Romeo und Julia - Volksschauspiele Telfs
Ein Schaft, der's schafft?
1. August 2025. Als innige Seilschaft schwebt das Liebespaar par excellence, Romeo und Julia, in Gregor Bloébs zirzensischer Shakespeare-Inszenierung unter der Kuppel. Und wirft umso akuter die Frage auf: Wie tief wird der Fall in die Tragödie sein?
Von Christa Dietrich
"Romeo und Julia" bei den Volksschauspielen Telfs © Victor Klein
1. August 2025. Ist es ein Spaß von vielen in dieser "Romeo und Julia"-Produktion, oder ist es gar ein selbstironischer Blick auf die Inszenierung, wenn ausgerechnet ein Rohrkrepierer dazu führt, dass das Stück so tragisch mit einem Doppelselbstmord endet? Schiebt doch Pater Lorenzo (Liliom Lewald) eine riesige Kanone in die Arena, steckt einen Boten mit dem Brief ins Rohr, in dem Romeo lesen soll, dass seine Julia nur scheintot ist, richtet sie gegen Mantua, entzündet die Lunte - und nichts passiert. Dumm gelaufen.
In der Kuppelarena
Doch wir sind im Zirkus, in dem die Tiroler Volksschauspiele Shakespeares Tragödie lokalisieren. Schon im Foyer der Kuppelarena von Telfs, zwischen Getränkeausschank, Wurst- und Popcornbuden, mischen sich nicht nur Eventfotografen unter das Publikum, sondern auch grell geschminkte Akrobaten, Clowns, Musiker und schließlich Tybalt, der mit dem Dialog von Gregory und Sampson schon bevor es richtig losgeht seine Gewaltbereitschaft ebenso gestenreich bekundet wie die Lust an der Vermittlung des zotigen Aspekts in Shakespeares über 400 Jahre altem Text: "Du hast den Schaft, der schafft, dass man aus Jungfern Weiber macht."
Dumm gelaufen: Liliom Lewald als Pater Lorenzo an der versagenden Kanone © Victor Klein
Die mittlerweile gebräuchliche Übersetzung von Thomas Brasch haben Regisseur Gregor Bloéb und sein Dramaturg Florian Hirsch um einige Nebenfiguren reduziert und so gekürzt, dass nicht viel mehr als der reine Romeo-und-Julia-Plot bleibt, den sie als "Greatest show on earth" in den Rahmen einer Zirkusvorstellung spannen. Wenn sich dieser Untertitel auch auf die große Antriebskraft von Liebe und Hass bezieht, was das "Love" in hell leuchtenden Lettern über dem Auftrittsvorhang und das dunkle "Hate" auf dem Arenaboden suggerieren, so wäre das eine gut nachvollziehbare Konzeption.
Schwertschluckerin Capulet
Doch so tief schürft Gregor Bloéb in der Ausführung nicht, der in seiner Funktion als Leiter der Volksschauspiele die Produktion auch mit "Rumble in the alps. Montague vs. Capulet" bewerben lässt. Diesem Slogan wird er allerdings gerecht. Gepoltert wird viel, alle sind auf laut getrimmt, und auch er selbst ist beteiligt, wenn er per Video als Ortsfürst mit schiefer Karnevalskrone auf dem Haupt Ruhestörern mit Gewalt droht. Die ersten Lacher sind ihm garantiert und setzen sich fort, wenn der Mönch in ostasiatischer Adjustierung Kampfsportarten lehrt, Julias Amme vor Exaltiertheit strotzt, Graf Paris auf hohen Stelzen einherstolziert und Lady Capulet gar ein Schwert schluckt.
Liebe als Seilschaft: Desirée Jakobitsch und Diyar Agit als Romeo und Julia © Victor Klein
Luftakrobatik, Trapezkunst und Salti - nicht von Stuntleuten, sondern von den Schauspielerinnen und Schauspielern selbst ausgeführt - lassen staunen, sind bewundernswert und bewirken Dynamik. So viel allerdings, dass der Tod kaum noch erschreckt - und damit etwas zu viel. Keine Zeit für Trauer um den ermordeten Tybalt und auch nicht für Mercutio, der in Gestalt von Lisa Hörtnagl immerhin auch unter der weißen Schminke die Sehnsucht nach Nähe und nicht nur das Verlangen nach rascher Befriedigung zum Ausdruck zu bringen vermag.
Shakespeare-Abgründe in der Zirkuswelt
Ernste Momente sind da, aber sie sind sehr kurz. Auch Desirée Jakobitsch zeigt als Julia nicht nur Aufmüpfigkeit, mehr als beim liebenswert ungestümen Romeo von Diyar Agit wird bei ihr ein Wille zum Ausbruch aus der rigiden Gesellschaft deutlich. Die Liebesszenen sind zart poetisch überhöht durch das Hängen in Akrobatikseilen. Die Mitsingaufforderung ans Publikum bei der Hochzeitsszene wirkt allerdings überfrachtend, während die Ethnomusik beim Fest der Capulets, dieses Zeichen für die Möglichkeit des Zusammenlebens, als gute Idee nicht weiter ausgeführt wird. Da mag Liliom Lewald als Pater Lorenzo beim Singen von "Love is the key" noch so in Ekstase geraten, die zerstrittenen Parteien, die Montagues und Capulets, finden nicht zueinander. Für die Kinder aus den zwei Familien, für Romeo und Julia, war es nur ein flüchtiges Teenagerglück. Die Liebe ist kein Schlüssel, dass sie kittet, gehört in die Schlagerwelt. Für Lady Capulet, hier schrill gespielt von Zarah Kofler, ist sie sowieso nur Mittel zum Zweck. Da blitzt in dieser Zirkuswelt zumindest einmal deutlich Shakespeares Abgründiges auf. Sonst bleibt vor allem Amüsement.
Romeo und Julia
Von William Shakespeare, übersetzt von Thomas Brasch
Fassung von Gregor Bloéb und Florian Hirsch
Regie: Gregor Bloéb, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Lane Schäfer, Masken: Lilli Brée, Dramaturgie: Florian Hirsch, musikalische Leitung: Frajo Köhle, Licht: Team Hellerau, Akrobatik und Choreografie: Gustavo Oliveira. Mit Diyar Agit, Desirée Jakobitsch, Lisa Hörtnagl, Gustav Bloéb, Zarah Kofler, Liliom Lewald, Aaron Röll, Daniel Klausner, Marlene Markt, Paulo Alberto dos Santos, Lisa Neuner, Miriam Wegscheider, Gustavo Oliveira, Sonja Schwaiger.
Premiere am 31. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden, 40 Minuten, keine Pause
www.volksschauspiele.at
Kritikenrundschau
In Gustav Bloéb Inszenierung werde "der Zirkus als Vehikel für ein an vielen Lunten brennendes Showfeuerwerk genutzt", das "auch vor billigem Klamauk nicht zurückscheut", bemerkt Ivona Jelčić im Standard (1.8.2025). "Es überwiegen aber durchaus gelungene komödiantische Szenen." Ein "Mordsspaß" sei es etwa, "wenn die mit feuerroter Pumucklperücke und Bodysuit ausgestattete Julia (…) als pubertärer Aggro-Teenie" aufträte oder sich Mercutio und Tybalt "in Martial-Arts-Manier die Kante und letztlich auch die todbringende Klinge geben". Das Fazit der Kritikerin: "Show-Operation gelungen, Patienten tot." Vom Publikum gäbe es dafür "tosenden Applaus".
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