Festival d'Avignon - Nah am Tatort und fernab der Erde
Auf dem Mars wird alles vergessen sein
21. Juli 2025. In dieser Woche endet das Theaterfestival von Avignon. Eine der schönsten Arbeiten, "La distance", kam mal wieder vom Festivalleiter Tiago Rodrigues selbst. Milo Rau hinterlässt mit dem "Prozess Pelicot" und "La lettre" gemischte Gefühle.
Von Joseph Hanimann
"Der Prozess Pelicot" beim Theaterfestival Avignon © Christophe Raynaud de Lage
21. Juli 2025. Über der Festivalstadt Avignon lag in diesem Jahr ein Schatten. Der Vergewaltigungsprozess Pelicot vor knapp einem Jahr, kaum war das Festival zu Ende, müsse mitsamt seinen Momenten schmieriger Akribie, seiner gesellschaftlichen Symptomatik und der menschlichen Größe der Zentralfigur Gisèle Pelicot im Programm einen Platz finden, meinten der Festivaldirektor Tiago Rodrigues und sein Kollege von den Wiener Festwochen Milo Rau.
Dieser hatte zusammen mit Servane Dècle in Wien vor einem Monat schon eine siebenstündige dokumentarische Bearbeitung mit Lesungen herausgebracht. Eine veränderte und gekürzte Fassung – vier Stunden – ist nun mit vier Dutzend französischen Sprecherinnen und Sprechern in Avignon gezeigt worden, ein paar hundert Meter weit entfernt vom Justizpalast, in dem vor der angereisten Weltpresse der Prozess Pelicot stattfand.
Die Frage, ob es sich bei dieser quälenden Detailklauberei um eine gut recherchierte Spurensicherung, eine Hommage an Madame Pelicot oder um eine szenische Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt handelt, ist zwar immer noch nicht klar. Eines ist aber klar geworden. Die Darstellung der Ereignisse, die sich in dieser südfranzösischen Gegend, in diesen Dörfern mit deren banalen Gestalten über zehn Jahre hin abspielten, hat gerade durch die Annäherung an den ursprünglichen Ort ihre Anrüchigkeit zwischen Anekdote und Ekel verloren und ist zu einem exemplarischen Fall männlicher Lustegozentrik geworden.
Andere Nähe in Avignon
Geblieben sind in Avignon die Wiener Kirchenbänke mit den Sprechenden und der Tisch mit den beiden Wortführerinnen. Aus den 48 gelesenen Fragmenten mit Aussagen der Angeklagten, Anwälte, Zeugen, Experten, Journalistinnen und Feministinnen sind insgesamt 40 geworden. Mit dem Hinweis auf den nahen Mont Ventoux, auf den Gisèle Pelicot von ihrem Haus aus in Mazan während den fünfzig Ehejahre mit ihrem Mann blicken konnte, ist aber eine neue Dimension hinzugekommen.
Milo Raus "Le Procès Pelicot" in gekürzter Fassung in Avignon. Der Stilisierung zu einer Heldin des Geschlechterkampfs entgeht Pelicot, wenn auch knapp. © Christophe Raynaud de Lage
Wenn die Schauspielerin Marie-Christine Barrault die Stelle aus Petrarcas "Besteigung des Mont Ventoux" las, wo der Dichter sich oben auf dem Berggipfel von der Weitsicht abwendet und sich auf sein Innenleben besinnt, mag das zunächst etwas hoch gegriffen anmuten. Wie der unverrückbare Blickfang eines Gebirges bildeten aber unter dem Eindruck der geografischen Nähe die von Ariane Ascaride und Marie-Christine Barrault gelesenen Worte Gisèle Pelicots einen ruhenden Pol, um den die Vergewaltigungsdelikte sowie deren psychiatrische, juristische und feministische Auslegungen kreisten. Der Stilisierung zu einer Heldin des Geschlechterkampfs ist Gisèle Pelicot – die an dem Abend nicht mit im Saal saß – knapp entgangen.
Falsche Volkstheater-Einfühlung
Zu sehen war von Milo Rau beim Festival auch ein anderes Stück. Mit jeweils einer Kleinproduktion, die unter geringem szenischen Aufwand über die umliegenden Dörfer zieht, will der Festivaldirektor Tiago Rodrigues in Avignon allmählich eine Art Taschenrepertoire freier Stücke anlegen. Der diesmal damit betraute Milo Rau spann in seinem Stück "La lettre" (Der Brief) seine Idee eines zeitgenössischen Volkstheaters weiter. Ein junger Schauspieler namens Arne (Arne De Tremerie) tut sich auf der engen Podestbühne mit der Schauspielerin Olga (Olga Mouak) zusammen. Er schwärmt für Tschechows "Möwe", weil seine Großmutter zeitlebens von der jungen Nina in diesem Stück geträumt hatte. Die in Orléans aufgewachsene Olga wiederum lebt in der Erinnerung ihrer schizophrenen Großmutter aus Kamerun und fantasiert deren Geschichte in die Figur der Jungfrau von Orleans hinein, die aus dem Stimmenhören einen göttlichen Auftrag gemacht hat.
