Einmal Siegerin der Geschichte sein

von Cornelia Fiedler

Düsseldorf, 22. September 2019. Zerstören, das ist die eine Option, aufgeben, verschwinden, vielleicht sterben die andere. Charlie ist dreizehn Jahre alt und die Welt um sie herum geht rasant vor die Hunde: Ihre Mutter ist schwer alkoholabhängig und von psychischen Schüben gebeutelt, Europa steht kurz vor dem dritten Weltkrieg, die Straßen sind mit Tierkadavern gesäumt, eine Suizidwelle erfasst die Erwachsenen und selbst das ehemals gemäßigte Klima scheint aufzugeben, Stürme und Überschwemmung verwüsten das Land. Klingt düster, stimmt aber nicht. Im Angesicht der Katastrophe inszeniert Regisseur Simon Solberg seine Theateradaption von Helene Hegemanns "Bungalow" am Schauspiel Düsseldorf energisch, lebendig und stark auf Pointe und Effekt - zu stark.

Die Rechte marschiert

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 21. September 2019. "Die Wacht am Rhein" brennt noch beim Verlassen des Stuttgarter Schauspielhauses in den Ohren. Gleich alle sechs Strophen hat der Nazi Erich gegrölt, und die gesamte Statisterie hat lauthals mitgesungen. Der Nazi Erich hat an der Rampe gestanden, als hätte er einen Stock im Arsch, die Augen fanatisch geweitet. Sicher die bedrohlichste, unangenehmste Szene in Calixto Bieitos Inszenierung des kritischen Volksstücks "Italienische Nacht", das Ödön von Horváth 1931 geschrieben hat, als die Weimarer Republik, geschwächt durch politische Instabilität, Massenarbeitslosigkeit und die Traumata des ersten Weltkriegs, bereits angezählt war.

Aufgetischt und abgekotzt

von Andrea Heinz

Wien, 21. September 2019. Das Burgtheater beliebt neuerdings zu scherzen: "Burgtheater sold white men" ist auf den Werbeplakaten zu lesen (sofern man die Schrift entziffern kann). Weiß die Marketingabteilung womöglich nicht, dass Neu-Intendant Martin Kušej ein weißer Mann ist? Oder soll das ein Scherz sein? Wahrscheinlich handelt es sich um ein Missverständnis: Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht, dass Männer endlich auch öfter Opfer von Menschenhandel werden sollten. Niemand will das, das Publikum nicht und auch wir Kritiker*innen nicht. Oder, wie es einmal in "The Party" heißt, das Sally Potter ursprünglich als Drehbuch schrieb und das nun in der Regie von Anne Lenk auf die Bühne des Burgtheaters kam: "Männer sind nicht der Feind!"

Die Hoffnung keimt im Hinterzimmer

von Andreas Thamm

Regensburg, 21. September 2019. Terje Rød-Larsen ist ein Mann, der daran glaubt, die Welt verändern zu können. Er hat ein Modell dafür entwickelt, er nennt es Gradualismus. Konfliktparteien sollen einander nicht länger vor der Weltöffentlichkeit begegnen, sondern persönlich, dabei ein Thema nach dem anderen abarbeiten und dadurch ein Band des Vertrauens knüpfen. Der norwegische Soziologe muss von seiner Sache absolut überzeugt sein, um sein Modell genau auf diesen Konflikt anzuwenden, den Konflikt der Nachkriegswelt schlechthin: Israel versus Palästina.

Im Auge des Zyklons

von Steffen Becker

Bruchsal, 21. September 2019. "Vergänglichkeit" – danach klingt es in der Spielstätte Hexagon der Badischen Landesbühne Bruchsal: "Ein Regen läuft auf Erden / als stiller Bach ins Meer / und jeder Tropfen ist dabei / bis er ins große Wasser rinnt / man kommt und liebt und geht vorbei", heißt es im Auftaktgedicht von Günther Weisenborn.

