Suchanfrage "Regie-Rabauke"

von Wolfgang Behrens

23. Juni 2015. Das Beste am Norden ist seine Gerichtsbarkeit. Denn in Pasewalk – einem 10.000-Seelen Städtchen in Vorpommern – hat ein Amtsgericht einen Mitarbeiter des Nordkuriers zu 1.000 Euro Strafe verurteilt. Der Journalist hatte einen Jäger als "Rabauken" bezeichnet, nur weil der ein totes Reh an der Anhänger-Kupplung seines Fahrzeugs über die Bundesstraße geschleift hatte. Vonseiten des Jägers ein alltägliches Kavaliers-Delikt also, vonseiten des Nordkurier-Manns hingegen eine ungeheuerliche Entgleisung.

Regulierung des Sprachgebrauchs

Der Nordkurier, hört man, hat mittlerweile auch noch eine weitere Anzeige der Staatsanwaltschaft am Hals. Denn sein Chefredakteur hat den Rabauken-Prozess kommentiert und dabei den "sich im Gerichtssaal mit Schaum vor dem Mund über die Presse ereifernden Staatsanwalt" erwähnt. "Schaum vor dem Mund" – klarer Fall, kann nicht sein, da muss mindestens eine fünfstellige Strafe her!

kolumne wolfgangDiese Vorgänge haben erstaunlicherweise zu einer recht einhelligen Empörung geführt, es ist gar von einer Bedrohung der Presse- und Meinungsfreiheit die Rede. Aber kann man nicht auch einmal die Chance darin sehen? Gerade in der Theaterkritik könnte doch eine Regulierung des Sprachgebrauchs segensreiche Wirkung entfalten. Zumal, wenn es um jene ewigen Verteidiger der schimärischen Werktreue geht, die schon verbal entgleisten, als ich noch ein Zuschauer war. Nehmt ihnen das Wort Rabauke, nehmt ihnen das Wort Berserker – und dann wollen wir doch mal sehen, wie schnell ihnen das Vokabular ausgeht!

Kackärsche und Kunstfreiheit

Man gebe nur einmal die Suchanfrage "Regie-Rabauke“ bei Google ein: Frank Castorf ("alternder Regie-Rabauke", NZZ), Christoph Schlingensief (auch schon mal als "Rüpel-Regisseur" bezeichnet), Johann Kresnik, Hans Neuenfels ("ehemaliger Regie-Rabauke“, Die Welt) und andere springen einem nur so entgegen. Mit der neuen Pasewalker Rechtsprechung kann das teuer werden! Wobei man natürlich bald in juristische Spitzfindigkeiten hineinkommt. 2009 etwa schrieb Michael Laages auf nachtkritik.de über Schlingensiefs "Mea Culpa“ in Wien: "Vieles an diesem Abend ist so liebenswert uneitel, dass der Wüterich, der Rabauke, der Kaputtmacher Schlingensief fast in Vergessenheit gerät." 1.000 Euro in die Staatskasse, Herr Laages, möchte man freudig ausrufen, aber herrje! – meint er Rabauke am Ende als Ehrenbezeichnung?

Ähnlich schwierig liegt der Fall bei Robert Braunmüller von der Münchner Abendzeitung, der vor einem guten halben Jahr über eine Wutrede Jonathan Meeses auf dem Münchner Literaturfest berichtete. Meeses auf die Bayreuther Festspielleitung gemünzte Formulierungen "Pissnelken“ und "Kackärsche" sind ja sicherlich von der Kunstfreiheit gedeckt, aber darf Braunmüller einfach schreiben, Meese habe "bisweilen Schaum vor dem Mund gehabt"? War das nun wirklich so (Braunmüller als Berichterstatter), oder war das metaphorisch gemeint (dann schreit’s förmlich nach einer Strafanzeige, Herr Braunmüller!)? Das ist doch wirklich beleidigend für Meese!

Neue Ära

Wie dem auch sei: Die Regie-Berserker und -Rabauken können aufatmen, denn nun wird es den Kritiker-Rabauken endlich an den Kragen gehen. Was für ein Glück, dass Gerhard Stadelmaier gerade jetzt – in der heraufdämmernden Pasewalker Ära – in Rente geht: Der Arme hätte sich vielleicht sonst in unzähligen Gerichtsverfahren um dieselbe gebracht. Doch auch ohne Stadelmaier wartet sicherlich noch viel Arbeit auf das vorpommersche Amtsgericht.

 

behrens2 kleinWolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin.
Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 80er und 90er.

 

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