Konzeptkunstgezeige

22. Mai 2013. Matthias Dell schreibt auf der Website der Wochenzeitung Der Freitag (22.5.2013, 11:30 Uhr) einen geharnischten Einwand gegen die Hymnen auf Jérôme Bels Inszenierung "Disabled Theater" beim 50. Theatertreffen in Berlin und zuvor schon anderswo auf der Welt. Es handele sich um einen Abend, "der blöder war, als Theater ist".

Verwunderlich, so Matthias Dell, dass "weder in Berlin noch auf dem Weg dahin problematisiert" worden sei, dass "Disabled Theater" in Wirklichkeit die "mit Abstand schlechteste Arbeit von Jérôme Bel", eine "künstlerische Bankrotterklärung" mit "politisch unterkomplexem Ansatz" sei.

"Fassungsloser" als auf die Art, wie Bel sich seine Performer vom Theater Hora vom Leibe halte, schaue man nur auf die Kritiken, die diese Inszenierung feierten. Den Satz aus Andreas Klaeuis Nachtkritik-Rezension der Avignon-Premiere im Sommer 2012 würde Dell "gern einmal erklärt bekommen": "Mit dieser Produktion hat die Theaterarbeit mit Behinderten eine neue Ebene erreicht." Was immer Klaeui gemeint habe, Christoph Schlingensief sei in seiner Arbeit mit Performern wie Achim von Paczensky oder Werner Brecht vor 15 Jahren Bel um Lichtjahre voraus gewesen.

Bel stelle seine Performer mit Behinderung aus. Wie anders sollte man die Befehle eines Konzeptkunstgezeiges verstehen ("Und dann hat Jérôme die Darsteller gebeten..."), die von einem Übersetzer "ungerührt vorgetragen werden" und die in "ihrer Überschaubarkeit jeder Reduzierung Hohn" sprächen: "Lasst euch eine Minute angucken. Stellt euch mit Behinderung vor."

Die Konkretion der Körper auf der Bühne müsse "deren Differenz nicht auf einen Begriff bringen" – man könne sie sehen. Und dadurch erkennen, "welch prekäre Kategorie 'Normalität' eigentlich" sei.

Dass das kaum jemand sehen wolle oder könne, spreche, "wie schon bei der Blackfacing-Diskussion, für die Blindheit des Theaters samt Apparat gegenüber politischen Fragen, die über eine 'Aktualisierung' von Hamlet hinausgehen".

(jnm)

 

Mehr zu Jérôme Bels "Disabled Theater": Die Nachtkritik, der Theatertreffen-Shorty und ein Vortrag des Theaterwissenschaftlers Benjamin Wihstutz über die Emanzipation in Bels Inszenierung. Außerdem der Lexikoneintrag zum Inklusionstheater.

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