Das Lachen des Teiresias

von Georg Kasch

31. Mai 2016. Teiresias war ein blinder Seher mit Bühnenkarriere bis heute. Seine Sehergabe, so sagt die Legende, hatte er dem größten Stresstest seines Lebens zu verdanken: Als er sich auf die Frage von Hera und Zeus, Chefgötter im Dauereheclinch, welches Geschlecht die meiste Lust beim Sex empfinden würde, zu einer Antwort hinreißen ließ, kostete ihn das das Augenlicht. Zum Ausgleich gab’s die Prophetie.

kolumne 2p kaschMythologie in North Carolina

Dass ausgerechnet er die ziemlich sexistische Götter-Frage beantworten musste, hatte seinen Grund: Er war erst Mann, dann Frau, dann Mann. Das reichte für den zweifelhaften Expertenstatus. Und für den Titel der berühmtesten Trans-Person der Theatergeschichte. Wäre Teiresias dazu gezwungen worden, sich vor dem Sport in der Damenumkleide umzuziehen, weil er mal eine Dame war, hätte er vermutlich nur milde gelächelt. Oder laut aufgelacht. In einem Häufchen US-Bundesstaaten haben die Republikaner nämlich Transphobie als ideales Backlash-Thema entdeckt. Etwa in North Carolina, dessen Gesetz HB2 u.a. vorschreibt, beim Besuch öffentlicher Toiletten dem Geschlecht auf der Geburtsurkunde zu folgen – ein Versuch, queere und trans-Jugendliche zu kriminalisieren.

Natürlich geht es dabei nicht um Klos. Sondern darum, die Rechte von Minderheiten einzuschränken und Benachteiligungen zu zementieren. Bezeichnend, dass das HB2-Gesetzespaket zugleich die Mindestlohnregelungen aufhebt und North Carolina kurz zuvor Städten im gesamten Bundesgebiet verboten hatte, sich zu sicheren Zufluchtsorten für Immigrant*innen zu erklären. Wenn dieses Gesetz jetzt so tut, als sei mit Adam und Eva alles gesagt in Sachen Geschlechter, dann ist das Teil eines größeren Plans, Amerika zu vertrumpen. Zum Beispiel mit Adam and Eve, not Adam and Steve.
Dabei sind Adam und Eva genauso legendär wie Teiresias, der, je nach Interpret, auch als der/die berühmteste Intersexuelle der Theatergeschichte herhalten muss.

Fräulein Zwittau mit dem Engelsfalsett

Vermutlich bleibt das noch eine Weile so, auch wenn sich etwa das Fräulein Zwittau aus Josef Bierbichlers Mittelreich-Roman dank Anna-Sophie Mahler aufgemacht hat, die Bühne zu erobern. Eine reizende Nebenfigur, "sanft, gebildet, hingebungsvoll", ein Ostpreußen-Flüchtling, der sich ins Oberbayern der Nachkriegszeit verirrt, wo Adam und Eva besonders präsente Rolemodels sind.

In der Münchner Inszenierung spielt Damian Rebgetz das Fräulein mit den uneindeutigen primären Geschlechtsmerkmalen und verkörpert so gleich mehrfach Fremdheit: als männlicher Schlacks im Kleid, der mit seinem Engelsfalsett den Chor der Schauspieler ergänzt. Und als Australier, der die Erzählung kaugummiweich einfärbt. Eine Fremdheit, die in ihrer ambivalenten Ausgestelltheit deutlich macht, dass sie ausschließlich im Auge des Betrachters liegt. Nicht nur in North Carolina, sondern auch vor der Haustür.

 

gkportraitschmalGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt. 

 

Zu allen Queer-Royal-Kolumnen von Georg Kasch: hier entlang.

 

 
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