100 Tage Männlichkeit

von Elena Philipp

Berlin, 23. August 2017. Vielleicht eine viertel Million. Vielleicht eine halbe. Wie viele Frauen während des Genozids in Ruanda 1994 vergewaltigt wurden, ist unbekannt. Sicher ist, dass sexuelle Gewalt von der Hutu-Miliz strategisch gegen die Frauen der Tutsi-Minderheit eingesetzt wurde. Um sie auszulöschen, körperlich oder sozial. Mit Überlebenden der Massenvergewaltigungen hat die selbst mit 12 Jahren aus Ruanda geflohene Sängerin, Autorin und Tänzerin Dorothée Munyaneza für ihr Stück "Unwanted" gesprochen – und sechs vom Band eingespielte Zeugenaussagen genügen ihr für ein umfassend erschütterndes Bild der Folgen sexueller Gewalt.

Terror als Horror

von Jens Fischer

Oldenburg, 23. August 2017. Lehrer Gunnar sieht aus wie verpeilter Bücherwurm. Prahlt aber damit, Sex mit seinen Schülerinnen zu haben. Das sei ihr inzwischen auch egal, schnattert seine biederbunt herausgeputzte Gattin – und bebt dabei vor Empörung. Und schon sind wir mittendrin. "Szene einer Ehe", sagt Gunnar, sei eines von diesen "Beziehungsdramen, in denen ich mich behaglich suhlen kann". Gefahrlos aus der Schlüssellochperspektive des Film- oder Theaterzuschauers anderen beim Durchleben des eigenen Elends zuschauen. Es trifft sich, dass mit Oldenburgs Schauspielchef Peter Hailer ein Regisseur "Utøya" von Edoardo Erba inszeniert, der bereits Erfahrung mit solchen Eheterrorstücken hat.

Donner, schlage die Erdkugel flach

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 20. August 2017. Was für ein Land, das Lear unter seinen Töchtern zu verteilen hat! Über und über ist es mit Blumen bedeckt. Nicht lose bestreut, nein üppiges Blühen bis auf Waden-, gar Kniehöhe. Und natürlich keine Kunstblumen, sondern saftiges Sprießen dicht an dicht auf der Spielfläche der Felsenreitschule. Die Salzburger Festspiele sparen nicht, für König Lear nicht und auch nicht für den 81jährigen Komponisten Aribert Reimann, der mit diesem Stück vor ziemlich genau vier Jahrzehnten einen der wenigen Opern-Klassiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelandet hat. 28 Mal ist sein "Lear" seither produziert worden: Bestätigung für ein Musiktheater, das sich musikalisch ganz und gar nicht den Ohren anbiedert.

Im Spiegelkabinett der Seele

von Sascha Westphal

Weimar, 19. August 2017. Der Holzcontainer, der direkt am Stern, einem zentralen Punkt im Park an der Ilm, steht, fällt auf. Schon von weitem zieht er die Blicke der Flaneure auf sich. Er passt nicht so recht ins idyllische Bild, und das soll er auch gar nicht. Aber das wird mir so richtig erst später bewusst. Dann ist dieser jeweils für einen einzelnen Besucher konzipierte Gang durch das historische Weimar, der auch eine Reise ins Innere des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz ist, längst schon wieder vorbei, und ich bin zurück auf dem Weg in mein Hotelzimmer. Während der kurzen, nicht einmal eine Stunde währenden Vorstellung bleibt für Reflexionen dieser Art kaum Zeit. Dafür sind die Eindrücke, die auf einen einprasseln, zu überwältigend.

Die Liebe frisst ihre Frauen

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 17. August 2017. Der Normalfall wäre heftige Ablehnung, was die Wohlmeinenden zu umso kräftigeren Bravo-Rufen anstachelt. Nichts da diesmal auf der Halleiner Perner-Insel, wo als letzte Schauspielpremiere dieses Sommers Frank Wedekinds "Lulu" ihrem Ende entgegen ging: Nur flauer Beifall und ein überrumpelndes Buh-Konzert (wie es schien: aus mehrheitlich jungen, weiblichen Kehlen), als sich die Regisseurin Athina Rachel Tsangari zeigte.

