Antrittspressekonferenz von Kay Voges am Schauspiel Köln
Stellplatz der Widersprüche
23. Mai 2025. Kay Voges kehrt zurück nach NRW, allerdings nicht mehr ins Ruhrgebiet, sondern nach Köln an den Rhein. In Zeiten von Populismus und Fake will er Recherchetheater stark machen. Theater als "Medienhaus". Aber den einen oder anderen Crowdpleaser hat er auch am Start.
Von Dorothea Marcus
Kölns neuer Intendant Kay Voges war zuletzt am Volkstheater Wien © Marcel Urlaub
23. Mai 2025. Silbern glänzt das Spielzeitbuch, die Abkürzung des schwarzen Logos kann man sich selbst zusammenreimen: "SPL KLN". Auf jeden Fall ist das Design ein echter Kontrast zu den neonfarbigen Großbuchstaben der letzten Intendantenjahre.
Und doch muss Kay Voges einiges an Kontinuität hinnehmen. Entgegen früherer Planungen, wird das Schauspiel, das seit 13 Jahren im Interim einer alten Kabelfabrik spielt, voraussichtlich erst im Juni 2026, nach einer 1,5 Mrd. teuren Sanierung voller Katastrophen, in die Innenstadt zurückkehren. Immerhin gibt es zwei neue Spielorte: Da, wo nach dem Umzug eigentlich ein Tanzstudio vorgesehen war, entsteht nun für eine Spielzeit das "Depot 3" mit 120 Sitzplätzen. Zudem soll es Vorstellungen im Museum Columba geben, in Sichtweite des Sanierungsfalls am Offenbachplatz, "wir pirschen uns heran", so die neue Dramaturgin Wiebke Rüter.
Die 96 Thesen des Kay Voges
Und natürlich soll das Schauspiel Köln nach einer langen Odyssee der Intendantensuche nun auch ein wenig neu erfunden werden, energisch unterstrichen durch ein Manifest aus 96 Theaterthesen am Ende des Programmbuchs (Luther, so Kay Voges, hatte dagegen nur 95): "Wir kommen nicht, um liebgehabt zu werden", steht da, und: "Wir sind nicht die Guten".
Aber das "SPL KLN" will auch antifaschistisch, ein Zufluchtsort, ein Kraftwerk und eine Party sein, "kein Ort der moralischen Eindeutigkeiten" und, nach Heiner Müller, ein "Stellplatz der Widersprüche". Und ohnehin: "Alles ist Material". Das passt gut zum inhaltlichen Schwerpunkt der nächsten fünf Jahre, "Theater und Journalismus".
Theater als Medienhaus
Voges will das Schauspiel Köln zu einem "Medienhaus" machen und ein neues Zeitalter des "faktenbasierten" Theaters einleiten – und dafür unter anderem verstärkt mit der Redaktion CORRECTIV zusammenarbeiten sowie mit dem Hausautor Calle Fuhr, der auch einen regelmäßigen Podcast produziert.
"Früher war es im Theater so, Hauptsache die Geschichte ist gut, ob sie wahr ist, ist egal. Jetzt im Zeitalter alternativer Fakten ist es an uns Theatermachenden, die Komplexität der Gegenwart erfahrbar zu machen", so Voges. "Wir werden zusammen mit Journalist*innen Recherchen für die Bühne bearbeiten, sie theatral umsetzen, lustvolle Informationsvermittlung versuchen." Sich Zeit für die Vermittlung von Fakten zu nehmen – dafür sei in Zeiten schreiender Kurz-Headlines das Theater der richtige Echoraum. Wo sonst habe man schließlich noch so viel konzentrierte Aufmerksamkeit – auch wenn sie bei 29 geplanten Premieren ("so viele wie nie zuvor") möglicherweise etwas verteilt (hoffentlich nicht "diffundiert") wird.
Von Calle Fuhr bis Herbert Fritsch
Journalistisch recherchiert wird unter anderem bei dem Krimi-Liederabend über die Verschmutzung des Rheins ("Dat Wasser vun Kölle es jot", Regie: Calle Fuhr) oder für das musikalische "Requiem für eine marode Brücke" (Regie: Anna-Sophie Mahler), bei dem aus Wien mitgebrachten Abend über die Causa René Benko oder bei der Gerichtsreportage von Emmanuel Carrère über die Terrorangriffe in Paris.
