Glücks-Stakkato

Als Dieter Dorn in seiner letzten Inszenierung als Intendant und Regisseur des Bayerischen Staatsschauspiels mit wuscheliger Silbermähne die Rolle des Kaisers in Kleists "Käthchen von Heilbronn" übernahm, konnte man ihn, der Vergleich darf hier sein, wirklich für einen Theatergott halten, angesichts des überirdisch schönen Bildes, wie er durch eine graue Engel-Kulisse gemessen nach vorn schritt, angesichts der Resonanz dieses Abschieds nach 35 Jahren in München und dem Eindruck der großen Konsequenz, mit der sich Dorn über Jahrzehnte einer Ensemble- und damit Theaterkultur verschrieben hatte.

cover dornDie nun erschienene Dorn-Autobiographie "Spielt weiter!" könnte also durchaus so eine Art Bibel sein, ein Huldigungs- und Selbstbeweihräucherungsbuch, es ließe sich nicht mal verdenken. Aber es ist genau das Gegenteil geworden: spritzig, spannend, gegenwarts- und lebensnah. Der Regisseur erzählt nicht auf dem Sockel, sondern zu Füßen des Denkmals, wie es begann, wo es hinging, was auf dieser Strecke geschah. Und was ihn prägte: Bertolt Brecht zum Beispiel, dessen Proben er sich als Student anschaute, den er aber kaum inszeniert hat; dann die erste Begegnung 1971 in Hamburg mit Schauspielern wie Gisela Stein oder Helmut Griem, die ihn fortan begleiteten, weil sie in der Lage waren, den Text über der Szene zu sprechen und gleichzeitig den Realismus der Spielweise zu bewahren.

Der gemeinsame Spaziergang entlang eines Theaterlebens, der im Vorwort angekündigt ist, findet tatsächlich statt. Es ist ein gelassenes Aufblättern chronologisch erzählter Stationen, bei denen sich unterschiedliche Initiationen ereignen. Wer das Buch aufschlägt, der begegnet erst einmal deutscher Geschichte. Ohne die lässt sich die Biographie eines 1935 in Leipzig geborenen Theatermachers nicht erzählen, zumal die Familie in der Nachkriegszeit in der Gottschedstraße genau gegenüber dem Theater wohnt. Dort öffnen sich für den jungen Dorn die Türen, als er einem hungernden Schauspieler ein Stück Butter rüberbringt. Von dort verläuft sein Weg weiß Gott sehr kurvenreich: Im Zuge der Formalismus-Debatte entscheidet er sich in den Westen zu gehen, nach einem Schauspielstudium löst sich ein Engagement in Bruchsal schnell wieder auf, versucht er sich zwischendurch auch als Sprecher beim NDR in Hannover.

Der sachliche, indifferente Ton, den Dorn anschlägt, lockert sich immer dann, wenn es um das Theater selbst geht und den Anspruch, auf der Bühne den Menschen und den Verhältnissen nachzuspüren. Oder um die Schauspieler, "Wunderwesen", die er regelrecht zu beneiden scheint, ihre Allüren, aber auch in ihrer Disziplin und inneren Verwandlungskraft. Lehrreich, aber nicht belehrend ist das aufgeschrieben, mit frischem und genauem Blick, der den Anspruch nachvollziehbar macht, dass unnatürliche Vorgänge auf der Bühne möglichst natürlich zu erscheinen haben. So ist das Buch eine nachgereichte Erklärung, ein Schlüssel zu seiner Arbeit. Man liest es mit Gewinn, auch wenn man Dorns große Zeit nicht erlebt hat. (Simone Kaempf)


Dieter Dorn:
Spielt weiter! Mein Leben für das Theater.
C.H. Beck, München 2013, 427 S., 24,95 Euro

 

Brecht, korrigiert

Nicht nur Brecht-Liebhaber waren begeistert, als vor gut zwei Jahren Martin Kölbel und Peter Villwock mit der Edition von Brechts Notizbüchern begannen. Denn den damals publizierten Band 7 der Ausgabe, der die Notizbücher 24 und 25 aus den Jahren 1927-30 versammelt, zeichnet alles aus, was gute Editionen des Heidelberger Instituts für Textkritik in aller Regel kennzeichnet: ein zuverlässiger Scan samt Fußnoten zu Stiftfärbungen und Lesarten sowie auf der gegenüberliegenden Seite eine äußerst zuverlässige Transkription, deren diakritische Zeichen sich rasch erschließen und nur selten ergänzend nachgeschlagen werden müssen. Außerdem wird jede Seite im Anschluss an den editorischen Teil sehr zuverlässig kommentiert.

cover brecht notizbuecherDas muss deswegen betont werden, weil es bei Editionen aus dem Heidelberger Institut nicht selbstverständlich ist. Hier lässt sich wohl nicht zuletzt der Einfluss des Hauses Suhrkamp greifen (und vielleicht auch der ebenfalls an der Edition beteiligten Akademie der Künste Berlin), wenn nicht nur die hohe Kunst der Editorik gepflegt wird, sondern auch profane Bedürfnissen von Lesern, von denen gewiss einige schon mit Brechts (an sich einigermaßen leserlicher) Süterlin-Handschrift kämpfen werden, Rechnung getragen wird.

Die Begeisterung war also groß – und das lag zudem daran, dass auf der Suhrkamp-Homepage eine bestens aufgearbeitete Seite zur Verfügung gestellt wird, die nicht nur die Edition hervorragend dokumentiert, sondern auch ein Forum zur Verfügung stellt, in dem weitere Einsichten und Bezüge – die sich in den nächsten Jahren durch die Editionsarbeit ergeben –, sowie Korrekturen der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe präsentiert werden.

