Endlich allein!

20. Februar 2024. Einige der herausragenden Inszenierungen der letzten Zeit sind Soloabende. Was sagt das über das Gegenwartstheater aus?

Von Michael Wolf

20. Februar 2024. Unter den zehn von der diesjährigen Theatertreffen-Jury eingeladenen Inszenierungen sind mit The Silence und Anthropolis II: Laios zwei Soloabende. Jüngst sorgte außerdem Fabian Hinrichs mit ja nichts ist ok als Alleinunterhalter an der Berliner Volksbühne für Aufsehen. Ist das schon ein Trend? Wenn ja, dann ist an ihm bemerkenswert, dass diese Arbeiten keine Einmann- beziehungsweise Einfrau-Shows sind. Die Spieler übernehmen in ihnen nicht nur verschiedene Rollen, die Inszenierungen sind auch viel weniger auf ein Künstler-Ego hin zentriert als vergleichbare Arbeiten aus den letzten Jahren.

Dimitrij Schaad spielt seine Rolle in "The Silence" zurückgenommen, tritt nicht nur als Erzähler, sondern auch als Gastgeber auf, weist dem Publikum sanft den Weg in den Kopf des Autors Falk Richter. Ist das überhaupt noch ein Solo?, fragt man sich. Schaads höflicher souveräner Ansatz hat jedenfalls nichts mit den Spielern zu schaffen, die es wohl als Kompliment verstehen, wenn man sie "Rampensäue" nennt. Weit entfernt ist er, um ein Beispiel zu nennen, von Matthias Brandt, der vor zwei Jahren Max Frischs Mein Name sei Gantenbein mit grober Geste von der Bühne wischte, um mehr Platz für sich selbst zu schaffen.

Der Spieler aus Einsamkeit und der Virtuose in der Menge

Viel Raum benötigt zwar auch Fabian Hinrichs, aber eben aus dem Grund, dass es bei ihm immer um Einsamkeit geht, oder genauer: um ihre Überwindung. Seine Auftritte sind mithin viel weniger Soli als zum Beispiel Lars Eidingers Shakespeare-Rollen wie Richard III. oder vor allem Hamlet, in denen der Star des Abends zwar nicht allein auf der Bühne steht, seine Kollegen aber lediglich als Stichwortgeber um ihn kreisen. Hinrichs Alleinsein wiederum wirkt nicht eigentlich gewollt, sondern erzwungen. Inszenierungen mit ihm laufen auf eine Erlösung hinaus, darauf, dass jemand dazukommt, der Isolation ein Ende setzt. Typisch für frühere Arbeiten von ihm und René Pollesch war eine einladende Geste: Hinrichs lief in Richtung Bühnenrückwand, drehte den Kopf und winkte dem Publikum zu, forderte es auf, die Bühne zu entern.

Ausgerechnet im Solisten findet sich also ein Akteur, der sich der Begegnung und dem Sozialen verpflichtet. Darin unterscheidet er sich von einem anderen Einzelgänger des Theaters: Der Performer wuchert mit seiner baren Präsenz, seine Freiheit und Autonomie verweist nur auf sich selbst. Der Solist unserer Tage dagegen stellt diese Präsenz in den Dienst einer Sache, sei es einer Geschichte (wie bei Lina Beckmann in "Anthropolis II: Laios"), eines Themas (wie bei Dimitrij Schaad) oder einer Mission (wie bei Fabian Hinrichs).

Allein und viel zugleich

Man mag einwenden, dass das Solo auch eine defensive Strategie sein könnte, um mit der undurchsichtigen Lage in Politik und Gesellschaft Schritt zu halten. Mit weniger Spielern, weniger Figuren, weniger Perspektiven lässt sich natürlich auch besser Ordnung schaffen in einer komplizierten Welt, die auf der Bühne gespiegelt und verhandelt werden soll. Das Theater würde demnach seine eigene Überforderung zur Schau stellen, wenn es auf Mehrstimmigkeit verzichtet. Aber ist dem so? Jedenfalls nicht zwangsläufig. Bestenfalls konzentriert der Solist in sich selbst Komplexität, um sie im geringeren Maße reduzieren zu müssen als es in anderen Konstellationen erforderlich wäre. Auf diese Weise ist er allein und viel zugleich. Wenn es sich also um einen Trend handelt, kann man sich schon einmal auf all das freuen, was noch kommt.

