Prototyp eines Wutbürgers

von Steffen Becker

Stuttgart, 13. Mai 2017. Es gibt Theaterabende, denen man entgegenfiebert und die man gleichzeitig fürchtet. Inszenierungen des Horváth-Stücks "Kasimir und Karoline" gehören dazu. Angesiedelt in der Endphase der Weimarer Republik lässt der Autor seine Figuren Sätze sagen wie "Die Staaten müssen wieder radikal national werden". Die Bezüge zum Hier und Jetzt springen einen aus dem 1932-Text geradezu an. Neben dem politischen Zugang bietet das Wirtschaftskrisen-Thema auch Kapitalismuskritik und soziale Spaltung als Einfallstore für eine Aktualisierung des Stoffs an.

Zwischen Luftschiff und Autokino

Genug Futter also für einen erdenschweren Abend. Wie leicht man die Oktoberfest-Sause überfrachten kann, weiß man spätestens, seit Frank Castorf sich mit einem Vier-Stunden-Marathon des Stoffs angenommen hat. Stefan Pucher schafft es in anderthalb Stunden und setzt zu Beginn ein Zeichen der Leichtigkeit. Durch eine Wand aus weißen Luftballons betreten die Schauspieler seinen Rummelplatz.

Der ist als solcher kaum zu erkennen. Da tragen die Nebenfiguren mal Dirndl und Lederhose, Neonbauteile einer Achterbahn laden kurz zum Klettern ein. Ansonsten ist in Stuttgart das Setting des Stücks aufs Skelett reduziert. Viel freier Raum, nur unterbrochen von Metallgerüsten und düsteren Aufnahmen aus einem Autokino. Auch damit folgt Pucher dem Autor. Horváth wollte "Kasimir und Karoline" nicht als Oktoberfest-Stück missverstanden wissen.

kasimirundkaroline1 560 Thomas Aurin uAchterbahn und Achterbahn-Gefühle in Stefan Puchers "Kasimir und Karoline" © Thomas Aurin

Pucher übersetzt Volksfest als Chiffre für eine aufgekratzt-nervöse Stimmung: Von allen Seiten prasseln Eindrücke auf überforderte Figuren ein. Ein Luftschiff kreist über dem Fest, ein Kuriositätenkabinett wartet, ein homoerotisch konnotierter Chor brüllt eine Ode an die Isar - und tanzt zu Elektrobeats. Auf schwankendem Grund suchen Kasimir und Karoline dazwischen nach Sicherheit und Perspektive.

Schwankender Boden

Mit Peer Oscar Musinowski hat Pucher einen Kasimir gefunden, der mit gezügelter Animalie die Bühne füllt. Zu Beginn reißt sich der entlassene Chauffeur die Uniform vom Leib, prügelt den Hau den Lukas und verdirbt seiner Braut folgenschwer die Laune. Ab dann tigert er wütend und ziellos zwischen Karoline und Kleinkriminalität umher - da will einer mehr vom Leben und weiß, er wird es nicht kriegen. Musinowski macht das in einer brodelnd-ambivalenten Spielweise: Als Berserker mit angezogener Handbremse verkörpert er den Prototyp eines Wutbürgers - angetrieben von Frust, gebremst durch Ratlosigkeit. Und kommt dabei im Gegensatz zu anderen Teilen des Ensembles ganz ohne Brüllen aus.

kasimirundkaroline2 560 Thomas Aurin uKaroline (Manja Kuhl) inmitten einer Männerwelt © Thomas Aurin

Ihm gegenüber steht mit Manja Kuhl eine toughe Karoline. Als Erscheinung geradezu mondän ergreift sie Gelegenheiten, Wiesn-flirtend an höhere Schichten anzudocken. Selbst als sie schließlich halbnackt an einer Stange tanzt, lässt Kuhl ihre Karoline dies wie eine souveräne, eigene Entscheidung wirken. Im Hintergrund unterhalten sich allerdings schon die Männer, wer sie bekommt und zu welchem Preis. Einer der mitmischt ist der Angestellte Schürzinger. Paul Grill spielt ihn als rührend unsicheren Romantiker. Das unbekannte Terrain eines Flirts ertastet er sich unbeholfen - und ergreift doch die Gelegenheit, auf Karolines Kosten Karriere-Boden gut zu machen, indem er seinen Chef in Position bringt. Er bringt das Hin- und Hergeworfensein (unter dem alle leiden) mit feinen Nuancen zum Ausdruck.

Mit der Gegenwart stimmt was nicht

Die Inszenierung lässt sie zu. Puchers Figuren handeln egoistisch, wirken dabei aber, als würden ihre Absichten ihnen einfach passieren. Die Inszenierung interessiert sich vor allem für ihre Beziehungen unter den Bedingungen starken Drucks. Da wirkt selbst das Hitler-Video nur auf den ersten Blick wie ein Bruch - Pucher zeigt Szenen des im Text von 1932 bereits angesprochenen "Führers" als Familienmensch mit Eva Braun.

An weiteren Irritationen mangelt es der Aufführung nicht. Angefangen bei den Wiesenbräuten, die von Männern im Dirndl gespielt werden (und als Unterhaltungselement hervorragend funktionieren). Bis hin zur Erna, der Freundin von Kasimirs Kleinkriminellen-Bekanntschaft. Sandra Gerling spielt die eigentlich als Opferrolle angelegte Frau wie eine "Matrix"-Braut (bis hin zum Styling). Roboterhaft cool und außerhalb des sonstigen Stils des Inszenierungs-Ensembles. Dass Kasimir zwischen dieser Erna und dieser Karoline umhermäandert, verstärkt allerdings den Grundsound von Puchers Inszenierung: Mit der Gegenwart stimmt was nicht. Dazu die Zukunft vollkommen ungewiss. Das lässt sich als Parallele zwischen 1932 und 2017 durchaus vertreten - in der subtilen Stuttgarter Stück-Variante allemal.

Kasimir und Karoline
von Ödön von Horváth
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Marysol del Castillo
Video: Meika Dresenkamp, Musik: Christopher Uhe, Choreografie: Sebastian Henn
Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Peer Oscar Musinowski, Manja Kuhl, Sandra Gerling, Paul Grill, Andreas Leupold, Horst Kotterba, Felix Mühlen, Meike Boltersdorf, Réka Csiszér, Ekkehard Rössle.
Statisterie: Benjamin Stedler (Ausrufer, Sanitäter), Tristan Tornarolli (Maria), Daniel Gäfgen (Elli), Simón Pablo Rojas-Vásquez (Polizist), Alexander Wiedmann (Arzt), Jan Elm, Efe Günendi, Thanh Nhi Maisch, Daniel Stastny, Julian Tresowski, Sean Voigt, Niklas Weise, Live Kamera: Daniel Keller. Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Stefan Pucher lässt mit seiner Regie das Horváthsche Luftschiff noch höher steigen, indem er der ohnehin klitzekleinen Lovestory von Anfang an jede mickrige Hoffnung raubt", schreibt Tomo Pavlovic in der Stuttgarter Zeitung (15.5.2017). Kasimir ist bei ihm ein emotionaler Tölpel, "mehr Prolet als Proletarier". Der Regisseur konzentriere sich bei seiner kaum spielfilmlangen Inszenierung auf die Frauen, auf Karoline, "mit Veilchen unter der Sonnennickelbrille markiert sie die Duldsame, die gelegentlich Blut spuckt oder voller Ingrimm von der Revolution schwärmt. Das kommt richtig gut." Pucher haue das Seelenhack der Figuren in die Pfanne und stelle klar heraus, "worum es ihm wirklich geht: ums große Ganze". Er versucht, "jeglichen Verdacht der Oberflächlichkeit zu vermeiden", wagt am Ende aber wenig, "der Abend gerät konventionell".

"Pucher konzentriert sich aufs Politische", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (15.5.2017). Etwas schlicht und überdeutlich werfe er Bilder von Hitler an die Wand, um zu verdeutlichen, dass dass Menschen zum Faschismus neigen. "Die Freiheit, die Pucher seinen Schauspielern gibt, führt nicht unbedingt zu einem geglückten Abend", aber zu komisch, tragisch funkelnden Szenen. "Und zu schönem Kapitulieren am Ende: Videobilder der Inszenierung im Rückwärtslauf, um noch einmal nachzuvollziehen, was Kasimir und Karoline derart ruinieren konnte, klären doch nicht auf. Misstraut den Bildern!"

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kasimir und Karoline, Stuttgart: lohnt sich n und Brüche der GegenwartHans Buchhalter 2017-05-14 11:21
Endlich, seit langer Zeit, mal wieder ein Theaterstück, das den Besuch lohnt. Das mag schon einmal daran liegen, dass Horvath ein Theaterstück geschrieben hat und keinen Roman. Das mag auch daran liegen, dass der Regisseur sich an das Stück gehalten hat, dieses nicht als Material für seine unergründlichen Befindlichkeiten und Assoziationen missbraucht, sondern es leicht modernisiert, sofern das nötig ist, ihm aber seine politische Schärfe lässt.
Die Sprache ist nicht aus unserer Zeit, hat dadurch etwas distanziertes, gleichzeitig etwas direktes, fast brutales. Als es eine erste Tanz- und Singszene gibt, befürchtete ich, das Stück rutscht in den an diesem Ort so beliebten Klamauk ab, aber das war ein Irrtum. Sing- und Tanzszenen passen sich ein; auch die Videos fallen nicht aus dem Rahmen, sondern ergänzen und kommentieren unaufdringlich, was sonst so geschieht. Das Bühnenbild passt gut zum Stück, die Plastikplane, die den Bühnenraum manchmal verbirgt, verhüllt, was zu verhüllen ist – z.B. das Monstrositätenkabinett.
Dass die Schauspieler auch beweglich sind, und auf die Achterbahn klettern, erweitert das Repertoire, genauso wie der Stangentanz. Auch das gehört zum Theater. Etwas unverständlich ist, dass die Stimmen der SchauspielerInnen durch Körpermikros verstärkt werden müssen. Ist das ein Zugeständnis ans älter werdende Publikum?
Höhepunkt ist sicher die klassenkämpferische Rede der Erna (Sandra Grill), das die leider nicht im Premierenpublikum sichtbaren Stuttgarter Politiker (oder habe ich einen übersehen?) frontal angeht: Wann haben wir das das letzte Mal in dieser grünen Pietistenhochburg erlebt? (Grüne Pietisten reden vom Fahrrad, tun aber alles für die hiesige Autoindustrie.)
Auch sollte erwähnt werden, dass es möglich ist, ein Theaterstück ohne Längen in gut 1,5 Stunden aufzuführen, also ohne die Quälerei elend langer Stücke. Länge und Qualität sind keineswegs proportionale Größen...
Das Stück führt einen (neudeutsch:) Diskurs, der bei uns verloren ging, es handelt von der Beziehung Geld und Liebe, Arbeitslosigkeit, Kleinkriminalität als Form der Um- oder Rückverteilung, und der Arroganz der Justiz und Bourgeoisie in Form zweier Typen.
Ein Ausnahmestück und eine solche Inszenierung in Stuttgart; mein Verdacht ist, dass Herr Petras doch noch in guter Erinnerung bleiben möchte. Gute Unterhaltung im besten Sinne: hier lohnt sich ein Besuch.

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