Überall Monokulturen

von Şeyda Kurt

26. November 2019. Liebe Leser*innen! Ich suche nach Utopien der Liebe auf Theaterbühnen. Ich nehme Sie mit auf die Reise. Sie beginnt an einem Novemberabend in einer Stadt, in der vor rund neun Jahren meine frühjugendlichen Vorstellungen von Beziehung und Romantik zerschellten: in Wuppertal. Meine erste mehrmonatige Beziehung mit einem Wuppertaler endete in Tränen, dann in Ohrfeigen, das letzte Mal fuhr ich im Jahre 2011 in die Stadt, das war für eine Gerichtsverhandlung. Ich brauche also eine neue Erzählung von diesem Ort und von der Liebe sowieso, aus Berufsgründen, weil Sie ja etwas Gescheites lesen wollen in dieser Kolumne.

Im Opernhaus Wuppertal wird Pina Bauschs "Wiesenland" wieder aufgeführt. Entstanden ist das Stück ursprünglich im Jahre 2000 nach einem Aufenthalt des Ensembles in Budapest (in Koproduktion mit dem Goethe Institut Budapest und Théâtre de la Ville Paris). Vielleicht haben Sie es schon gesehen. Für die Leser*innen, die noch nicht die Chance hatten, würde ich in zwei Sätzen erklären, wovon "Wiesenland" handelt, das ist aber unmöglich. Denn "Wiesenland" ist ein wenig Folklore, ein wenig Romantik, ein wenig Erotik, ein leichtes Spiel ohne konsequentes Narrativ, das sich vor der Kulisse einer riesigen, moosbewachsenen Platte darbietet, der Wiese eben dieses Wiesenlandes, die sich in der ersten Hälfte des Stücks senkrecht über die Bühne erhebt (Bühnenbild: Peter Pabst).

Besungene Sehnsucht

In "Wiesenland" fließt alles dahin, Flüssigkeiten, Kleider und Bewegungen. Es gibt keine Statik, nur einen Fluss an Gesten und Mimiken. Die Musik ist hinreißend wie ein Wasserfall, neben englischsprachigen Popsongs spielen arabisch-andalusische Balladen von Lili Boniche oder Volkslieder von Věra Bílá auf Romani. Ich verstehe zwar kein Wort, aber ich fühle: Sie besingen die Sehnsucht.

NAC Kolumne Seyda Kurt V1So ganz stimmt das mit der fehlenden Statik in "Wiesenland" nicht, denn die gibt es doch, und zwar in den binären Geschlechterrollen. Die männlich gezeichneten Figuren stolzieren in Anzügen herum, mit hart besohlten Schuhen, klock, klock, die weiblichen hingegen schweben gerade in der ersten Hälfte des Stücks vogelgleich über die Bühne, in High Heels oder barfuß, mit wehenden Haaren und Satinkleidern. Eine der Tänzerinnen stellt sich an den Bühnenrand und fragt ins Publikum: "Liebst du jemanden? Jaaa? Ich auch! Seeeehr!"

Ich wünsche mir an diesem Dienstagabend im Opernhaus seeeehr schnell, dass diese trügerische Harmonie und mit Geschlechterklischees beladene Fassade zu bröckeln beginnt, denn, das ahnt man schon, es ist nur eine Fassade. Die Charaktere auf der Bühne bleiben blass, es geht nicht um konkrete Beziehungsdynamiken, es geht um die kollektive Praxis und Ästhetik der Liebe – das sich Bekriechen, sich Begehren und sich Betanzen –, die dann allmählich doch zu zerfallen beginnen. Ein Beispiel: In der Eröffnungsszene des Stücks sitzt eine Tänzerin in einer kleinen Wanne, ein Tänzer begießt ihr Haar mit Wasser. Das, was hier beinahe eine erotische Spannung erzeugt, wird im Laufe des Stücks immer wieder kollektiv überzeichnet, irgendwann stehen die Tänzer*innen paarweise da und alle Männer begießen alle Frauen mit Wasser. Die Szene wirkt nun grotesk. Auch das Sprechen über Liebe wird zum Phrasendreschen: "Ich wäre gerne ein Engel", ruft die Tänzerin am Bühnenrand, "ich will über die Wiese laufen".

