Völlig schwerelos

von Michael Wolf

Berlin, 24. September 2017. Die Stimmung ist erstaunlich gut. Das Publikum des postmigrantischen Gorki Theaters lässt sich den Abend nicht versauen vom guten Abschneiden der AfD bei der deutschen Bundestagswahl. Dabei spielt das Stück sicher nicht zufällig in einem chauvinistischen System. Fremdwörter und politisch korrekte Sprache sind hier verboten, Europa ist längst Vergangenheit und "alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben".

Rührung statt Sozialismus

von Esther Slevogt

Berlin, 23. September 2017. In der Geschichte gibt's Mord, Flucht und jede Menge Unglück. Doch alles fängt sehr gepflegt an. Zu süffigen Riffs einer sanft rockenden E-Gitarre beginnt ein Mann im weißen Anzug mit dem rauchigen Pathos eines Barsängers zu singen: "In alter Zeit, in blutiger Zeit ...", fast so, als wären wir heute irgendwie weiter. Auf diesen, von Bert Wrede komponierten Tönen werden wir durch den ganzen Abend gleiten. Manchmal schwellen sie dramatisch an. Manchmal plätschern sie wie die Handlung etwas läppisch dahin. Der Schauspieler und Sänger Ingo Hülsmann steht erst noch mit dem Rücken zum Publikum und schaut auf die leere Bühne (wobei diese Leere wohl nicht ganz freiwillig ist. Ein Bühnenbild von Olaf Altmann kam, wie man hört, nicht zum Einsatz). Nur ganz hinten steht ein Gitarrist und produziert live besagte E-Gitarren Musik zu Hülsmanns manchmal provozierend laszivem Gesang.

Tür auf, Tür zu

von Shirin Sojitrawalla

München, 23. September 2017. Das herrschaftliche Haus, in dem der Naturwissenschaftler Pawel und die Seinen bei Gorki hausen, sieht im Münchner Residenztheater aus wie ein baufälliger Elfenbeinturm. Ein in die Jahre gekommenes Wolkenkuckucksheim: stockfleckig, abgewohnt, lädiert. Die Wände sind übersät mit gelben Klebezetteln, Bildern und Skizzen, links wird die Entwicklung des Homo Sapiens zitiert, rechts da Vincis Menschenbild. Ganz oben steht undeutlich das Wort "Mensch" wie ein Versprechen unter der Decke. Das ist nur folgerichtig, geht es in diesem Stück doch allenthalben um den Menschen, den neuen und den alten. Den Menschen als angeblich zur Vernunft und Utopie begabtem Wesen.

Wir müssten reden

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 23. September 2017. "Im Halsumdrehen stehst du himmelhoch über dir." Das verspricht Moritz, der Selbstmörder. Als Wiedergänger will er seinen Schulfreund Melchior zum Suizid bewegen. Ein Lichtblick in einem sonst knochentrockenen Wort-Gestocher, das einen wie viele andere Szenen in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" ziemlich mutlos machen könnte.

Rutschen, singen, silly walking

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 23. September 2017. Er will noch nicht gehen. Er will noch ein ein bisschen saufen. Nestroyanisch gesprochen, und so spricht der alte Schuster Pfrim: "Die Nacht is keines Menschen Freund, da muß man sich wohin flüchten, wo’s lang Tag bleibt." Günter Franzmeier sinkt in die Knie. Schwingt eine Bierdose, unbestimmt, doch als Bekräftigung. Weinerlich, "dass ich dann und wann völlig arbeiten muss", das ist empörend, Franzmeier raunzt, er lallt: As Wienerisch as Wienerisch can be. Im Gewande der Vermurksung, und so sprichts sich nestroyanisch, wird die Herrschaftskritik zum bloßen Narzissmus. Der Narzissmus selbst aber zur Herrschaftskritik. "Ich wär’ vielleicht der ordentlichste Mann, den’s giebt, wenn die Verhältnisse darnach wären", so Pfrim.

Schöner, neuer Mensch

von Michael Bartsch

Dresden, 23. September 2017. Volker Lösch wieder in Dresden! Hier kulminierten seine Bürgerchor-Ideen, hier nahm er 2004 mit den "Webern" die Wutbürger vorweg und sorgte für einen Republikskandal, hier führte er 2015 mit Graf Öderland eben diese mit Pegida konkret gewordenen Wutbürger wieder vor. Die letzten drei Stunden eines fragwürdigen Fünf-Premieren-Marathons zum Spielzeitauftakt des Staatsschauspiels gehörten in der Samstagnacht ihm und einer erneut extrem kraft- und personalaufwändigen Inszenierung.

Kapitalismus, ein Kinderspiel

von Sascha Westphal

Bochum, 22. September 2017. Manhattan ist ein Kinderspielplatz. Links an der Seite befindet sich ein Sandkasten in dem Bert Luppes sitzt – als einsames Kind, mit dem niemand spielen will. Dahinter erhebt sich ein Klettergerüst, auf dem sich der Musiker Benjamin Dousselaere mit seinen elektronischen Instrumenten eingerichtet hat. Schräg daneben bietet eine Art Riesenschaukel bis zu acht Personen Platz. Etwas weiter rechts erhebt sich eine halbrunde, zweireihige Tribüne mit hölzerner Rückwand, auf der die erschöpften Kinder sich ausruhen können. Vorne rechts komplettieren drei Wipppferde dieses Spielparadies, das Pierre Bokma, Elsie de Brauw und Mandela Wee Wee recht bald wie Usurpatoren einnehmen werden. Bert Luppes war zwar schon vor ihnen da. Nur interessiert das diese kleine Clique nicht. Ihnen gehört die ganze Welt, zumindest aber der Spielplatz.

Zum Fjord der Freaks

von Tilman Strasser

Köln, 22. September 2017. Hier ist die Welt noch Scheibe. Na, zumindest die Bühne: Eine große, runde, schräge, drehbare, mit goldenen Kacheln belegte Fläche reicht "Peer Gynt" als Bühnenbild. Von der herab schwindelt Jörg Ratjen als Titelheld seine berühmte Mär vom halsbrecherischen Ritt auf dem Bock. Unten windet sich Marek Harloff als Mutter Aase in diesem Moment noch in Geburtsschmerz (ja, die Ereignisse überschlagen sich ein wenig), im nächsten schimpft sie ihren Sohn Peer als Phantast, der er ist, im übernächsten sorgt sie sich um ihn. Beide tragen Strickware und grässliche Frisuren, Aase ein blondes Lockenwicklerverbrechen, Peer Gynt einen noch blonderen Vokuhila. Diese Variante des "nordischen Faust" lässt schon zu Beginn keinen Zweifel daran, welchen Ton sie anschlagen möchte: einen schrillen.

Hurra, das Schreckgespenst ist da!

von Friederike Felbeck

Oberhausen, 22. September 2017. Toni Schimmelmann ist vor seiner schrägen Familie nach Amerika geflüchtet und arbeitet als Clown in einem Zirkus. Der Direktor ist "Nazi-Krüger" und ehemaliger SS-Hauptsturmbannführer, der Toni in die Rolle eines KZ-Gefangenen mit glänzender Streifenuniform und blinkendem Davidstern zwingt und zur Unterhaltung des Publikums Szenen aus dem Lager nachspielen möchte. Als Toni zur Beerdigung seines Übervaters Josef reisen soll, erfindet er eine IS-Terrorwarnung am Flughafen, um der Heimkehr ins heutige Deutschland zu entgehen. Dort sieht es mit einem Ambiente aus Hirschgeweih und eingerolltem Haar wie in einem Film Noir der 1940er Jahre aus, aber aus dem Volksempfänger dröhnt die Tagesschau. Die "Asylanten" überrennen das Land, und die Flüchtlingsheime brennen.

... erst Hitler, dann Thälmann, heute nichts mehr

von Frank Schlösser

Schwerin, 22. September 2017. Nun seien wir mal nicht pingelig. Auf knappe drei Kilometer kommt es nun wirklich nicht an, wenn es festzustellen gilt, welches Theater für die Uraufführung der Bühnenfassung des Romans "Vor dem Fest" zuständig ist. Eine Handvoll Leute hatte sich gestern Abend aus ihrem 800-Seelen-Dorf Fürstenwerder auf den Weg gemacht, damit sie im Foyer des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin "ihren" Autor Saša Stanišić auf ein paar Selfies treffen konnten.

