Kein Ort der Ausschweifung

von Esther Slevogt

Berlin, 29. April 2007. "Das Losungswort ist Amüsemang!" kiekst Ida, das vergnügungssüchtige Wiener Unterschichtskind (Valery Tscheplanowa) in seinem pink-orangenem Tütü, das sich erwartungsfroh beim dubiosen Prinzen Orlowsky (Horst Lebinsky) zum Soupé eingefunden hat. Doch der sieht in seinem weißen Anzug wahrlich nicht aus wie einer, der auch nur das geringste Talent dazu hätte. Ein grässliches Dauergrinsen im aufgeschwemmten Gesicht macht den alten Mann eher zu einer Figur aus einem Horrorfilm.

"Alles langweilt mich,/ ich kann nicht mehr lachen", sagt er in einem Tonfall, der befürchten lässt, leichtsinnige Mädchen wie Ida könnten diese Fühllosigkeit im Verlauf des Abends mit dem Leben bezahlen. Auch die anderen Gäste, sie sich hier noch einfinden werden, strahlen alles andere als Begabung zum Frohsinn aus. Und wer meint, Prinz Orlowsky hätte ein Schloß oder anders weitläufige Räumlichkeiten für seine Festivität zu Verfügung, der irrt: alles spielt sich auf einem wenige Quadratmeter großen Podest (Bühne Olaf Altmann) ab, das sich ein Stück in den Zuschauerraum schiebt. Die Partygesellschaft quetscht sich auf einem hellbraunen Ledersofa, das siebziger Jahre Provinzmief verströmt.

Abgemagert auf Hammondorgel und E-Piano

Denn wir befinden uns nur theoretisch bei Johann Strauß im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wo die Fugen der Klassengesellschaft schon beträchtlich knirschten. Wo morbide Aristokraten ihre Türen gelegentlich auch schon mal für Bürger und Dienstmädchen öffneten, um in den letzten Jahren der Donaumonarchie einem immer apokalyptischere Ausmaße annehmenden Gefühl der Sinnlosigkeit zu entkommen. Eine Zeit, deren Lebenshunger und Untergangssehnsucht mit der Operette und ihren übermütigen Melodien ihre genuine Gattung fand.

Praktisch sind wir im Berliner Deutschen Theater, wo sich Michael Thalheimer nun der berühmtesten aller Operetten "Die Fledermaus" angenommen hat. Und es ist schon ein grandioser Akt der Unverschämtheit, die weltbekannte Musik von einer Hammondorgel und einem E-Piano spielen zu lassen. Bereits die Ouvertüre zerfliesst in dieser Instrumentierung (Florian Appel und Franz Leander Lee) zu einer höchst schrägen Mischung aus Avantgarde und jammerndem Provinz-Pink-Floyd. Auch später bewährt sich das Tastenduo immer wieder als ausgespochen hilfreicher Kommentar: wenn es leiernd das ungerührt vorgetragene Terzett "Oje, oje, wie rührt mich dies!" begleitet. Wenn es Rosalindes verlogenem Lied "Mein Schmerz ist ungeheuer" einen jaulenden Orgelton nachsetzt. Denn Rosalinde (Nina Hoss mit überraschend versiertem Sopran) schmerzt keineswegs, dass Gatte Gabriel von Eisenstein (den Ulrich Matthes als Lebemann mit leicht zwanghaftem Verhältnis zum Amüsement spielt) wegen Beamtenbeleidigung ins Gefängnis muss. Exliebhaber Alfred hat sich nämlich angekündigt.

Finzis Kopulationsakrobatik

Und obwohl jetzt Samuel Finzi als lüstern züngelnder Strizzi mit einem Sitz-Strip und anschließender, weder Mensch noch Sofa schonender Kopulationsakrobatik eine komödiantische Meisterleistung abliefert, hat der Abend hier bereits all sein Pulver verschossen. Dabei sind wir noch nicht mal am Ende des ersten Akts. Thalheimer spult ab jetzt eher unentschlossen die Geschichte der beiden Freunde von Eisenstein und Dr. Falke ab, die sich ihre Kicks auf nächtlichen Streifzügen durch die Partyzonen des späten 19. Jahrhunderts holen und dabei auch einander wenig schenken. Weshalb Falke (Michael Benthin) eine Intrige plant, um sich an Eisenstein für eine vergangene Demütigung zu rächen. Der nämlich hatte ihn nach einem nächtlichen Ausflug kostümiert und betrunken auf einer Bank zurückgelassen. Falkes Heimkehr am anderen Morgen als torkelnde Fledermaus geriet zum Spiessrutenlauf. Und zum Sinnbild, dass dem Menschen eben nicht wirklich Flügel wachsen können, um der Erdenschwere seines Daseins zu entkommen.

