Vom Wolf vernascht

von Jens Fischer

Hannover, 23. Mai 2019. Finale! Party? "It's better to burn out than to fade away" ist jedenfalls das Motto der Abschiedswochen der zehnjährigen Ära von Lars-Ole Walburg als Intendant des Schauspielhauses Hannover. So wird bei der letzten Premiere nochmal ganz groß aufgefahren. Das gesamte Ensemble steht auf der Bühne, mit Statisten und Mitarbeitern diverser Abteilungen.

Pinke Party

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Mai 2019. Auf eigenen Füßen zu stehen, kann so einfach sein. Die Schauspielerin, die eben noch als glitschiger Säugling auf der Bühne zappelte, wird links und rechts untergehakt, hochgehievt und in rosa Puschen gesteckt. Schon hält sie ihre Dankesrede ans Erwachsenwerden. Danke Danke dafür, dass aus ihr etwas hätte werden können. Danke, dass sie nicht sichtbar werden musste. Danke auch, dass sie erlernte, nicht Nein zu sagen.

Denkarbeiter im Technicolor-Störbild

von Maximilian Pahl

Bern, 23. Mai 2019. Im Laufe dieser Feldforschung kann sich Richard Kraft irgendwann selbst nicht mehr ernst nehmen. Dabei will der deutsche Geisteswissenschaftler hier im Silicon Valley vor allem abschließen: mit seiner unglücklichen akademischen Karriere, mit den nebenbei verpfuschten Ehen und mit dem kontinentaleuropäischen Zukunftspessimismus, in dessen Opposition er sich doch schon vor Jahrzehnten zum Marktliberalen radikalisierte.

Die Seelen in Fetzen

von Dag Schölper

Berlin, 20. Mai 2019. Vier Stunden lang lasse ich mich von der Bühne herab anbrüllen. Eine seltsame Leere entsteht. Ein martialisch-infernalischer Klangteppich durchwühlt monoton Magen und Gedärm. 16 junge Männer verkörpern Zwillinge, die im Kriegselend von der Mutter aus der Großstadt aufs vermeintlich sichere Land verbracht werden. Der Vater ist an der Front. Von der honigsüßen Mutterliebe mit Hemd und Federbett in die küchenbankschroffe Welt der Dorf-Hexe am Ende der staubigen Straße. Wie alt mögen die Jungs sein, vielleicht acht, neun? Im Silben-Stakkato überflutet mich das Elend, die Welt im Krieg, die Randständigkeit, die Armut, die Seelenpein.

Peer, der Patient

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 18. Mai 2019. Peer Gynt ist krank. Zusammengekauert, apathisch liegt er da, im Bett in der Ecke, die Haare verstrubbelt. Er spricht nicht mehr, er funktioniert nicht mehr, so sagen sie. Die Decke des Kastens, der ein Krankenhaus, eine Psychiatrie darstellen soll, ist niedrig, erdrückend. Das grelle, weiße Licht blendet. "Für manch einen ist das da draußen zuviel", leiert der Arzt. Peer geht trotzdem hin. Er nimmt sich eine Leiter, klettert durch eine Luke, raus in die Welt.

"Ich bin nicht Brad Pitt!"

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 18. Mai 2019. Vier Tribünen umgeben eine quadratische, etwa einen Meter hohe Plattform aus schwarz lackiertem Holz. Ein Ring für die Männer, die sich in Chuck Palahniuks Roman "Fight Club" in dunklen Kellern treffen und dort in enthemmten Zweikämpfen prügeln, bis einer aufgibt. Die Assoziation drängt sich beim Einlass auf. Das Publikum wird Teil dieser verschworenen Gemeinschaft frustrierter, zielloser junger und nicht mehr ganz so junger Menschen, die sich nur noch im archaischen Kampf Mann gegen Mann lebendig fühlt. Erst später, als Tyler Durden, dieser selbsternannte Prophet der Zerstörung, von den riesigen Scheiterhaufen spricht, auf denen die Leichen verbrannt wurden, bekommen die Raumsituation und Fabian Wendlings Bühnenarrangement noch eine zweite, viel bedrohlichere Dimension. Diese Holzkonstruktion ist Opferstätte und Scheiterhaufen in einem.

Ausflug ins große Kunst-Märchen

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 18. Mai 2019. Der große Regisseur John Ford hat einmal einem Mitarbeiter, der sich beim Filmdreh in der Wüste über die miserablen Wetterbedingungen beklagte und fragte: "Mr. Ford, was können wir hier heraußen filmen?", geantwortet: "Was wir filmen können? Die interessanteste und aufregendste Sache in der ganzen Welt, das menschliche Gesicht." Nun ist Theater nicht dasselbe wie Film, aber das Gesicht ist auch auf der Bühne seit Jahrhunderten eine der interessantesten und aufregendsten Sachen, und sein Ausdrucksmittel ist die Mimik. Sie gehört zur Schauspielkunst wie der Gesang zur Oper.

