Endstation Sinnsucht

15. November 2021. Jon Fosse ist zurück! Sieben Jahre nachdem er sein letztes Theaterstück geschrieben zu haben verkündete, wendet sich der Ibsen-Preisträger mit "Starker Wind" erneut dem Theater zu. Die Deutschsprachige Erstaufführung besorgt Jossi Wieler am Deutschen Theater Berlin.

Von Elena Philipp

15. November 2021. Ein Mann steht am Fenster. Und sinniert. Ist es das Fenster, aus dem er immer herausschaut, seit vielen, vielen, ja, viel zu vielen Jahren? Oder ist es ein ganz anderes Fenster? – Ist es egal, welches Fenster es ist, oder hat das eine Bedeutung? Ja, "was bedeutet überhaupt irgendwas"?, fragt sich dieser "Mann", dem Ibsen-Preisträger Jon Fosse sein neues Stück "Starker Wind" widmet. Von einer langen Reise ist der Protagonist zurückgekehrt, so wie Jon Fosse nach längerer Abwesenheit ans Theater. Und statt dass seine Frau auf ihn wartete wie Penelope auf Odysseus, hat sich die Angetraute einen anderen, jungen Mann in die neue Wohnung geholt. Drei sind einer zu viel. Wer von ihnen muss gehen?

Verabschiedung des AWM?

Bevor dieser Kammerspiel-Plot abläuft, schickt Fosse seinen Protagonisten auf eine philosophische Sinnsuche. Auf den ersten sieben des nur 37 Seiten langen Textes ergründet "der Mann" seinen Zugang zur Welt. Befragt das Sehen, das Sein, sein Denken und sein Ich, das in die Welt blinzelt, ohne dass diese zurückblickte. "Das Einzige das es gibt / jedenfalls für den Menschen / ist also ein Jetzt / das so kurz ist es ist vorbei / bevor es gedacht ist ...". Heureka! Erst nach dieser bahnbrechenden Erkenntnis tritt dem Mann die stückimmanente Welt auch wirklich vor Augen: "Und ich sehe eine Wohnung … Ich bin in dem einen Zimmer … Und da ist auch meine Liebste". Alas.

Ziemlich langer Anlauf für eine schnöde Dreiecksgeschichte am Deutschen Theater Berlin. Denn all die philosophischen Anspielungen, die in Fosses Text anbranden wie Hochseewellen, verlaufen letztlich im Sand. Weinerlich wirkt sein Protagonist und vorhersehbar läuft alles auf seinen tiefen Fall zu, der, das sei verraten, als realer Fenstersturz endet. Fosse kommt hier sehr deutlich von Beckett, von Ionesco und Sartre her. Von Ibsen und dessen messerscharfen Analysen bürgerlicher Befindlichkeiten eher weniger – hier wird nur noch eine Schwundstufe der vormals als Bürgertum bekannten Schicht vorgeführt. Fosses Dreiecksgeschichte fehlen neben der Spannung eines Thrillerplots allerdings auch die Ironiemarker, so dass man "Starker Wind" nur mit Mühe als zeitgeistige Verabschiedung des AWM, des derzeit oft gescholtenen "Alten Weißen Mannes", lesen könnte.

Des angestammten Platzes verlustig

Krachend komisch hätte man diesen Fosse vielleicht trotzdem inszenieren können, aber dazu hätte man vom Text so viel Abstand nehmen müssen wie dieser von seiner armwürsteligen Hauptfigur. Kann ein Autor bei der Rechtevergabe verlangen, dass sein Text nicht angetastet wird? Erst im September wurde "Starker Wind" in Oslo uraufgeführt, das DT hat die Rechte an der Deutschsprachigen Erstaufführung vermutlich weit vorher erworben. So gut wie ungekürzt muss den Einstiegs-Monolog jedenfalls DT-Schauspieler Bernd Moss aufsagen. Rot beanzugt, lehnt er lässig in seinem Sitz in Reihe 10, schaut aus dem Zuschauerraum der Kammerspiele auf das Publikum herab, das in Jossi Wielers Inszenierung auf der Bühne platziert ist. Und wirkt wie ein auftrittsgestählter Profi-Intellektueller, der seine Zuhörer:innen in Bann zu schlagen gewohnt ist, aber auf für ihn verstörend wenig Resonanz trifft.

