Leben als Dennoch

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 21. Mai 2017. Am Ende hat Frieder sich doch umgebracht. Aber da gab es das Auerhaus schon nicht mehr, das Abitur hatte der württembergischen Schüler-WG, die Bov Bjerg in seinem Roman "Auerhaus" beschreibt, schon ein sozusagen natürliches Ende gesetzt. Trotzdem wird es Leute geben, die das so einordnen wie Cäcilia die Scheidung ihrer Eltern: "Ihre Ehe ist gescheitert."- "Wie kann die das denn so sagen? Die waren 20 Jahre lang verheiratet, und dann haben sie sich eben scheiden lassen", braust der Erzähler von "Auerhaus" auf.

Eine Fest für zwei

von Stefan Schmidt

Hamburg, 20. Mai 2017. Der Sarg des Odysseus ist von Beginn an leer. Zumindest fast. Irgendwann im Laufe dieses Premierenabends im Hamburger Thalia an der Gaußstraße werden sie den Deckel anheben, und ein weißer Luftballon wird aus der schwarz lackierten Pressholzkiste aufsteigen. Falls das die Seele des berühmten mythischen Kriegers sein sollte, überlebt sie die Befreiung aus dem Totenreich nicht lang. Einer der Söhne des Odysseus schießt den Ballon kurzerhand mit einer Pistole ab. Übrig bleibt eine Botschaft in einem Kuvert: ein übergroßer Penis auf einem DIN-A-4-Zettel. Zeit für den Schwanz-Vergleich!

Auf der B-Seite gerockt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 20. Mai 2017. Schreckensszenario der Neuen Dramatik: Irgendwo in irgendeiner mit irgendwelchen Mitteln geförderten Schreibwerkstatt entsteht ein kleines handliches Stück, das irgendwann ein aufstrebender Regieassistent an einer Studiobühne mit ein paar Schauspielanfänger*innen in die ewige Irrelevanz entlässt. So übertrieben, wie es klingen mag, ist dieses Szenario freilich nicht, weswegen in den letzten Jahren häufiger von einer Überförderung der Autor*innen die Rede ging. Kann das der Boden für starke neue Theatertexte sein?

Seht mich, die nackte Wahrheit

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 20. Mai 2017. Über das zu lange Schärpenkleid scheint Atossa, Mutter von König Xerxes, bei ihrem Auftritt mehrmals zu stolpern. Kaum findet sie wieder die Balance. Gold, alles Gold, nicht nur das Kleid. Auch die Haut Atossas wirkt wie gegerbtes Goldleder. Da ist die persische Elite mit ihrem Besitzstand verwachsen, quasi verkrustet bis ins Fleisch. "Was wird aus dem Reichtum, den niemand beschützt?" Das wird folgerichtig Atossas erste Frage sein, nachdem sie von der verheerenden Niederlage der Riesenstreitmacht der Perser bei Salamis erfahren hat.

Wie ein misslungener Purzelbaum

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. Mai 2017. Die vier Absolventen dieser Schule tragen je eine graue Hose, ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und darüber eine rote Strick- oder vielleicht auch Signalweste. Denn ja, man könnte sagen, diese Zöglinge strebten nach Rettung, nämlich vor einer Zukunft, die für sie nur Konkurrenz, Weiterbildung und Optimierungsprogramme bereithalten wird.

Hänsel und Gretel in der Großstadt

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 20. Mai 2017. Auf den Probenfotos, die das Deutsche Theater auf seiner Webseite und im Programmheft zu Alexander Riemenschneiders Inszenierung veröffentlicht hat, fallen einem sofort die großen roten Flecken auf Kotti Yuns und Thorsten Hierses Wangen ins Auge. Das dunkle Rot akzentuiert nicht nur die weiße Schminke, die ihre Gesichter bedeckt. Es weckt zudem Erinnerungen an die Masken der japanischen Nō-Spiel und an die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler im Kabuki-Theater.