Alles in Trümmern

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. Mai 2019. Mossul, das biblische Ninive, war in der Antike eine der größten Städte der Welt. Sie liegt nördlich von Bagdad, also näher am Meer. Die Prominenz und der Reichtum der Metropole haben dafür gesorgt, dass sie im Lauf ihrer 8000 Jahre immer wieder heimgesucht, erobert, kolonisiert wurde. Jetzt, nachdem der "Islamische Staat" Mossul 2014 besetzte und zu seiner Domäne im Irak machte, ist die ganze westliche Hälfte der Stadt zerstört von den Bombardements amerikanischer und irakischer Truppen. Der IS ist vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

Sieben Touren sollt Ihr gehen

von Georg Kasch

Saarbrücken,17. Mai 2019. Das Warten hat auch nach dem Ende kein Ende. Gaja, also die App, die ich im "mobilen Datenerfassungsgerät" vor mir hertrage, hat mir gesagt, ich solle mit dem Apfel aus meinem roten Beutel zu Oníbi gehen, damit wir ein Foto anfertigen – Apfel auf Kopf, dazu ein Angstschrei. Aber Oníbi ist beschäftigt mit der Dame vor mir. Die ist offenbar unglücklich, stöhnt auf, wirkt überfordert davon, dass die App ihr Anweisungen gibt, sie selbst – wie alle anderen auch – zum Schweigen verdammt ist. Aggressiv tippt sie auf ihrem Gerät herum, sucht nach einem Mechanismus, da rauszukommen, vorzuspulen, zurück zu navigieren. Doch Gaja ist unerbittlich: Man muss ihre Fragen beantworten, ihre Aufgaben erfüllen, sonst bleibt man stecken.

Landschaft aus Narben

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 17. Mai 2019. Während des Lesens der Geschichte von Jude St. Francis, seinen Freunden, seinen Peinigern und seinem schlimmsten Feind – ihm selbst – hält man die eigene Seele in der Hand. Möchte ausweichen vor dem Extremismus, ohne dass es gelingt, hofft auf Schonung und erhält sie nicht. Die bange Frage lautet, worin der Grund für die Verstörung liegen und was es mit einem selbst zu tun haben könnte.

Vampires don’t cry

von Grete Götze

Mainz, 17. Mai 2019. Nun, wo gewiss ist, dass sie ab der nächsten Spielzeit neue Hausregisseurin an der Berliner Volksbühne ist, wird Lucia Bihler natürlich mit Argusaugen betrachtet, auch wenn sie dort noch gar nicht angetreten ist, und nun am Staatstheater Mainz "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" auf die Bühne bringt. Im Mittelpunkt steht Törleß, der auf ein strenges Militärinternat fernab von der Stadt geschickt wurde und dort auf seinen skrupellosen Mitschüler Reiting sowie Beineberg trifft, der seinen Sadismus mit mystizistischer Ideologie versieht.

Trauer um alles

von Valeria Heintges

Zürich, 16. Mai 2019. Barbara Frey beendet ihre zehnjährige Intendanz am Zürcher Schauspielhaus mit Literatur und Musik – die Kombination war ihr ja ohnehin immer die liebste. In ihrem Projekt "Die Toten" mit Texten von James Joyce, der lange Jahre in Zürich lebte, hier starb und begraben ist, kommt beides so dicht zusammen wie selten. Frey gibt sich nicht damit zufrieden, die gleichnamige letzte Erzählung aus den "Dubliners" zu inszenieren. Sie mixt mit ihrem Dramaturgen Geoffrey Layton Passagen aus "Ulysses" und "Finnegans Wake" dazu. Diese sollen vor allem zeigen, wie musikalisch die Texte sind, wie stark sie von Rhythmus und Klang leben, wie das Hören die so sperrigen Werke öffnen kann.

Die Katastrophe im Rücken

von Valeria Heintges

Zürich, 15. Mai 2019. "Die Katastrophe muss kommen – und sie wird kommen." Als Naphta, der Kommunist und Kriegstreiber, den Satz sagt, ist "Die grosse Gereiztheit" nach Thomas Manns "Der Zauberberg" im Zürcher Schiffbau schon fortgeschritten und niemand mehr überrascht. Man weiß ja längst, dass Hans Castorp nur drei Wochen seinen Cousin im Sanatorium in den Schweizer Bergen besuchen wollte und dann sieben Jahre bleibt, um eine Tuberkulose auszuheilen, die er nie hatte. Und man weiß, dass am Ende der Erste Weltkrieg ausbrechen wird, den Castorp wohl nicht überlebt.

Hairy Poppers Witzigkeit

von Şeyda Kurt

Berlin, 15. Mai 2019. Als ich erstmals den Namen des Stücks lese, muss ich gleich an Pornofilme denken. Es gibt eine lange Liste von Titeln, die Klassiker der Film- und Literaturgeschichte parodieren, ich meine solche wie "2001 Orgien im Weltraum". Die Überschreibung des Molière-Klassikers, die am Dienstagabend auf dem Theatertreffen aufgeführt wird, nennt sich "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" und ist offenkundig an den ersten Roman der Harry-Potter-Reihe angelehnt ("Harry Potter und der Stein der Weisen"). Auch den hat die Pornoindustrie schon vor langer Zeit für sich entdeckt: "Hairy Popper und der Stab der Steifen".