StarkerWind1 1200 Arno Declair uKollektive Ratlosigkeit im Parkett der Kammerspiele  © Arno Declair

Für die ersten Minuten schwingt hier eine vielversprechende zweite Ebene mit: Räsoniert bei Wieler neben der Figur des "Mannes" auch ein Schauspieler über seinen Beruf, den er schon "viel zu viele Jahre" ausübt, immer mit Blick auf die Bühne als Rahmen (s)einer Welt? Auf die Zuschauer:innen, die ihres angestammten Platzes verlustig gegangen sind, so wie er? Nichts da. Auch diese Spur verläuft im Sand. Der Text ist aufs Gleis gesetzt. Und wie der Waggon den Schienen einer Geisterbahn folgt ihm die Inszenierung, die zudem das angedeutet Philosophische ignoriert und sich ganz dem Psychologischen zuwendet.

Kein Funken Ewigkeit

Gepflegter Grusel ist das Ergebnis. Während die Mikroport-verstärkte Tonlage der drei Spieler:innen unaufgeregt bleibt, die Körperhaltungen betont unterspannt, toben mimisch die Emotionen. Bernd Moss’ "Mann" versucht die Contenance zu wahren und gerät doch ins Schwitzen. Maren Eggerts sehr aufrechte, sanft-stolze "Frau" rollt mit den Augen, wenn der "Mann" sich in seinen Suaden verliert, und legt ermattet die Stirn in ihre Hand, wenn Max Simonischeks naiver "junger Mann" über ihren Kopf hinweg vorschlägt: "Aber können wir sie uns nicht teilen / Ziemlich kurze Pause / Ja können wir nicht abwechselnd / mit ihr schlafen". Verschachern lässt sie sich nicht, sie hat ihre Wahl getroffen, neben Moss’ Verzweiflung und Simonischeks Schluff wirkt Eggerts "Frau" als einzige Figur ganz klar. "Geh jetzt", fordert sie den Mann auf mit einem der wenigen Sätze, die sie spricht. Der will lang nicht verstehen, klammert sich an das Gewesene.

Weil das allein nicht trägt auf dem Theater, hat Jossi Wieler (oder haben alle zusammen) zwei abstrahierte Liebesszenen hinzu erfunden. Als der Mann seine Frau bei der innigen Begegnung mit dem Nebenbuhler beobachtet, gefangen in der Wohnung wie die Gestalten in Buñuels "Würgeengel", dreht sich die Bühne um 180 Grad und das Publikum blickt auf eine grellgrüne Kletterwand, der Eggert und Simonischek sich in prekären Posen anschmiegen. Eine ähnlich bizarre Choreographie markiert den Schluss, als sich die Bühne erneut von Moss wegdreht und die beiden sich mit grüner Farbe beschmieren, zärtlich bis aggressiv. Bis Moss seine letzten Worte spricht, auf dem Gitter weit oben über dem Bühnenboden liegend wie ein verrenkt Gefallener. Auch alles Wohlwollen mobilisierend: Die Rückkehr des Ibsen-Preisträgers aufs Theater ist ein trauriges Turnstück. Und schlägt keinen Funken Ewigkeit.