Aus Liebe zur Wiederholung

von Martin Pesl

Semmering, 17. August 2017. Am Alpenpass zwischen Niederösterreich und der Steiermark bietet der Kultursommer Semmering Konzerte, Lesungen und Klassiker. Uraufführungen standen ursprünglich nicht auf dem Programm – bis Otto Brusatti das einzige Theaterstück des Komponisten Anton von Webern ausgrub. 2016 brachte Brusatti den Text mit dem nicht gerade sommerfrischen Titel "Tot" im Rahmen des Festivals als Stationentheater zur Uraufführung. Die Sensation war so perfekt, dass das Leitungsteam aus Florian Krumpöck und Nina Sengstschmid sie nicht mehr missen wollte.

Schwarzes Rauschen

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. August 2017. Die Welt ist ein schöner Ort. Am Rande des Blickfelds stehen ein paar Neubauten, ansonsten sieht man Felder, Wiesen, Wald. Und eine sengende Sonne, nach deren Versinken die elektronische Kommunikation anhebt, ein tastendes Gesprächsgerüst: "Wow." "Really?" "Thank you." "Fair enough."

Hygiene, Schnitzel, Bier 

von Kornelius Friz

Hannover, 11. August 2017. Im August ist Theaterpause. Die Schauspieler fliegen in den Urlaub, die Regisseurinnen verziehen sich zum Denken in ihre dunklen Kammern. Das Publikum genießt es derweil, auch mal ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben zu dürfen. Und die Bühnen der deutschen Theaterhäuser können sich erholen von einer weiteren Spielzeit voller Kunstblut, Laienchöre und Live-Videos.

"Is that all there is, my friend?"

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 12. August 2017. "Vielleicht ist alles nicht so schlimm, wie jeder sagt." Der Satz taugte als Rätselfrage. Kommt er vor in Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline"? Oder ist es eine aktuelle Utopie, "heutigen Menschen" in den Mund gelegt, oder von solchen eingebracht? Solch "heutige Menschen" – so Ödön von Horváth in einem Radiointerview – gehörten zwingend "zu einem heutigen Volksstück". Damals, 1932, hatte er gerade "Kasimir und Karoline" fertig.

Die große Verweigerung

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. August 2017.  Was für ein Raum. Ein dreistöckiges Gebäude hat sich Tania Bruguera in die riesige Kampnagel-Vorhalle bauen lassen, eine zylinderförmige, mit Tüchern verhüllte Stahlskulptur, von deren Rängen die Zuschauer in einen Bühnenschlund hinabblicken, als Theaterraum dem shakespeareschen Globe nicht unähnlich, wenn man davon absieht, dass "Endgame", die erste Theaterarbeit der kubanischen Künstlerin Bruguera, eben keinen Bühnenraum besitzt.

Gib dem Jahrmarkt-Paar Zucker

von Martin Pesl

Reichenau, 10. August 2017. "Konzentrieren wir uns bitte auf mich, wo ich doch wichtig bin." Sätze wie dieser, die wir nur zu gerne aussprechen würden: Mario Wurmitzer, Jahrgang 1992, sammelt sie und bestückt mit ihnen heiter hysterische Theaterstücke. Anna Maria Krassnigg schenkt dem österreichischen Autor nun erstmals die Uraufführung eines seiner Texte, "Werbung Liebe Zuckerwatte". Der Aufwand, mit dem sie das tut, ist beachtlich. An einem Stadttheater wäre so ein neues Dialogstück wohl als leidlich inszenierte Skizze uraufgeführt worden. Nicht so bei Krassnigg, die zusammen mit Christian Mair unter dem Label Salon5 seit 2015 das Festival am Thalhof in Reichenau/Rax bestreitet.

