Die Ewigkeit des Dazwischen

von Sascha Westphal

Amsterdam, 17. März 2019. Am Anfang ist der Lärm. Ein Grollen wie von Donnerschlägen oder Explosionen, infernalisch anschwellend. Dazu werden Worte auf die obere Hälfte des zur Leinwand gewordenen Vorhangs projiziert. Die ersten Sätze von Don DeLillos Roman "Falling Man": "Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht ..." Dann erscheinen unter ihnen Bilder in Schwarzweiß, ein Film, der noch keine klare Richtung hat: Er zeigt, wie Gegenstände hin und her geschoben werden. Die Kamera bewegt sich zwischen den Menschen, die die Bühne aufbauen. Irgendwann kommt sie beim Schauspieler Eelco Smits an, der geschminkt wird. Aus dem Schminkpuder wird im düsteren Schwarzweiß der Filmbilder jener Ascheregen, den DeLillo beschreibt; Smits verwandelt sich in Keith Neudecker, den Anwalt, der am Morgen des 11. September 2001 den Nordturm des World Trade Centers noch verlassen konnte, verletzt und verstört. Zu dunklen, fast sakral beschwörenden Klängen wankt er über die hinter der Leinwand liegende Bühne.

Schlecht war's auch früher schon!

von Leopold Lippert

Wien, 17. März 2019. Zwar geben die rechtsextremen Terroranschläge in Christchurch vom vergangenen Freitag dem Theaterabend eine gar unheimliche Aktualität. Doch ansonsten ist Alexander Charims Inszenierung von "Opernball", nach Josef Haslingers Erfolgsroman der neunziger Jahre über ein rechtsterroristisches Giftgasattentat auf den Wiener Opernball, irgendwie aus der Zeit gefallen. In der Volkstheater-Außenstelle "Volx/Margareten" versucht man erst gar nicht, diskursive Brücken ins Heute zu schlagen.

Minus Mann Plus Frau

von Andreas Wilink

Bochum, 16. März 2019. Die Musen sprechen. Drei der Neun vertreten Gesang, Tanz, Pantomime und Dichtung. Im Schauspielhaus Bochum machen sich Erato, Kalliope und Polyhymnia einen Sport daraus, den antiken Chor zu repräsentieren und zu persiflieren, Autorität zu verkörpern und zu brechen, sich in der griechischen Mythologie mit kessem Zungenschlag zu verhaspeln, uns bei Laune und in der Helden- und Götterkunde sagenhaft lexikalisch auf dem quivive zu halten und zudem den Körperkult und Triumph des Willens kräftig zu verhöhnen.

Haus der Hunde

von Jan Fischer

Hamburg, 16. März 2019. William Golding sagte einmal, dass Sex ihm als Motiv zu trivial erschienen sei um damit eine Geschichte über Gut und Böse zu erzählen – darauf angesprochen, dass in "Herr der Fliegen" keine Mädchen oder Frauen vorkämen. Wenn man Kay Voges' Inszenierung von "Stadt der Blinden" im Deutschen Schauspielhaus sieht, möchte man ihm nicht unbedingt recht geben. Denn die Geschichte des Literaturnobelpreisträgers José Saramago ist eine Geschichte, die, ähnlich wie "Herr der Fliegen", versucht, anhand eines Abstiegs in die Tierseele hinter der dünnen Tünche der Zivilisation etwas über Gut und Böse, über Moral und Unmoral herauszufinden. Sex gibt es aber reichlich, und Voges hat eine diebische Freude daran, diesen zu zeigen. Beispielsweise während einer Vergewaltigungsszene, Oralsex in Nahaufnahme in HD auf eine riesige Leinwand projiziert.