Die andere Vererbungslehre

von Andreas Wilink

Köln, 20. September 2019. Die Juden sind das Volk des Buches. Entsprechend wirkt das Buch in "Vögel" als Verführer. Sieben Schauspieler sitzen auf der Kölner Depot-Bühne gebeugt über Bücher: lesend, schlafend, vielleicht träumend, bis die Regie sie erweckt und zum Tanzen bringt. Eitan Zimmermann, Sohn des Israeli David und der ostdeutschen Psychiaterin Norah aus kommunistischem Berliner Elternhaus, forscht in den USA als Biogenetiker. In der New Yorker Universitätsbibliothek begegnet er der arabischstämmigen Wahida, deren Doktorarbeit sich mit einem vor 500 Jahren vermutlich nur äußerlich zum Christentum bekehrten Weisen, al-Hasan Ibn Mohamed al Wazzan, befasst, der Papst Leo X. als Geschenk überreicht worden war.

Heuchelei ist unser System

von Christian Rakow

Potsdam, 20. September 2019. Einmal bedrängt die Mutter des Hauses, Big Mama, ihre Schwiegertochter Margaret mit der in dieser Familie üblichen Unverschämtheit: "Machst du Brick im Bett glücklich?" Und Margaret kontert: "Warum fragst Du nicht, ob er mich glücklich macht?" Da blitzt sie auf, die Zeitenwende, die sich in diesem Stück von Tennessee Williams schon ankündigt.

Zombieland wird aufgespannt

von Christian Muggenthaler

Memmingen, 20. September 2019. Am Schluss, wenn das Blutsüppchen weidlich angerührt ist und so ziemlich alles tot daliegt, könnte das gesamte Geschehen sich sofort wiederholen. Wie schon zu Beginn hallt die Frage "Aber ist Euch auch wohl, Vater?" durchs Theater. Und die, die zuletzt das ganze Drama final entseelt haben, krabbeln, kriechen und wanken schon am Anfang wie die Zombies auf die Bühne. Damit macht Julia Prechsl gleich schon mal hinlänglich klar, was gemeint ist in ihrer wuchtigen, kräftigen Interpretation von Friedrich Schillers "Die Räuber": Dort, wo die Liebe fehlt, dort, wo Herzlosigkeit, Seelenlosigkeit, Unmenschlichkeit herrschen, dort werden Untote herrschen und den Grundton der Gewalt ins Land setzen: Wo das Herz fehlt, läuft das Blut aus.

Dieser schwarz glitzernde Untergang

von Dorothea Marcus

Mülheim an der Ruhr, 19. September 2019. Wer hätte das gedacht, dass einer der grandiosesten Theatertexte zur Klimakrise schon über 40 Jahre alt ist. Und während wir heute mehr oder weniger lodernd, pflichtbewusst oder untergangsselig auf Großstadt-Straßen für das Klima demonstriert haben, hat Hans Magnus Enzensberger, in seinem 90. Jahr, vielleicht gedacht: "Wir glaubten noch an ein Ende, damals. Auch eine Spielart der Zuversicht". Denn die Beschwörung einer Katastrophe ist ja auch ein Trost, Aphrodisiakum, Projektion und sektiererischer Weckruf (Enzensberger) in Endlosschleife, der sich selbst allzu wichtig nimmt – im Angesicht des beschworenen Verschwindens. Und zugleich ein Kick, den wir geradezu brauchen, lustvoll schaudernd beschworen durch Unterhaltungsindustrie, eingeschrieben im Terror der Aufmerksamkeitsökonomie.

Der kleine Banksy-Moment

von Frauke Adrians

Berlin, 19. September 2019. Gesucht: ein Street-Art-Künstler. Er malt die angesagtesten Sachen, irgendwas mit "Schmerzkörpern", total existenzialistisches Zeug, das sich dann auch noch nach kurzer Zeit von den Mauern ab- und in Luft auflöst. Unwiederbringlich, unverkäuflich. Klar, dass so was jede Journalistin und jeden Kunsthändler anstachelt, erst recht, wenn sie nicht wissen, wer sich hinter dem Künstlernamen Samo verbirgt. Ein zweiter Banksy? Als sie ihn aufstöbern in seinem Versteck, ist es vorbei mit der Anonymität und, wir ahnen es, bald auch mit der Kunst. Nebenbei: Samo (Jean-Philippe Adabra) ist schwarz, Vorfahren von ihm lebten in Simbabwe.

