Du Kitsch

von Valeria Heintges

Zürich, 17. Februar 2018. Bettina Meyers Bühnenbild ist eine Wucht: ein zweistöckiges Hotelinterieur. Unten Concierge-Raum, Lounge, Esszimmer, Telefonkabine. Links und rechts führen zwei Treppen nach oben zu den Zimmern. Alles ist heruntergekommen, der Teppich fleckig, die Pflanzen trocken und verstaubt, das Telefon "verdorben", wie Kellner Max sagt. Die Wände fleckig. Nur viel Geld und viele Ideen können dieses Hotel noch vor dem Ruin bewahren. Die Zuschauer blicken von einer steilen Tribüne auf die verschwindende Herrlichkeit.

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© Matthias Horn

Das Bühnenbild beherrscht die Aufführung von Ödön von Horváths frühem Stück "Zur schönen Aussicht" im Zürcher Schiffbau. Es hat, so scheint es, Regisseurin und Intendantin Barbara Frey allerdings auch die Aussicht verstellt, denn vielmehr scheint dem Regieteam nicht eingefallen zu sein.

Korrumpierer und Korrumpierte

Was wollte es mit diesen fünf Herren, die sich im Hotel "Zur schönen Aussicht" treffen, einer so geistig und finanziell bankrott wie der andere? Am tiefsten sitzt Direktor Strasser im Schlamassel: Sein Hotel läuft nicht. Falsche Gegend, falscher Direktor, falsches Personal. Da kommt Ada Freifrau von Stetten gerade recht: Sie nimmt den Direktor, Kellner Max und Chauffeur Karl als "Sklaven", zahlt sie ordentlich und lässt sich mit Liebesdiensten vergüten. Sie ist seit Monaten der einzige Gast.

So hat man sich eingerichtet. Und kann die Vergangenheit ruhen lassen. Da gibt es einiges zu vergessen: Der Direktor war mal Offizier, der Chauffeur ist ein Totschläger, der Kellner Kleinkrimineller. Der feine Bruder der Freifrau hat Spielschulden und entpuppt sich als antisemitischer Snob. Der Spirituosenvertreter, der Autos verschiebt, hofft auf den nächsten Krieg, weil der der Jugend nur guttun könne.

Lieblose Kabale

In dieses Lügen-Milieu platzt Christine. Still und stumm und moralisch blütenrein steht Carolin Conrad plötzlich da. Vor einem Jahr hatte sie eine Affäre mit Direktor Strasser, doch auf die Briefe, in denen sie vom gemeinsamen Kind berichtet, antwortet er nicht. Er fürchtet nur die Alimente. Und so hecken die Herren (auch die Freifrau ist begeistert) die Idee aus, allesamt Christine erzählen zu wollen, dass sie sich noch gut an die Nacht mit ihr erinnern. Wer als Hure dasteht, wird nicht auf Geld pochen. Doch Christine hat geerbt und ist auf Geld nicht angewiesen. Als sie es endlich sagt, schwenken sie alle um und gestehen ihr die Liebe. Direktor Strasser versteht gar nichts mehr und wirft ihr vor: "Du wolltest als Bettelkind gefreit werden, du Kitsch!" Ja, genau, das wollte sie. Aber sie fährt alleine ab, moralisch immer noch blütenrein.

Aussicht0441 560 MatthiasHorn uEdmund Telgenkämper, Hans Kremer, Markus Scheumann (vorne), Nicolas Rosat, Carolin Conrad,
Michael Maertens © Matthias Horn
 

Was will Barbara Frey uns damit sagen? Der Mensch ist schlecht und lässt sich vom Geld korrumpieren? Die Männer rotten sich zusammen, um die Frauen auszunutzen und sie hinterher zum Schweigen zu bringen? Wahrheit kann man sich auch selbst basteln? Alles steht bei Horváth vage im Raum, nichts davon trägt aber den Abend. Zu wenig traut sich die Dramaturgie zuzuspitzen und zu akzentuieren. Stattdessen wird der Komödie von Anfang an der Stecker gezogen, keine Fallhöhe baut sich auf, von der die Herren mit ihrer mehr schlecht als recht aufrechterhaltenen Noblesse stürzen könnten.

Gute Böse

Ach ja, ein Europa-Motiv gibt es auch noch und ein riesiges Schlachtengemälde im ersten Stock. Soll dazu der Kommentar passen, der aus dem – deplatzierten – Flachbildschirm dräut, in dem sich eine Dame gegen das Schächten ausspricht, weil es gegen das Tierschutzgesetz verstoße? Man wüsste es gerne – weil genug Zeit bleibt, um verzweifelt nach Interpretationen zu suchen. Aber man findet nur über zwei Stunden gedehnte Langeweile.