Elfriede sei mit uns

von Martin Thomas Pesl

St. Pölten, 16. März 2019. Elfriede Jelinek hat oft Tagesaktuelles zu sagen, zeigt sich aber ungern in der Öffentlichkeit. Also ist es seit der Nestroyverleihung 2013 üblich – wird mittlerweile geradezu erwartet –, dass der Puppenspieler Nikolaus Habjan auszieht, ihre Botschaft zu verkünden. Er hatte für Matthias Hartmanns Burg-Inszenierung von Jelineks "Schatten (Eurydike sagt)" eine seiner großäugig furchterregenden Klappmaulpuppen mit Jelinek-Frisur ausgestattet und performte später, die Hand in dieser vergraben, ihren Dank für den Nestroy-Autorenpreis. Habjan, der so das von Nicolas Stemann eingeführte Stilmittel, Jelinek selbst durch eine Schauspielerin auftreten zu lassen, einen Schritt zurück in Richtung Künstlichkeit trug, wurde in Österreich weltberühmt und begann, sich als Regisseur auszuprobieren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er auch einen Text der Nobelpreisträgerin in Angriff nehmen würde.

Erinnerungen an ein deutsches Selbstbild

von Gerhard Preußer

Aachen, 16. März 2019. "So soll Europa stehen in Flammen bei der Germanen Untergang" – das grölen die Burgunderkönige in der Aachener Inszenierung von Friedrich Hebbels "Nibelungen", als sie eingeschlossen in die Halle des Hunnenkönigs Etzel auf Befehl Kriemhilds in den Flammen sterben. Dieser Slogan des heldischen Pessimismus, diese weltzerstörende Untergangsverklärung ist nicht Teil von Hebbels Drama. Er stammt aber auch nicht von Hanns Johst oder einem anderen Nazidichter der letzten Monate des zweiten Weltkriegs. Er wurde 1859, zur gleichen Zeit also wie Hebbels Drama, vom Romanautor Felix Dahn geschrieben.

Ich bin die Bewegung!

von Annemarie Bierstedt

Greifswald, 16. März 2019. Verstörend, wenn die Fassade brökelt. Leere dort, wo nichts mehr zum Festhalten bleibt. Stefan Heyne leistet mit seinem Bühnenbild der Regieanweisung von Lars Werners "Weißer Raum" wortwörtlich Folge. Alles ist weiß. Ein weißes Chaos. Eine archäologische Müllhalde. Weiße Stühle stapeln sich auf weißen Tischen zwischen weißen Schränken. Vor einer weißen Badewanne ruht ein weißer Autoreifen. Daneben ein weißer Weihnachtsbaum.

Berserker auf verlorenem Posten

von Kornelius Friz

Chemnitz, 16. März 2019. Auf der Straße gilt das Gesetz der Körper. Umso stärker ein Körper, desto größer seine Macht. In Federico Fellinis Film La Strada ist klar, wer die meisten Muskeln hat: der große Zampanò, der zeitlebens durch die Dörfer zieht, um dem Volk zu zeigen, wie er mit gesunden Lungen, einem Brustkorb aus Stahl und bloßer Kraft eine Eisenkette sprengen kann. In seiner Adaption am Theater Chemnitz nimmt der polnische Regisseur Robert Czechowski die Körper jedoch weitgehend aus dem Spiel.

Von einem der einzog, das Feiern zu lehren

von Anna Landefeld

München, 15. März 2019. Dabei war doch alles im Reinen. Alles, das heißt die Welt, in der der Thebaner-König Pentheus herrscht und die zusammengesetzt ist aus geometrischen weißen Flächen zu einem leicht erhöhten Bühnenpodest. Eine scharfkantige, eiskalte Insel der Vernunft inmitten von Schwärze. Auf ihr wähnt Pentheus sich sicher und gewiss, dass ein Fürst, der arbeitsam, bescheiden, pflichterfüllend und gottesfürchtig regiert, richtig regiert.

Wenn die Schaumstoffpeitsche knallt

von Karin E. Yeşilada

Bielefeld, 15. März 2019. Bereits zu Beginn tappt das Publikum in die dramaturgische Falle: Fast jede/r ist der Aufforderung nachgekommen, sich ein Namensschildchen und damit eine eigene Rolle zuzulegen. Im Verlauf der zweistündigen Vorstellung wird es dann immer mehr aus der wohligen Distanz hineingerissen in die minutiös geplante Inszenierung eines Ehepaars auf dem Weg zur Macht.

