Glotzt nicht so romantisch!

von Anne Peter

Berlin, 14. Februar 2016. Es war einmal eine Politikerin, die wurde nicht vom Machthunger, sondern von Idealen, Zielen, hehren Visionen angetrieben, wie ihr Land aussehen könnte – auf dass möglichst viele Menschen in ihm glücklich würden. Sie gehörte keiner abgehobenen Elite an, sondern war ein Mensch mit Kindern, Gefühlen und ein paar Kilo mehr auf den wahlkampfgeplagten Hüften. Selbst nach einem Jahr als Premierministerin an der Rampe der Realpolitik, nach diversen faulen bis sehr faulen Kompromissen und einer im Eiltempo zerrütteten Ehe, bewahrte sich diese Frau ihren "Kern von Idealismus", wie ihn ihr Erschaffer, der Drehbuchautor Adam Price, nach Selbstaussage in die Figurenseele gemeißelt hat.

Große Entlarvungsshow

Ihr müsst jetzt sehr tapfer sein, liebe "Borgen"-Freunde und Birgitte-Nyborg-Fans. Das, was die viel gepriesene dänische Politserie uns erzählt, ist ein Märchen. Dieser Ansicht jedenfalls ist Nicolas Stemann, wie er schon im Vorfeld seiner Vertheaterung des dreistaffeligen Überraschungshits wissen ließ. Ersonnen hat der Regisseur dieses in seiner Art wohl erstmalige TV-series-goes-Theatre-Projekt wider den "Wohlfühlfernsehserienfilter" gemeinsam mit seinem früheren Arbeitspartner, dem Dramaturgen und "Lob des Realismus"-Autoren Bernd Stegemann.

Borgen1 560 Arnodeclair uEinsam an der Spitze: Stephanie Eidt als dänische Premierministerin Birgitte Nyborg © Arno Declair

Was der Regisseur uns in der Schaubühne auftischt, kommt in dem typisch Stemann'schen Probenraum-Setting mit Diskutiertisch, Mikroständern und umherliegender Lektüre tatsächlich als große Entzauberungsshow daher. Jener Nyborg'sche Idealismus soll als Pose und kalkulierte Erzählung des Spindoctors Kasper Juul enttarnt werden – wobei der fast vierstündige Abend diese Botschaft ziemlich redundant auswalzt.

Die Zentralfrage: "Kann man politisch erfolgreich sein und trotzdem man selbst bleiben?" wirkt nach spätestens 30 Minuten hinreichend beantwortet. Eine Fallhöhe, wie sie die Serie zu Beginn mit dem Aufbau der lichtgestalthaften Sympathieträgerin Nyborg schafft, wird hier gar nicht erst angestrebt, entsprechend spannungsarm spult die Veranstaltung ab, vor allem, wenn sich vor der Pause die szenische Phantasie weitgehend in Mikrophon-Solos und läppisch ankarikierten Kabarettstückchen erschöpft. Das stets zu erwartende Stemann-Energielevel bleibt weitgehend unerreicht.

Vernebelungsspiel

Authentisch ist hier nichts, alles bloß schöner Schein. Da rücken den vier rollenswitchenden Schauspielern penetrant die Smartphone-Cams auf die Pelle und übertragen's brühwarm im Hintergrund. Wenn Stephanie Eidts elegant wirkungsbewusste Birgitte Nyborg Grönland besucht, wirft Tilmann Strauß' energiesprudelnder Spindoctor Kunstschnee in die Windmaschine und die Premierministerin hält den Selfiestick ins Weißgestöber.

Auch ihr Pendant auf Medienseite, die ebenfalls idealistisch veranlagte Aufklärungsjournalistin Katrine Fønsmark vom Fernsehsender TV1, wird von der blondperückten Regine Zimmermann als naiv-überengagiertes, Journalistenpreis-heißes Karrieregirl verballhornt. Und die Weisheiten des Premierministerinnen-Mentors Bent Sejrø disqualifizieren sich durch Tattergreisigkeit (mit Karikierlust: ebenfalls Zimmermann). Alles in allem: kaum mehr als verachtenswerte Knallchargen. Umgeschnallte Bärte, schiefsitzende Perücken tun ihr Übriges.