Der Planet brennt und wir tanzen

von Valeria Heintges

Zürich, 18. September 2019. "They shoot horses, don't they?", auf Deutsch: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss, ist ein Buch von Horrace McCoy, das von Tanzmarathons in Zeiten der großen Depression in den USA der 1930er-Jahre handelt. 1969 wurde es von Sydney Pollack unter anderem mit Jane Fonda verfilmt und neunmal für den Oscar nominiert, wobei am Ende aber nur Gig Young als Bester Nebendarsteller eine Ehrung erhielt.

Als gäbe es ein Morgen

von Jens Fischer

Hannover, 15. September 2019. In lähmender Ereignislosigkeit sediert der Schmerz zerborstener Träume eine überflüssige, sich selbst überdrüssige Ratlosigkeitsgesellschaft in schwer lastende Melancholie; Menschen verzweifeln im Müßiggang an der Sinn- und Orientierungslosigkeit ihres Daseins und im trägen Groove ewiger Langeweile schaut die Inszenierung beim Warten und Vergehen der Zeit zu. Gegen diese Tschechowregie-Konvention versucht sich Stephan Kimmig an "Platonow". Hinter einer in den Zuschauerraum gezogenen Veranda startet das Ensemble hochzeitsfidel in den Abend und zeigt, wie zeitlos modern die Figuren sind, leiden sie doch mehr am individuellen Menschsein denn an politischen Verhältnissen.

Erschießt eure Männer!

von Simone Kaempf

Berlin, 15. September 2019. Der Funke springt dann doch noch. Spät allerdings. Zum Greifen nah ist da schon der Verzweiflungs-Suizid Anna Kareninas, eines der Frauenschicksale des Literaturkanons, dessen Ende man zu kennen meint. In Handfesseln sitzt diese Karenina nun auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters, ungebrochen aufrecht gespielt von Lea Draeger, doch die Tanzball-Frisur hängt in Strähnen, der Lippenstift ist verschmiert. Man weiß ja, dass sie keinen Ausweg mehr kennt und sich gleich vor den Zug auf die Gleise wirft. Und mehrere Gleise kreuzen sich hochsymbolisch im Bühnenbild dieses Abends, der "Anna Karenina" und Dostojewskis Brief-Erzählung "Arme Leute" zusammenspinnt. Alles andere als der altbekannte tödliche Ausgang scheint einem kurz vor Schluss völlig abwegig zu sein.

Diversität ist Trumpf

von Andreas Klaeui

Zürich, 16. September 2019. Als erste Amtshandlung greift Nicolas Stemann zur Schmusegitarre und singt mit Benjamin von Blomberg die Credits: "… allen privaten Gönnern / die sich im Förder-Circle / und im Komplizen-Club / in der Gesellschaft der Freunde / und im Zürcher Theaterverein / engagieren: Wir wollen euch nicht verlieren! Lalala …" So nimmt man Aussersihl und Zürichberg für sich ein! Ihrem jungenhaften Charme kann sich kaum wer entziehen. Und wenn jetzt ein paar griesgrämige Stimmen dennoch gleich monieren, sie gäben sich ja große Mühe, zu gefallen: Keine Sorge, sie werden es schon nicht allen recht machen.

Jedermanns Beißreflex

von Georg Kasch

Darmstadt, 14. September 2019. Was ist die "Schwarze Schmach"? Brabantio, der gemeinsam mit Rodrigo Flugblätter verteilt "zum Schutz unserer Heimat, Bevölkerung, Frauen und Kinder", macht nur schwiemelnde Andeutungen. Auf den Zetteln ist zu lesen: "die unerhörte Demütigung und Vergewaltigung einer hoch kultivierten weißen Rasse durch eine noch halb barbarische farbige". Die Propaganda ist echt: Als nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet zwischen Mainz und Darmstadt von französischen Truppen besetzt war, nutzten Rechtsnationale den Umstand, dass viele Soldaten schwarz waren, für erfundene Vergewaltigungen und Morde.

Warnung an die Gegenwart

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. September 2019. Boxende Literaten und Literatur, die sich mit dem Boxen beschäftigt, gibt es zuhauf. Von Heinrich von Kleist, Arthur Cravan, Georges Simenon, Ernest Hemingway über Joyce Carol Oates, Djuna Barnes bis hin zu Bertolt Brecht. Einige der Genannten boxten selbst, andere schrieben über den Faustkampf. Verfassten Romane, Erzählungen, Manifeste, Abhandlungen. Der Boxer: das Tier im Mann, das Testosteron im Ring.

