Moskitos - Badisches Staatstheater Karlsruhe
Kernforschung in der Kernfamilie
18. April 2026. Die Britin Lucy Kirkwood hat sich in den letzten Jahren mit einer Reihe Well-Made-Plays einen Namen gemacht. In "Moskitos" beschäftigt sie sich mit dem Gegensatz von Wissenschaftsgläubigkeit und Irrationalismus. Anna Stiepani hat den Text nun in Karlsruhe inszeniert.
Von Thomas Rothschild
"Moskitos" von Lucy Kirkwood in der Regie von Anna Stiepani in Karlsruhe © Felix Grünschloß
18. April 2026. Drei Frauen, die gegensätzlicher kaum sein könnten, geraten in Debatten über sich und die Welt aneinander: die Physikerin Alice, die am Genfer Kernforschungszentrum CERN zu den Gegebenheiten des Urknalls arbeitet, ihre flippige Schwester Jenny, die mit dem Verkauf von Versicherungen ihr Leben fristet, und Karen, die Mutter der beiden, die sich, einst selbst Forscherin, der Demenz nähert. Während Alice wissenschaftliche Erfolge feiert, hat Jenny Angst davor, dass Ultraschallwellen und Impfungen ihrem Baby schaden könnten. Doch auch in Alices Privatleben rumort es. Der Sohn Luke, mit dem die Autorin das System der Kontraste auf eine dritte Generation ausdehnt, leidet unter dem spurlosen Verschwinden seines Vaters.
Zauberwort "Video"
Ein weiteres Stück also über die Abgründe der bürgerlichen Familie, wie sie seit Tracy Letts' "August: Osage County" in verstärktem Ausmaß die Bühnen bevölkert, mit einem Schwerpunkt auf dem Gegensatz von Wissenschaftsgläubigkeit und Irrationalismus. Sage da einer, das Modell Ibsen und Strindberg habe ausgedient. Das stimmt nicht fürs deutsche und erst recht nicht fürs englischsprachige Theater. Moskitos ist bekanntlich ein Synonym für Stechmücken und der Titel eines Romans von William Faulkner, der neunzig Jahre vor Kirkwoods Stück erschienen ist. In diesem Stück sagt eine Nebenfigur an einer Stelle: "Moskitos sind für mehr Tote verantwortlich als jedes andere Tier." Als Schlüssel zum Verständnis des Dramas eignet sich der Satz nicht.
Jeanne-Marie Bertram, Nico Herzig, Lisa Schlegel im Bühnenbild von Thurid Peine © Felix Grünschloß
Ohne Video geht heute, wie anno dunnemals ohne Drehbühne, nichts mehr, und so findet sich auf dem Programmzettel zwischen Regie und Dramaturgie immer öfter das Zauberwort "Video". Bei "Moskitos" ist Gloria Gammer dafür zuständig. Mit Video fängt denn die Aufführung in der Regie von Anna Stiepani in Karlsruhe auch an: Im Cinemascope-Format flimmern animierte Bilder über den Hintergrund, die den Weltraum zu zeigen scheinen, aber ebenso gut aus dem Mikrokosmos stammen könnten. Mehr Spielraum wurde der Videokünstlerin nicht mehr bewilligt. Vor der Wand und hinter einem überdimensionalen Paravent aus mehrfarbigen Waben sitzen im Halbdunkel die Schauspieler*innen, wenn sie gerade nicht beschäftigt sind. Wehmütig denken wir an Jürgen Gosch, wo dieser Einfall noch eine Funktion erfüllte.
Ein Elementarteilchen im Ganzkörperanzug
Regisseurin Anna Stiepani wurde zwar in Passau geboren, hat aber in Österreich studiert und ihre steile Karriere begonnen. Über dem Badischen Staatstheater Karlsruhe schwebt an diesem Abend auch Anna Bergmanns Vermächtnis. In dem Stück und der Regie von Frauen spielen Männer keine oder genauer: nur eine Nebenrolle. Die zwei zentralen Rollen freilich sind mit Lisa Schlegel als Alice und Frida Österberg als Jenny optimal besetzt. Sie bedienen sich einer traditionellen Einfühlungsästhetik, die der Machart des Stücks angemessen ist, zumal der Aktionsradius der Figuren kaum weiter reicht als von der linken Seite der Couch bis zu deren rechter Seite.
Die Familie (Frida Österberg, Lisa Schlegel) und das Elementarteilchen Boson im Ganzkörperanzug (Jeanne-Marie Bertram) © Felix Grünschloß
Den Conférencier gibt ein Wesen, das im Personenverzeichnis als Boson figuriert. Ein Boson ist in der Physik ein Elementarteilchen mit ganzzahligem Spin. Alles klar? Das Boson, verkörpert von einer weiteren Frau, trägt einen Ganzkörperanzug, bewegt sich schlängelnd, sieht aus, wie man sich häufig ein Alien vorstellt und darf sich auch in einen Security-Wächter verwandeln.
Ambitioniertes Drama mit Typen
"Moskitos" steht, wie gesagt, in der Tradition der Dramen über die bürgerliche Familie, über Konflikte zwischen Frauen, aber auch über den Stellenwert von Wissenschaft, enger noch: der Naturwissenschaft ("Leben des Galilei", "Die Physiker", "In der Sache J. Robert Oppenheimer"). Im Gegensatz aber zu den genannten Beispielen verweilt Lucy Kirkwood in der Gegenwart und bei fiktiven Figuren. Alice, Jenny und Karen sind Typen, nicht Literarisierungen historischer Persönlichkeiten. Das gibt ihr mehr Freiheiten und erspart ihr die Kammerdienerperspektive. Anders auch als die erwähnten Dramen bleibt "Moskitos" an der Oberfläche und in den Fängen der Vulgärpsychologie.
Im vergangenen Jahr schrieb ein Kritiker über ein "well-made play" im Münchner Volkstheater, es sei "die Sorte Dramenliteratur, die in Deutschland meist eher verachtet wird". Wer verachtet? Das Karlsruher Publikum offenkundig nicht. Es spendete großzügig Applaus. Immerhin durfte es sich an ambitionierten Dialogen erfreuen. Und in der letzten halben Stunde kam sogar so etwas wie Spannung auf.
Moskitos
von Lucy Kirkwood
Deutsch von Corinna Brocher
Regie: Anna Stiepani, Bühne und Kostüme: Thurid Peine, Musik: Matthias Jakisic, Video: Gloria Gammer, Licht: Stefan Woinke, Dramaturgie: Bastian Boß.
Mit: Lisa Schlegel, Frida Österberg, Jeanne-Marie Bertram, Nico Herzig, Sophie von Grudzinski, Angelika Fornell, Gunnar Schmidt.
Premiere am 17. April 2026
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
https://www.staatstheater-karlsruhe.de/
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >