Angst sells

von Stefan Schmidt

Hamburg, 22. April 2017. Erschreckende Dinge erfahren wir an diesem Abend im Hamburger Thalia Gaußstraße: Wenn etwa der Boden der Studiobühne nachgeben würde, könnte am Ende das gesamte Ensemble samt Publikum sechs Meter hinab in die Tiefe stürzen. Denkbar ist das. Ein Statiker hat die Nebenspielstätte jedenfalls angeblich schon lange nicht mehr durchgeprüft. Alternativ könnten wir von einem Scheinwerfer erschlagen werden. Oder eine Möwe könnte hereinfliegen und jemandem ein Auge aushacken. Es gibt schließlich Möwen in Hamburg.

Wie man mündig wird

von Kai Bremer

Münster, 22. April 2017. Als Joël Pommerats "Wir schaffen das schon" wenige Tage nach den Pariser Attentaten im November 2015 erstmals inszeniert wurde, zog es umgehend die Aufmerksamkeit des Theaterpublikums der französischen Hauptstadt auf sich. Ein Stück über die Anfänge der Französischen Revolution ganz in der Gegenwartssprache gehalten und ohne historistischen Kitsch? Davon versprachen sich offenbar viele Pariser Antworten auf drängende Fragen. In der aktuellen Spielzeit haben sich gleich mehrere deutsche Theater des Revolutionsdramas angenommen, Dortmund zunächst, gestern – am Vorabend des ersten Wahlgangs in Frankreich – Münster.

Wunden, lange nicht verheilt

von Kornelius Friz

Dresden, 22. April 2017. Alle reden davon, dass die Badeanstalt wieder aufmacht. Und wenn es am Sonntag noch immer so warm ist, können Emma und ihre Freundinnen endlich schwimmen gehen. Wobei, im Grunde hat Emma gar keine Freundinnen. Sie ist neu in der Stadt, nachdem eine krude Alte sich als ihre Oma ausgab und sie aus dem Waisenhaus abgeholt hatte. Dreizehn Jahre alt ist die Protagonistin Emma, aushalten muss sie jedoch eine Menge. Ceaușescu wurde vor kurzem gestürzt, und ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Die Schuld hierfür gibt Emma natürlich sich selbst.

Loriot in der Spiegelphase

von Georg Kasch

Berlin, 22. April 2017. Wo ist der Hügel? Also jener Erdhaufen, in dem Winnie anfangs bis zur Hüfte, später bis zum Hals steckt und der ikonografisch geworden ist für Samuel Becketts "Glückliche Tage"? Sonst ist doch alles da, die Zahnbürste, der Sonnenschirm, die Spieluhr, der Revolver, hervorgeholt aus den Untiefen einer Sack genannten Tasche. Warum also fehlt gerade der Hügel?

Der perfekte Sturm

von Sascha Westphal

Mülheim an der Ruhr, 21. April 2017. Das Spiel beginnt fast unbemerkt. Die Lichter im Saal sind noch an, überall gedämpfte private Gespräche. Aber in das allgemeine Gemurmel mischt sich irgendwann ein Heulen wie von einem starken Sturm und zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Etwas kündigt sich an, vielleicht ein Unwetter, vielleicht aber auch etwas, das weitaus folgenschwerere Konsequenzen hat. Schließlich verlöschen alle Lichter.

Lost in Polyethylen

von Cornelia Fiedler

Köln, 22. April 2017. "Das Einzige, was uns retten kann", proklamieren die drei Theatermacher im Manifest "Für ein Theater der Reise", "ist die "Bewegung, die zum Verlassen der eingeübten Perspektive führt". Mag sein, dass wir Social-Media-Fuzzis glaubten, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein. Das helfe aber nicht, einfach weil der Mensch vor dem Computer mit der Welt nur "konfrontiert" werde, sich aber nicht "mit ihr verbinde". Also raus aus dem Theater, rein ins Unberechenbare, und dann ab auf die Bühne mit dem Erlebten.