Abschied in Weiß

von Michael Bartsch

Dresden, 14. September 2019. Man ahnt schnell, dass die Clownerie, die Slapsticks der ersten Szenen nicht durchzuhalten sein werden. Das ist mehr als Komödie, was vor allem Karina Plachetka als Dienstmädchen Dunjascha und Oliver Simon als der zum Kaufmann aufgestiegene Lopachin zum Auftakt bieten. Nebenbei eine Gelegenheit, das selten gesehene komödiantische Talent dieser und weiterer Ensemblemitglieder des Dresdner Staatsschauspiels zu bewundern. Lopachin stolpert chaplinesk über einen Hocker, während er auf den Zug aus Paris wartet, mit dem die Herrin des Herrenhauses und des Kirschgartens Ljubow Andrejewna Ranewskaja (Anja Lais) nach fünfjährigem Exil heimkehren soll. Dunjascha flirtet währenddessen mit dem Publikum und droht ihm zugleich mit Hinauswurf, sollte es sich nicht benehmen. "Das ist Tschechow!", wird man belehrt.

Schlagt ihre Klingen klein!

von Nikolaus Merck

Rostock, 14. September 2019. Zuerst, kaum ist der Partylärm verstummt – "ein Pferd", rufen sie im Hintergrund, "ein Königreich für ein Pferd", wie? das Ende am Anfang? alles Folgende nur eine Rückblende? – zuerst also schwebt Richard vom Bühnenhimmel herab vor dem Klettergerüst, das Martin Fischer doppelseitig und formatfüllend auf die Bühne des Volkstheaters hat zimmern lassen. Der schwarz-blutige Engel der Geschichte? Oder doch nur der ungeschickte Bruder von Helene Fischer, der sich da mühsam aus dem Fluggeschirr befreit? Am Ende schluckt derselbe Richard eine Giftpille, bevor ihn noch Richmond, wie von Shakespeare vorgesehen, aus dem Leben zum Tode befördert und da ist er der Reichsmarschall Göring, der sich dem Urteil des Nürnberger Gerichts entzieht.

Wie es drinnen aussah

von Michael Laages

Marburg, 14. September 2019. Wer erinnert sich noch daran, wo er oder sie war zu Pfingsten 1993, genauer: am 29. Mai 1993? Beim alljährlichen Jazzfestival in Moers am Niederrhein etwa bekundete der englische Musiker Fred Frith unter Tränen Trauer und Zorn angesichts des mörderischen Brandanschlags, der in der Nacht zuvor ein Zweifamilienhaus in Solingen getroffen hatte; etwas mehr als 100 Kilometer weit weg vom Festival.

Fünf Menschen waren bei diesem Feuer gestorben, zwei Mütter, drei Kinder, über ein Dutzend weitere wurden teils schwerst verletzt. Junge Männer, die der rechtsradikalen Szene zugeordnet werden konnten, hatten das Feuer gelegt. Der Anschlag stand in einer Reihe rassistischen Terrors, der nach der Wende '89 in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda begonnen und sich kurz vor Solingen in Mölln fortgesetzt hatte. Kohl hieß der Kanzler; er weigerte sich, an der Trauerfeier für die Solinger Opfer teilzunehmen – das sähe nach "Beileidstourismus" aus. Jaja, es war viel Beileid nötig in jenen Jahren.

Das träge Tröpfeln der Zeit

von Jan Fischer

Hannover, 13. September 2019. Schauen wir uns das einmal an. Aus rot wird gelb, auf der Raucherterrasse hängt nun ein beleuchteter Sinnspruch aus "Iphigenie", für das Foyer wurden neue Fliesen und ein neuer Kronleuchter angeschafft, und über der Bar gibt es ein paar neue Lichtleisten. Mehr Licht also: Nach zehn Jahren mit dem ehemaligen Intendant Lars-Ole Walburg startet das Schauspiel Hannover unter Leitung von Sonja Anders in die neue Spielzeit.