Man kann die Welt nicht durch Gräuel verschönern

von Gerhard Preußer

Köln, 15. März 2019. Die Kanaille ist eine Frau. Oder doch nicht? Sie heißt ja Franz. Ersan Mondtags Inszenierung von Schillers "Räubern" ist ein Geschlechterverwirrspiel. In dem Bruderzwist zwischen Karl Moor, dem idealistischen, wilden Räuber, und Franz Moor, dem materialistischen "kalten, trockenen Alltagsmenschen" sind alle Hauptrollen geschlechterverkehrt besetzt.

In den Rissen des Gewohnten

von Simone Kaempf

Berlin, 15. März 2019. Die Konstellation kommt einem bekannt vor: Ein Paar holt sich einen Fremden ins Haus. Den Taxifahrer nämlich, der Klara so vertraut und seelenverwandt vorkam. Nun ist er da und soll den alten Hausteil renovieren, der von der ehemaligen Sängerin und ihrem Mann Helmut, früher Universitätsprofessor, nicht mehr bewohnt wird. Und weil die Arbeit allein nicht zu schaffen ist, zieht mit dem höflichen Fremdling, den alle einfach nur Blau nennen, noch ein weiteres Paar ein, das im Haus mit Hand anlegt.

Die Farbe der Seele

von Katrin Ullmann

Hamburg, 15. März 2019. Velvet Underground geht irgendwie immer. Dann ist sie da: jene Melancholie und mit ihr ein inneres Heulen. Pale Blue Eyes. Am Schluss des Abends also Lou Reed. Halb brüchig, halb versöhnlich singt er da von den blassblauen Augen seiner ersten Liebe. Und vielleicht will dieser Song eine Antwort sein auf das Bisherige: auf das Suchen und Sammeln der Ich-Erzählerin, eine Antwort auf ihre Liebe zu einem verlorenen Mann und vor allem zur Farbe Blau.

Schreie aus den Waggons

von Verena Großkreutz

Esslingen, 14. März 2019. Immer massiver auftretende Rechtspopulisten, die Enttabuisierung von Antisemitismus und Nationalismus; Rechtsextreme, die sich immer enger vernetzen: Angesichts dieser bedrohlichen Entwicklungen wirkt so mancher Stoff plötzlich schockierend aktuell, der einst Vergangenes bewältigen wollte. Ein solches Stück hat jetzt die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) herausgebracht: Oliver Storz' "Die barmherzigen Leut' von Martinsried".

"Da wo der Maradona herkommt"

von Claude Bühler

Zürich, 14. März 2019. Kein kuscheliges Verschwinden im dunklen Zuschauerraum. Hier betritt man ein mit menschenhohen, weißen Plastikplanen ausgehängtes, ansonsten kahles Geviert, setzt sich im weißen Flutlicht auf einen der verstreut herumstehenden Drehstühle. Jede und jeder eine Insel für sich. Oder soll man sich eher in eines der traditionellen Künstler-Cafés in Buenos Aires denken? Da habe die Geschichte der Produktion ihren Anfang genommen, erzählt Autorin Anne Jelena Schulte im locker geführten Live-Talk mit dem argentinischen Maler Pedro Roth. Mit 15 Jahren floh er auf einer abenteuerlichen Route von Budapest nach Argentinien. Und blieb.

Zweiter Frühling

von Leo Lippert

Wien, 13. März 2019. Die schrille Glocke im Foyer mahnt noch, die Plätze einzunehmen, da fällt der Vorhang. Nicht etwa, weil das die Inszenierung so vorgesehen hätte. Das dünne schwarze Tuch, das publikumsseitig über die Vorderbühne gespannt ist, flattert ganz einfach deswegen zu Boden, weil es nicht richtig festgezurrt war. Vielleicht hat auch jemand in der ersten Reihe vergeblich nach Halt gegriffen beim Einnehmen der Plätze, wer weiß. Und so erscheint der Bühnenarbeiter, der erst ruckelt, drapiert, und dann in schönstem Burgtheaterdeutsch einem unsichtbaren Kollegen im Off zuruft: "Heast, kaunst du auziang!?" 