Thalheimers eyes wide shut

Thalheimer und seine Kostümbildnerin Katrin Lea Tag zeigen sich deutlich von Stanley Kubricks Blick auf die zerstörerischen Seiten menschlicher Sehnsucht nach Ausschweifung inspiriert. Nicht nur Dr. Falkes Clownsmaske mit dem bösen Gebiss unten dran erinnert an die grotesken Masken, unter denen die Gang in "Clockwork Orange" ihr Unwesen treibt. Manchmal weht vom Fest des Prinzen Orlowsky auch eine Hauch Atmosphäre der finsteren Orgien aus Kubricks letztem, von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" inspirierten Film "Eyes Wide Shut". Nur dass die Morbidezza und der alle zivilisatorischen Grenzen ignorierende Erfahrungshunger à la de Sade gänzlich fehlen. Stattdessen scheitern hier lauter Spießer beständig an der Beschränktheit ihres Lustbegriffs. Züngeln lüstern, lecken an den Damen (bevorzugt der statuarischen Nina Hoss) herum oder reiben sich am Sofa sehnsuchtswund.

Doch dies spießige Ledersofa ist kein Ort der Ausschweifung, nicht mal für den Traum davon. Hier finden bloß die verschämt verschmierten Popel von Advokat Dr. Blind (mit akkurat gescheiteltem, fettigem Haupthaar: Peter Pagel) ein würdiges Endlager. Laserstrahlen, Bühnennebel und zwei rotierende Diskokugeln tauchen Olaf Altmanns Bühnenpodest und auch den Zuschauerraum immer wieder in glitzernden Diskoglamour. Trotzdem sind beim berühmten Chorwalzer "Brüderlein, Schwesterlein", normalerweise der Höhepunkt jeder Fledermausaufführung, alle längst eingeschlafen. Sven Lehmann hat noch einen grandiosen Soloauftritt mit Bert Brechts Gedicht von der haltbaren Graugans, die entgegen aller Versuche, ihr den Garaus zu machen, am Ende mit sechs Jungen davon fliegt. Nur: was soll das bedeuten? Einen Weckruf zur Weltrevolution? Dafür hätte genügt, einfach mal den satt-roten Samtvorhang hinter dem Sofa zu öffnen, auf den wir den ganzen Abend wie auf ein Versprechen starren.

Eingeschnürt ins Korsett

Doch Thalheimer wagt nicht, das Korsett, das er Strauß' Operette angelegt hat, wenigstens eine Moment lang zu lockern. Stattdessen fällt er mit seiner Sicht weit hinter Strauss und seine Librettisten Carl Haffner und Richard Genée zurück. Und hinter deren, bei aller Lust zur bissigen Entlarvung nie ins Abfällige gleitenden Blick auf Mensch und Verhältnisse. Im Gegensatz zu Strauß gönnt Thalheimer den Figuren ihre Sehnsucht nicht, führt sie als jämmerliche Spießer vor und man wird am Ende den Verdacht nicht los, dass hier im Grunde einer die eigene Verklemmtheit als Verklemmtheit von Johann Strauss' Operettenpersonal ausgibt.

 

Die Fledermaus
Operette von Johann Strauß, Libretto: Carl Haffner, Richard Genée Inszenierung: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katrin Lea Tag, Musikalische Einrichtung: Wolfgang Roggenkamp, Franz Leander Klee, Florian Appel.
Mit: Nina Hoss, Lotte Ohm, Valery Tscheplanowa, Florian Appel, Michael Benthin, Samuel Finzi, Michael Gerber, Franz Leander Klee, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Ulrich Matthes, Peter Pagel und Wolfgang Roggenkamp.

www.deutschestheater.de

 

Alles über Michael Thalheimer auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Thalheimer, nach zwei Opern nun erstmals im Operettenfach, haut so ostentativ mit dem Holzhammer auf das arme Ding und damit auf das Publikum ein, als hätte seit der Uraufführung 1874 noch nie jemand etwas vom soziologisch-ideologischen Zusammenhang zwischen Sein und Schein vernommen", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (2.5.2007). „Deshalb wird mit peinlicher Entschlossenheit nicht ein Stück samt seiner kitschig-plüschigen Tradition hinterfragt, sondern bloß eine plumpe Chimäre zerpflückt, wie sie im hintersten Provinztheater nicht mehr anzutreffen ist." Nachdem sie dem Thalheimer so grundsätzlichen Bescheid gegeben hat, feuert Frau Bazinger, als hätte sie schon sehr, sehr lange darauf gewartet, eine wahre Kanonade auf die Inszenierung ab: von "vollflächiger Schnapsidee" und "Klippschulemsigkeit" geht die Rede zu "phantasielos" und "banalste Spaßroutine", um sodann in der en-detail-Beschreibung mühelos die heutige goldene Stachelbeere von nachtkritik.de zu erringen mit der Charakterisierung eines Balles als "eine Art kollektives Trauerkloßwettsitzen auf dem Sofa."