Borgen 560 ArnoDeclair uWo Bertolt Brechts V-Effekte prasseln: Sebastian Rudolph, Stephanie Eidt, Regine Zimmermann, Tilman Strauß stellen "Borgen" nach © Arno Declair

Stets wird das klare Zeichen hingeklatscht: Thematisiert man die Vernebelung der Zusammenhänge um die über Grönland geschleusten illegalen Guantanamo-Häftlinge, fuhrwerkt Strauß mit der Nebelmaschine zwischen schwarz-orange gekleideten Statisten. Geht's um Männerbündnerei, kommen Zigarren, Bierflaschen und Dreckslache zum Einsatz (immer wieder komisch: Sebastian Rudolph). Manchmal ist das erhellend, meist schlicht holzhämmernd. Vielleicht muss auch nicht jede beziehungstechnische Szene zwischen Birgitte und Ehemann Philipp durch Kitschmusik und Lichtdämmung hops genommen werden?

Nur nicht romantisch glotzen, lautet die Devise. Die Brecht'sche V-Effekte-Kiste steht weit offen: Man zieht Pappschilder hervor, präsentiert politische Floskeln im Weill-Lied-Stil und fasst Szenen in Fazit-Sätzen zusammen. Und natürlich spielt hier jeder mal jeden (trotz "Kernrollen"), auf dass keine Identifikationsduselei aufkommt.

"Kinder, Was lest ihr da eigentlich immer für Bücher?!"

Die lustigste Idee sind die schlaumeiernden Nyborg-Kinder (8 und 12 Jahre), die ihre Mutter von der Sofakante aus mit schwerem Fragegeschütz, etwa zum Zusammenhang von IS und westlichen Militärinterventionen, traktieren ("Kinder, was lest ihr da eigentlich immer für Bücher?!"). Sparsam geht Stemann diesmal mit solcher Fremdtexteinstreuung um, mal streift eine Kamera aktuelle Schlagzeilen, mal zitiert man das Merkel'sche "Wir schaffen das!". Ansonsten kargt der Abend an assoziativer Aufladung. Wohl auch, weil ihm als Relevanzstoff das in der Serie zentrale Flüchtlingsthema in den Schoß fällt – hier entwickelt er einen spannenden Exkurs über das wirtschaftliche Kalkül hinter den offenen Grenzen.

Was die Inszenierung allerdings an einer Ecke an Erkenntnis produziert, verstellt sie an der anderen. Gerade die komplizierten Vorgänge politischer Koalitionsbildung, die die TV-Serie transparent macht, geraten unter die Räder der hektisch-bruchstückhaften Paraphrase einzelner Episoden (vor allem aus der ersten Staffel).

Vom Teleprompter gesteuert

Über allem thront das Skript. Die Schauspieler lesen sämtliche Texte vom Teleprompter über den Köpfen der Zuschauer und seitlich der Spielfläche ab, selbst die Szenen auf der Familiencouch. So gerät nicht zuletzt die Konstruktion der Serie selbst in den Blick – die, so zeigen Stemann/Stegemann, ebenfalls einer Ideologie verpflichtet ist. Das Adam-Price-Zitat vom "Kern des Idealismus" geistert als running gag immer wieder durch die Performance.

"Positive Nachrichten!" lautet der Schlachtruf am Ende, mit dem der mittels "Constructive News" geführte Quotenkampf der dritten Staffel anzitiert wird. Price liefert mit "Borgen" das affirmative Schmiermittel für das in Verruf geratene System Demokratie – indem sie uns postdemokratisch desillusionierten Zuschauern mit Nyborg wieder Hoffnung einimpft. Allerdings bleibt die Frage, ob die im Hintergrund des Projekts unausgesprochen wabernde Forderung einer "reinen Politik" nicht das viel größere Märchen darstellt.

