altIn Biedermeiergewittern

von Christian Rakow

Berlin, 3. März 2012. Die Deutschen und ihre Anekdoten, tja. Es werden viele Anekdoten an diesem Volksbühnen-Abend erzählt, Kleist'sche, von größeren und kleineren Unglücksfällen. Einmal sagt der mächtige Hendrik Arnst als Sprachrohr seines Regisseurs: In diesem friedlichen Biedermeier nach dem zweiten großen Krieg (dem napoleonischen, wohlgemerkt) sei ja nun so viel Zeit, sich zu erinnern, "nicht nur an das, was uns erheitert, sondern das, was uns erbaut". Da ist schnell klar, dass auch "Die Marquise von O." hier und heute nicht über das Niveau einer heiter-erbaulichen Biedermeier-Anekdote hinauswachsen darf. O tempora, o mores!

Man könnte Kleists Novelle von 1808 fraglos auch auf ihre innere Brüchigkeit hin anschauen: wie die Vergewaltigung der zu diesem Zeitpunkt bewusstlosen Titelheldin in eine Serie von Repressalien mündet; wie ihr Schänder, der Offizier Graf F., durch eine schnelle Heirat seine Schuld vertuschen will; wie ihre Familie die Tochter erst verstößt und dann nach Klärung der Verhältnisse zügig an den gut situierten Sünder verhökert; wie die Marquise zwischendrin ihr Selbstbewusstsein durch öffentliche Selbsterniedrigung erringt. Das hinterher geworfene Happy End nimmt bei Kleist kaum eine halbe Seite der Erzählung ein. Eine erbauliche Geschichte? Wohl kaum.

Insel der Spleenigen

Frank Castorf interessiert an diesem Stoff jedoch allein die Verdrängungsleistung: Wo Kriegsgräuel war, soll Kaffee-Kränzchen werden (das bei Castorf selbstredend zum Kartoffelsalat-Kränzchen wird). Weil der Regisseur allerdings eine Riege legendärer Volksbühnen-Köpfe nebst fabulösen Neuzugängen zusammengetrommelt hat, fällt seine Kleist-Verniedlichung anfangs allemal launig aus. Als massiger Bruder der Marquise lässt Hendrik Arnst sich mürrisch und stocksinnig vom schneidend distinguierten Vater (Silvester Groth) herumkommandieren. Frank Büttner stemmt seinen Jäger Leopardo mit markanter Duldermiene neben das dekorative Mobiliar aus gelben Sesseln und Chaiselonge (von Bühnenbildner Bert Neumann vor wechselnde Vorhänge drapiert).

marquise2 thomasaurin 560 hCastorfs Kaffekränzchen in Neumanns Salon: Marc Hosemann, Kathrin Angerer, Sylvester Groth, Ilse Ritter, Hendrik Arnst. © Thomas AurinIlse Ritter umschwirrt als kecke Mutter in ewiger Jugendlichkeit ihre Tochter, die Marquise. Militärisch stramm schreitet die Hebamme von Jeanette Spassowa zur Unterleibsschau, während der große Joachim Tomaschewsky mit feinem Altershumor als Arzt sein Hörrohr schwingt. Und der Übeltäter, Graf F.? Er kommt bei Marc Hosemann als fliegender Treppenwitz daher geritten, auf einem echten braunen Klepper. Mehrfach wird des Grafen erstes Entrée bei der Familie der Marquise wiederholt und variiert. Hosemann krümmt sich, macht den notgeilen Schimpansen in weißer Unterhose. Zum Bürgerschreck reicht es in diesem Umfeld gleichwohl nicht. Denn auf der Insel der friedlich Spleenigen ist ein jeder willkommen.

Fremdzitatehagel

Routiniert wird in allen Auftritten um die Ecke gezwinkert. Doch ein einziger Blick auf die zurückhaltend exaltierte Marquise von Kathrin Angerer genügt, um zu bedauern, wie gedämpft und wenig bissig diese Bürgersatire gerät, gemessen an anderen Arbeiten dieser Künstler, gemessen etwa an der jüngsten Epochenschau Der Spieler nach Dostojewski. Dennoch: Bis zur Pause dieses dreistündigen Abends könnte all das als sinniges Vorspiel durchgehen, wenn, ja wenn Castorf danach die Zuckerwürfelmauern einreißen würde.

marquise thomasaurin hoch hMarc Hosemann, Kathrin Angerer und Sylvester Groth. © Thomas AurinAber im zweiten Teil driftet sein Unternehmen ins Privatistische. Silvester Groth tauscht die Rolle des Vaters der Marquise gegen die des Regieübervaters Castorf ein und kokettiert mit dessen einstiger Beziehung zu seiner Edelaktrice Kathrin Angerer. Man wolle nebenbei viel lieber Kleists "Die Verlobung in St. Domingo" spielen, weil da echte Konflikte lagern: der Aufstand der schwarzen Sklaven gegen die weißen Kolonialherren. Natürlich verstärkt Heiner Müllers "Der Auftrag" den Fremdzitatenhagel, der das Biedermeier-Idyll aufsprengen soll: "Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand."