Als Hausautor mit am Start: Calle Fuhr, hier in seinem Wiener Rechercheabend "Aufstieg und Fall des René Benko", der auch in Köln zu sehen sein wird © Marcel Urlaub
Insgesamt 13 Uraufführungen sind geplant, Gameshows oder Live-Video-Echtzeitexperimente zwischen Teheran und Köln stehen parallel zu Slapstick von Herbert Fritsch ("Rabatz!"), Komödien und Liederabenden. Ältere Stoffe der Theaterliteratur sind zahlenmäßig nicht ganz so präsent, aber dennoch wuchtig gesetzt: Ein "Faust" von Kay Voges, eine "Orestie" der Australierin Adena Jacobs, ein "Onkel Wanja" des israelischen Regisseurs Itay Tiran und ein "Berlin Alexanderplatz" von Hermann Schmidt-Rahmer.
Spannend ist, dass Tim Etchells von Forced Entertainment gleich zweimal in Köln inszeniert, unter anderem einen Chor mit Kölner Kindern ("That night follows day") – und ohnehin wird in kleineren Vermittlungsformaten stark auf Partizipation gesetzt. Schade ist nur, dass – vermutlich wegen des Umzugsdurcheinanders – kaum noch Formate die angrenzende Keupstraße mit ihren migrantischen Potentialen einbeziehen, kaum Künstler*innen mit türkischer Herkunft zu sehen sein werden. Doch das werde sich ändern, verspricht Voges: "Wir leben Antirassismus".
Seite mit dem neuen Programm des Schauspiels Köln: splkln.de
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(Anm. Redaktion. Vielen Dank! Der Link ist eingefügt.)
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(Anm. Redaktion. Schade, dass Sie uns diesen Hauch Ruhrpott am Rhein nicht lassen wollen. Herbert forever! Herzlich und mit Dank, Christian Rakow)
Spiel klein, Spülklan?
Und ist das nicht das Logo der Band Muse?
Herrmann Fritsch-Rahmer hat in Essen und Oberhausen künstlerische Wurzeln schlagen können, die nun am Rhein ihre "Legacy", ähnlich den Rolling Stones, mit etwas 4711 konservieren können. Rock N Roll!;-) Hauptsache sexy..., aber bitte mit einer Armlänge Abstand. Alaaf, A love, Michael Jackson Voges Glove, Kays' Keys to the dome passen nicht in die Bravo Hits. I like!
1. Theater ist kein Ort, sondern eine Haltung.
2. Wir spielen nicht nur Stücke – wir stellen Fragen.
3. Hochkultur ist nichts Elitäres. Es ist Tiefe, die alle betrifft.
4. Feminismus ist keine Option, sondern Voraussetzung für Zukunft.
5. Wir glauben an das Ensemble – als künstlerische Familie und Spiegel der Gesellschaft.
6. Klassiker leben, wenn wir sie reiben. Nicht, wenn wir sie rahmen.
7. Ein Theater, das nicht politisch ist, ist dekorativ.
8. Internationalität beginnt nicht am Flughafen, sondern mit Neugier.
9. Wir wollen verstören – und versöhnen.
10. Theater darf experimentieren, ohne abzuheben.
11. Dokumentartheater ist kein Nebenschauplatz. Es ist Gegenwart pur.
12. Wokeness ist Wachheit. Für Sprache, Macht und Unsichtbares.
13. Unterhaltung ist kein Verrat. Es ist ein Versprechen.
14. Lokale Geschichten sind globale Fragen in kleinem Maßstab.
15. Neue Formen sind kein Risiko, sondern unsere Pflicht.
16. Das Publikum ist nicht Zielgruppe. Es ist Mitspieler.
17. Wir sind gegen Populismus. Und für populäres Theater.
18. Theater ist kein Schutzraum. Es ist ein Möglichkeitsraum.
19. Vielfalt ist Realität. Auch bei uns auf der Bühne.
20. Köln ist nicht Kulisse. Köln ist Dialog.
Es ist wirklich schön und praktisch für Theaterschaffende wenn sie ihre Arbeit moralisierend aufwerten können und die Langeweile und Unterkomplexität ihrer Ergebnisse sich selbst und anderen als "Empowerment" verkaufen - nur wahr oder interessant wird dadurch nichts.
Deshalb allein kann man dem SPL KLN nur alles Gute wünschen. Der Startpunkt erscheint schon mal zeitgemäß und interessiert an (eben auch journalistischer) Wahrheit vs. langweiliger innerbetrieblicher Selbstvergewisserung und Konformität.
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(Anm. Redaktion. Liebe Kommentator*innen, bitte sehen Sie uns nach, dass wir Kommentare, die bereits Gesagtes wiederholen, nicht weiter veröffentlichen. Das Einstiegsprogramm des Schauspiels Köln liegt in seinen Chancen und etwaigen Defiziten für den Moment vor, ist entsprechend hier auch im Kommentarbereich kontrovers beleuchtet worden, und nun harren wir der Umsetzung. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow)