Mordwaffe Buch

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Mai 2017. Meine erste Intendanz endete 1990. Diejenige Intendanz nämlich, die mich geprägt, die mich zum Zuschauer gemacht hat. Diejenige Intendanz, während derer ich erstmals das Theater als wesentliches Welterkenntnisinstrument kennengelernt habe. Es war das die Intendanz von Günther Rühle in Frankfurt, die nur eine weltgeschichtliche Nanosekunde währte – fünf Jahre, da können Castorf, Peymann und Wolfgang Bordel nur müde lachen.

kolumne 2p behrensZum Ende dieser fünf Jahre aber erschien ein Buch: "Deutsche Szenen. Schauspiel Frankfurt 1985 – 1990". Es war schmal, 120 Seiten, eigentlich eher eine DIN A4-Broschüre, enthielt wunderbare Schwarz-Weiß-Fotos der Frankfurter Schleef-Aufführungen von der legendären Theaterfotografin Abisag Tüllmann, vor allem aber kluge Texte, nicht zuletzt von Günther Rühle selbst. Die Stelle, an der mal das Preisschild klebte, kann man auf meinem Exemplar noch erkennen: Ich glaube, das Buch hat 10 Mark gekostet. Ich hüte es seit dem Erwerb wie meinen Augapfel, denn es enthält einen Teil meiner Theatersozialisation. Ich habe es nie verliehen, damit es nicht übermäßig zerfleddert. Einmal hat mich jemand gefragt, ob er aus dem Band kopieren dürfe. Kopieren!!! Mit dem Anfrager bin ich schon lange nicht mehr befreundet.

Ein paar Jahre später hat mir jemand zum Ende der Bochumer Intendanz Frank-Patrick Steckel das Grundlagenwerk "Neun Jahre Schauspielhaus Bochum. 1986 – 1995" geschenkt. Das war nun bereits zweibändig im Pappschuber, hatte ein völlig behämmertes Querformat, für das man eigens ein Regal hätte zimmern müssen, und die Fotos waren bunt. Vielleicht war mein biographischer Bezug zu Bochum einfach etwas schwächer ausgeprägt, aber mir bedeutete dieser Doppelband schon erheblich weniger. Oder lag es daran, dass hier das Repräsentationsbedürfnis den Inhalt schon etwas zu überwiegen begann?

Der Wahnsinn

Seitdem ist mancherlei geschehn, die Intendanzrückblicke aber sind immer prächtiger und voluminöser geworden. Wenn schon die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, dann muss man das halt zu Lebzeiten selbst erledigen: mit Büchern, die sich mitunter qua Gewicht und Ausstattung als Mordwaffe anbieten. Wenn man in diese Bände reinschaut, ist man indes meist nach 4 Minuten und 33 Sekunden fertig mit ihnen – es steht nix drin, und die Fotos sind – na ja. Wenn man die jeweiligen Aufführungen gesehen hat, mögen sie ja zum Erinnerungsstimulans taugen. Im Grunde aber: Papierverschwendung für Narzissten.

Doch es gibt natürlich Ausnahmen. Beziehungsweise es gibt DIE Ausnahme. Und die heißt: Claus Peymann. Der ist jetzt nicht gerade das, was man keinen Narzissten nennt, und wenn der einen Intendanzrückblick rausbringt, dann können die Gewichtheber schon einmal ihre Hanteln beiseite legen. In diesen Dingern freilich brodelt's dann auch! Jedenfalls in "Weltkomödie Österreich. 13 Jahre Burgtheater 1986 – 1999", mit dem das Genre Intendanzrückblick seinerzeit wohl den ultimativen Gipfel erreichen sollte.

Erst einmal 872 großformatige Seiten Bilder (die in den Buchklappen versteckten Bilderbögen noch gar nicht mitgerechnet), dann in einem zweiten Band 476 großformatige Seiten Chronik. Letztere sollte man nicht zur Hand nehmen, wenn man's eilig hat: In diesem Material kann man sich festlesen. Peymann stand ja in Wien gewissermaßen für Kulturkampf als Dauerzustand, und mit Dokumenten von Freund und Feind, mit Witz und Akribie wird dieser Kulturkampf in der "Weltkomödie" getreulich abgebildet. Der Wahnsinn!

Kampf gegen Windmühlen

Noch länger als an der Burg war Peymann indes am Berliner Ensemble. Was er dabei nie so richtig gemerkt zu haben scheint, ist, dass sich der Wiener Ausnahmezustand nicht auf Berlin übertragen ließ. Wenn er nun nach 18 Jahren in "Das schönste Theater. Bertolt-Brecht-Platz Nr. 1. Berliner Ensemble 1999 – 2017" seine eigene "Weltkomödie" zu plagiieren versucht, dann dokumentiert er gewissermaßen einen Kampf gegen die Windmühlen. Was weit weniger lustig zu lesen ist. Peymann bekam in Berlin Gegenwind von der Kritik, ja, aber nicht vom Publikum, das ihn eigentlich immer auf Händen trug. Was also bilden diese beiden Bände ab, die in Volumen (1200 Seiten), Farbgebung, Ausstattung und Gewicht deutlich an die "Weltkomödie" anknüpfen (und nicht 10 Mark, sondern 35, ab Juli sogar 50 Euro kosten)? Die Kritik jedenfalls nicht.

Der zweite Band mag vor allem Statistiker erfreuen, er enthält Programmzettel um Programmzettel, nebenbei ein paar lustige Begebenheiten – die Außenwahrnehmung indes ist fast komplett getilgt. Aus der Weltkomödie ist eine rein interne, eine bauchnabelnde Theaterkomödie geworden. Dass der Schleef-Fan (als welcher der Kolumnist sich zu outen nicht entblödet) nicht einmal Fakten über die letzte, krankheitsbedingt abgebrochene Inszenierung des Meisters geliefert bekommt, tut ein Übriges.

Also wuchte ich die zwei fetten Bände in mein Regal in die Abteilung "Narzisstische Schwergewichte". Und ziehe die "Weltkomödie Österreich" hervor. Und dann mein Büchlein "Deutsche Szenen" von 1990. Leider hat es doch schon ein kleines Eselsohr. Ich schlage es auf. Und sofort beginne ich zu lesen. Und lese und lese. Und bin glücklich.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 1980er und -90er Jahre.

 

Zuletzt schrieb Wolfgang Behrens über Buhs und andere Zuschauerreaktionen.

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