"Erstaunlich ist nur, mit welchem Missmut, komödiantischem Unvermögen und schlechtem Geschmack der sonst so entschiedene und konzeptstarke Regisseur scheitert", wundert sich auch Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (2.5.2007). Eine "alberne Klamotte", ja, ein "Desaster" aus der nur die sängerisch überzeugende Lotte Ohm und die offenbar in jeder Hinsicht unangreifbare Nina Hoss unbeschadet hervorgehen.

"Erbarmungsloser Katzenjammer" befiel Rüdiger Schaper vom Berliner Tagesspiegel (2.5.2007) angesichts dieses Abends mit "merkwürdiger Atemnot", dessen Höhepunkt bereits nach einer Viertelstunde erreicht wird: wenn Nina Hoss einem Striptease von Samuel Finzi beiwohnen muss (alleine die Vorstellung!), "der mit einer blonden Tolle und Oberlippenbärtchen aus dem Zoo entlaufen scheint; von dort, wo sie gefährlich-erotische-balkanische Tenöre in Käfigen halten." Danach nur noch Langeweile und Krampf, beschwert sich Schaper.

"Das unsägliche Desaster ging also allein aufs Konto der Regie. Thalheimer ist nicht der Mann fürs leichthin Komödische, hingetuscht Witzige, grotesk Parodistische", urteilt Reinhard Wengierek in der Welt (2. 5.2007). "Die Komposition wird denunziert als platte Geräuschkulisse, vor der eine Handvoll Knallchargen den bürgerlich-dekadenten Klapsmühlenbetrieb illustrieren. ... Mithin kann auch nichts mehr stürzen vom Himmel in die Hölle."

In der Berliner Zeitung (2.5.2007) schreibt Dirk Pilz von einem untauglichen Versuch des Regisseurs, physikalische Tatsachen zu ignorieren: "Thalheimer nimmt die süßliche Operettensahne, um sie an die harte Wand einer wahren Erkenntnis über den wahren Kern des Spießertums zu nageln. Das lässt sich die Operette jedoch nicht gefallen, weil sie über diese besserwisserische Zeigefingermanier schon hinaus ist."

Der Front der Köpfeschüttler werfen sich mutig nur zwei Kritiker entgegen. Gunnar Decker beginnt seine mit einem begeisterten "Großartig!" endende Kritik im Neuen Deutschland (2. Mai 2007) überaus eigenwillig: mit dem Sofa auf der Bühne des Deutschen Theaters, "in dessen Spalten rutscht man wie zwischen die Beine einer x-beliebigen Frau. Das macht keinen Unterschied, unbefriedigend ist beides." Offenbar hat der Mann zu lange Gottfried Benn biographiert. Weiter unten kommt er dann doch zur Sache: "Unter den Händen Michael Thalheimers wird die "Fledermaus" zum Totentanz, einem Walzer für Vampire." Und für Decker sind wir alle die Vampire: " ... wie sehr all das gegen uns zeugt, womit wir uns täglich aufs Neue versichern, wir seien immer noch lebendige Menschen."

Christian Schlüter von der Frankfurter Rundschau (2.5.2007) hat als einziger einen ganz anderen Abend erlebt. "Zwei Stunden herrliche Klamotte", eine "luftig-leichte, lärmig-lustige und vor allem lustbetonte Inszenierung" mit "Ulrich Matthes, der hier – das ist eine Überraschung des Abends – sein durchweg komödiantisches Talent voll ausspielen" könne.

Und schließlich wundert sich auch Georg Diez in der Zeit (3.5.2007) wie Thalheimer die Operette – "ein schwerer Fall von Belanglosigkeit" – so misslingen konnte. War's die übliche konzeptionelle "Schluddrigkeit" am Theater oder ist das Problem prinzipiell? "Ist Michael Thalheimer einfach kein Mann für diese flirrende Art der mondänen Melancholie ...? Fehlen ihm die heitere Tristesse und der lebenspralle Lebensüberdruss ...? Fehlen ihm die Wut und die Verzweiflung ....? Oder zeigt sich einfach, wie harmlos Thalheimers Art der Dekonstruktion im Grunde ist, wie ästhetisch und oberflächlich er die Stücke tranchiert, wie sehr er sich darauf verlässt, dass ihn eine Idee schon über den Abend rettet?"

 

 
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