 

Starker Wind
von Jon Fosse
Regie: Jossi Wieler, Bühne & Kostüme Teresa Vergho, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Maren Eggert, Bernd Moss, Max Simonischek.
Premiere am 14. November 2021
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

"Theaterstück für diese handlungsarme Meditation ein großes Wort ist. Ehrlicherweise nennt Fosse seinen knapp 40-seitigen Text ein 'szenisches Gedicht'", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (18.11.2021). Jossi Wieler, ein genauer Leser und großer Könner der subtileren Theatersprachen, hat inszeniert, aber "sowohl die hilflosen Ausbrüche des Verlassenen als auch die Intimitätsbeweise des neuen Paares samt neckischem Kleidertausch wirken etwas müde und resigniert, wie ein Leidenschaftsremake und das Echo längst vergangener Schlachten." Fazit: "Nicht abendfüllend ist, nicht einmal bei einem 70-Minuten-Abend", der sich im letzten Drittel versucht, in Albernheiten zu retten.

Der sensible Meister der Zwischentöne und Traumtänzer Jossi Wieler bringe selbst dieses so kurze wie bemühte Stück zum Schwingen und Funkeln, findet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.11.2021). "Seine Regie rettet dieses dünne Textlein, an dessen literarischem Stil die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist", und Maren Eggert, Bernd Moss und Max Simonischek machen daraus trotzdem ein eindrucksvoll polyphones Kammersprechtrio: "Hat nichts zu sagen, klingt aber gut".

"Es ist eine masochistische Männerfantasie, was der 62-jährige Jon Fosse da ausbreitet", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (16.11.2021). "Dieser 'Er' scheint autobiografische Züge zu tragen, wie viele Bücher der erfolgreichen norwegischen Literaten (...) Ein Hang zur Penetranz lässt sich nicht leugnen, und meist geht es in dieser späten Heldenliteratur auch um den Mann, den alternden weißen, den Sex und andere verlockende Pleiten." Für Fosses Verhältnisse sei "Starker Wind" ein relativ wortreicher, ja geschwätziger Text. Regisseur Jossi Wieler und Ausstatterin Teresa Veergho haben sich dazu einfallen lassen, das Publikum auf die (Dreh-)Bühne zu setzen. Fazit: "Ein verkopftes, ungereimtes Kammerspielchen."

"Noch handlungsärmer als früher wirkt dieses sehr eindimensionale Selbstgespräch, das allein die Perspektive des betrogenen Mannes beleuchtet", so Barbara Behrendt im rbb (15.11.2021). Jossi Wieler treibe den Text ins Grotesk-Surreale, "unterlegt ihn mit einem unheimlichen Rauschen des Windes und findet mitunter eindrückliche Bilder". Letztlich isei alles aber so sehr im lyrischen Stillstand festgefroren, dass es auf der Bühne wie eine verrenkte Kunstanstrengung wirkt. "Oder ist die Zeit für diese Art des philosophischen Theaters aus männlichem Blick schlicht vorbei?"

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Starker Wind, Berlin: KaltschnäuzigkeitIbsen 2021-11-15 09:34
Wer von Fosse Ironiemarker und Thrillerplot erwartet, kennt den Autor nicht. Warum schickt man eine Kritikerin in eine deutsche Erstaufführung, wenn diese nicht bereit ist, sich auf den Autor einzulassen? Diese Kaltschnäuzigkeit der Kritik macht mich wirklich sprachlos.
#2 Starker Wind, Berlin: VerwandtschaftAlso 2021-11-15 12:41
Also man hätte ja schon mal erkennen können, dass dieser Plot ziemlich ziemlich große Ähnlichkeiten mit "Die Nacht singt ihre Lieder" desselben Autoren aufweist, übrigens schon grandios als Film adaptiert von Romuald Karmakar.

de.m.wikipedia.org/wiki/Die_Nacht_singt_ihre_Lieder
#3 Starker Wind, Berlin: HanebüchenMICHAEL LAAGES 2021-11-16 00:48
... was für ein hanebüchen modischer unfug, in diesem stück irgendwelche echos der unseligen AWM-debatte, ironie-marker oder dergleichen zu suchen ...

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