Staat oder Schaumbad

von Maximilian Sippenauer

München, 15. Oktober 2021. Die Gesichter auf der Eröffnungsfeier des Volkstheaters in München glühten genauso ziegelrot wie die spektakuläre Klinkerfassade des Neubaus. Man ist stolz in der Landeshauptstadt. Der Bürgermeister selbst unterstrich das in einem launigen Prolegomenon: 131 Millionen Euro waren veranschlagt – genau 131 Millionen hat das neue Haus am Ende gekostet. Bauzeit? Auf die Minute eingehalten. Die illustre Gesellschaft, die erstmals und maskenlos den großen Saal füllte, nickte sich anerkennend und selbstzufrieden zu wie in einem Helmut Dietl-Film. Wie war das gleich? München hat 1,4 Millionen Einwohner, aber daneben auch ein paar Hundert Persönlichkeiten. Das neue Volkstheater ist zugegeben ein Prachtstück, klug eingebunden in das alte Schlachthofviertel. Aber ist es denn auch ein "Volkstheater" im eigentlichen Sinne oder doch nur eine weitere bürgerliche Bespaßungsstätte? Von der Stoßrichtung der Premiereninszenierung sollte also einiges abhängen.

Das wird jetzt ein bisschen kalt

von Andrea Heinz

Wien, 15. Oktober 2021. Im Theater hat man ja wirklich alles schon gesehen. Die gespreizten Beine einer Frau zum Beispiel, alter Hut. Aber die gespreizten Beine einer Frau, die beim Frauenarzt ist? Das ist neu.

Auf den Schleim gegangen

von Martin Thomas Pesl

Wien, 15. Oktober 2021. Ein ganz mutiger Besucher hat sich mitten auf die Bühne gesetzt. Er darf das: Das Raumkonzept der neuen Arbeit von Doris Uhlich in der Halle G des Tanzquartiers Wien sieht klar vor, wo das Publikum sich frei bewegen darf und wo die sechs Performer:innen. Als Grenze schlängelt sich ein niedriger Steg durch den Bühnenraum, aber auch bis hinauf an die oberste Stufe der Tribüne. Umgeben von größeren und kleineren Eimern hockt der Mann also auf dem Boden, auf Augenhöhe mit der Performerin Ann Muller, die bereits zum Einlass nackt durch die ersten Schleimspuren robbt.

Vom Toaster zum Leben erweckt

von Jan Fischer

Hannover, 14. Oktober 2021. Es gibt neben 2020 ja noch ein paar andere gute Kandidaten für das das schlimmste Jahr aller Zeiten. Eines davon ist 535/536 – zu einem Vulkanausbruch in Island kamen Missernten, Krankheit und eineinhalb Jahre kein Sonnenschein. Zwischen 30 und 60 Prozent der europäischen Bevölkerung starben. Auch 1816 , das "Jahr ohne Sommer", steht oben auf der Liste – wieder ein Vulkanausbruch, dieses Mal auf Java. Hunger, Seuchen und Unwetter waren die Folgen. Und Mary Shelleys Roman "Frankenstein", den sie während des verregneten Sommers in einem Haus am Genfer See schrieb, unter den Eindrücken dieser Katastrophen, für die sich erst vier Jahre später eine Erklärung fand.

Wer klagt als Erster?

von Martin Thomas Pesl

Wien, 14. Oktober 2021. Lydia Haider jettet gerade von einem Volk zum anderen. An der Berliner Volksbühne gestaltet sie eine monatliche Performancereihe, während Direktor Kay Voges sie am Volkstheater Wien sogar zur Hausautorin ernannt hat. Dabei war die 1985 ebenda geborene selbsternannte "Feminazi" bisher nicht als Dramatikerin in Erscheinung getreten. Lediglich ihre Erzählung Am Ball, in dem die Gästeschar des FPÖ-nahen Akademikerballs splatter-style niedergemetzelt wird, diente als Vorlage für Inszenierungen in Wien und Klagenfurt. Davor kannte man Haider vor allem als vermeintlich Babykatzen tretenden Sidekick von Stefanie Sargnagel, mit der sie gemeinsam der Frauen-Burschenschaft Hysteria und dem Kollektiv Wiener Grippe angehört.