Schreie Panik Blut

von Elena Philipp

Berlin, 20. Mai 2017. Was für ein bizarres Triumvirat des Terrors: Der mittelalte Mann, der vor seinem Eigenheim das Auto wäscht und um seine wilden Jugendjahre trauert. Der Junge, der ein Eis verzehrt, verzweifelt kleckernd und elternseits darob gescholten. Und der junge Mann, der gemeinsam mit anderen im Bataclan-Theater 89 Menschen töten wird: "hab’ keine angst / du wirst in zwei minuten tot sein / boom".

Dass das Leben weitergeht, ist keine Platitüde

von Sascha Westphal

Detmold, 19. Mai 2017. Alles kreist um eine Tragödie. Der 15-jährige Christopher wird an einem Sonntagnachmittag überfahren und stirbt kurz darauf. Dennoch beginnt "Am Strand der weiten Welt" ganz und gar undramatisch, ein paar Tage vor dem entsetzlichen Unfall. Zwei Teenager sind nachts im Bus auf dem Weg nach Hause. Sarah würde gerne noch irgendwo weiter feiern. Alex, Christophers älterem Bruder, reicht es für den Abend. Sie ist zwar ein Jahr jünger als der 18-Jährige, aber deutlich forscher und neugieriger. Sarah möchte Erfahrungen sammeln, das Leben in jedem Augenblick auskosten. Also macht sie dem schüchternen, immer wieder zurückschreckenden Alex ein Angebot, das er eigentlich nicht ausschlagen kann: Er darf sie küssen. Doch dazu ist er einfach noch nicht bereit.

Afrika als Metapher

von Gerhard Preußer

Bochum 19. Mai 2017. Eigentlich ein Skandal, dass das Stück immer noch so heißen darf! Aber es geht ja nicht um die Hautfarbe. Afrika sei hier nur eine Metapher, hat Bernard-Marie Koltès über sein Stück gesagt. Eine Metapher wofür? Für das Leben. Genauer: für das Leben in Unsicherheit und Einsamkeit. Alle wollen darin anders, besser, schöner leben, keinem gelingt es.

Tortenschlacht in einer zerfallenden Welt

von Elisabeth Maier

Konstanz, 19. Mai 2017. Ölgemälde von Seeschlachten und brennenden Schiffen hängen an holzgetäfelten Wänden. Davor singt ein Chor Giuseppe Verdis Messa da Requiem. Die festliche Kleidung der Schiffspassagiere deutet auf eine illustre Gesellschaft hin. Eine Stewardess serviert eine riesige Schokoladentorte, dekoriert mit einem Panzer und zerstörten Hausmauern. Nichts in dieser Welt ist mehr so, wie es einmal war. Längst hat die Dekadenz ihren Höhepunkt erreicht.

Zwischen den Kriegen

von Andreas Thamm

Bamberg, 19. Mai 2017. 1945: Der Krieg ist vorbei. 1990: Jugoslawien zerfällt. 2011: Kroatien tritt der Europäischen Union bei . Der Balkanstaat blickt auf eine Geschichte der Umbrüche zurück. Drei Winter von Tena Štivičić transkribiert, nach guter Tradition, die National- zur Familiengeschichte. In Bamberg ist das Stück in deutscher Erstaufführung zu sehen.