 

Borgen
nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm
Deutsch von Astrid Kollex, Fassung von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Bettina Ehrlich, Licht: Erich Schneider.
Mit: Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß, Regine Zimmermann, Statisterie: Daniel Ahl, Frank Jendrzytza, Hauke Petersen, Steven Raabe, Fabrice Riese, Benjamin Scharweit, Philip Schwingenstein, Malik Smith.
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, zwei Pausen

www.schaubuehne.de

 


Kritikenrundschau

In der Frühkritik für Deutschlandradio Kultur (15.2.2016) hält Ex-Umweltminister Jürgen Trittin Nicolas Stemann vor, in seiner Adaption von "Borgen" eine "fast pegidahafte Simplifizierung" der politischen Verhältnisse zu betrieben. Die "Transferierung einer Fernsehserie auf die dramaturgische Ebene der Bühne" führe "zu bestimmten Gewinnen und Verlusten. Das Plakative gewinnt, es verliert sozusagen die Differenzierung, der Zwischenton." Nicolas Stemann habe "sein Stück ja aufgeteilt quasi in drei Staffeln. In der ersten ging es um die Funktionsweise der Politik, der zweiten der Einfluss der Wirtschaft und in der dritten die Zerstörung der politischen Akteure, der Selbstzerstörung, die darin anliegt. Und in dieser Darstellung ist er für meinen Geschmack genau dem Komplexitätsproblem gekonnt ausgewichen. Man könnte es auch andersherum sagen: Er hat eher auf eine sehr einfache Weisheit gesetzt, die nämlich lautet, Politik zerstört das Individuum, gehorcht nur den Interessen großer Unternehmen, und wer sich in dieses Gebiet reinbegibt, der will halt nur sein persönliches Machtmotiv durchsetzen."

"Schade nur, dass sich der Abend gar nicht für die Ebenen der Politik interessiert, die im Original im Zentrum stehen, so Tobi Müller in seiner Kritik auf Deutschlandradio Kultur (15.2.2016). "Fast immer, wenn es um konkrete politische Vorgänge mit all ihren Kompromissen, Aushandlungen, Deals oder auch Intrigen geht, erzählt man in der Schaubühne nicht mehr, montiert höchstens hektisch oder blendet gleich aus. Demokratie als ein unablässiger Prozess, als ein Werden, langweilt die Macher. Ihnen geht es um die Wahrheit, um den Klassenstandpunkt, um das Versagen des Westens in den Kriegen der Zeit. Damit meinen sie aber nicht etwa die Untätigkeit im Syrienkonflikt, sondern die Verstrickung der kapitalistischen Welt in die Massenmigration. Die Kinder der Premierministerin sind in der Schaubühne sehr belesen und halten das ihrer Mutter vor. Das ist ganz lustig. Doch wenn diese Besserwisserei von zwei Vorpubertierenden mal nur nicht die Wahrheit dieser Inszenierung darstellen würde."

Diese Umsetzung von "Borgen" ist "ein gründlich missglückter Kabarettabend, der sich als Akt politischer Aufklärung missversteht", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel Online (15.2.2016). Sie biete in "knapp vier Stunden ein allenfalls minderheitenkompatibles Fernsehserienspiel. Es schlägt die Zuschauer keineswegs in Bann." Fazit: "So einleuchtend die Idee irgendwann mal gewesen sein mag, sich mit dem epischen Format der modernen Fernsehserie auf der Theaterbühne auseinanderzusetzen - mit diesem Abend der Fernsehkritik ist die Schaubühnenmannschaft episch gescheitert."

"Nie wird richtig klar, was nun eigentlich inszeniert ist und was noch probiert wird", beobachtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (16.2.2016). "Das ist aber kein Mangel an Service, sondern − wenn auch ein bisschen eitel ausgestellte − Cleverness und Lässigkeit. Ausrede: Perfektion ist Lüge − und das ist der Punkt, an dem die Auseinandersetzung mit den Erzählstrategien der Serie beginnt." Der kritisch reflektierende Hinweis auf das zynische Geschick der Drehbuchautoren bedeute für den Theaterzuschauer mehr "Denkarbeit und durchaus mehr Erkenntnisfrust".