Kolumne: Als ob!

Michael Wolf

Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker und gehört seit 2016 der Redaktion von nachtkritik.de an. 

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Kommentare  
Kolumne Wolf: Alte Probleme + Faszinationen
Nichts, aber auch gar nichts von dem, was hier den "Soloabenden" zugesprochen wird, kann nicht auch von mehreren Akteuren gleichzeitig hervorgerufen werden. Der große Unterschied zwischen Kino und Theater ist, dass die Zuschauer+innen sich ihren Bildausschnitt selber festlegen und ihn nicht durch die Kameraperspektive vorgelegt bekommen. Der Akteur muss ganz allein den Abend wuppen. Ich sage nicht stemmen, weil dieser im Idealfall fliegen soll! Schauspielerische Untugenden wie Überpräsenz, Vorkommenwollen, oder das Stück als Vehikel für was auch immer zu benutzen, kann man in allen Formaten erleben.
Der Soloabend ist die vielleicht archaischste aller Theaterformen, weil minimalistisch: vielleicht nur 1 Schauspieler*in, 1 Zuschauer*in, selbst Kostüm, Sprache, Stück sind nicht unbedingt notwendig.
In Zeiten, in denen jedes Bild, jedes Bildmaterial seine Unschuld durch Manipulierbarkeit verloren hat, kann Theater mit seiner Unmittelbarkeit punkten.
Vielleicht lassen sich auch deshalb die Menschen beiderseits des Vorhangs verstärkt darauf ein.
Dem letzten Absatz des Autors kann ich vollkommen zustimmen. Reduktion hat ja nichts mit Herunterbrechen (eines der grauenhaftesten Wörter der letzten 20 Jahre) zu tun.
Dichtung kommt von Verdichten!
Viele tolle Schauspieler*innen lassen übrigens die Finger von Soloabenden, nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern aus Angst, sich während der Probenzeit mit sich selbst zu langweilen...
Kolumne Wolf: Wuppen, stemmen, fliegen
@1: sehr schöner Kommentar! Danke für "wuppen, stemmen, fliegen" und "Dichtung, Verdichten". Nur den Gegensatz Manipulierbarkeit des Bildes vs. Unmittelbarkeit des Theaters kaufe ich nicht, zu sehr ist das Manipulieren auch Teil des Theaters, des Theaterhandwerks. Zugegeben, bei minimalistischen Soloabenden vielleicht noch am allerwenigsten.
Kolumne Wolf: Vermeiden von Theatralität
Das Solo ist die logische Fortführung eines seit langem andauernden Trends, dem Vermeiden von jeglicher Form von Theatralität. Aber wo es keine Theatralität mehr gibt wird es auch keine Theater mehr geben. Ich wünsche mir mehr Vergrößerung, mehr Geste, mehr Artikulation mehr Menschen-Spieler:innen, mehr "so tun als ob", mehr Maske, mehr Kostüm, mehr Bühnen-Raum, mehr Stille, mehr Hingabe, mehr Leidenschaft, ja auch mehr Verführungskraft. Wozu Bühne, wenn das dort dargebrachte Leben noch kleiner ist als das Wirkliche?
Kolumne Wolf: Fabian Hinrichs
Also das kann ja nur jd schreiben, der zB Fabian Hinrichs noch nicht erlebt hat. Mehr Theatralität ist ja schwer möglich, mehr Bilder auch als bei Pollesch /Hinrichs.
Kolumne Wolf: Nicht ok
Bevor Fabian Hinrichs mit Laurent Chetouane „Lenz“ 2006 (die gesamte Erzählung in einem Körper) und „Hinrichs, Prinz von Dänemark“ 2008 (nahezu sämtliche Rollen aus Hamlet in einem Körper) und schliesslich „Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ zusammen mit Pollesch entwickelt hat, gab es dieses Phänomen nicht auf der großen (!) Bühne: ein Mensch vor den Vielen. Diese theatergeschichtlich bedeutende Entwicklungslinie wird hier nicht markiert bei Michael Wolf, sollte aber nicht in Vergessenheit geraten. Sarah Ralfs schreibt hierzu in „Re/produktionsmaschine Kunst- Kategorisierungen des Körpers in den Darstellenden Künsten“: „ Es ist die „Singularität der Schauspielerposition (von) Fabian Hinrichs, der