Büchner – Prophet des Krieges?

von Thomas Rothschild

Salzburg, 8. August 2017. Woyzeck, der bei Alban Berg bekanntlich Wozzeck heißt und von Wahnvorstellungen verfolgt wird, singt sein berühmtes "immerzu, immerzu". Dazu sieht man, über die ganze Bühne verteilt, tanzendes Volk, wie aus einem Bild von Pieter Bruegel dem Älteren. Einige Tänzer halten Stühle hoch. Schon Andres trägt gleich in der zweiten Szene Sessel auf dem Buckel, statt Stöcke zu schneiden.

Mann mit zwei Frauen

von Thomas Rothschild

Salzburg, 6. August 2017. "Aida" ist für den Opernbetrieb, was man in Österreich "a gmahde Wiesn" nennt. Wenn Anna Netrebko die Titelrolle singt, ist es eine doppelt gmahde Wiesn. Kaum hatte der Vorverkauf begonnen, waren sämtliche Vorstellungen ausverkauft. Machen wir es kurz: Die Diva erfüllt auch diesmal alle Erwartungen, die man in sie setzen kann. Aber Markus Hinterhäuser wäre nicht Markus Hinterhäuser, wenn er sich nicht dazu etwas hätte einfallen lassen. Mit dem Dirigat von Riccardo Muti ging er zwar auf Nummer sicher. Die Regie aber vertraute er der Iranerin Shirin Neshat an, die noch niemals für die Bühne gearbeitet hat.

Siegfried von Arabien

von Harald Raab

Worms, 5. August 2017. Glühend heißer Wüstensand. Na ja, mehr eine Fata Morgana im sommermilden Worms. Aber wie zum Teufel kommt der deutscheste aller deutschen Strahlemänner, Siegfried, in die arabische Wüstenei – zumindest imaginär? Das Geheimnis wird von den Nibelungen-Festspielen nicht gerade enträtselt, sondern ein regelrechtes Verwirrspiel gezeigt. Tonnenweise Sand liegt vor der Westfassade des Kaiserdomes zu Worms. Es gibt Spektakel satt, Kulissen-, Licht- und Kostümzauber und allerhand Ungereimtheiten, inklusive unfreiwilliger oder kalkulierter Komik. Der Titel heißt "Glut", Untertitel "Siegfried von Arabien".

Klein, marginal, erdrückt

von Veronika Krenn

Reichenau / Rax, 4. August 2017. Durchs Fenster grüßt das mächtige Gebirgsmassiv der Rax, die alpine Kulisse des Heilkurorts Reichenau. Drinnen, im einstigen Grandhotel Thalhof, wirken die drei Menschenwesen klein, marginal, erdrückt von ihrer eigenen Geschichte. Zumal sich eine von ihnen selbst die "Untote" nennt: Stets muss sie sich ihres Körpers neu versichern, der wie ein faszinierendes Kostüm an der Seele zu baumeln scheint. Wieder und wieder blicken die gottvergessenen Kreaturen hinaus, durch die gläserne Fensterfront, die den Kräften der Natur und dem Schauspiel des Himmels eine luftige Bühne ist.

Szenen eines Attentats

von Veronika Krenn

Wien, 4. August 2017. Ein Frontalangriff auf sich vergnügende Menschen wie in Paris 2015 oder ein gezielt homophobes Attentat auf die queere Community? Auf einem provisorischen Podium mit roten Lederstühlen erhitzt sich Performer Robert Jackson, der seine körpersprachliche Beredtheit der eingespielten Stimme des britische Guardian-Journalisten Owen Jones leiht. Bei einer Sky-News-Sendung im Juni 2016, anlässlich des Orlando-Attentats, verließ dieser die Diskussion vorzeitig. Er sah dem homophoben Aspekt der Gewalttat zu wenig Raum gegeben. Aus performativen Dokumenten wie dem Owen Jones-Reenactment gestaltet Christine Gaigg bei Impulstanz Wien ein Bühnenessay zu Homophobie und queerer Kultur, in dem sie als Conferencier nacheinander durch vier verschiedenen (Spiel-)Situationen führt.