Selbstreferenzialismus

Weil Castorf einer derartigen Dritte-Welt-Romantisierung aber selbst gründlich misstraut, schreitet er sogleich zur Selbstkritik. Voodoo- und Candomblé-Praktiken, mit denen sich Castorf beschäftigt, werden verulkt, ebenso wie seine jüngste Vertragsverlängerung als Intendant der Volksbühne bis 2016. Das alles verweigert den theatralen Repräsentationsanspruch nach Großvaters Metatheater-Rezept: Wäre ja noch schöner, wenn sich Castorf, der unsterbliche Bühnenrebell, jetzt an vagen Revolutionsposen erbauen würde! "Es ist alles so sinnlos geworden", lässt er da lieber sagen.

Am Schluss einer fahrigen, von solchen aufdringlichen Selbstkommentaren durchzogenen zweiten Hälfte dirigiert Groth als Regisseur die Applausordnung, der die Akteure zunehmend missmutig hinzutreten. "Aus nichts wird nichts", sagt Groth. "Warum fällt mir das in diesem Zusammenhang ein?" Er weiß es. Und Castorf weiß es. Und wir wissen es auch.

 

Die Marquise von O.
nach Heinrich von Kleist
Regie: Frank Castorf, Bühne und Kostüme: Bert Neumann, Licht: Torsten König, Dramaturgie: Sebastian Kaiser.
Mit: Kathrin Angerer, Hendrik Arnst, Frank Büttner, Sylvester Groth, Marc Hosemann, Ilse Ritter, Jeanette Spassova und Joachim Tomaschewsky

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr zu Kleists Marquise von O.: zuletzt besprachen wir die Version von She She Pop.


Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (3.3.2012) schreibt Volker Trauth: In "Die Marquise von O..." sei über die Hälfte des gesprochenen Textes hinzugefügt. Castorf verlagere zudem die Geschichte von Modena in das Berlin der Befreiungskriege, weshalb die Teilnehmer der Tafelrunde im Hause des Vaters der Marquise "Lützows wilde verwegene Jagd" sängen. Über Skandalgeschichtchen vollende sich "das Bild einer Spießerfamilie"; das "unfassbare Ereignis" wandele sich zu einer "Klatsch- und Tratschgeschichte im Tonfall von RTL". Im zweiten Teil werde die Tochter in eine Figur aus "Die Verlobung von San Domingo" "transformiert". Ihr Beschützer sei "überraschenderweise der Graf aus "Die Marquise von O...". Der Gewinn solch aufwendiger dramaturgischer Operationen bleibe "überschaubar", der Verlust werde erkennbar in "zunehmender Langeweile und Gleichförmigkeit des Abends". Wie so oft bei Castorf dürften das "Hantieren mit Kartoffelsalat, die ständigen Gänge zum Klosett und das öffentliche Masturbieren" nicht fehlen.

Diese "Marquise von O." ist "ironisches, nostalgisches, wenig dringliches und ziemlich kulinarisches Theaterabschaffungs- und Theaterverweigerungstheater", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (5.3.2012). Allerdings hat der Kritiker denn doch Freude, seiner Leserschaft die diversen Anspielungen und Selbstzitate, die Castorf diesem Abend einschreibt, auseinanderzusetzen. Praktisch: von der "Marquise" zu den "Markisen", mit denen etwa im elterlichen Geschäft der Castorfs in der Berliner Pappelallee gehandelt werde. Fazit: "Für sich" müsste dieser Abend "natürlich verrissen werden: langweilig, desinteressiert, gemütlich, abgenutzt, eitel, privatistisch ... Im Zusammenhang aber, als selbstvergewisserndes Zwischenspiel im großen Helden-Epos des Theaterbezwingers und -Untergehers Frank Castorf, hat er durchaus Berechtigung. Da braut sich was zusammen, da macht sich einer warm für den letzten Ritt."