Sorry für Auschwitz

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. März 2019. Immerhin: Der Volkstanz bleibt ein Horrorszenario. Mehrere Male ruft Niels Bormann seine neun Mitspieler*innen dazu auf, endlich mit dem Reden aufzuhören, von ihren Stühlen aufzustehen und zur einstudierten Choreographie mit Elementen aller auf der Bühne vertretenen Kulturen zusammenzukommen. Aber sie hören ihn nicht und bewahren sich und das Publikum vor dem gut gemeinten theatralen Befreiungsschlag.

Versäumnisse verhandeln

von Tilman Strasser

Köln, 9. März 2019. "Sie haben gesagt, dass diese Christen jetzt auch Menschen sind und deswegen haben sie Rechte, so wie die Weißen auch. 25 Jahre hat es gedauert. Sie haben sie geknechtet, sie haben sie gefoltert, sie haben sie ermordet. Und jetzt werden sie geschützt“, klagt Yuri Englert. Währenddessen schlurft Schauspiel-Kollege Stefko Hanushevsky gebückt über ein Plateau, im Arm ein Bündel Holzkreuze. Weil es um die Schrecken der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia geht, tragen beide weiße Masken. Und weil es speziell um die Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft geht, tragen sie auch weiße Gewänder, irgendwo zwischen Mönchskutte und Ku-Klux-Klan. Das Licht fällt durch sakrale Buntglasfenster (mit stilisiertem Auge), letzte Schwaden der Nebelmaschine wabern umher und Hanushevsky steckt die Kreuze in den Boden, behutsam, als pflanze er eine empfindliche Sorte Tod. "Wenn man August Bebels Reichstagsreden liest, dann ist da die klare Ansage, so geht es nicht, das ist eine unchristliche Kriegsführung", klagt Englert weiter, "das ist das Vorgehen eines Metzgergesellen".

Emotional filetiert

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 9. März 2019. Arthur Millers "Ein Blick von der Brücke" erzählt die Tragödie eines Mannes, der nicht loslassen kann. Eddie Carbone, ein italoamerikanischer Hafenarbeiter in New York, lebt mit seiner Frau und seiner Nichte in Brooklyn (die Brücke, auf die der wunderschöne lyrische Titel des Stücks anspielt, ist die Brooklyn-Bridge). Als neue Einwanderer aus Sizilien eintreffen und bei den Carbones Unterschlupf finden, verliebt sich die Nichte Catherine in einen von ihnen. Was der Zuschauer nach und nach begreift: Eddie, der Hausherr, Patriarch und Protagonist, begehrt nicht seine Frau, sondern seine Nichte. An dieser Verstrickung entzündet sich ein inzestuöses, tödlich endendes Drama.

Hinterm Mond

von Falk Schreiber

Rendsburg, 9. März 2019. "Wenn man einen Menschen besser behandelt als er ist, dann wird er auch ein besserer Mensch." Ein hübsches Motto, das die Lehrerin Anita Kramer für ihre Arbeit mit Kindern pflegt. Und das sie jetzt, pensioniert und verwitwet, auch auf die restliche Menschheit anwendet. Weswegen sie den deutlich jüngeren Hudi in ihr Haus lässt, in ihre Küche (Hudi ist gelernter Konditor, allerdings arbeitslos), in ihr Bett und auch in ihr Herz. Doch Hudi hat böse Absichten: Er will an die Goldmünzen von Kramers verstorbenem Mann. Bevor er aber seinen Plan in die Tat umsetzen kann, wird sein Antrag auf Arbeitslosenunterstützung wegen eines Formfehlers abgelehnt, worauf er durchdreht und einen Mitarbeiter der Arbeitsagentur mit einem Messer bedroht. Chefin der Arbeitsagentur ist Kramers Tochter Carmen, die freilich vor allem Interesse an der Immobilie der Mutter zeigt …