Häuflein klein im Saale sein

von Wolfgang Behrens

30. Juni 2020. Als ich noch ein Kritiker war, vor gut drei Jahren ungefähr, meldeten einige deutsche Tageszeitungen ein Ereignis, das sie selbst einen Tag zuvor der italienischen Presse entnommen hatten und dessen Symbolkraft damals noch gar nicht abzuschätzen war. Demnach war der Schauspieler Giovanni Mongiano – dem Vernehmen nach ein verdienter Pirandello-Mime – bei einem Gastspiel in der lombardischen Kleinstadt Gallarate kurz vor der Vorstellung informiert worden, dass kein Zuschauer erschienen sei, und auch keine Zuschauerin. Mongiano aber nahm sein Herz in beide Hände und spielte trotzdem: vor einem leeren Saal, nur die Regieassistentin und die Kassendame schauten zu (letzteres immerhin scheint mir nicht unwichtig, denn wenn die Kassiererin, wie man annehmen darf, vom örtlichen Theater gestellt wurde, so war zumindest ihr Mongianos Monolog noch unbekannt).

Anspielen gegen die Angst vor dem leeren Saal

Für die Theater, die sich in den letzten Wochen trotz der momentan geltenden hygienischen Auflagen zum Spielen entschlossen haben, ist der leere Saal zur Normalität geworden. Je drei leere Plätze und zwei Reihen Abstand zwischen den einzelnen Zuschauer*innen führen zu der paradoxen Situation, dass die Aufführungen ausverkauft, aber nicht voll sind. Was zwangsläufig zu veränderten Publikumsdynamiken führt: Das ansteckende Lachen zum Beispiel ist derzeit gemeinsam mit anderen Ansteckungsgefahren aus den Theatersälen verbannt, übrig bleibt ein punktuelles Kichern oder Meckern.

Dabei sind leere Theatersäle natürlich kein neues Phänomen. Kritiker*innen erleben sie zwar eher selten, da sie ja von einer zum Bersten gefüllten Premiere zur anderen eilen, doch wer je unpopuläre Stücke oder Inszenierungen in einer Repertoirevorstellung gesehen hat, vielleicht noch gar in der sogenannten Provinz, der weiß, welche Anstrengungen es von den Künstler*innen erfordert, gegen den horror vacui anzuspielen. Vor dem leeren Saal lässt sich Haltung lernen.

Was das Publikum auf sich nimmt

In einer im Jahr 2000 gehaltenen Vorlesung an der Universität der Künste berichtete der Regisseur Einar Schleef, wie er Mitte der 1970er Jahre mit Freunden nach Wuppertal gereist sei, um eine der Tanztheater-Aufführungen von Pina Bausch zu besuchen. Zur Überraschung Schleefs waren so wenige Zuschauer*innen erschienen, dass die Einlasserin, eine – wie Schleef sich erinnerte – kleine und zarte Frau, jede*n herzlich per Handschlag begrüßte.

17 Kolumne behrens k 3PAm Ende feierte das Häuflein klein im Zuschauersaal den Abend enthusiastisch, und auch die Einlasserin verbeugte sich. Es war Pina Bausch. Der quantitativ so magere Zuspruch zu ihrer Choreografie konnte sie in keiner Weise beirren. Einar Schleef wusste später selbst ein Lied davon zu singen, denn wenn der erste Skandal einer seiner raren Inszenierungen verpufft war, konnte es schon einmal vorkommen, dass der bei ihm notorische Riesen-Sprechchor auf der Bühne vielköpfiger war als das Publikum im Parkett.

In den 1990er Jahren sollen sich einmal vier Schauspieler*innen durch ein fast undurchdringliches Schneechaos (die Älteren unter uns wissen noch, was Schnee ist) zu einer Repertoire-Aufführung von Patrick Marbers "Hautnah" gekämpft haben. Wie durch ein Wunder kamen alle vier rechtzeitig an, allerdings hatten es auch nur zehn Zuschauer*innen geschafft. Drei der Darsteller wollten daraufhin die Vorstellung ausfallen lassen, woraufhin der vierte (derjenige, der mir diese Anekdote überliefert hat: mein derzeitiger Intendant Uwe Eric Laufenberg) sie angeherrscht hat: "Wisst ihr, was diese zehn auf sich genommen haben, um uns zu sehen? Und ihr wollt sie nach Hause schicken?" Die Vorstellung fand statt.

"Ich bin hier, und ich möchte die Aufführung sehen"

Was uns zurück zu Giovanni Mongiano bringt. Im Interview hatte dieser einer italienischen Zeitung bekannt, dass ihm das in Gallarate Erlebte nicht unvertraut war. Als junger Schauspieler war Mongiano einmal von einem Kulturhaus in einem Stadtteil Turins für einen Monolog gebucht worden. Er fand dort aber als Publikum nur den Bibliothekar vor ("il bibliotecario", wunderbarerweise verwendet Mongiano den bestimmten Artikel!), und Mongiano gab ihm zu verstehen, dass er unter diesen Umständen nicht auftreten werde. Der Bibliothekar jedoch sagte: "Nein, ich bin hier, und ich möchte die Aufführung sehen." ("No, io sono qui e lo spettacolo lo voglio vedere.") Mongiano spielte.

Diesen Bibliothekar sollten die Theaterschaffenden immer vor Augen haben. Denn das Schlimmste ist nicht, wenn mal zu einer Vorstellung nur wenige oder keine Zuschauer kommen. Das Schlimmste ist, wenn ein Zuschauer da ist, aber das Theater ist weg.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt warf sich Wolfgang Behrens für Theater als Live-Erlebnis in die Bresche.

 
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