Lieber gefälschte Katzenvideos

von Esther Slevogt

7. Juli 2015. So eine Kolumne ist im Grunde auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben. Damals, als es noch etwas Besonderes war, eine Meinung zu haben, und Journalisten und Journalistinnen mit dieser Meinung (und den dazugehörigen Publikationsorganen) jede Menge Follower generierten – auch wenn das damals noch gar nicht "Follower" hieß. Damals, als der Kolumnist (Kolumnistinnen waren ja rar, sehr rar) noch so etwas wie das role model des aufgeklärten Bürgers war.

kolumne estherHeute hat jeder eine Meinung, und sei es noch so eine kleine. Das heißt, wir könnten eigentlich zufrieden sein: So viel Aufklärung war nie. Jetzt, wo jeder quasi sein eigener Chefkolumnist ist. Meinungen sind deswegen allerdings furchtbar langweilig geworden. Einer Meinung läuft heute, wo jeder eine hat, auch keiner mehr nach. Follower generiert man in unseren schönen Tagen eher durch Verbreitung von lustigen Katzenvideos in den sozialen Netzwerken. In letzter Zeit kam als beliebtes Sujet das öffentliche Ausheben von Gräbern hinzu. Mit anschließendem katholischen Niederknien. Auch sehr hübsch.

Wobei, wenn ich noch meine Meinung sagen würde, in dieser Kolumne, ich schreiben würde, dass ich meine Likes eher an die Katzenvideos vergeben will. Oder an die Griechen. Doch nicht an die Gräber. Auch, wenn ich damit eine krasse Querulantenposition vertrete. Und ich sage Ihnen: Es ist nicht leicht, Querulantin zu sein. Unter all den Weltverbesserern, die man dann naturgemäß sofort gegen sich hat, erst recht nicht.

Allerdings habe ich gehört, dass vereinzelte Gräberfotos, wie sie noch jüngst durch die Netzwerke liefen, möglicherweise manipuliert worden sind. Zum Beispiel eins von der Berliner Schlossstraße mit frischem Grab vor einer Baustelle, die aber längst gar nicht mehr so aussieht wie auf dem Bild, weil sie inzwischen fast abgeschlossen ist. Und auch das Café auf dem Foto, im Hintergrund des frischen Grabs, ist schon seit einiger Zeit geschlossen. Das sagt eine Kollegin, die in der Nähe dort wohnt. Lieber ein gefälschtes Katzenvideo, sag' ich da.

Ja. Und so beschäftige ich mich sich hier also retromäßig mit dem Verfassen einer Kolumne. O seliges, o untergegangenes 20. Printjahrhundert, steh' mir bei! Leicht soll sie sein, finden die Kolleginnen und Kollegen. Also, die Kolumne. Weil Sommer ist. Wenn bloß die Welt genau so sommerlich leicht daher käme. Doch dort muss man sich warm und wärmer anziehen. In dieser Welt, wo alles immer schlimmer wird. Und eine Kolumne kann daran auch nichts ändern.

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de.
In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

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