Willkommen im Wilden Westen

von Julia Nehmiz

Bregenz, 23. Juli 2021. Die rohe Bretterwand fährt hoch. Nebel. Im gleissenden Gegenlicht eine schwarze Silhouette. Langer Mantel, Pistole in der Hand: Michael Kohlhaas. Müde wirkt er, erschöpft, verzweifelt, als würde er nicht mehr kämpfen mögen, sondern nur noch nach Hause. Raus aus dieser Geschichte, die ihn zu reuen scheint. Die Bretterwand fährt wieder runter. Für Kohlhaas gibt es kein Entkommen.

Trostlose Diskussionskultur

von Steffen Becker

München, 23. Juli 2021. Im Programmheft der Inszenierung von Ferdinand von Schirachs "Gott" am Residenztheater findet sich ein Spoiler. Von Schirach bekennt im Nachdruck eines NZZ-Interviews, dass sein Stück ein klares Ziel hat: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Zulässigkeit assistierter Sterbehilfe vom Februar 2020 soll endlich umgesetzt werden. Was der Autor wünscht, wie das Publikum mit seinen am Eingang erhaltenen roten und grünen Abstimmungs-Karten umgeht, ist also klar.

Fantastische Menschwerdung

von Joseph Hanimann

Avignon, 19. Juli 2021. Nach zwei Wochen Laufzeit des Festivals Avignon ist die Nackenstarre aus einem Jahr Theaterstillstand verschwunden. Sich der Zukunft entsinnen, wie die Devise des Festivals 2021 heißt, das zwingt zur Wendigkeit, nicht nur im Nacken. Gesellschaftsutopien und Katastrophenvisionen umkreisen in den bisher drei Dutzend Produktionen rückwärtsgewandte Glücks- und Niedergangsfantasien. Und da Avignon von einer Saison zur anderen gern dieselben Künstler einlädt, entsteht über die Jahre hin ein ausgedehntes Panorama zeitgenössischer Befindlichkeit.

Der Hedonist und der Tod

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 17. Juli 2021. Wer hat die Hosen an im Hause Jedermann? Hugo von Hofmannsthal täte uns den Lebemann als erstes im Dialog mit dem Koch vorführen. Das Menü für die Tischgesellschaft kann ja gar nicht erlesen genug sein. In Salzburg nutzt Regisseur Michael Sturminger diese Szene, um gleich mal die Buhlschaft einzuführen. Sie sitzt auf Jedermanns Schultern, ihr Kleid verdeckt sein Gesicht – und sie ist es, die den Essensplan vorgibt. Er tritt (mit dem Text des Kochs) durchaus fürs Recycling der Überbleibsel vom Vortag ein.

Der Bratschen-Sound der Kanzlerin

von Michael Laages

Oldenburg, 17. Juli 2021. Frisch gewählt sind die Damen und Herren, die da gerade Platz nehmen im Halbrund der Arena aus blauen Sesseln – im neuen Deutschen Bundestag, dem 19. Parlament seit 1949. Eine Wahlurne war zu sehen gewesen auf der Bühne, Menschen steckten weiße Zettel hinein; dann wurde die vom TV-Bildschirm vertraute Ergebnis-Grafik simuliert, und aus den Blöcken in Schwarz, Rot und Grün, Gelb und Blau gaben die führenden politischen Köpfe von CDU/CSU, SPD und Grünen, FDP und AfD per Video-Projektion die ersten Nach-Wahl-Statements ab. Schließlich schwor die Stimme des Parlamentspräsidenten Wolfgang Schäuble das Personal ein auf die parlamentarischen Regeln – und jetzt, bei Schäubles Rede, war erstmals (nach dem Einstimmen des Orchesters auf das nun beginnende Stimmengewirr) das Prinzip zu hören, auf dessen Basis der Berliner Komponist Paul Brody die "Demokratische Sinfonie" entworfen hat, die da als letzte Premiere der Saison am Staatstheater in Oldenburg zur Uraufführung gekommen ist. Sie ist ein musikalisches Abenteuer.

Spielplatz der einsamen Kinder

von Martin Thomas Pesl

Wien, 17. Juli 2021. Für ein Stück gegen die Zeit lässt Meg Stuart ganz schon viel davon zu. Am Beginn ihrer neuen Arbeit ist von den sich überschlagenden, unaufhaltsamen Ereignissen, die der Titel "CASCADE" suggeriert, gar nichts zu spüren, im Gegenteil. Nach und nach schlüpfen die sieben Performer:innen zu einem nervös machenden Klangteppich aus den Ritzen des Raumes, den ihnen der französische Theatermacher Philippe Quesne hingezaubert hat. Im nebelverhangenen Steinbruch – er könnte sich auf einem der Planeten aus dem "kleinen Prinzen" befinden – tasten sie sich voran, experimentieren mit dem, was sie vorfinden.