Dösigkeit für alle!

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 21. April 2017. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Auch pralle Metaphern können so humpelnd daher kommen wie die Kurgäste, die jeden Morgen aufs Neue anheben zum Einstieg ins Thermalwasserbecken. "Ich werde mich doch eher in Ruhe lassen", befindet dann regelmäßig einer, worauf man wieder den geordneten Rückzug antritt Richtung Liege im Ruheraum. Die "Pumpernickelplattenverschiebung" im Magen ist Grund für auffällige Geräusche. Mit tektonischen Unwägbarkeiten ist eben zu rechnen in einer Thermenregion.

Explosion oder Implosion?

von Stefan Keim

Köln, 21. April 2017. Ein Haufen Mensch regt sich unter einem Tuch. Zwei Körper schälen sich heraus. Eine Mutter und ihr Kind. Djana und Gina. Djanas Streicheleinheiten gehen ins Sexuelle, sie will nicht Mutter genannt werden, das Kind soll ihren Vornamen sagen. Gina wird bei der Kölner Uraufführung von Magdalena Schrefels "Sprengkörperballade" von einem jungen Mann gespielt. Das irritiert zunächst, macht aber auch deutlich: Hier geht es nicht um realistische Psychodramen Einzelner. Sondern um eine Erkundung menschlicher Einsamkeit. Und vielleicht sogar hinterrücks um eine subtile Gesellschaftsbeschreibung.

Was Großvater nicht erzählte

von Veronika Krenn

Wien, 20. April 2017. "Ich stelle mir vor, dass dieses Stück ein Gespräch mit Dir ist, eines das erst beginnt", sagt Ivna Žic in einem imaginierten Brief an ihren Großvater. Er sei ein großer Erzähler gewesen, der seiner Enkelin von früh bis spät Geschichten erzählte, aber für seine eigene – bis zu seinem Tod – keine Worte fand. 70 Jahre danach macht die Autorin sich auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit. Gemeinsam mit dem künstlerischen Schauspielhaus-Team, das sie inklusive Filmcrew bis nach Kärnten begleitet, stößt sie auf weitere, ebenso widersprüchliche Geschichten, allesamt Zeugnisse einer sich wandelnden Erinnerungskultur- und politik.

Statistiken des Schreckens

von Falk Schreiber

Hamburg, 20. April 2017. Männer links, Frauen rechts: Am Eingang zur Kampnagel-Halle wird man segregiert. Was von einem Geschlechterdualismus ausgeht, die dem halbwegs gendertheoretisch beschlagenen Zuschauer etwas unterkomplex vorkommen mag. Zumindest bis er in der testosteronschwangeren Publikumshälfte zu verstehen beginnt: Bei "Portrait Explosiv", Branko Šimićs Eröffnung des Hamburger Krass-Festivals, geht es um genau diese Unterkomplexität. Thema des Abends ist Gewalt, und Gewalt fragt nicht nach Vielschichtigkeiten, Gewalt ist einfach da und ebnet alle Differenzen ein.

Skandalnudel al dente

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 19. April 2017. "Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer." Und Wandverbau heißt Lebenshilfebücher und heißt Normalität. Stefanie Sargnagels Erzähl-Ich erlebt sich einerseits als Defizit. Nicht zielstrebig, nicht fit, nicht kommunikativ genug. Behauptet andererseits das Defizit als Plus. Von Beisl zu Tschocherl zu Milieuerfahrung, saufend den Tag verschleißen. Produktivität erstens und Unproduktivität zweitens werden drittens in einer selbstreflexiven Geste verschlungen: "Als Künstler nennt man es ja Research." Und allmählich verfertigt sich im Text der Text für die Lesung beim Bachmann-Preis, der der Text selber ist. Sargnagel erhielt 2016 für "Penne vom Kika" den Publikumspreis der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Im Juli erscheint ihr neues Buch "Statusmeldungen" bei Rowohlt.