Todeskampf einer Maus

von Friederike Felbeck

Mülheim/Ruhr, 19. Mai 2017. Zwei Freundinnen leben in einer kleinen dunklen Wohnung mitten in Damaskus, die Front ist hörbar um die Ecke. Die beiden Hälften eines Ehebetts stehen in den gegenüberliegenden Ecken des Raumes, ein Rest von Privatsphäre wird durch provisorische Vorhänge markiert. Mit der Umdeutung eines Alltags beschäftigt, der längst nicht mehr von ihnen selbst, sondern von Granaten, Stromausfall und dem Mangel an warmem Wasser bestimmt wird, meistern die beiden ihr Schicksal und warten auf ihre Männer. Die eine von ihnen, Hala, wird in zwei Monaten nach Deutschland gehen. Rand, die mit einem Soldaten der syrischen Armee eine Affäre hat, fiebert dem 24stündigen Fronturlaub ihres Geliebten entgegen. Als Hala der nach drei Monaten Abstinenz aufgeheizten Wiedervereinigung ihrer Freundin mit dem Checkpoint-Soldaten Khaldoun nicht Platz machen kann, weil das Viertel unter Beschuss steht, entbrennt ein Beziehungsstreit und Eifersuchtsdrama, das vor allem um die eine Frage kreist: Bleiben oder Gehen.

Bad Religion

von Kai Bremer

Münster, 18. Mai 2017. Wie sehr das im Herbst anstehende Reformationsjubiläum jetzt schon künstlerisch herausfordert, zeigen Münsters Theater mit Facettenreichtum. Im Herbst feierte hier im Stadttheater John von Düffels Luther-Drama Premiere. Seine Pointe ist, dass es die Reformationsgeschichte im Kern ausspart und den jungen Mönch und den alten Wutbürger vorführt. Von Düffel nähert sich dem Phänomen Reformation nicht zuletzt sprachlich, indem er Luthers Frühneuhochdeutsch überzeugend nachahmt. Einen anderen Zugriff auf diese Zeit wählt Arna Aley, die die Geschichte des Münsteraner Täuferreichs für das private Wolfgang-Borchert-Theater in Münster unter dem Titel "Das neue Jerusalem" dramatisiert hat.

Harder!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Mai 2017. Schon beim Kartenabriss dampft es muffig aus der Halle G im Museumsquartier. 150 Minuten später, nach Verschleiß von unüberschaubar viel Knallfröschen, Spritzkerzen und Bühnennebel, ist der läuternde Sauna-Gang vorbei, wird draußen nach Luft geschnappt. Viele sind da längst schon gegangen, andere sitzen immer noch drinnen. Weil: Als es wieder hell wird im Publikumsbereich und die letzten Country-Akkorde verklingen, kommt niemand auf die Bühne zurück, um sich dem zögerlich einsetzenden Applaus zu stellen. Einzig Baso Fibonacci, bildender Künstler aus Kanada, bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt.

Rave ins Nirwana

von Martin Thomas Pesl

Wien, 13. Mai 2017. Dafür, dass es Tianzhuo Chens erstes Mal im Theater ist, lernt er schnell. Sonst zeigt er Performances in Museen oder im Berghain. Dennoch beginnt er sein Gastspiel "Ishvara" in der Halle E im Museumsquartier mit einem neckischen Witz, der mit den Erwartungen des Theaterpublikums spielt: Ein Vorhang geht auf. Chens Skulpturen sind über die Bühne verteilt. Hinten leuchtet ein Neonkreuz neben einem Riesencomic von einer abgehackten Hand, die einen abgerissenen Kopf hält. Vorne steht starr ein Mensch mit chinesischem Schirmchen, rechts spielt Kirikoo Des auf einer Biwa einzelne Töne. Ton. Pause. Ton. Pause. Sonst passiert nichts. Nach wenigen Minuten geht der Vorhang wieder zu, und die Wiener Kulturnasen haben etwas zu kichern.

Prototyp eines Wutbürgers

von Steffen Becker

Stuttgart, 13. Mai 2017. Es gibt Theaterabende, denen man entgegenfiebert und die man gleichzeitig fürchtet. Inszenierungen des Horváth-Stücks "Kasimir und Karoline" gehören dazu. Angesiedelt in der Endphase der Weimarer Republik lässt der Autor seine Figuren Sätze sagen wie "Die Staaten müssen wieder radikal national werden". Die Bezüge zum Hier und Jetzt springen einen aus dem 1932-Text geradezu an. Neben dem politischen Zugang bietet das Wirtschaftskrisen-Thema auch Kapitalismuskritik und soziale Spaltung als Einfallstore für eine Aktualisierung des Stoffs an.