Blutige Hostien, harte Trips

von Gabi Hift

Berlin, 10. Oktober 2021. In diesem Jahr präsentiert das FIND-Festival mit Angélica Liddell zum ersten Mal einen "Artist in focus". In der zweiten Woche konnte man zwei Produktionen von ihr sehen, "Liebestod", ihre neueste Inszenierung, Premiere war diesen Sommer in Avignon, und "The Scarlet Letter", das Stück davor aus 2018. 

Zwischen allen Fronten

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. Oktober 2021. Das Radar Ost Festival am Deutschen Theater Berlin ist eingebettet ins Weltgeschehen: Eröffnet wurde es am 15. Jahrestag der Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, an dem das bis heute unaufgeklärte Attentat zugleich verjährte – am nächsten Tag geht ein Friedensnobelpreis an Dmitri Muratow, einen der Gründer der Nowaja Gazeta, der Zeitung, für die Politkowskaja arbeitete. Das Festivalmotto am Deutschen Theater ist derweil "Art[ists] at Risk", weil auch die Künstler:innen es schwerhaben in Ländern, in denen die Presse- und Meinungsfreiheit nicht gewährleistet ist.

Raketenstart ins Postpatriarchat

von Sabine Leucht

München, 9. Oktober 2021. "Dieses Lied ist dem gewidmet, der mich in einem Flur voller Schlangen fickte, bis meine Augen weiß und zu Knochen wurden. Und mich unter Wasser zog, und meine Haut färbte sich grün." So drastisch und finster-poetisch beginnt das neue Stück von Sivan Ben Yishai; ein ganzes langes Lied von Sex und Gewalt, das Widmung auf Widmung häuft: An Vergewaltiger und Sugardaddies, Applaudierende, Grienende und Wegschauende. Eine raue, rohe Komposition von ekelerregender Direktheit ist das. Voller Selfiesticks, die an spermatriefende Vaginen heranzoomen, misogynen Begriffen wie "Müllschacht" und devot serviertem Lieblingsyogitee.

5 nach 12

von Frank G. Kurzhals

Hannover, 9. Oktober 2021. Unser aller Zukunft, sie wurde durch falsche Entscheidungen in der Vergangenheit verspielt. Allerdings: Jammern hilft nicht. Deshalb gibt sich das Schauspielhaus in Hannover kämpferisch. Als gäbe es noch etwas zu retten. Und inszeniert in der Regie von Marie Bues die "Klimatrilogie" des Österreichers Thomas Köck, der genau diese Erzählung von falschen ökonomischen Entscheidungen und deren unentrinnbaren ökologischen Folgen für die Menschheit in assoziationsreiche Geschichten gefasst hat.

Revolutionäres Schlachtfeld

von Karin E. Yeşilada

Wuppertal, 9. Oktober 2021. Endlich wieder Premiere im Großen Opernhaus in Wuppertal! Die Bühne ein chaotischer Haufen herumliegender Palettenstapel, mit Plastikfolie überstülpter Fernsehgeräte und aufgespannter Segelmasten. Das alles vor einem auf die Bühnenwand projizierten Eismeer. Anna-Elisabeth Frick überträgt die Kernfrage von Büchners Revolutionsdrama offensichtlich auf unsere Gegenwartskrise: Wieviel Revolution wagen für den Kampf gegen den Klimawandel? Der Premierenabend wird ihr in besonderer Weise Antwort geben.

Arbeit, edle Himmelsgabe

von Sarah Heppekausen

Gelsenkirchen, 8. Oktober 2021. 260.000 Einwohner:innen, davon 167.000 im erwerbsfähigen Alter. Gerade einmal die Hälfte hat einen festen Job. Gelsenkirchen hat im bundesweiten Vergleich die zweitniedrigste Beschäftigungsquote. Jede:r Vierte bekommt Hartz IV. Das sind die Fakten. Und wer mit der Straßenbahn unterwegs ist zum Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, bekommt auch visuell einen nachhaltigen Eindruck von der Realität. Die Kontraste liegen in der Stadt dicht beieinander. Verfallene Häuser und Leerstand neben Wissenschaftspark und dem beeindruckenden Ruhnau-Theaterbau. In Gelsenkirchen hat der Strukturwandel sichtbare Narben hinterlassen. Ein passender Ort ist das für Volker Lösch, der als Regisseur stets gegenwartsbezogen arbeitet und für den Lohnarbeit und ihr sinkender Wert schon häufiger Thema waren.

