Aussprache

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Aussprache auf nachtkritik.de bisher: 37 Mal

26. Mai 2015. Das Trennende zwischen Österreich und Deutschland sei die gemeinsame Sprache, soll Karl Farkas in seinen Kabarettprogrammen in etwa gesagt haben. "Kabarett": das, hier fängt es schon an, schreibt man in Österreich genau so, spricht es aber aus wie das französische "Cabaret". Und was nicht alles unterschiedlich ausgesprochen wird in deutschsprachigen Landen, von der Schweiz ganz zu schweigen!

Konjunktur der Halbwesen

Burgtheaterdeutsch hört man am Burgtheater dabei nur noch selten, am ehesten imitiert es, aus der jüngeren Generation, wohl noch Nicholas Ofczarek, der es an seltener Stelle bewusst einsetzt. Sehr ausgestellt Wienerisch übrigens in der Bier-Werbung, die aktuell im Fernsehen läuft. – Sollte man sich Burgtheaterdeutsch anhören wollen, muss man aber wahrscheinlich doch auf so jemanden wie Paula Wessely zurückgreifen, die via Youtube aus dem Jenseits zu uns spricht. Ich glaube mich erinnern zu können, einmal einen Film gesehen zu haben, in dem sie in einer Szene Folgendes ausstößt: "Jö, der Kaiser?! Aber ich hab doch nichts anzuziehn!" Ich zitiere diesen Satz gerne im Alltag, fragen Sie nicht, bei welcher Gelegenheit. Wichtig ist hierbei, dass man den nasalen Burgtheaterdeutsch-Singsang akustisch-mimetisch abzubilden gewillt ist, was in etwa so zu transkribieren wäre: "Jö-ö-ö, da Kääsah, oba ich hob doch nichts onzuziehn!"

kolumne teresa2"Deutsche Bühnenaussprache", zum Beispiel die nach Theodor Siebs, hatte freilich anderes im Sinn. Der Diphtong "ai" sei zu sprechen wie "ae", und beim "a" gilt es hierbei, den Mund zu öffnen und nicht, ihn breitzuziehen zum Ostösterreichischen "ää". – Exkurs: Nicht alles, was Österreichisch klingt, ist Wienerisch. Die Salzburger sprechen anders als die Vorarlberger und so weiter. So wie die Hamburger anders sprechen als die Sachsen und die Bayern anders sprechen als die Schwaben, und wer einmal Frau Lewitscharoff beim Sprechen zugehört hat, wird wissen, was gemeint ist. Freilich mischen sich die Umgangssprachen und Dialekte. Auch in der Sprache, sorry, Miss L., haben "Halbwesen" eben Hochkonjunktur. – Theodor Siebs wiederum hat sein Standardwerk Ende des 19. Jahrhunderts verfasst und sich davor mit der "Assibilirung des K und G" befasst und danach, die Titel muten allesamt ein wenig deutschtümelnd an, beispielsweise mit der "Friesischen Volkskunde des Saterlandes".

In Hörspielen ein beeindruckender Sprecher, übrigens in Dresden geboren, war Gert Westphal. Er sprach so elegant, oft ein wenig melancholisch im Ton, und seine Stimme hatte etwas Distanziertes: kühl, dabei nicht kalt. Ich kann das nur laienhaft umschreiben, möchte aber meine Begeisterung nicht verhehlen. Ja, "verhehlen" ist vielleicht so ein Wort, das Gert Westphal, der 2002 gestorben ist, sehr fein ausgesprochen hätte. – Gar nicht fein, eher herb, rauchig, zischend, gicksend, sich überschlagend, heiser spricht Sophie Rois, deren Stimme und Aussprache so viel zu ihrer gespielt-hölzernen Komik und ihrer Coolness beiträgt. Ich glaube, das Einzige, was Sophie Rois noch auf Österreichisch sagt, ist das Wort "Ottensheim".

Wenn nichts scheint und alles brennt

Die deutsche Bühnenaussprache kategorisch verweigert hat übrigens die Dichterin Ingeborg Bachmann, die ja auch nicht Schauspielerin sein musste. Es gibt von ihr Aufnahmen, die selbst in österreichischen Ohren noch den Eindruck vermitteln, dass hier die aspirierten Konsonanten radikal abgelehnt werden. Nachzuhören beim beliebten Online-Anbieter wäre beispielsweise "Alle Tage", sprich: "alle Dage", in der Aufnahme aus 1961. Ihre nachtkritik.de-Kolumnistin mag das ja. Befremdlicher war es für sie, als sie das erste Mal einen Lieblingsdichter ihrer Jugend, Paul Celan, in einer Tonbandaufnahme seine Gedichte rezitieren hörte und seither diese Stimme beim Lesen seiner Texte nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Was nicht heißen soll, dass die Zausel der Gruppe 47 damals das Recht gehabt hätten, ihn ob seiner etwas gepressten hohen Stimme zu verulken. Mit einer solchen kann man heutzutage im Hip-Hop Karriere machen, und Jan Delay ist dafür ein großartiges Beispiel.

Ach, Aussprache wird überschätzt! Das hat mich der Huab-Bauer gelehrt, den ich einmal interviewen durfte mit meiner Freundin Ulli für ein Dialektforschungsseminar an der Universität. Wir sollten für einen Fragebogen seine dialektale Aussprache des Wortes "scheinen" akustisch aufzeichnen. Und wir haben daher Fragen gestellt, die ihm eine Antwort entlocken sollten, die eben in möglichst ungezwungener Umgebung die 3. Person Singular "scheint" beinhalten sollte:

"Wie ist das, wenn die Sonne aufgegangen ist?"

"Uh, da brennt's runter vom Himmel!"

"Und, hm, wenn der Mond am Himmel --?"

"Der Herr Mon'."

"Und was macht er?"

"Kleiner Lichterschein!"

"Ja, und wenn er sehr stark --?!"

"Großer Lichterschein!!"

Er hat uns seine Aussprache bis zum Schluss nicht verraten können, aber er hat uns, gleichsam ein kreatives Missverständnis, noch eine Reihe von Möglichkeiten vorgeführt, wie ein Wort, auch im Dialekt, voller Lust auf Sprache und Bilderreichtum, umschrieben werden kann. Irgendwann haben wir dann einfach nur noch gelacht. – Lachen nämlich mit offenem "a".

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie erhielt 2012 für den Roman "Für den Herrscher aus Übersee" (Wallstein, TB Fischer) den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt. 2015 ist sie auf Lesereise mit ihrem aktuellen Roman "Johnny und Jean". In ihrer Kolumne Zeug & Stücke spürt sie den Einzelteilen nach, aus denen Theater sich zusammensetzt, und wird sich jeweils zu einem Begriff ihre Notizen machen.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über Schauspieler-Memoiren, Cosplayers auf der Leipziger Buchmesse und funkelnden Glitzer-Staub im Theater.

 

Kommentar schreiben