Gezeigt wird nur, was sowieso gezeigt wird

Liebe Leser*innen, lassen Sie uns "Wiesenland" auf der Suche nach neuen Visionen der Liebe eine Chance geben und als eine Reflexion der Repräsentationen von Zärtlichkeit betrachten – vor allen Dingen geschlechtlich, etwa weiblich codierter Zärtlichkeit. "Ich bin durch die Wiese gerannt", ruft die Tänzerin, "ich habe immer gelächelt". Warum wird vermeintlich weibliches Begehren oftmals so schrecklich lebensbejahend und behutsam dargestellt? Reicht es, diese Klischees zu parodieren, um sie zu zerlegen?

Weiblichkeit oder Geschlechtlichkeit als solche sind zu vielfältig, als dass man sie adäquat darstellen könnte. Doch Theatermachende könnten sich in diesem Falle etwa dazu entscheiden, dies jenseits einer Demarkationslinie zu tun, die ungebrochen wiedergibt, was in der Regel alles zu einem weiblichen Begehren und dem damit verbundenen Habitus gezählt wird. Viel spannender ist doch etwa, was gesellschaftlich nicht als zugehörig, nicht als genuin weiblich markiert wird, nicht nur inhaltlich, sondern auch auf Ebene der Repräsentation auf der Bühne. In "Wiesenland" gibt es offenbar keinen Raum für die Weiblichkeit und das Begehren von trans Frauen sowie innerhalb von bi- und homosexuellen Konstellationen. Dabei sagt das, was diskursiv ausgeschlossen wird, mehr über die Gesellschaft aus, als das, was sie abbildet. Das Stück "Wiesenland" zeigt nur, was sowieso gezeigt wird.

Stellen Sie sich außerdem vor, die repräsentierten Paarkonstellationen auf der Bühne wären nicht ausschließlich binär gewesen, nicht nur in Mann-Frau-Charakteren gedacht und heterosexuell gezeichnet, was übrigens von jedem Stück in jedem Falle zu wünschen wäre. Wie viel stärker hätte ein Zusammenspiel aller Figuren entlarvt, dass das, was wir unter den Riten der Liebe verstehen, gesellschaftlich konstruiert ist, dass sie nicht zur Natur von Frau- oder Mannsein gehören, sondern zur Kultur aller Menschen werden, die in dieser Gesellschaft mit ihnen in Berührung kommen. Und dass diese Riten deswegen veränderbar sind.

Die Wiese muss gemäht werden

Diese verdammten Binaritäten, von denen werden Sie in dieser Kolumne noch öfter lesen. Die bereiten mir Bauchschmerzen. An diesem Abend im Opernhaus jedoch vergesse ich sie für einen Moment, als das Publikum stehend applaudiert, die Tänzer*innen sich verneigen, ich ergriffen bin von der Schönheit des Spiels, eine Träne verdrücke und mit Wuppertal Frieden schließe. Sei’s drum, denke ich, ich habe nichts über Utopien der Liebe gelernt, aber über die Sehnsucht nach ihr. Ich habe nicht erfahren, was uns auf der verheißungsvollen Wiese erwartet, aber dass es sie gibt.

Später, schlaflos im Bett, kehren die Bauchschmerzen zurück und ich werde wütend auf mich selbst. Beinahe hätte ich mich mit dem Gefühl der Sehnsucht zufrieden gegeben, der Vorstellung eines Sehnsuchtsorts, besungen und betanzt mit schmerzvoller Musik und dem unbändigen Fluss an Gefühlen, den Kleidern und wehenden Haaren. Dabei sind Sehnsuchtsorte eine Kapitulation vor dem Jetzt, sie sind keine Utopien, sondern lediglich Exotik, leere Versprechungen. Utopien hingegen sind radikale Transformationen des Gegenwärtigen. Nein, ich will keine Wiese. Ich will eine Agrarrevolution. Willkommen in Utopia.

Şeyda Kurt ist Autorin und Moderatorin. Sie studierte Philosophie, Romanistik und Kulturjournalismus in Köln, Bordeaux und Berlin. In ihrer Kolumne ❤️topia begibt sie sich auf die Suche nach Utopien der Liebe auf der Bühne: Was erzählt uns das Theater über Zärtlichkeit? Und wo bleiben neue Visionen von Romantik, Freund*innenschaft und Solidarität?

 
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