Theoretisch dürfte bei einer solchen "vielversprechenden Besetzung" mit tollen Darstellern "gar nichts schief gehen", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (5.3.2012). "Umso enttäuschender, dass sich der Abend trotzdem mau anlässt (.)" Zu Castorfs Selbstzitaten an diesem Abend heißt es: "Die Privatismen, die in der Volksbühne seit jeher als gewitzte Nebenspur mitlaufen, drängen sich zunehmend plump in den Vordergrund – mit überraschend abgehangenen Pointen." Als Interessepunkt der Regie macht die Kritikerin "die durchschnittliche Kleinfamilie und ihr Verdrängungspotenzial" aus. Leider aber blieben im Rahmen "des weitgehend lust- und ideenarm wirkenden Konzepts" Passagen wie die Implementierung der "Verlobung in St. Domingo", wo Silvester Groth und Kathrin Angerer das Geschehen "in eine mehrbödige, böse, hochnotkomische Missbrauchsgeschichte wenden", die "Ausnahme".

Für die Süddeutsche Zeitung (5.3.2012) schreibt Peter Laudenbach: Mit seiner neuerlichen Vertragsverlängerung als Intendant der Volksbühne sei Castorf, der lässig "die sorgsam gepflegte Anarcho-Attitüde mit robustem Erwerbsstreben in Einklang zu bringen versteht", zum "Christian Wulff des deutschen Stadttheaters" avanciert (Stichwort: Ehrensold). Entsprechend "gelangweilt und im offensiven 'Mir-kann-eh-keiner'-Stil, wie es sich nur jemand leisten kann, der ausgesorgt hat", komme diese Inszenierung daher. Starke Schauspielerleistungen (Hosemann, Angerer, Ritter) würden nicht verhindern, dass der Abend eine "müde Provinztheater-Parodie dessen, was einst die große, die leuchtende Volksbühne war", abliefere.

Irene Bazinger vermutet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.3.2012), dass sich Castorf, ob seiner jüngsten Vertragsverhandlungen, dieser Inszenierung in den Proben zu "wenig zuwandte." Jedenfalls biete diese "Marquise von O." bloße "Resteverwertung in Erinnerung an bessere Zeiten, als es an der Volksbühne noch um Kunst und nicht um Kontostände ging." Gemeint sind die diversen Rückgriffe auf alte Inszenierungsmittel der Volksbühne. Prosa- und Dialogpassagen wechselten an diesem Abend; "zwischendrin sagt man andere Texte Kleists, wie die 'Anekdoten' und 'Die Verlobung in St. Domingo' auf, besingt den Bohnenkaffee, plustert sich in Voodoo-Abklatsch, wälzt sich auf der Chaiselongue, redet ins Publikum, kümmert sich nicht um selbiges, hält es für doof."

Wesentlich positiver sieht Michael Laages in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (5.3.2012) die Angelegenheit: Besonders die Einfügung der "Verlobung in St. Domingo" hat es dem Kritiker angetan: "Spürbar, aber eigentlich eher dezent und maßvoll intensiv beschwört Castorf also nach der Pause Bilder und Stimmungen spiritistischer Seancen von Voodoo und Santeria, und plötzlich scheint ein ganz anderer Theaterabend möglich als der, den das Publikum in der Volksbühne gerade zu sehen bekommt - Müller meets Kleist, 'Der Auftrag' des Nachgeborenen vermischt mit der archaischen Schwarz-Weiß-Fabel des deutschen Klassikers." Aber auch die "einigermaßen detailgetreu" erzählte Fabel der "Marquise von O." gerate an diesem Abend "ziemlich stimmig im bewährten, mittlerweile 20 Jahre an der Volksbühne gereiften Castorf-Ton; er würde allerdings, wie es im Voodoo des zweiten Teiles offenbar wird, gern noch ein wenig über sich hinaus wachsen. Das bleibt halbherzig, denn dafür müsste vermutlich für eine Weile der intellektuelle Überbau ausgeschaltet werden."

"Castorf macht, was er immer macht. Er beschäftigt sich mit sich selbst," schreibt Alexander Pleschka in der Zeit (8.3.2012). Auch in seinem Textzugriff verfahre Castorf "wie gehabt und fügt die einzelnen Momente zu einer großen Kleist-Collage zusammen." In guter Castorf-Tradition wirke die Szenenfolge durch die ständigen Ebenenwechsel zwar wirr, "auf den zweiten Blick aber dennoch stringent", womit die Inszenierung Kleists verschachtelte Syntax immitiere. Was zu Beginn dieser Castorfschen Selbstbeschäftigung für Pleschka noch als augenzwinkernd-ironisches Selbstzitat daherkommt, wird aus seiner Sicht "spätestens nach der Pause zur Selbstobsession." Da gebe es plumpe Kalauer ebenso, wie Äußerungen der Schauspieler über ihre Rollen in kommenden Castorf-Inszenierungen. Ansonsten zeigt Frank Castorf diesem Kritiker hier ein weiteres Mal, "dass er in der Vergangenheit ein genialer Regisseur war und dass er dies, wenn er nur wollen würde, im Grunde auch in der Zukunft wieder werden könnte."

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