Brutus liest Fanpost

von Henryk Goldberg

Meiningen, 8. Oktober 2021. Sie haben keine Gesichter, nur mit Gesichtern bemalte Papp-Bretter vor den Köpfen. Und Papp-Schilder in den Händen, "Heil Caesar". Sie bejubeln den, der ihren Pompejus schlug, den sie einst bejubelt hatten. Später werden sie, dann als rote Clowns, um den toten Caesar trauern. Bis es Brutus ihnen eintränkt, warum der Mord rechtens war. Sie werden es verstehen und dem Mörder ihre Reverenz erweisen. Bis Antonius es ihnen besser erklärt, dann werden sie den Brutus jagen. Ein Volk, wie blöd das ist. – Ungefähr darum geht es.

Letzter seiner Art

von Tobias Prüwer

Leipzig, 8. Oktober 2021. Nachts schlafen die Ratten doch – und träumen vom letzten Menschen. Oder geistern die Ratten nur in dessen Kopf herum? Man kann es nicht entscheiden, wenn Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig einen bunten Chor von Nagern auffährt, um "Die Rättin" als apokalyptisches Schlachtengemälde zu inszenieren. Statt Literaturtheater vom Blatt zu servieren, entfacht sie einmal mehr einen originellen Theaterrausch.

Das Leben als biblische Baustelle

von Andreas Wilink

Bochum, 8. Oktober 2021. Der Teufel sitzt bereits beim Abendmahl – der Hintergrund der Bühne im Schauspielhaus Bochum abgehängt mit einer Baustellen-Plane – und lässt sich's schmecken. Nicht für lange. Schon klappert die Irrenhauswärterin mit den Schlüsseln. Der Teufel hat auch das erste Wort. Das, was er sagt, könnte Jesus im Munde geführt haben, vielleicht in jenem Augenblick auf Golgatha, als ihm entfuhr: "Eli, Eli, lama sabachthani" (Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen). Der Teufel, der Woland heißt und undercover in Moskau erscheint, räsoniert darüber, "wie der Mensch etwas lenken kann, wenn er – ganz zu schweigen von seiner Unfähigkeit, einen wie auch immer gearteten Plan für die lächerlich kurze Frist von nur, sagen wir, tausend Jahren zu erstellen – nicht in der Lage ist, seinen eigenen morgigen Tag im Voraus zu verwalten?". So fühlt Luzifer sich in der Pflicht, es zu richten.

Monster im zerfallenden Europa

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 8. Oktober 2021. Die Welt stürzt ein über dem Werbetexter Jakob Fabian. Es ist das Jahr 1931. Die zerfallende Weimarer Republik schlittert in den Faschismus. Adolf Hitlers Machtergreifung ist nicht mehr weit. Immer mehr bröckelt der Putz der Goldenen Zwanziger in Brit Bartkowiaks Inszenierung von Erich Kästners "Fabian. Der Gang vor die Hunde" im Marguerre-Saal des Theaters Heidelberg. Das ist die Urfassung des Texts, der 1931 etwas entschärft wohl mit Blick auf die Zensur als "Fabian. Geschichte eines Moralisten" veröffentlicht wurde.

Pussy Terror in der Ehehölle

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 7. Oktober 2021. Die Feministin und Historikerin Mary Beard veranschaulicht in ihrem Buch "Frauen und Macht", wie Frauen in der Kultur konsequent zum Schweigen gebracht wurden und wie das Redendürfen mit dem Wahrgenommenwerden verschränkt ist. So ist es natürlich kein Zufall, dass die Frauen in Shakespeares Komödie "Der Widerspenstigen Zähmung“ den ganzen ersten Akt lang keinen Pieps von sich geben. Dabei sind die beiden Schwestern Bianca und Katharina wahrlich nicht auf den Mund gefallen. In Mainz reden sie aber zum Glück mehr, als Shakespeare ihnen zutraut.

