Homecoming

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Homecoming auf nachtkritik.de bisher: einmal. Mit heutigem Eintrag: öfter.

13. Oktober 2015. Noch weile ich in der Ferne. In Iowa City, Amerika, habe ich soeben das "Homecoming Weekend", halb feiernd, halb staunend, hinter mich gebracht. Und Cyndi Lauper, nein, die "Chvrches" haben gespielt, bei freiem Eintritt auf dem Rasen des Pentacrest, einer Ansammlung von Gebäuden rund um das Old Capitol, dem Nullpunkt im orthogonalen Straßennetz der Stadt. Schwarz-gold gewandete Studentinnen und Studenten sind im Takt dazu gehüpft, am Nachmittag vorher gabs Paraden und Umzüge, tags darauf das Football-Spiel Iowa vs. Illinois. "Go, Hawks!"

Go! "Geh mit Gott, aber geh!", hat meine Mutter manchmal spaßeshalber zu mir gesagt. Das meint, liebevoll-grob, dass man sich aus dem Staub machen möge. Ausziehen, um vielleicht das Fürchten zu lernen, wie es im Grimm’schen Märchen heißt. Denn erst wer auszieht, den Nullpunkt verlässt, kann später einmal heimkehren. So sind es beim Homecoming die Alumni, die an ihre alte Universität zurückkehren, und es ist meist zugleich auch das Football-Team, das heimkehrt nach dem längsten Roadtrip der Saison. Rund ums Heimkehren nach Iowa City wird, seit es seit über hundert Jahren die Tradition des Homecoming gibt, zu diesem Anlass auch das "Corn Monument" aufgestellt. Ick wörde für die deutschsprackige Leserschaft meiner Kolumne fürderhin übersetzt vom Maismonument sprecken.

Das zügellose Leben

Mais ist wichtig in Iowa, man kann ihn essen, an Tiere verfüttern, Treibstoff erzeugen und Maismonumente bauen. Ein Blick in den hiesigen digitalen Bibliothekskatalog offenbart eine Fotosammlung sämtlicher Maismonumente des vergangenen Jahrhunderts: meist in Form eines großen I, mitunter auch in Form – Vorsicht, Pleonasmus – eines überdimensionalen Maiskolbens aus Mais. (Wer hier ein Phallussymbol vermutet, argumentiert ungenau, denn es handelt sich um ein Spadixsymbol.)

kolumne teresa2Die hiesige Bibliothek bietet aber auch ganz andere Assoziationen zum Homecoming: das neutestamentliche Gleichnis vom "verlorenen Sohn", der heimkehrt. Als ich, als Kind, diese Geschichte erzählt bekommen habe, ist mir der jüngere Sohn, der ausgezogen ist, das "zügellose Leben" zu lernen, noch nicht so begreiflich gewesen, wie er es heute ist. Vielleicht will man aber auch, selbst, wenn man bereits vor 18 Jahren ausgezogen ist aus dem Elternhaus, so gern immer und immer wieder ausziehen, in die Welt hinaus, wenn man gleichzeitig weiß, man könnte stets irgendwo heimkehren? In eine Stadt wie Wien oder Berlin.

Wo bekannt blühende Wege mir sind

Weiter findet das digitale Suchsystem der Bibliothek in Iowa City "Heidegger and Homecoming". Untertitel: "The Leitmotif in the Later Writings", 2009 by Robert Mugerauer. Ich habe aber beschlossen, mich gegen die streberhafte Intellektualität, die nachtkritik.de vorgeworfen wird, zu stemmen und bin also bei Heidegger lektüremäßig nicht und nichtend weiter vorgedrungen. Stattdessen habe ich mir auf Youtube angehört, wie Heidegger Hölderlins Elegie von der "Heimkunft" rezitiert. Für die "gebildeten Syrer" unter euch, die so gern Achim von Arnim lesen: Friedrich Hölderlin, deutscher Lyriker, 1770-1843.

Und da heißt es: "Reizend hinauszugehn in die vielversprechende Ferne, / Dort, wo die Wunder sind, dort, wo das göttliche Wild / Hoch in die Ebnen herab der Rhein die verwegene Bahn bricht, / Und aus Felsen hervor ziehet das jauchzende Tal, / Dort hinein, durchs helle Gebirg, nach Komo zu wandern, / Oder hinab, wie der Tag wandelt, den offenen See; / Aber reizender mir bist du, geweihete Pforte! / Heimzugehn, wo bekannt blühende Wege mir sind (...)". – Homecoming also, wo die Wege blühen und der Mais. Und wo es kein Daheim mehr gibt, gibt es vielleicht einen andern Ort und ein Theater. Und hier noch einmal den Link zu dieser Liste.

 

teresa praeauer 57Teresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie erhielt 2012 für den Roman "Für den Herrscher aus Übersee" den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt. Aktuell macht sie sich, mit ihrem Roman "Johnny und Jean" im Gepäck, auf den Weg nach Iowa. In ihrer Kolumne Zeug & Stücke spürt sie den Einzelteilen nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über amerikanische Newbies in Iowa City, das Wir, Masken und Smartphone-Fotografie auf der Bühne, über Aussprache, Schauspieler-Memoiren, Cosplayers auf der Leipziger Buchmesse und funkelnden Glitzer-Staub im Theater.

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