Halten wir uns also an die Schauspieler. Da ist doch immerhin Markus Scheumann. Er zeigt als einziger die Untiefen des Horváthschen Textes, wenn er den Spirituosenvertreter Müller schmierig-eklig anlegt, aber ihn auch mit deutlichen Prisen von Hypochondrie, Dreistigkeit und Angst versieht. Da ist Friederike Wagner, mit wilder, grauer Wuselperücke, Leopardenleggings und Korsett überzeugend-übertrieben die alternde Freifrau, die sich mit dem Geldbeutel die Liebe erkauft und von "Sehnsucht" plappert. Und da ist Michael Maertens als Direktor Strasser, der im karierten Anzug herumläuft, das Hemd halb über dem Hosenbund, und Varianten von Heruntergekommensein und Verzweiflung zeigt. Ihm fehlt das Schillernde, das Untiefe am meisten.

Bevor Christine abfährt, öffnet sie noch die Jalousien und lässt das Licht hereinkommen. Jetzt sieht man den Dreck nur noch deutlicher.

Zur schönen Aussicht
von Ödön von Horváth
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Walter.
Mit: Edmund Telgenkämper, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Michael Maertens, Hans Kremer, Friederike Wagner, Carolin Conrad.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

Daniele Muscionico von der Neuen Zürcher Zeitung (18.2.2018) hegt einen Verdacht: "Frey will den 'zerfallenden Männern' und anderen einstürzenden Altbauten mit einer Gender-Lösung den Totalruin der Gesellschaft ersparen. Heil, natürlich – heilig wohl nicht – sei noch die Frau!" Horváths Satire sei auch deshalb ein moderner Klassiker, weil er in seinem gesellschaftlichen Experiment die ökonomische Macht, das Geld, den Frauen in die Hand gebe. "Doch der schwarze Witz dabei: Die Umverteilung des Geldes ändert im Stück zwar die Machtverhältnisse, aber nicht die Macht, die dem Geld innewohnt." Die Inszenierung finde für einsturzgefährdete Institutionen wie den Mann grausam graue Bilder. "Frei von Esprit, entkernt von jeder Leidenschaft, stinknormale maulfaule Männer. Man kann den Autor auch so inszenieren, aber warum?"

"Wenn Regisseurin Barbara Frey diesen Klassiker in Zürich vor allem deshalb inszeniert, weil sie in ihm das zerfallende Europa unserer Tage erkennt, so verlangt sie ihrem Publikum eine Menge an Übersetzungsleistung ab", findet Johannes Bruggaier von Südkurier Online (18.2.2018). "Für einen ganzen Abend mag der aktuelle Bezug zu vage, die Regieabsicht zu blass erscheinen. Doch so ist das oft bei Horváths Stücken, die einfach zu konkret in ihrem historischen Kontext verankert sind." Wenn es an Freys Inszenierung etwas über unsere aktuelle Situation zu lernen gebe, dann vielleicht das: "Wer daran gewöhnt ist, täglich schlechte Nachrichten abzuwehren, der verliert alle moralischen Skrupel."

"Horváth hat die Verhältnisse, die des Menschen Herz (ver)formen, exakt gekannt und nichts beschönigt. Und Frey kennt ihren Horváth genau." Trotzdem fühle sich manches nach perfekt durchexerzierter Etüde an, springe der Funke nicht recht über, schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (19.2.2018). In einzelnen Szenen brilliere das Ensemble, "aber insgesamt ist es, als ob Stück und Plot dem Rhythmusgefühl der Musikerin und ihrem sonst fabulösen Händchen fürs Nichtgreifbare irgendwie in die Quere gekommen seien".

Martin Halter schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.2.2018): Barbara Frey betrachte die "Schöne Aussicht" als Stück über "ein zerfallendes Europa, zerfallende Männer und den radikalen Verlust von Vernunft, Mitgefühl und politischer Vision". Als Zuschauer sehe man eine "Boulevardkomödie mit grotesken Chargen, klappernden Türen und manchmal fast valentinesken Dialogen". Eine "Nachkriegstragödie mit Gefühlsinvaliden und Seelenkrüppeln". Und einen "Horrorfilm". Freys "Gespensterkomödie", ein "Kuriositätenkabinett mit schwermütigen Chansons"sei "keine Sensation, aber auch nicht langweilig".

Andreas Klaeui sagte auf SRF 2 (19.2.2018), die Ausgrabung der "bitterbösen Komödie", bei der einem das Lachen im Hals gefriere, lohne sich. Barbara Frey interessiere sich für das Zeitlose an Horváths Figuren, sie beobachte genau, und scheue nicht vor "Verschlagenheit, Niedertracht, Kanaillen, Monster" zurück. "Sehr präzise" inszeniere sie auch die "sozialen Verwerfungen", "illusionslos und klar" sehe Horváth die Menschen, illusionslos und klar bringe Frey sie auf die Bühne.

Frey dünne "den Witz in Horváths abgründigen Dialogen aus und zeichnet ein Personal mit fragwürdiger Vergangenheit, dem jegliche Hoffnung abhanden gekommen ist", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (22.2.2018). Viel mehr tue Frey nicht, um Horváths Text zu aktualisieren. Der Anfang sei stark, aber erst gegen Ende finde der Abend diese Kraft wieder. In der Mitte, bei der Komödie, werde es klamottig. nun wird es klamottig. "Nur Markus Scheumann spielt seinen Part mit ekliger Brutalität. Da weht ein bisschen 'Me Too' herein, eisig hart."

 

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