Über die umliegenden Dörfer, zu denen auch Mazan gehört: "La lettre" mit Arne De Tremerie und Olga Mouak © Christophe Raynaud de Lage
Diesen grob gestrickten Plot hat Rau in seiner Etüde implizit zu einem Abschiedsgruß ans narrative Theater ausgebaut. Suchten die Darsteller bei Brecht sich erzählend aus der Identifikation mit ihrer Rolle zu winden, schlüpfen sie hier mit ihren Großmuttergeschichten in diese zurück. Mehr Einfühlung im Namen eines vermeintlichen Volkstheaters, das den Leuten keine spielerische Fantasie mehr zutraut und ihnen erklärend alles vorkaut, geht nicht.
Funkstille auf dem Mars
Gelungen ist im Festival hingegen Tiago Rodrigues' neues Stück "La distance", das er selbst inszenierte. Es bietet eine zugleich intime und interstellare Auseinandersetzung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Die Handlung spielt im Jahr 2077. Nach dem spurlosen Verschwinden meldet sich die junge Frau plötzlich wieder bei ihrem Vater mit einer Nachricht vom Planeten Mars. Als Freiwillige hat sie sich dem Projekt einer digitalkapitalistischen Oligarchengruppe verschrieben, die außerirdisch eine neue Menschheit gründen will. Bedingung für die Teilnehmer an diesem Projekt ist, dass sie sich vom Ballast aller persönlichen Erinnerung zu trennen bereit sind. Im Gedächtnis bleiben soll in dieser Gemeinde der "Vergessenden" nur noch die technisch nützliche Information.
Auf die Erde zurückkehren oder auf dem Mars bleiben, bald ohne Kontakt? "La distance" von Tiago Rodrigues © Christophe Raynaud de Lage
Dem auf der verrottenden Erde zwischen dürren Landschafften und unzugänglichen Meeresstränden zurückgebliebenen Vater ist diese Lebensentscheidung unverständlich. Unbeirrbar drängt er seine Tochter zu der ihr laut Vertrag zugesicherten Rückkehr auf die Erde. Nie war die Beziehung zwischen den beiden so eng wie in der Distanz zwischen zwei Planeten. Die junge Frau will aber die veränderten Lebensbedingungen auf Erden nicht passiv erleiden. Und allmählich wirkt bei ihr auch der Gedächtnisverlust. Sie beginnt, den Vater zu siezen, und erkennt ihn schließlich nicht mehr. Der Countdown bis zur Funkstille durch das Verschwinden von Mars hinter der Sonne, mit dem die Rückkehrklausel auf die Erde erlischt, liefert die dramaturgische Spannung des Stücks.
Auf der kreisenden Drehbühne mit ihren zwei Seiten aus irdischer und kosmischer Dürre sprechen Adama Diop und Alison Dechamps ihre Dialoge mit stets wechselnder Blickrichtung aneinander vorbei. Zwei unterschiedliche Menschheiten koexistieren da langsam verstummend nebeneinander. Welche die richtige ist, will die Aufführung nicht sagen.
Le Procès Pelicot. Hommage à Gisèle Pelicot
von Servane Dècle und Milo Rau
Inszenierung: Milo Rau
Produktion: Wiener Festwochen und Festival d’Avignon
Dauer: 4 Stunden, keine Pause
La lettre. Pièce commune / Volksstück
von Milo Rau und Team
Regie: Milo Rau, Dramaturgie: Giacomo Bisordi, Bühne: Milo Rau und Giacomo Bisordi.
Mit: Arne De Tremerie, Olga Mouak
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
La distance
von Tiago Rodrigues
Regie: Tiago Rodrigues. Bühne: Fernando Ribeiro, Kostüme: José António Tenente, Licht: Rui Monteiro
Musik und Ton: Pedro Costa.
Mit: Alison Dechamps, Adama Diop.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.festival-avignon.com
Kritikenrundschau
"Mit diesem geschickten Stückaufbau, mit dem Austarieren von Nähe und Distanz, von Monolog und Dialog gelingt Rodrigues eine spannende Parabel nicht nur über die Klimakrise und Generationenkonflikte, sondern auch über Liebe, Leben und Verlust", schreibt Katrin Ullmann in der taz (21.7.2025) über "La Distance".
"Dieses Theater spielt mit Bedeutungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Was ist echt? Was ausgedacht? Was echtes Gefühl? Was nur gespielt?", sagt Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (9.7.2025) über "La Lettre". "In Milo Raus mutwilligen Verwirrspiel kann sich das Gehirn der Zuschauerin und des Zuschauers bei der Fabrikation seiner Vorstellung von Wirklichkeit selbst beobachten und müsste eigentlich erschrecken: Denn es ist allzu leicht bereit, für wirklich zu halten, was nur plausibel aussieht. Und für ausgedacht, was an großen Tragödien erinnert, wie die realen Geschichten der Großmütter einer Schauspielerin und eines Schauspielers."
"Tiago Rodrigues gelingt ein kleines Wunder", sagt Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (8.7.2025). "La Distance" sei "ein Musterbeispiel dafür, wie das Theater aktuelle technologische Debatten auf einen philosophischen Grund stellen kann".
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Sie haben vergessen, die LeserInnen des Pélicot-Prozesses zu nennen!
Ich lese das immer sehr gerne mit! Bitte sehr um Ergänzung!
Liebe Grüße
Annette