Die neue Nürnberger Schauspieldirektorin Lene Grösch - Kurzporträt der Reihe "durchgestartet"
Mit zwingender Klarheit
17. Juli 2025. Lene Grösch war lange Dramaturgin, seit 2018 geschäftsführende Dramaturgin am Theater Heidelberg. Sie wirkte beim Heidelberger Stückemarkts mit und am iberoamerikanischen Festival ¡Adelante!. Mit der neuen Spielzeit tritt sie als Schauspielchefin am Staatstheater Nürnberg an – und das ist mehr als logische Konsequenz.
Von Georg Kasch
Schauspiel-Intendantin Lene Grösch © Julia Puder / Staatstheater Nürnberg
17. Juli 2025. Als die Meldung die Runde machte, dass Lene Grösch die neue Schauspielchefin in Nürnberg wird (als Nachfolgerin für Jan-Philipp Gloger, der nach Wien wechselt), gab's einige rätselnde Gesichter, auch in der nachtkritik.de-Redaktion: Lene wer? Wer allerdings vorher schon mit dem Theater Heidelberg zu tun hatte, wusste, dass Lene Grösch alles mitbringt, um eine Sparte dieser Größe zu leiten.
Über viele Jahre war sie dort Dramaturgin, seit 2018 geschäftsführende Dramaturgin. Sie wirkte mit am Auswahlprozess des Heidelberger Stückemarkts und am iberoamerikanischen Festival ¡Adelante!, das sie drei Mal zusammen mit Intendant Holger Schultze leitete (und wo ich sie in meiner Rolle als Kooperationsseiten-Redakteur kennenlernte). Ihre ersten dramaturgischen Schritte machte sie am LOFFT in Leipzig, ging dann nach Ingolstadt und Oldenburg, initiierte zudem bei der Dramaturgischen Gesellschaft die Nachwuchsunterstützungsplattform "dg:möglichmacher". Da ballt sich einiges an Erfahrung.
Und an Durchsetzungskraft.
Zu gut für die zweite Reihe
Lene Grösch hat einen scharfen Blick und eine zupackende Art. Sie bewahrt selbst im größten Stress eine zwingende Klarheit. Sie kennt den Betrieb eines Mehrspartenhauses in- und auswendig. Und sie hat einen Blick für gute Leute, die sie fördert, ohne daraus eine Agenda zu machen. Schon in Heidelberg dachte man manchmal: Hier ist jemand zu gut für die zweite Reihe. Lässt sie sich etwa verheizen? Offensichtlich gehört auch Geduld zu ihren Eigenschaften, das Warten auf den richtigen Zeitpunkt, die richtige Chance. Nürnberg, ihre Geburtsstadt, mit dem zum Staatstheater geadelten Mehrspartenhaus und einem ziemlich treuen, neugierigen Publikum, ist so eine Chance, für die es von Vorteil ist zu wissen, wo man mit dem Kopf durch die Wand muss und wo nicht so unbedingt.
Jedenfalls schmeißt Lene Grösch – man kann das pragmatisch nennen, aber auch uneitel – in Nürnberg nicht alles um, sondern übernimmt die Digitalsparte unterm Dach, dazu sechs Produktionen und die Hälfte des Ensembles. 50 Prozent der Premieren wird von Frauen inszeniert, ohne dass Grösch das an die große Glocke hängt, obwohl es immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Ein Fokus ihrer ersten Spielzeit 25/26 – keine Überraschung – liegt auf der zeitgenössischen Dramatik. Und zwar nicht nur auf Uraufführungen, sondern auch auf Nachinszenierungen wie Arad Dabiris "DRUCK!". Dass sie die bindungsscheue Raphaela Bardutzky, eine der spannendsten Stimmen der Gegenwart, als Hausautorin gewinnen konnte, ist ein Coup.
Geballte Expertise
Was sich im Programm bislang nicht widerspiegelt, ist Lene Gröschs Expertise in Theater weltweit. In Heidelberg war sie verantwortlich für internationale Kontakte, die sie beim jährlich wechselnden Gastland des Stückemarkts, aber auch bei ¡Adelante! knüpfen und vertiefen konnte. Nürnberg ist eine alte Handelsstadt mit einer sehr deutschen Geschichte zwischen Hans Sachs und Reichsparteitag.
Aber es gibt hier auch eine jüngere, kritischere Linie der Auseinandersetzung mit dieser Tradition: Nürnberg als Stadt der Menschenrechte, der Arbeitsmigration und ihrer kulturellen Folgen (u.a. Filmfestival Türkei-Deutschland), der Erinnerung an die NSU-Morde. Die Stadt will international sein zwischen Weihnachtsmarkt, Messen, neuen Museen und Hochschulen. Da wäre ein internationales Theaterfestival natürlich ein passendes Puzzleteil. Aber ihre Spartenleitung steht ja erst ganz am Anfang. Und vielleicht sucht der Franke Markus Söder noch nach einem (weiteren) kulturellen Leuchtturmprojekt, in das der Freistaat investieren kann. Der Stadt und Lene Grösch wäre es zu wünschen.
Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. Zuletzt wurde dort die Bühnenbildnerin Leonie Falke und das zum Theatertreffen 2025 eigeladene Regiekollektiv DARUM vorgestellt.
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