Amtsschimmel der Geschichte, Du hinkst!

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 13. Mai 2017. Mit einer Kollektivarbeit verabschiedet sich die Intendantin Dagmar Schlingmann aus Saarbrücken. Eigentlich wollte sie gemeinsam mit den vier Regisseuren Wolfram Apprich, Klaus Gehre, Marcus Lobbes und Christopher Haninger – allesamt Spezialisten für zeitgenössische Dramatik und dem Saarländischen Staatstheater als Gastregisseure verbunden – Joël Pommerats Textsammlung "La Revolution - Wir schaffen das schon" inszenieren und mit dem Revolutionslehrstück einen programmatischen Schlussakt an ihre 11-jährigen Intendanz im Saarland setzen. Schließlich ist man im Saarland Frankreich und der französischen Geschichte näher als anderswo. Der nach Bundeskanzlerin und Durchhalteparole klingende Untertitel "Wir schaffen das schon" passt übrigens auch als Motto auf Schlingmanns Intendanz an der Saar: Weniger revolutionär als evolutionär hat sie das Saarländische Staatstheater mit ihrem Ensemble beharrlich nach vorne entwickelt. Eines hat sie zum Schluss dann aber doch nicht mehr geschafft: Noch einmal selber Regie zu führen. Die Inszenierung der letzten Schauspielproduktion ihrer Intendanz überließ sie den vier Regiemännern allein.

"Wir müssen reden!"

von Tilman Strasser

Köln, 13. Mai 2017. "Ich hab mit Ja gestimmt. Ich steh auch dazu", sagt Ayfer Şentürk Demir. Das Publikum raunt und wie bestellt knistert ein Regenschauer übers Dach. Die Mittvierzigerin sitzt mit fünf anderen Akteuren am Tisch, es gibt türkischen Tee und klare Worte. Vor dem von Recep Tayyip Erdoğan angestrengten Verfassungsreferendum sei sie unentschlossen gewesen. In der Wahlkabine habe sie aber auf ihr Bauchgefühl gehört: "Erdoğan ist schlagfertig und stark." Und: "Ich glaub' nicht, dass in der Türkei gefoltert wird. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaub' es nicht."

Der Schmerz gewinnt immer

von Christian Muggenthaler

Würzburg, 13. Mai 2017. Blutrache, starre Normen, strenger Katholizismus. Religion und Traditionen, die nicht für Würde und Mitmenschlichkeit stehen, sondern für rituelle Hartherzigkeit und Scharfkantigkeit. Menschen, denen das Althergebrachte nicht zur möglichen moralischen Leitplanke, sondern gleich zum Gefängnis wird. Und wenn eine einen Ausbruch wagt, einen Hauch Leidenschaft spürt oder gleich einen ganzen Sturm, dann reisst sie vielleicht kurz mal eine ganze Welt ein, aber selbst deren Ruinen sind noch viel kräftiger als sie und tun weh. Auf jeden Fall gewinnt immer der Schmerz.

Die Requisiteure des Wohlstands

von Christoph Fellmann

Basel, 12. Mai 2017. "Ihr seid hässlich", sagt der Schauspieler in die Ränge hinein, "wir alle sind hässlich." Und die herausgeputzte Dame in der zweiten Reihe klatscht begeistert in die Hände: "Kaum zu ertragen, so wahr ist es!" Diese avantgardistische Theaterszene aus "Asterix und der Kupferkessel" führt direkt hinein ins Dilemma, das auch an diesem Abend am Theater Basel gespielt wird, anlässlich der Uraufführung von "Schlaraffenland", einem, so die Ankündigung, "autobiografischen Stück" von Philipp Löhle.