Menschen im System

von Hartmut Krug

Dresden, 22. September 2017. Das Publikum sitzt im Zuschauerraum und auf der Hinterbühne – auf beiden Seiten eines schmalen, leeren Bühnenstreifens, während sich die Schauspieler in den ersten Zuschauerreihen eingerichtet haben. Hier ziehen sie sich um, bevor sie auf die, mit ihren zwei kleinen Schränken und zwei Wasserspendern fast leere Spielfläche steigen. Regisseurin Daniela Löffner gewährt uns mit ihrer Inszenierung Einblick in das soziale Verhalten von Menschen in ihrer Arbeitswelt. Wir sehen kein Krankenzimmer, keine Klinikräume, obwohl es weißbekittelte Ärzte sind, deren Interaktionen penibel untersucht werden. Arthur Schnitzler hat eine Arbeitswelt von Ärzten gezeigt, doch ein reines Ärztestück gibt es in Dresden nicht, da mögen sich die Darsteller noch so oft die Hände waschen.

Böse Menschen haben schöne Lieder

von Dirk Pilz

Berlin, 21. September 2017. Sie kommt dann im rosa Kleidchen mit Zöpfen im Haar herein. Das Gesicht bleich, die Augen blutrot untermalt, die Strümpfe enden knapp unterm Knie im Rüschenrand. Keck, wie sie da über die mit orgelpfeifenähnlichen Stäben geschmückte Bühne wandelt. Nebel dazu, liebes Licht, und auf ihrer hellen Blockflöte weiß sie sehr hübsch Schuberts Ave Maria zu spielen.

Fashion oder Fascho?

von Simone Kaempf

Berlin, 20. September 2017. Ein Polit-Populist verspricht mehr Jobs, plädiert für bessere Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und mehr Geld für die eigenen Streitkräfte. Seine Partei stellt ihn tatsächlich als Kandidat auf, erfolgreich. Triumphierend zieht er ins Weiße Haus ein und bringt es fertig, allen Versprechungen zum Trotz am Ende ein paar Banker und Industrielle noch reicher zu machen und den Rest der Gesellschaft noch ärmer. Würde man den Namen Buzz Windrip in Sinclair Lewis' Roman "It Can't Happen Here", also "Bei uns ist das nicht möglich", durch Donald Trump ersetzen, würde streckenweise gar nicht auffallen, dass die Geschichte eine Fiktion aus dem Jahr 1936 ist.

Natürlich Krokodilstränen!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 19. September 2017. Dann hängen alle in der Luft. Der riesige Zeppelin-Käfig schwebt zwei Meter über dem Schaubühnen-Bühnenboden und acht groteske Gestalten schauen, in seine Gitterstäbe verhakelt, starren wie visionären Blicks auf uns, das Publikum, als ob sich ihnen da gerade eine neue Welt auftäte. Hui! Das ist sie, die gefühlte Ewigkeit, die die Inszenierungen von Herbert Fritsch so einzig herzaubern können.

Verbrechen und kaum Strafe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 17. September 2017. Am Ende ist es ein well-made play. Ein Krimi zum munteren Mitraten. Nicht mehr, und auch nicht weniger. Uraufgeführt ausgerechnet an einem Sonntagabend zur besten "Tatort"-Zeit. Mpumelelo Paul Grootboom hat es auf die Bühne gebracht, im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses. Der südafrikanische Autor und Regisseur inszeniert dort – und überhaupt zum ersten Mal in Deutschland – sein jüngstes Stück. "Die Nacht von St. Valentin" basiert auf dem schillernden Fall Oscar Pistorius.

Alle mit allen

von Michael Laages

Braunschweig, 16. September 2017. Nein – so richtig Karriere gemacht hat das Stück nicht; nicht mal vor drei Jahren, im Bemühen der Theater, die damals 100 Jahre zurück liegende Katastrophe des Ersten Weltkrieges für die Zeitgenossenschaft heute kenntlich werden zu lassen. Deutsche Flieger ziehen über England hin und werfen im Licht der Flak-Scheinwerfer Bombenlast ab auf das sonderbare Landhaus des einstigen Kapitäns Shotover. Der ist schon 88 Jahre alt und treibt sehr bewusst auf das Ende zu, nur noch interessiert an der letzten Erleuchtung; seine etwas wunderliche Familie treibt derweil in ziemlich endzeitlicher Todessehnsucht neben ihm her. Zwei Gäste, gebeten der eine, ungebeten der andere, sterben sogar in der finalen Bombennacht – weil sie sich retten wollten. Aber ist der Krieg Motiv genug für die Wiederbegegnung mit dem "Haus der gebrochenen Herzen"?

