Am besten Bemerkenswert

von Hartmut Krug

Berlin, Juni 2008. Berichte von der Juryarbeit für das Theatertreffen gleichen nicht selten folkloristisch-ethnographischen Schilderungen. Da ist von überfüllten Zügen und einsamen Hotelaufenthalten, von Termin-Hetze und Reise-Stress, von Publikumsirritation oder (natürlich falschem) Abonnentenjubel die Rede. All das aber unterscheidet sich nicht vom Alltag eines reisenden, normalen Theaterkritikers. Was die Reisearbeit der Theatertreffen-Juroren besonders macht, das ist vor allem der auf jedem einzelnen Juror lastende Erklär- und Rechtfertigungsdruck. Er droht nicht nur von der gesamten Fachszene, die die endgültige Auswahl kommentiert, kritisiert  und analysiert, sondern jeder Juror empfindet ihn von Anfang an, gegenüber sich selbst und gegenüber den Jurykollegen.

Gebt ihm mehr Platz, dem Hund!

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 30. Mai 2008. "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent" – das ist von Goethe, aber eindeutig von vorgestern. Zwar mögen mitunter noch heute Künstler mit ihren Kritikern hadern. Theaterpragmatiker hingegen jammern weniger darüber, dass die Kritik sie zu hart anfasst, sondern darüber, dass der Kritik in vielen Medien immer weniger Platz eingeräumt wird. So kam es zu einem seltenen Schulterschluss zwischen Kritikern und ihren Gegenübern aus den Pressestellen und Dramaturgien beim Stuttgarter Symposium "Theaterkritik heute".

Kammerspiel mit Mikrophon

von Regine Müller

Bochum, 30. Mai 2008. Ein fatalistischer Schicksalston war schon im Einladungstext zu diesem Pressegespräch auszumachen: "Das Bochumer Schauspielhaus ist immer größer als der amtierende Intendant", ließ Elmar Goerden sich darin zitieren. Die Einladung zum Pressegespräch flatterte am Morgen nach der abendlichen Kurzmeldung herein, in der nur kurz bekannt gegeben worden war, dass Goerden sich entschieden habe, für eine Vertragsverlängerung über die Spielzeit 2009/2010 hinaus nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Wie es ist

von Elmar Goerden

Bochum, 30. Mai 2008. Die Entscheidung war schwer. Die Gründe sind einfach, wiegen darum aber nicht weniger schwer. Die Personalie Goerden wirft einen zunehmend großen Schatten auf das Bochumer Schauspielhaus. Weder der Intendant noch der Regisseur werden seinem künstlerischen Ruf gerecht. Im Gegenteil, meine Arbeit schadet augenscheinlich der Reputation der Theaterstadt Bochum. Ich muss Sie von diesem Befund nicht erst überzeugen, stammt er doch größtenteils von Ihnen. Ich bin lang genug am Theater, um zu wissen, dass Kritik und Objektivität zweierlei sind.

Stockhausens Schrei

von Joachim Lux

7. Mai 2008. Theater ohne Autoren: Ist die Zukunft dramatisch? – Die Frage klingt schon wieder nach Krise, Untergang und Waldsterben. Keine Angst und auch keine Hoffnung: ich mache hier nicht die Kassandra für den angeblich oder wirklich vom Untergang bedrohten Autor. Im Gegenteil: ich möchte aufräumen und die Fenster aufreißen. Denn die Debatte um das Theater und seine angeblich immerwährenden Krisen ist weitaus verblödeter als das Theater in seinen Hervorbringungen. Sie klebt immer noch an Vorgestern. Die Klischees, mit denen Theaterleute und ihre sich antilobbyistisch gerierende kritische Lobby gern hantieren, ermüden seit langem.

Nische oder Netiquette!

von Andreas Horbelt

2. April 2008. Ein berühmter Cartoon aus dem Magazin The New Yorker, schon 1993 erschienen, zeigt zwei Hunde vor einem Computer. Der eine sagt zum anderen: "On the internet, nobody knows you're a dog."

Langeweile ist der beste Zeitvertreib

Von 31. Januar bis 3. Februar 2008 findet im Hamburger Thalia Theater die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft statt. Diesmal steht das Symposium unter dem Motto Geteilte Zeit, und es soll um die Auseinandersetzung mit Zeiterfahrung in den verschiedensten Positionen des Theaters gehen, von der Alltagspraxis bis zur Ästhetik.

Einer der "Tischredner" wird der Berliner Theaterwissenschaftler Hans-Friedrich Bormann sein, dessen Forderung nach mehr Platz für eigene Gedanken im Theater ("Für ein Theater der Langeweile") wir mit Dank dem Programmbuch entnehmen. Als weiterer Tischredner wird übrigens Dirk Pilz die Zeitökonomie beim Verfassen von und im Umgang mit Nachtkritiken thematisieren: Was unmittelbar und blitzschnell geschrieben werden muss, ist danach unbegrenzt verfügbar.

Plädoyer für das Provinztheater

von Andreas Jüttner

29. November 2007. Umfassende Thesen zum deutschen Theater haben meist ein Problem: Da sie von einem Menschen formuliert werden, können sie angesichts des enorm vielfältigen Theaterangebots unmöglich umfassend gültig sein. Das betrifft auch Stefan Keims Plädoyer für ein populäres Theater, dem dennoch die Ehre gebührt, den Stier des konservativen Rollback endlich mal konstruktiv bei den Hörnern zu packen und ihm durch differenzierte Benennung eines Problems das Futter zu entziehen. Denn wer auf Teufel komm raus originell sein will, dem passiert es zwangsläufig, dass er mal Einfälle statt Ideen serviert und so für Wasser auf den Mühlen der Werktreue- und Spiralblock-Fraktion sorgt. Daher ist das "Plädoyer für ein populäres Theater" (das ja nicht konservativ sein muss) durchaus angebracht.

Komplett anders

von Georg Kasch

München, 25. November 2007. Wie sieht die Zukunft des Theaters aus? Wenn einen diese Frage interessiert, sind Festivals eine gute Sache. Oft geben sie jungen Talenten eine Chance, ihre Arbeiten zu präsentieren. Durch das Unfertige, Improvisierte schimmert vielleicht eine Handschrift, die sich im Rückblick als wegweisend herausstellt.

Raus aus der Nische!

von Stefan Keim

München, November 2007. Ein wichtiges Thema, eine starke Geschichte, großartige Schauspieler. Berichte in allen ernstzunehmenden Medien, inhaltliche Debatten entstanden, und sie zeigten Wirkung: Erstmals will sich ein Vertreter des Arzneimittelherstellers Grünenthal mit einem Menschen treffen, der durch das Medikament Contergan geschädigt wurde.

"Contergan" ist ein Fernsehfilm, ein sehr guter, umstritten, aufregend, massenwirksam. Warum ist "Contergan" ein Fernsehfilm? Die Frage wurde in den Feuilletons manchmal gestellt. Allerdings mit dem Zusatz: Wieso kommt so ein Film nicht ins Kino? Auf die Idee, dass dieser Stoff auf die Theaterbühne gehört, kam erstmal keiner. Weil das Theater nicht mehr als zentrale Kunstform wahrgenommen wird.