Was es bräuchte, das ist eine Revolution

von Gabi Hift

Berlin, 7. Oktober 2021. Bei Einlass sitzt Édouard Louis schon auf der Bühne, er sieht sehr jung aus, wie er in seinem grauen Kapuzenpulli etwas in den Laptop tippt und dabei mitspricht. Gleich wird er etwas unternehmen, was gefährlich schiefgehen kann: er wird sich selbst spielen, was, wie jeder Theatermensch weiß, zum Schwersten überhaupt gehört. "Sei doch einfach ganz du selbst" ist eine im Leben wie auf der Probe gefürchtete (dumme!) Anweisung.

Die Sache mit dem Teufel

von Michael Wolf

Berlin, 7. Oktober 2021. Drei Tage hatte man Giles Corey gefoltert, ihn mit Steinen beschwert, um ein Geständnis aus ihm herauszuquetschen. Aber der Achtzigjährige gab nicht nach, kurz vor seinem Tod soll er stur "Mehr Gewicht" gefordert haben. Zweieinhalb Jahrhunderte später recherchierte Arthur Miller seinen Fall und den der weiteren neunzehn Frauen, Kinder und Männer, die den Hexenprozessen von Salem zum Opfer fielen. Heraus kam sein, neben "Tod eines Handlungsreisenden", bekanntestes Stück: "Hexenjagd".

Autor zu entdecken!

von Michael Laages

Hamburg, 2. Oktober 2021. Eigentlich ist das ja skandalös, dass es dem Thalia Theater vorbehalten blieb, dieses immerhin schon 1975 entstandene Stück des israelischen Dramatikers Hanoch Levin jetzt erstmals in deutscher Sprache vorzustellen. Und im Grunde auch den Autor selbst. Der ist zwar bei den Nachbarn in Frankreich bestens bekannt (als widerständige Stimme der Kultur in Israel seit Ende der 60er Jahre), hierzulande aber sind die Bühnen-Begegnungen mit Levins Texten extrem selten geblieben. Und "Krum", diese herausfordernde Familien- und Nachbarschafts-Phantasie, die abendfüllend über Abgründen balanciert, hatte bislang nur Krzysztof Warlikowski aus Polen zum Gastspiel nach Deutschland gebracht. Vor ziemlich genau einem Jahr, vor dem zweiten Lockdown in der Pandemie, begann nun der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó im Auftrag des Hamburger Thalia Theaters mit den Proben an einer neuen Übersetzung; und natürlich blieb dann auch diese Arbeit liegen. Jetzt endlich kann das Theater das in vielerlei Hinsicht erstaunliche Stück zeigen.

Die Sakralisierung des Eigentums

von Michael Bartsch

Dresden, 2. Oktober 2021. Das ist ein ganz anderer Lösch, als man ihn spätestens seit Hauptmanns "Weber" 2005 in Dresden kennt. Nicht der Volker Lösch der Bürgerchöre, die die neun Jahre später einsetzenden Pegida-Proteste vorwegnahmen, nicht der Agitator des "Blauen Wunders" von 2019, das AfD-Gedankengut einfach zu Ende spielte. Bis 20 Minuten vor dem Black gibt es nun hingegen im Dresdner Schauspielhaus eine komödiantisch-parodistische Molière-Adaption des "Tartuffe" zu sehen, die an Brechts große Kapitalismus-Parabeln wie den "Guten Menschen", die "Johanna" oder "Mahagonny" erinnert. Im Text wird dieser Vergleich auch einmal gezogen. Schließlich aber folgt doch noch die fast schon sehnlich erwartete Epilog-Vorlesung. Die Akteure referieren die Analyse "Kapital und Ideologie" des französischen Ökonomen Thomas Piketty, wenn man so will, ein Marx des 21. Jahrhunderts.