Fröhliche Grausamkeiten

von Esther Boldt

Worms, 16. Juli 2021. Lang liegt er da, der Rüssel des Elefanten. Zärtlich gestreichelt und liebkost wird er, geschmiegt und gefüttert – mit Gugelhupf in jeder Geschmacksrichtung. Die Hand, die ihn streichelt und füttert, ist eine mächtige: die von Papst Leo X. Im vollen, weißgoldenen Ornat steht er da, golden kringeln sich die Locken unter der Mitra hervor. Seinen Job würde er am liebsten stante pede dem Dickhäuter übergeben – auch, als er von jenem kleinen Mönch erfährt, der im fernen Deutschland tobt und schreit. Dieses Deutschland! "Deutschland ist ein schönes Land", sagt sein Legat Cajetan einmal. "Es wird nur von den falschen Leuten bewohnt."

Tausendschön im Taubenschlag

von Michael Laages

Kassel, 10. Juli 2021. Zu Jacob und Wilhelm, den Grimm-Brothers, pflegt die Stadt Kassel ja eine besonders enge Beziehung – die Märchensammler und Grammatiker gingen hier zur Schule und legten hier auch die ersten richtungsweisenden Projekte vor. Dass also dem scheidenden Intendanten am örtlichen Staatstheater ein Werk mit Grimm-Bezug beschert worden ist, passt ganz gut; und überhaupt schließen sich mit diesem Finale für Thomas Bockelmann einige Kreise. Der Hausherr hatte ja vor 17 Jahren schon, bei der Amtsübernahme vom Vorgänger Christoph Nix, die Hausautorin Rebekka Kricheldorf aus Münster mitgebracht; und er blieb ihr treu.

"Leg dich hin!"

von Steffen Becker

Stuttgart, 10. Juli 2021. Freiheit hat als Buzzword Konjunktur. Der Malle-Urlaub, das Tempolimit, die Maskenpflicht – alles wird zur Freiheits-Frage hochgejazzt. Umso erfrischender, dass Roland Schimmelpfennig in seiner Überschreibung von Arthur Schnitzlers "Reigen" den Begriff weg von schiefen Vergleichen rein ins saftige Leben holt. Freiheit heißt hier, eine Prostituierten-Transe im Park zu vögeln oder ein Hotelzimmer zu verwüsten – und zwar so, dass es beim Hotelmanager Bewunderung auslöst ("Zerstörung und Freiheit. Es gibt keine Grenzen mehr. Wahnsinn. Wahrscheinlich haben sie auch in die Dusche gekackt"). In der Mehrzahl der 17 "Skizzen aus der Dunkelheit", die hier Premiere feiern, führt das Streben nach (sexueller) Befreiung aber nur zur Erkenntnis des eigenen Gefangen-Seins.

Marsmenschen im Neonlicht

von Jan Fischer

Hannover, 10. Juli 2021. Dort dreht sich eine eigenartige Konstruktion an der Bühnendecke, woanders werden Berge abgebaut und Menschen zu Stein: Bei den Theaterformen in Hannover zeigen Julia Häusermann und Simone Aughterlony verrätselten Neonpunk während die chilenische Regisseurin Manuela Infante sprachliche Gesteinsschichten in marsianischer Verfremdung übereinander schichtet.

Das Leben geht weiter

von Jan Fischer

Hannover, 8. Juli 2021. Ziemlich selbstbewusst, anders lässt es sich nicht sagen, landete das Festival Theaterformen in diesem Jahr in Hannover. Oder besser gesagt: Mitten in einer verkehrspolitischen Debatte. Die erste Ausgabe des Festivals mit Anna Mülter als künstlerischer Leiterin in der Nachfolge von Martine Dennewald ließ die Raschplatzbrücke sperren, um dort ein "Stadtlabor" einzurichten. Die Brücke ist ein Nadelöhr in der Stadt – Hannovers CDU-Chef Maximilian Oppelt kritisierte die Sperrung, Hannovers Grüner Oberbürgermeister Belit Onay hielt dagegen, selbst die BILD sah sich bemüßigt, in großen Lettern zu fragen: "Muss das wirklich sein?". Kurz: Das Festival Theaterformen ist Stadtgespräch. Auch, wenn es nicht unbedingt ein Gespräch über Theater ist.

Stuhlrücken im Papstpalast

von Joseph Hanimann

Avignon, 5. Juli 2021. Intendantenwechsel zum Auftakt. Gleich am Eröffnungstag dieses 75. Theaterfestivals Avignon erfuhr man nach lebhaften Spekulationen, wer ab September 2022 Nachfolger des bisherigen Leiters Olivier Py sein wird. Solch zusätzlicher Spannung hätte das Festival mit seinem stolzen Programm gar nicht bedurft. Doch gehört das zur Besonderheit Avignons.

Dreifacher Schwurbler

von Sabine Leucht

München, 4. Juli 2021. Ein Mann sitzt nachts an seinem Schreibtisch. Eine Katze besucht ihn und verschwindet wieder - aus seinem Zimmer und aus dem Gedicht. Das ist bereits die ganze äußere Handlung dieses satirischem "Sprechtextes" für die Bühne, der "Die Politiker" heißt und mehr oder weniger von allem erzählt. Vornehmlich aber von der Einsamkeit und den Dauerschleifen und Kurzschlüssen, die das nächtliche Denken produziert, vom Stillstand und von fehlenden Zukunftsperspektiven, wofür wir gerne und fast reflexhaft "die Politiker" verantwortlich machen – oder kurz: die Anderen.