"Stemann lässt die Geschichte nachspielen und zugleich reflektieren, streut Kapitalismuskritik ein und Pegida-Aktionen", so Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (16.2.2016). "Das ist über lange Strecken unterhaltsam und durchaus erkenntnisreich. Ein Polittheaterabend der besseren Art, gewissermaßen die Fortsetzung von Falk Richters 'Fear'."

"Borgen" auf der Bühne sei gut getimt im Wechsel zwischen schnellem Vorspulen und Detaileinstellung, findet Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (16.2.2016). Sie hat "ein Schauspielerfest mit vier Stars" und "ein genüssliches Ausbreiten der Serien-Dramaturgie" gesehen. Das Ganze gewähre einen "Blick in den Werkzeugkasten, dessen Elemente die Bühnenschauspieler voller Freude über dieses wirklich 'gefundene Fressen' glücklich in den Händen drehen." Das ergebe einen "spannenden Theaterabend": "Fans und Kenner der Serie mögen da anders urteilen". Vorwerfen könne man der Inszenierung allenfalls, etwas zu selbstverliebt mit dem Blick hinter die Kulissen zu spielen.

"Merkwürdig, früher fühlte sich das Theater als Kunst dem Fernsehen so überlegen. Jetzt aber schaut es ihm hinterher", wundert sich Peter von Becker im Tagesspiegel (16.2.2016). Die Schaubühnen-Version schaffe nicht mal einen Abglanz der Serie. Alle, die "Borgen" nicht kennten, würden "unentwegt mit Personennamen und Detailanspielungen traktiert, mit denen sie kaum etwas anfangen können. Für die einen ist’s überflüssig, für die anderen unverständlich." Aha-Effekte stellten sich nur ein, wenn die fiktive Birgitte Nyborg als Folie der realen Angela Merkel diene und Stichworte wie Flüchtlings- und Einwanderungspolitik fallen.

Stemann werde als "Borgen"-Regisseur "zum Spielverderber", findet Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (16.2.2016). "Mit großem Aufwand und noch größerem aufklärerischem Gestus" versuche er, das Märchen Nyborg zu widerlegen. Bei Eidt sei sie "eine leere Hülle, eine Frau ohne Eigenschaften, der man die humanitären Grundsätze erst eintrichtern muss". Und Zimmermanns Fernsehjournalistin sei "ein emotionales Wrack, dem man keine Wettervorhersage und schon gar keine Wahlkampfdebatte anvertrauen würde." Stemanns Botschaft sei eindeutig: "Liebe Zuschauer, glaubt der Serie kein Wort, 'Borgen' ist auch nur ein Unterhaltungsprodukt! Eigentlich funktioniert Politik ganz anders." Wie sie funktionier, sei hier aber doch "arg schlicht" beschrieben – "und weist erstaunliche Parallelen zu Verschwörungstheorien und rechtspopulistischen Parolen auf. Auch bei Pegida gehört es zum guten Ton, Politiker als Marionetten zu bezeichnen."

"Eine Fernsehserie ist eine Fernsehserie und ein Theaterstück ein Theaterstück, und als ob der Zuschauer das nicht wüsste, wird er zu jedem Zeitpunkt darüber aufgeklärt", schreibt eine merklich genervte Antje Stahl für die Welt (17.2.2016). Politdarsteller liefen hier mit glitzernden Baseballjacken Deutsche-Bank- oder Shell-Logo als Aufnähern umher. "'Die Politik ist korrumpiert', lautete die kurze Botschaft dieser Requisite, 'und in ihrem Gewand geht der Mensch verloren', lautete die längere der Theatermacher. Damit schieben sie den Menschen in die berühmte Rolle des Systemopfers, in der er kaum mehr spürt als Ohnmacht."

 

Nie wird richtig klar, was nun eigentlich inszeniert ist und was noch probiert wird. Das ist aber kein Mangel an Service, sondern − wenn auch ein bisschen eitel ausgestellte − Cleverness und Lässigkeit. Ausrede: Perfektion ist Lüge − und das ist der Punkt, an dem die Auseinandersetzung mit den Erzählstrategien der Serie beginnt.

Theatervorführung "Borgen" in Berlin: Demokratiekritik in der Schaubühne | Theater - Berliner Zeitung - Lesen Sie mehr auf:
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