Zoom auf die Abbruchkanten

25. Februar 2025. Im Hörspiel ist sie schon früh "durchgestartet", und reisende Theaterfans sahen ihre Regiearbeiten an vielen Häusern zwischen Oldenburg und Weimar. Jetzt kommt Luise Voigt mit einem Münchner Antikriegs-Abend nach Bertolt Brecht und Björn SC Deigner zum Berliner Theatertreffen. Ein Kurzporträt.

Von Katrin Ullmann

Regisseurin Luise Voigt (rechts) auf den Proben für ihre Produktion "Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei" am Residenztheater München © Krisztina Figge

25. Februar 2025. Hätte man doch nur regelmäßiger über den eigenen Theatertellerrand hinausgelöffelt, dann wäre einem diese Künstlerin schon viel früher aufgefallen. Und zwar als Hörspielmacherin. Im Hörspiel ist Luise Voigt schon lange zuhause. Hier wurde und wird sie gefeiert und vielfach ausgezeichnet: für ihre starken Formate zu drängenden Themen, für ihre ungewöhnlich konzipierten Stücke, die aus dem hektischen Alltag in Pflegeheimen erzählen, von Menschen an den Abbruchkanten der Gesellschaft, von tabuisierten sexuellen Begierden oder aus Annie Ernaux' autofiktionalem Werk "Die Jahre".

Einflüsse des Butoh-Tanzes

Luise Voigt, geboren 1985 in Nordhausen, hat in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert. Nach ersten Regiearbeiten in der freien Szene ist sie seit 2015 an verschiedenen deutschen Stadt-und Staatstheatern unterwegs, hat sich von Oldenburg über Bonn, Weimar, Düsseldorf und Hannover bis ans Münchner Residenztheater gejazzt. Oft spielen in ihren Inszenierungen Live-Kameras eine nicht unwesentliche Rolle, genauso wie der japanische Butoh-Tanz. Letzteren lassen die Darsteller*innen in ihrem körperlich artifiziellen Spiel mindestens anklingen, manchmal explizit werden als exzessive – dann manierierte – Groteske.

Bereites in Voigts Oldenburger Arbeiten zeigte sich ihr starker Formwille wie auch in ihrer Weimarer Bühnenadaption von "Der Meister und Margarita", die für den Faust-Theaterpreis 2023 nominiert war. Die Regisseurin versetzte Bulgakows Roman nicht nur in ein spektakuläres Bühnenbild von Natascha von Steiger, sondern schuf – "neben der rein formal außerordentlichen künstlerischen Qualität" – mit ihrer Inszenierung "Kunst, die Denkräume öffnet", so Nachtkritiker Matthias Schmidt über die DNT-Premiere im Oktober 2022.

Eineinhalb Jahre später, im Februar 2024, rückt einem ihr "Woyzeck" auf der großen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses mit Live-Kameras, Tanz und durch explizit Paaralltägliches schmerzhaft nah; und ihr "Kunstseidenes Mädchen" in Hannover (September 2024) wiederum verschreibt Voigt so bedingungslos der Filmästhetik der 1930er Jahre, dass man die Schauspieler*innen auch außerhalb der Videosequenzen nurmehr in Schwarzweiß wahrzunehmen glaubt.

Verfremdungseffekte nach Bertolt Brecht

In "Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei" am Münchner Residenztheater (Dezember 2024), eingeladen zum Theatertreffen 2025, setzt die Regisseurin die Brecht'schen Verfremdungseffekte in Bild und Ton derart konsequent historisch um, dass der Text – gerade so, als wolle er diesem Anachronismus trotzen – umso eindringlicher in die Eingeweide der Gegenwart kriecht. Versucht man aus Luise Voigts höchst unterschiedlichen Arbeiten eine wiedererkennbare Handschrift herauszulesen, dann ist das die raumgreifende, klare Setzung. Die Regisseurin findet für ihre Inszenierungen immer eine starke Form, das eine zwingende Anliegen. Und das macht sie entschlossen, selbstbewusst und klug.

 

Alle von nachtkritik.de besprochenen Arbeiten von Luise Voigt sind in ihrem Lexikonartikel gesammelt.
Homepage: www.luisevoigt.com

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