Mit dem Bier in der Faust

von Wolfgang Behrens

Berlin, 14. Dezember 2009. Er ist dem Theater abhanden gekommen. Vorbei die Zeiten, da man gerüchteweise aus der Bochumer Schauspielhauskantine von freundschaftlichen Prügeleien des Intendanten mit seinen Regisseuren vernahm. "Viel Spaß" hieß damals das Motto, an dem er – der Regisseur der leichten Hand – bald schwer zu tragen hatte. Doch hat man je wieder komischere Handwerkerszenen gesehen als in seinen "Sommernachtstraum"-Inszenierungen? Und je wieder jugendlich verliebtere Romeos und Julias?

Irgendwann war es ihm genug: Nach gut 60 Inszenierungen wollte er das Publikum "nicht mehr mit müden, zynischen Wiederholungen meiner Ideen belästigen". Er war froh, "nicht mehr fassbar, nicht mehr in dieser 'Theater heute'-Mischpoke" zu sein. Mit einer "Sturm"-Inszenierung am Berliner Ensemble – "eine verheerende Erfahrung", wie er durchblicken ließ – nahm er 2003 Abschied. Und machte fortan Filme.

Der kleine Herr Lehmann
Nun aber hat sich Leander Haußmann wieder einmal ans Theater gewagt. Mit allen Vorsichtsmaßnahmen. Er hat "nur" mit Studierenden der Ernst-Busch-Schauspielschule Berlin probiert, und er hat – dem Programmzettel zufolge – nicht Regie geführt, sondern szenisch eingerichtet. Und auch das nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem Autor der Romanvorlage, mit Sven Regener. Eine Premiere sollte es nicht geben, also nennt man das, was da am bat-Studiotheater stattfand, "erste Aufführung". Von letzterer wiederum war gar nicht so leicht zu erfahren, der allfällige Medien- und Ankündigungsrummel blieb aus. Voll wurde es trotzdem.

Gespielt wird "Der kleine Bruder". Es handelt sich dabei um ein Prequel zu dem erfolgreichen West-Berlin-der-80-Jahre-Mauerfall-inbegriffen-Roman "Herr Lehmann", mit dem der Element of Crime-Sänger Sven Regener 2001 die literarische Bühne betrat und den – wer wohl? – natürlich Leander Haußmann verfilmt hat.

"Der kleine Bruder", im vergangenen Jahr erschienen, führt uns zurück ins Jahr 1980, in dem der 19-jährige Frank Lehmann aus Bremen nach Berlin-Kreuzberg reist, um in die WG seines großen Bruders einzuziehen. Er trifft dort auf alle möglichen Leute – auf Künstler und Pseudo-Künstler, auf Punks und Pseudo-Punks, auf Spät-Hippies und Kneipiers –, nicht jedoch auf den, den er eigentlich sucht: auf seinen Bruder.

Dosenbier statt Schultheiss-Flaschen
Der schmale Plot bietet immerhin üppigen Raum für Dialog, oder vielleicht treffender: für Gelaber. Was sich im Roman indes ziemlich redundant liest, das entfaltet auf der Bühne schnell charakteristischen Witz. Und das nicht zu knapp. Der Regisseur, pardon!, der Einrichter Haußmann erweist sich als ein Meister der Dialogregie, die Pointen prasseln so beiläufig wie treffsicher, die Zäsuren sitzen, das Tempo stimmt.

Haußmann, Regener und ihr spielwütiges Ensemble führen vor, wie man mit gutem Timing und wenigen Mitteln enorm komisches Theater machen kann. Dabei widerstehen sie ganz bewusst der Ausstattungsorgie und verweigern auf diese Weise westalgische Wiedererkennungseffekte – was bei Schauspielern, die zum Zeitpunkt der erzählten Handlung noch einige Jahre lang ihrer Geburt entgegen harren durften, nur natürlich erscheint.

Keine historischen Schultheiss-Flaschen also, keine Original-Punk-Accessoires, kein 80er-Jahre-Ambiente – stattdessen tun's auch ein paar Stühle, ein runder Holztisch und Warsteiner-Dosen: Black, Stühlerücken, neue Szene. Ein Erzähler (Arndt Wille), der mit staunend aufgerissenen Augen und ausholenden Gesten das banale Geschehen herrlich ironisch überhöht, hält das Ganze zusammen.