Die Sehnsüchte der Mondreisenden

von Grete Götze

Frankfurt, 4. Juli 2021. "Um was geht es denn?" "Sie meinen die Handlung? Das weiß ich noch nicht so genau." "Was soll das heißen? Sie wissen es noch nicht? Sie sind doch schon fertig." " Ja genau, das ist immer mein Problem. Ich schreibe und schreibe, und wenn ich fertig bin, merke ich, dass ich überhaupt nicht weiß, um was es geht." "Das ist schlecht, Boris, das ist sogar sehr schlecht." So beurteilt zumindest Kernphysikerin Sonja die literarischen Ergüsse von ihrem um Science-Fiction bemühten Raumfahrtkollegen Boris.

"Die Hütt'n brennt!"

von Sabine Leucht

München, 3. Juli 2021. Besondere Zeiten rufen besondere Propheten auf den Plan. Und wenn man liest, was der Mühlhiasl, der Sage nach um 1750 im Bayrischen Wald geboren, von der Zukunft gewusst haben will, war da bis dato für jede Zeit was dabei. Frauen in Hosen und die Spaltung der Gesellschaft hat er vorausgesehen, zwei große Kriege und die Inflation, "eiserne Straßen", die Umweltkatastrophe und vielleicht sogar unsere Pandemie.

Die Stunde der Schwarzseher

von Jürgen Reuß

Freiburg, 3. Juli 2021. "Ihr seid im Arsch!" Mit diesen ersten Worten ist im Grunde schon sehr viel von dem ausgedrückt, was Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani in ihrer Überschreibung von Albert Camus Roman "Die Pest", die als "Die Seuche" im Kleinen Haus des Theater Freiburg Premiere hat, sagen wollen. Es ist eine sehr freie Überschreibung, die Camus eher als aufgetupfte Grundierung nimmt.

Grüße aus dem Vorvorgestern

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 3. Juli 2021. Des Doktors Dilemma besteht darin, dass er sich entscheiden muss zwischen zwei Patienten. Nur einen kann er vorm Tod retten. Man kennt das mittlerweile: Stichwort Triage, also die Priorisierung medizinischer Hilfsleistungen. Keine schöne, aber unter bestimmten Umständen nötige Maßnahme. George Bernard Shaw, der übrigens Impfgegner gewesen sein soll, benutzt das Verfahren, um oberflächlich nach dem Wert des einzelnen Lebens zu fragen, recht eigentlich aber um unterschiedliche Berufsstände auf die Schippe zu nehmen.

Generation Z im Taumel

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 2. Juli 2021. Die große LED-Werbetafel, die sich von einem Pfeiler getragen in etwa vier Meter Höhe über der fortwährend kreisenden Drehbühne erhebt, gibt ihr Bestes. Das blasse, aber verführerisch leuchtende Rosé der Kirschblüten zeichnet sich in perfekter Schärfe vor einem Himmel ab, dessen strahlendes Blau nicht ein Wölkchen trübt. Das muss die beste aller Zukünfte sein, in der die Welt und mit ihr auch die Menschheit angekommen ist. Nichts weniger verkündet dieser riesige Screen, auf dem wenig später für ein paar Momente die Worte "You're in" erscheinen. Wir sind drinnen. Wir sind dabei. Nichts kann mehr passieren.

Rausch der Sinne

von Karin E. Yeşilada

Bochum, 2. Juli 2021. "Ich kann nichts sehen!" Angstvoll verbreitet sich die Erkenntnis von der Bühne in den Zuschauerraum: Die bebende Stimme der Frau beim Augenarzt ist zu hören, ohne dass wir sie sehen. Schemenhaft nur zeichnet sich die Figur hinter den großen Plastikplanen ab, mit denen die Bühne lagenweise abgehängt ist, und die immer wieder atmosphärisch eingefärbt werden (Bühne und Lichtdesign: Rocío Hernández). Figur und Publikum sind auf das Hören konzentriert – und schon ist man mitten drin im Stück, das die 1980 geborene chilenische Autorin, Regisseurin und Musikerin Manuela Infante im Auftrag des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen schrieb und am Bochumer Schauspielhaus nun selbst uraufführte.

Ich kann dir wehtun, und ich wills!

von Gabi Hift

Berlin, 1. Juli 2021. Michael Kohlhaas ist eine Novelle von glasklarer Kälte. Sie ist nicht psychologisch, über das Innenleben der Personen erfährt man nichts, es gibt kaum Dialoge, nur eine Aneinanderreihung von Fakten – die sind allerdings ungeheuerlich. Das Thema reizt das Theater immer wieder, weil es im Kohlhaas um Gerechtigkeit versus Recht geht, dem vielleicht wichtigsten Thema überhaupt für jede Gemeinschaft.