Und Wirrnis wird sein auf Erden

von Dirk Pilz

Berlin, 7. Oktober 2010. Das soll jetzt aber kein Beitrag zur Religionsdebatte sein, oder? Dann nämlich böte dieser Abend reichlich Anlass, in Depressionen zu verfallen, so erschütternd grobschlächtig und, sorry, naiv wie er ist.

Man mag ja an der Lern- und also Denkfähigkeit des Menschen zweifeln, gerade im Blick auf die derzeitigen Debatten um den sogenannten Dialog der Religionen und die "christlich-jüdisch-abendländischen Wurzeln" des Westen, die ausgerechnet jene beschwören, die sonst von Wurzeln nichts, aber alles von "freien Märkten" halten. Und wenn diese sogenannten Religions- und Integrationsdebatten etwas gezeigt haben, dann dies, dass es offenbar vonnöten ist, wieder ganz von vorn anzufangen, zum Beispiel bei der eigentlich banalen Feststellung, dass Religionen sich nicht über den einen Begriffskamm scheren lassen und sie immer eine subjektive, private und eine objektive und darin auch öffentliche Seite haben.

Es riecht nach Wald

Dennoch aber gibt es, möchte man meinen, von den Vorsokratikern bis Jürgen Habermas oder meinethalben auch Peter Sloterdijk gewisse Standards des Religionsdiskurses. Und bislang hat es sich noch nicht als sinnreich erwiesen, sie zu unterschreiten. Auch dieser Abend vermag nicht davon zu überzeugen, dass mit dem bloßen Ausstellen der Verschiedenheit oder Gemeinsamkeit religiösen Empfindens irgend etwas Relevantes gesagt sei. Nehmen wir also lieber an, diese Inszenierung von Michael Ronen, Bruder der Regisseurin Yael Ronen, hat mit Religion oder Integration gar nichts zu schaffen.

Die Frage ist nur: Was soll diese Veranstaltung dann?

Im Ballhaus Naunynstraße sind Kiefern aufgebaut. Es riecht nach Wald und Wanderstiefeln. Oben rechts thront ein Musiker, das ist Bob. Unten hocken auf Autoreifen, Baumstümpfen und Schlafsäcken sechs Menschen vor einem Maschendrahtzaun im Wald. Sie warten auf Adam Spielmann. Adam Spielmann ist, wie es in diesem von Hakan Savas Mican und dem Ensemble entwickelten Stück heißt, der "neue Messias". Der neue Messias ist ein Jude aus Detroit, der offenbar vom Heroin nicht lassen konnte, bevor er verschwand und den Menschen eine Prophezeiung hinterließ.

Ficken und gefickt werden

In ihr geht es um eine Atombombe in Jerusalem, "explodiert wie ein Fluch auf der Erde", der einen neuen, vermutlich finalen Krieg mit Iran und Ägypten und schließlich auf der ganzen Welt entfacht, ein Krieg, der ausbricht "wie ein teuflisches Pferd". Auf diesen Messias also warten diese sechs Menschen.

Er soll aus dem Wald kommen. Und während sie warten, erfahren wir allerlei über ihre Identitäts- und Religionsnöte. Es gibt da einen Türken aus Baden-Württemberg, der nicht recht weiß, ob er Baden-Württemberger oder Türke ist. Es gibt eine jüdische Israelin, die auch Deutsche ist. Es gibt einen deutschen Schwulen, der offenbar gern Jude wäre und später als Nazi und Holocaust-Beteiligter auftritt, der von sich behauptet, ein "Polacke" zu sein. Alexander der Große, ein sprechender Tiger und der "Arab of Detroit" spielen auch eine Rolle. Dieser "Arab of Detroit" muss sich von Adam, bevor er zum Propheten und Messias wurde, anhören, dass Detroit eine Stadt ist, wo "die Gefickten gefickt" werden und "die Ficker ficken". Das ist schlimm.

Ein großes, grobes Fragezeichen

Schlimm aber ist für den Betrachter dieser Theatervorstellung vor allem, dass alles, was hier binnen anderthalb Stunden geschieht, gespielt und gezeigt wird, nichts anderes als schlimmstes Verwursten von bedenkenlos hingewürfelten Identitäts-, Religions- und Kommunikationsproblemversatzstücken ist. Jedes herumliegende Religions-, Identitäts- und Kommunikationsproblemversatzstück wird zu einem einzigen wirren Gedankenbrei verrührt. Nichts wird deutlich, nirgends werden Konflikte und Figuren auch nur greifbar, was freilich ganz und gar nicht an den Schauspielern und auch nicht in erster Linie an der Regie, sondern an der Stückvorlage liegt. Sie ist das Zeugnis einer verheerenden Wirrnis.

Im besten Falle könnte man dies als ein Eingeständnis nehmen: Was Religionen trennt und vereint, was Identitäten kennzeichnet und Dialog ausmacht, wird hier mit einem großen, groben Fragezeichen versehen. So viel Wirres in solch gutmenschelnder Drauflosdramatisiererei ist jedenfalls selten.

Schlamm- und Seichtgebiete der Religionsdebatte

Am Schluss trägt Bob, der Musiker, einen Song vor. Darin heißt es: "I talk about the inner Other hiding inside you. And the name I give the Other is a Jew." Es endet mit dem Aufruf: "Bring out your Jew!". Das innere Andere in uns ist ein Jude, den es herauszubringen gilt. Das innere Andere in uns ist ein Jude? Dazu möchte man lieber schweigen. Denn in welche Richtung man es auch zu Ende denkt, man gerät in die Schlamm- und Seichtgebiete einer Religionsdebatte, die in dieser Weise zu führen keinen Sinn ergibt.

Tun wir lieber so, als ließen sich künstlerische Entwürfe einzig von ihrer rein ästhetischen Seite nehmen. Dann haben wir es bei dieser Uraufführung mit einem Experiment zu schaffen, das sich im Durcheinanderwerfen von Szenenschnipseln und Figurenentwürfen erprobt. Und Experimenten ist es ja zum Glück vorbehalten, scheitern zu dürfen.

Warten auf Adam Spielmann (UA)
von Hakan Savas Mican und Ensemble
Regie: Michael Ronen, Bühne und Kostüm: Sophie du Vinage, Musik: Daniel Kahn, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Peter Becker, Pinar Erincin, Aylin Esener, Daniel Kahn, Kida Ramadan, Sara von Schwarze, Mehmet Yilmaz.

www.ballhausnaunynstrasse.de

 

Kritikenrundschau

"Ein eigenartiger Theaterabend," der viele Fragen offenlasse, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (9.10.2010). Die Geschichte sei so wüst und sprunghaft wie die Legende von Adam Spielman, "einem ehemaligen Junkie aus Detroit, der zum Propheten wurde: Er sagte nicht nur eine Zeit der Glaubenskriege voraus, sondern danach eine Zeit der Liebe, die alle vereinen wird." Warum sich gerade von ihm die sechs Protagonisten Hilfe erwarten, wird der Kritikerin nicht so richtig klar, "wohl aber, worunter sie leiden." Der Abend holpere, schreibt Müller, durch Episoden, "die sich alle um die Unmöglichkeit drehen, eine Identität glatt und ungebrochen zu leben." Doch dass er holpert und der dramaturgische Faden nicht recht weiß, wohin er will, passe eigentlich ganz gut. "Denn immer, wenn einer der sechs glaubt, für sich die Wahrheit gefunden zu haben, nimmt ein anderer sie ihm wieder weg."

 

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