Körpereinsatz harter schlesischer Kunstsprache

von Martin Pesl

Salzburg, 29. Juli 2017. Ein Raum wie ein ausgebranntes Kirchenschiff, eng und luftig zugleich: Überall finden sich Kreuze auf Volker Hintermeiers Bühne, in allen Formen und Dimensionen, das größte erstreckt sich auf dem Boden. Herunterhängende Mikrofone laden zum Rezitieren von Bibeltexten ein. Von der Seite durch das Gerippe hindurchleuchtend wird Hartmut Litzinger Stimmungen von erdrückender Schönheit ins Tragödienschwarz zaubern. Erst steht da noch: "Future is a fucking nightmare", in Frakturschrift, die eher Vergangenheit als Zukunft beschwört.

Die mieseste Party aller Zeiten

von Martin Pesl

Salzburg, 28. Juli 2017. Beim Einzelapplaus am Ende von "Die Geburtstagsfeier" treten die sich Verbeugenden aus dem Licht ins Dunkel vor, das Publikum beklatscht Silhouetten: eine Unachtsamkeit der Technik im Landestheater, wo Andrea Breths Inszenierung bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte? Oder der Regisseurin finale Bürstung gegen den Strich der 1958 uraufgeführten, verplauderten comedy of menace vom Schauspieler, Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Harold Pinter? Anfangs noch entsteht der Eindruck englisch-konventioneller Konkretheit, ergänzt durch ein Verwahrlosungselement, das Martin Zehetgruber seinen Räumen gerne hinzufügt:

Der Antisemit mit der schönen Musik

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2017. "Ich finde 'Meistersinger' ein furchtbares Stück. Unerträglich. Es ist mein Albtraum, in den 'Meistersingern' zu sitzen. Für mich ist das das deutsche Dorf mit all den Assoziationen dieser Menschen, dieses Volkes, dieser Gesellschaft, mit all den Regeln und dem, wie sie reden: Blablablabla!" Vor fünf Jahren hat Barrie Kosky das gesagt, in einem sehr sehenswerten Video-Gespräch im Rahmen der Ausstellung "Wagner. Künstlerpositionen" der Berliner Akademie der Künste. Kosky berichtet dann auch von psychischen Krisen, die ihn während seiner Proben für den "Ring des Nibelungen" ereilt hätten, und mithin sah alles danach aus, als habe er auf Wagner schlicht keine Lust mehr. Als Katharina Wagner ihn vor drei Jahren fragte, ob er "Meistersinger" bei den Bayreuther Festspielen inszenieren wolle, sagte er ab. Zuerst. Und überlegte es sich schließlich doch noch.

Alles ist künstlich, alles ist wahr

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 25. Juli 2017. Ausgestopfte Tiere, mit Farbe übergossen. Und großformatige Fotografien, Ivo Dimchev nackt. Und Pappmaché-Figuren, Gemälde, Videos. Es ist vier Uhr nachmittags. Ich flaniere zwischen den Exponaten der Ausstellung "Avoiding deLIFEath". Im März am Brüsseler Kaaitheater erstmals gezeigt, gastiert das Long Durational Event des Performance-Künstlers Dimchev derzeit bei ImPulsTanz in den mumok Hofstallungen im Museumsquartier Wien. Ist eine hohe, finstre Halle. Neben den Objekten, schäbig auf A4 gedruckt, wurden Zitate arrangiert: "I care only about myself. It's political enough" und "The love I can't retain, I'll beautifully murder". Vom anderen Ende des Raumes, dort auf Kunstrasen stehend, lädt Dimchev großzügig zum ersten Programmpunkt ein: Ein Workshop zur Fragmentierung von Körper und Stimme. Noch nimmt niemand teil. Erstmal lieber sitzen.