Simpel, aber wirksam
Alle Darsteller bleiben dabei immer auf der Spielfläche, um fallweise als Masse eingreifen zu können. In wundersam beweglichen Ballungen verwandeln sie einen einzigen Quadratmeter Bühne in eine völlig überfüllte Kneipe, durch die sich die Protagonisten drängeln, oder sie mimen als stetig wachsender Chor die besorgt aus Bremen anrufende Mutter, gleichsam ein in seiner Bedrohlichkeit anschwellendes Über-Ich.

Die szenischen Einfälle sind so simpel wie wirksam: In dem Punk-Schuppen "Honka" etwa dröhnt überlaute Musik, die der Zuschauer jedoch nicht hört, sondern nur erschließt, da sich die Figuren mit zum Trichter geformten Händen ins Ohr brüllen.

Und auch wenn der Produktion nach der Pause streckenweise ein wenig der Turbo zu stocken scheint (ein übrigens häufiges Phänomen im komischen Genre, vielleicht geht auch einfach dem Publikum die Puste aus): Wer derzeit in Berlin Komödie sehen will, der wird wohl nirgends besser bedient. Das allerschönste Schauspiel aber spielt sich bei der Premiere, sorry!, bei der ersten Aufführung links vorne vor der Bühnenfläche ab. Da sitzt Leander Haußmann in der ersten Reihe, ab und an steht er auf und lehnt sich – eine Dose Warsteiner in der Faust – an die Seitenwand. Wie ein U21-Nationaltrainer geht er mit seinen Schauspielern mit. Und lacht. Und lächelt. Und ist glücklich.

In diesen Momenten steht es außer Zweifel: Haußmann liebt das Theater. Fragt sich nur: Liebt es ihn zurück? Wenn ja, dann könnte es einen Regisseur zurückgewinnen, dessen handwerkliche und komödiantische Qualitäten mittlerweile Seltenheitswert besitzen.

 

Der kleine Bruder
von Sven Regener
Szenische Einrichtung: Leander Haußmann, Sven Regener, Assistenz: Nina
Hellmuth. Mit: Arndt Wille, Thomas Halle, Julian Keck, Tom Radisch, Sergej Lubic, Aenne Schwarz, Anjo Czernich, Marco Portmann, Peter Miklusz, Mathias Renneisen, Martin Aselmann, Maria Wardzinska, Jonas Anders, Juliane Lang, Anna-Maria Hirsch.

www.bat-berlin.de


Als Leander Haußmann 2003 seinen vorläufigen Abschied vom Theater nahm, gab es nachtkritik.de noch nicht. nachtkritik.de gibt es seit Mai 2007. Worüber wir bislang berichtet haben, finden Sie im Archiv und in unserem Glossar.

 

Kritikenrundschau

Das "Freiheits- und Untergrundlebensgefühl des eingemauerten Kreuzbergs jener Jahre", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (16.12.), sei ja ein "Sprücheklopftheater" gewesen. Haußmann bringe "dieses sympathisch verkorkste Verschwörungs- und Abgrenzungstheater, schärfer noch als der Roman, in einer flott ironischen Spielimprovisation auf den Punkt: Türrahmen bilden die Hauptrequisite des Durchblicker-Abends". Trotzdem ist sie damit nicht glücklich geworden. Es herrsche ein "salbungsvoller Predigerton", alle tragen "leider viel zu dick" auf, und dahinter würden "Lehmann und sein lakonischer Witz" verschwinden.

Im rbb Kulturradio (15.12) äußert sich Frank Dietschreit durchaus angetan. Regener und Haußmann zeigten das "liebevoll-ironische Porträt der Banalitäten und Selbstverliebtheiten der West-Berliner Alternativ-Szene" als "wüste Persiflage und turbulente Komödie". Ganz offensichtlich sei zwischen den beiden Einrichtern und den Schauspielstudenten "der Funke übergesprungen". Sie spielten einfach "drauflos": "Sie nehmen den Roman auf die Schippe, sie veralbern den Sound der 80er Jahre, sie sind urkomisch und darstellerisch großartig. Vor allem Tom Radisch als Kunstberserker und Kampftrinker Karl Schmidt ist grandios; auch Aenne Schwarz als salopp schwäbelnde Chrissie ist umwerfend komisch, und Thomas Halle als naiv-sympathischer Frank Lehmann ist eine Entdeckung." Allerdings ginge es letztlich "um rein gar nichts": "Das West-Berlin, wie es Sven Regener erfindet und die Inszenierung uns weismachen will, hat so nie existiert."

 

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