unter heutigen Parametern diese Intelligenz und viel von dem, wofür (Roland) Barthes plädiert - ein selbst-bewusstes Schauspiel, das sich als solches zeigt und hinter keiner Rolle zu verschwinden sucht sowie eine anti-psychologische, alteritäre Deklamation- verkörpert. Hinrichs' Einsamkeit auf dieser Position reflektiert sich in dem Solo-Format, das er (…) an der Volksbühne entwickelt hat. Hinrichs souveräne Darstellerposition stellt zugleich eine Autorenschaft dar, die selber Entscheidungen trifft, die sich Regie und Dramaturgie auch jederzeit widersetzen kann bzw. diese auch selbst mitübernimmt, die die Aufführung und die Begegnung mit dem Publikum offen hält und stets eine Diktion wählt, die angemessen erscheint, zeitgenössisch, selbstbestimmt.“
Schaut man sich also diese Dramen an, die Hinrichs also seit unglaublichen 17 Jahren solitär auf die Bühne bringt, ist er nicht nur der Erfinder dieser von Wolf als Bewegung gekennzeichneten Entwicklung, sondern auch keinesfalls vergleichbar mit den anderen genannten Akteur*innen, schreibt er doch selbst (mit) und führt er doch auch Regie. Es ist also eine vollkommen andere künstlerische und auch seelische Position, die er hier besetzt. Die allerdings wenig mit einer „Mission“ zu tun hat, nur weil sie in einigen Arbeiten das Feld der Repräsentationsverpflichtung des bürgerlichen Theaters links liegen lässt. In den oben genannten Dramen und auch in der letzten Volksbühnenarbeit „ja nichts ist ok“ findet derjenige/diejenige übrigens auch Verkörperung, wer danach sucht. Genauso so gut könnte man bei Hinrichs auch von Verpflichtung gegenüber einem Thema oder einer Geschichte (Zerfall einer WG, Hamlet, Lenz) sprechen. Aber das verfehlte, ebenso wie der Vergleich mit anderen Akteur*innen, den Kern der Differenz. Denn die Abende von und mit Hinrichs sind arachaische, kultische, also an sich antike Dramen von größter Kraft, die schon lange ihresgleichen suchen in der Verdichtung des schmerzlichen Bewusstseins von Fremdheit und Einsamkeit zu Poesie. Eine Relativierung dieser künstlerischen (!) Solitärposition im zeitgenössischen Theater durch die von Wolf herangezogenen Vergleiche ist also in kunsthistorischer/kunsttheoretischer Hinsicht „nicht ok“, um auf den letzten maßstabsetzenden Abend zu rekurrieren.
Kolumne Wolf: Vereinfachender Vergleich
Aber der Willen zum vereinfachenden Vergleich erklärt vielleicht, dass Hinrichs zwar zweimal zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt, zum Berliner Theatertreffen allerdings ein einziges Mal eingeladen wurde, 2012. Das ist befremdlich, insbesondere wenn man bedenkt, dass beispielsweise Inszenierungen von Karin Henkel mehrmals eingeladen wurden- denn wer wird sich an diese erinnern? „Glauben an die Möglichkeit einer völligen Erneuerung der Welt“ von Pollesch/Hinrichs aber nicht als eine der „bemerkenswertesten Inszenierung des Jahres“ einzuladen, ist nicht nachvollziehbar, „Keiner findet sich schön“ oder „Geht es Dir gut?“ nicht zu berücksichtigen kaum begründbar. Außer Vereinfachender Vergleixhdamit, dass man sich an jene einsame Höhe bereits gewöhnt hat. Oder dass ein Verlassen der Theaterformen des 19. Jahrhunderts einerseits und die Grenzgängerschaft von Hinrichs andererseits die Institution und ihre „Funktionäre“ (Hinrichs in der ZEIT) provoziert, attackiert und zu Abwehrreaktionen führt. Was wird ihm dieses Jahr geschehen, diesem großen Poeten der Heillosigkeit? „«Dem Wind, der morgen wehen wird, leiht niemand sein Ohr; und doch umgibt und bedrängt uns der Heroismus des modernen Lebens.» Baudelaire
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