"Es hat meine Psyche nicht verspuhlt"

Sandra Hauser im Gespräch mit Sophie Diesselhorst

15. Mai 2019. In der Reihe "Das Theatertreffen 2019 von außen betrachtet" hat nachtkritik.de Expert*innen von Disziplinen außerhalb des Theaterbetriebs gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Im Anschluss an das Theatertreffen-Gastspiel von "Erniedrigte und Beleidigte" nach Fjodor Dostojewskij in der Regie von Sebastian Hartmann vom Staatsschauspiel Dresden sprach die bildende Künstlerin Sandra Hauser mit Sophie Diesselhorst. "Ich mochte es ganz gern, dass die mich angebrüllt haben", sagt sie im Audiofile. "Die einzelnen Schicksale sind aus dem Nebel auf mich zugeflogen." Aber dann folgte Unerträgliches.

Das Politische ist nicht nur privat

von Andrej Holm

Berlin, 13. Mai 2019. "Oratorium" von She She Pop, das ist politisches Theater, es will intervenieren, will im besten Sinne aufklären. Besonders gut gelungen ist es, den polit-ökonomischen Charakter der Wohnungsfrage in den Vordergrund zu stellen, speziell im ersten Teil. Da wird thematisiert: Wo kommt eigentlich der Eigentumsgedanke her? Diese Frage wird vom römischen Recht über Marx bis in die aktuelle Gesetzgebung verfolgt. Im zweiten Teil ging es stärker um die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit verschiedener Lebenssituationen in Bezug auf das Eigentum. Da sind die Mieter*innnen, die gleichzeitig potenzielle Erb*innen sind; oder diejenigen, die mit dem Kauf einer Wohnung Stress mit Vermieter*innen aus dem Weg gehen wollen, während genau dieser Kauf für andere zum existenziellen Problem wird.

Fuck the Floor

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 12. Mai 2019. Die Wiener Festwochen starten mit dichtem Programm in die erste Woche. Neu-Intendant Christophe Slagmuylder präsentierte 27 Spielorte für insgesamt 45 Produktionen. Im Studio Molière (einem Veranstaltungssaal des Lycée français de Vienne) zeigt der in Schweden geborene Künstler Markus Öhrn "3 Episodes of Life". Die Koproduktion mit Kampnagel Hamburg und Mousonturm Frankfurt wird als aufeinander aufbauende Serie an drei Abenden (12. bis 14. Mai) uraufgeführt. Zum dritten Mal ist Öhrn bei den Festwochen zu Gast nach 2012 mit "Conte d'Amour" und 2018 mit der dann für den Nestroy-Spezialpreis nominierten Produktion "Häusliche Gewalt". Ausgehend von vor Wiener Gerichten verhandelten Missbrauchsfällen, untersuchte diese Vorgängerarbeit in fünfstündiger Langsamkeit die Unwägbarkeiten der Triade Mann-Frau-Gewalt. Bei "3 Episodes of Life" verschiebt sich der Fokus vom häuslichen ins berufliche Umfeld von Künstler*innen. Das Thema Missbrauch-Macht-Gewalt bleibt.

Der Gott des Gemächts

von Jens Fischer

Hamburg, 11. Mai 2019. Vorspiel auf dem Theater. Vorm geschlossenen Vorhang. Äußerst beiläufig, so dass schnell der Ruf "Lauter!" aus dem Publikum erschallt, nähert sich Sebastian Zimmler aus einem privaten Tonfall heraus der Figur des Dieners aus Kleists "Amphitryon" an und arbeitet der Behauptung entgegen: "Ich bin Sosias." Da sich aber niemand selbst und einem Darsteller eine einzige Rolle nicht genug ist, entwirft er auch noch die Merkur-Figur. Basisarbeit für Darstellungskünstler.

Der Klassenbeste

von Sascha Westphal

Wuppertal, 11. Mai 2019. Eine zweiteilige geweißelte Wand verengt die Spielfläche zu einem nur ein paar Meter breiten Streifen. Große Teile dieses Walls, der keinen Schutz bietet, sind von roter Farbe überdeckt. Ein Nebel oder auch eine Wolke aus Blut, vor der sich acht nur mit beiger Unterwäsche bekleidete, glatzköpfige Gestalten versammeln. Zu düster drohenden elektronischen Klängen, einer grollenden Maschinenmusik, die von jenseits der Mauer in den Raum dringt und Schlachtenlärm andeutet, zucken sie hin und her. Sie krümmen und verrenken sich, werden von Anfällen geschüttelt und von körperlichen Ticks verzerrt.

Geilheit trifft auf Willigkeit

von Michael Bartsch

Dresden, 11. Mai 2019. Programmheft und Online-Teaser des Dresdner Staatsschauspiels wecken die falschen Erwartungen. "Kasimir – der Prototyp eines Wutbürgers?" wird suggestiv gefragt. Der soeben entlassene, "abgebaute" Chauffeur also, der aus Frust darüber mit seiner Karoline bricht, sich auf dem Münchener Oktoberfest gemeinsam mit zwielichtigen Gestalten vollaufen lässt und dabei sarkastische Bemerkungen äußert.