Enttäuscht waren von dem zuerst veröffentlichten Band 7 vielleicht nur die, die sich einen tieferen Blick in die Werkstatt Brechts versprachen. Zwar ist es nicht so, dass es in Band 7 nichts zu entdecken gibt (etwas Keuner, ein paar Spuren Fatzer, souverän geschmiedete Verse und Sentenzen zur reinen Lehre). Aber die Begeisterung war doch eher dem Umstand geschuldet, dass ediert wurde, nicht was.

Inzwischen ist mit Bd. 1 zu den Tagebüchern 1-3 (1918-20) ein zweiter Band des auf insgesamt 14 Bände angelegten Projekts erschienen. Dieser Band nun ist auch inhaltlich eine Wucht. Hier wird nicht nur der Blick über die Schulter geboten - gleich im ersten Notizheft mit Liedern zur Klampfe begegnet dem Leser Baals Lied aus dem gleichnamigen Jugenddrama. Wir stoßen auf eine Liste offenbar mit Titeln für ein Stück; der Kommentar verrät uns, dass es keiner der hier zu lesenden wurde, sondern "Trommeln in der Nacht". Im dritten Notizbuch finden sich kürzere Essays, in denen Brecht sich seine programmatische Position in literarische Fragen vergegenwärtigt, die die bekannte intellektuelle Schärfe wie auch das außerordentliche Selbstbewusstsein des Zwanzigjährigen vorführen.

Brecht begegnet uns hier aber auch von seiner weniger bekannten, sentimentalen Seite: "Der alte Mann der immer die Zeitung vornimmt, abends, wenn die Tochter die Geige spielt. Es stellt sich heraus: Er will weinen dahinter." (NB 3, 10r) Und es wird klar, wie wichtig ein wissenschaftlicher Kommentar sein kann: "Gegen die Korrektur eines Stückes ist der Staatskonkurs die reinste Hochzeitsnacht!" (NB 3, 2r)

Als der Rezensent diesen Satz las, war er sich sicher, eine Überschrift für die vorliegende Rezension gefunden zu haben. Der Kommentar allerdings belehrt, dass Brecht hier wohl kaum den Staatsbankrott, "sondern die bis ins 20. Jahrhundert hinein so genannte Studienabschlussprüfung" (S. 356) gemeint haben dürfte. So bringt uns die Edition der Tagebücher Brecht nicht nur näher, sie führt zugleich vor, dass er längst nicht mehr unser Zeitgenosse ist. Kurz: Die Edition kommt zum rechten Zeitpunkt – und das auf beeindruckende Weise. (Kai Bremer)

Bertolt Brecht:
Notizbücher. Band 1: 1918-1920.
Herausgegeben von Martin Kölbel und Peter Villwock.
Suhrkamp, Berlin 2013, 481 S., 32, 95 Euro

 

Verschlafen zwei Wale

Robert Hunger-Bühler ist Schauspieler, 1953 im Thurgau geboren, angestellt am Schauspielhaus Zürich. Oft wurde er (zu recht) gepriesen, viel wurde (auch zu recht) seine Rätselspielweise bestaunt. Er spielt ja immer, als sei der Boden unter seinen Füßen kein Boden, sondern ein Loch. Als falle er, oder schwebe. Als wären seine Figurenwelten aus kratziger Nervosität und samtener Seelengelassenheit geschaffen.

Jetzt hat Robert Hunger-Bühler einen Band Haiku veröffentlicht. Das ist nicht erstaunlich. Denn die strenge Form (immer dreizeilig, immer fünf, sieben und fünf Silben) ist die Heimstatt größter Freiheit. Dialektiker ist Hunger-Bühler also auch: Er ist formal sehr streng, um sehr frei sein zu können. Man liest hier zum Beispiel diese Haiku:

Gut was du jetzt machst

Königin der Nacht

Fühler weit spreizen

Ständig auf dem Sprung

Ohne den Sprung zu wagen

Aber gespannt lauern

Ich erinnere

Mich als ich klein war gab mir

Ruth den ersten Kuss

Rücken an Rücken

Verschlafen zwei Wale die

Glitzernden Tage

cover herzschlag-zeitDas Buch ist in thematische Gruppen aufgeteilt (geblitzte Zeit, gefrorene Zeit, Gleichmut etwa), hat keine Seitenzahlen (sie störten nur, sie tun nichts zur Sache) und enthält schöne Zeichnungen von seiner Tochter Okka-Esther Hungerbühler und Felix Loycke von der Theatertruppe Das Helmi (sie illustrieren die Verse nicht, sie erweitern die Assoziationsräumlichkeiten). Man kann es von vorn, von hinten, von der Mitte aus lesen. Jedes Haiku steht für sich, alle hängen zusammen.

Der deutsche Romanist Karlheinz Stierle, Dante- und Petrarca-Spezialist, schreibt im Vorwort zu diesem Band, die Haiku von Hunger-Bühler erfassten den "reinen, absoluten Augenblick einer Wahrnehmung, einer Empfindung oder eines plötzlichen, aber in der Schrift auf Dauer gestellten Inneseins"; das sei die "Herzschlag-Zeit". Es ist die Zeit zwischen zwei Herzschlägen, zwischen Sehen und Begreifen. Für Hunger-Bühler ist es der Raum zwischen samt und kratzig, zwischen fallen und schweben. (Dirk Pilz)

Robert Hunger-Bühler:
Herzschlag-Zeit. Haiku.
Edition Howeg, Zürich 2013, 120 S., 29 Euro

 

Mehr Buchhinweise sind hier zu finden.

 

 
Kommentar schreiben