: Susanne Hoffmann.
Mit: Anna Magdalena Beetz, Julia Dillmann, Azizè Flittner, Paul Jumin Hoffmann Alexander Steindorf, Sandra Zawada. Sprechchor: Antonia Annousi, Claudia Fourmont, Dirk Rom, Ekaterina Ivanuskina, Finn Leon Çam, Inge Emi Berentsen, Jeannette Ostern, Julie Marienfeld, Sara Fasi, Silvia Göhring-Fleischhauer, Valerie Marschall.
Premiere am 13. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Kooperation mit Chemnitz – Kulturhauptstadt Europa 2025 und Kosmos Festival
chemnitz2025.de
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