Vorsicht, zerbrechlich!

von Tobias Prüwer

Leipzig, 16. September 2017. Vom ersten Moment an transportiert "Kasimir und Karoline" vor allem eins: Fragilität. Zart schwingen von einer Glasharmonika melancholische Volksliedloops in den Saal. Dann öffnet sich der rote Vorhang im Schauspiel Leipzig, wo Enrico Lübbe das Krisenstück Ödön von Horváths in eine Wartehalle verlegt hat.

Unter Händlern

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. September 2017. Wenn man auf St. Pauli die Bernhard-Nocht-Straße stadtauswärts geht, dann gerät man ungefähr auf Höhe der Hafentreppe in eine klandestine Handelssituation. Die Handelspartner versuchen, mit Blicken abzuklären, ob man ins Geschäft kommt. Bewegungen sind wichtig, Gesten, gezischte Codes. Man muss einschätzen, ob das Gegenüber ein vertrauenswürdiger Partner ist, man muss verstehen, ob die angebotene Ware ihren Preis wert ist, man muss die Umgangsformen beherrschen, man muss die Zeichen, die man empfängt, lesen können. Man begeht also einen performativen Akt, einen Tanz zwischen Dealer und Kunde. Und am Ende steht eine Transaktion, im besten Fall.

Saurer Goldregen

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 16. September 2017. So schlicht und ein bisschen langweilig das neue Corporate Design des Saarländischen Staatstheaters auch sein mag, so furios und mitreißend war der Spielzeitauftakt. Nach elf Jahren unter Dagmar Schlingmann führt jetzt Opernspezialist Bodo Busse das Drei-Sparten-Haus – und bot, nach einem bildstarken, temporeichen und emotional-hochgeschraubten "Guillaume Tell" im Musiktheater, mit Elfriede Jelineks die Modewelt entblößendem Text "Licht im Kasten" eine aberwitzig skurrile Inszenierung, in der das weitgehend runderneuerte Schauspielensemble seine akrobatischen, musikalischen und komödiantischen Talente vorführte. Den Eröffnungsreigen vollendeten gestern abend im Großen Haus die neuen Schauspieldirektor*innen Bettina Bruinier (Regie) und Horst Busch (Dramaturgie), die sich mit einer aktualisierten Fassung von Lessings "Nathan der Weise" dem Publikum vorstellten.

Fannys Blick

von Kai Bremer

Bielefeld, 15. September 2017. Lange Zeit herrscht kein Zweifel, wer die beste schauspielerische Leistung an diesem Abend unter dem Dach vom Theater am Alten Markt in Bielefeld abliefert. Autor und Regisseur Bonn Park hat sich in "Das Knurren der Milchstraße", das den Werkauftrag des diesjährigen Stückemarkts beim Theatertreffen 2017 gewonnen hat, gleich selbst zur Figur gemacht: Die elf, zwölf Jahre alte Asaia Jucquois darf den 'wütenden Bonn Park aus der Zukunft' geben und souverän seinen Monolog sprechen. Das macht sie textsicher wie amüsant, weil ihre beiden geflochtenen Zöpfe an zwei heliumbefüllte Luftballons geknotet sind, so dass sie sich immer wieder sanft gen Decke heben. Schöner und sphärischer kann man den Weltraum – wir befinden uns in einem schrottigen Raumschiff, in dem Leitungen und Kabel von der Decke hängen (Bühne und Kostüme von Julia Nussbaumer) – nicht darstellen. Und als Asaia anmutig einige Ballett-Pirouetten zu tanzen beginnt und Henriette Nagel, die die Figuren weit weniger anmutig nachtanzt, mit irritierten Blicken straft, ahnt man, dass auch die Zukunft schöne wie komische Momente bereithalten wird.