Maskenspiele in der Puppenstube

von Christian Rakow

Berlin, 12. November 2018. In "vielen Berliner Theaterköpfen" lebt noch die Erinnerung an "die legendäre Schaubühnen-Inszenierung von Peter Stein". So sagt es der Dramaturg John von Düffel in dem Podcast, den das Deutsche Theater dieser Arbeit beistellt. Und dann kommt er auf den originellen Ansatz dieser DT-Inszenierung zu sprechen: Die Besetzung der drei Schwestern mit männlichen Darstellern sei eine "Verfremdung", die einen dazu bringe, die Motive und Texte Tschechows "noch einmal neu zu hören".

Alle vergiften!

von Frank Kurzhals

Hannover, 12. November 2018. Die Sprache des Österreichers Werner Schwab ist äußerst akrobatisch und verschwurbelt, sie ist sinnlich, lyrisch und Soziolekt gewordene Banalität, wunderbar metapherngesättigt und also hochassoziativ. Damit steht sie regelmäßig in Konkurrenz zu ihrer bühnenhaften Inszenierung. Die Bilder des Theaters reichen selten an Schwabs bildreiche Sprache heran, oft sind sie lediglich deren Illustration. Am Schauspiel Hannover ist Regisseurin Lucia Bihler nun mit "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" ein Coup gelungen.

Stereotyp und Schimmer

von Elena Philipp

Berlin, 11. November 2018. Was macht der denn da? Der Mann im Security-Outfit klinkt ins Leere, dreht an etwas Rundem, reibt seine Hände – ah: er wäscht sie, und dann bereitet er sich pantomimisch einen Riesenpott Tee. Peter Kurth pfeift wie ein Wasserkessel und rührt – "lulululu" – in der Tasse. In gemächlichem Tempo illustriert er mit komischer Stoik, wie "öde und endlos" die Nächte als Wachmann im Brennpunkt-Objekt 95 sind. "Glasscherben im Objekt 95" ist eine von fünf Kurzgeschichten aus Clemens Meyers Erzählband "Die stillen Trabanten", die Armin Petras in den Kammerspielen des DT Berlin uraufgeführt hat – in disparat inszenierten Szenen, die der Vorlage unterschiedlich nahe kommen.

Komm, Schwesterchen Crystal

von Tobias Prüwer

Dresden, 10. November 2018. "Hab oft einen dumpfen düstern Sinn / Ein gar so schweres Blut! / Wenn ich bei meiner Christel bin, / Ist alles wieder gut." So dichtete einst schwermütig Goethe. Mit dunkler Poesie knüpft auch Sebastian Klink seine rauschhaften Bilder zu einer Crystal-Meth-Inszenierung zusammen: "9 Tage wach" schildert am Staatsschauspiel Dresden drastisch die Stationen einer Drogenkarriere.

Tschechow Stroganoff

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 10. November 2018. Vielleicht ist das alles nur ein großes Missverständnis. Vielleicht waren die Erwartungen angesichts des Ruhmes von Barbara Bürks und Clemens Sienknechts Trilogie zu berühmten Seitensprüngen der Weltliteratur schlicht zu groß. Vielleicht hängt es auch nur an Kleinigkeiten, die sich so oder so interpretieren lassen. Der erste Satz im Programmheft befeuert zumindest Hoffnungen: "'Wonkel Anja – Die Show!' ist eine Liebeserklärung." Liebeserklärungen sind in einem Theater, das sich gerne politisch und postdramatisch gibt, zu einer Seltenheit geworden. Sie erfordern eine hemmungslose Sentimentalität, die sich eher schlecht verträgt mit einem kunstvoll gebrochenen Blick auf Stücke wie auf die Wirklichkeit.

Einladen statt agitieren

von Sabine Leucht

München, 9. November 2018. Der Lamborghini ist für sie so weit weg wie ein Urlaub am Meer, ein neues T-Shirt oder auch nur ein warmes Mittagessen. Stattdessen gibt sie Youtube-Tutorials im Fach Ladendiebstahl. An der Supermarktkasse spricht sie sich selbst in Trance: "Sammeln Sie die Herzen?", "Sammeln Sie die Herzen?"

Die Kölner Gruppe Pulk Fiktion hat sich für "All About Nothing" mit Kinder- und Jugendarmut in Deutschland beschäftigt und Interviews mit Betroffenen geführt. Die Aufnahmen ihrer Antworten steuert Manuela Neudegger über im Bühnenboden versenkte Schalter und bewegt den Mund dazu: jeder Satz eine andere Stimme, ein Schicksal, ein Mensch. Gemeinsam mit drei Kollegen tanzt Neudegger zwischen Projektionen live gemalter Bilder rückwärts durch 21 Jahre einer deutschen Kindheit jenseits des Wohlstands. Die Collage ist manchmal verwirrend sprunghaft und schlampig vernäht, aber ästhetisch eigenständig und inhaltlich beherzt.

Frankensteins Freunde

von Michael Laages

Kassel, 9. November 2018. Was das wohl ist, das in uns (noch) nicht hurt und stiehlt und mordet, aber alle Verantwortung von sich weisen will – und darum meint, dass der eigene Kühlschrank, das Auto intelligenter sein sollte als wir selber? Dass ein Roboter, Computer oder sonst irgendein Kunstgeschöpf uns unsere Kernkompetenzen abnehmen sollte, aus Gründen der Verlässlichkeit … obwohl schon das Schicksal des Homunculus in der glühenden Phiole im zweiten Teil von Goethes "Faust" eher kurz und kläglich ist und auch die Fabel vom jungen Schweizer Arzt Viktor Frankenstein, der in Ingolstadt den "neuen Menschen" erschaffen wollte, nicht wirklich zur Nachahmung einlädt. Das Thema liegt in der Luft: Den vor ziemlich genau 200 Jahren erschienenen Roman der englischen Autorin Mary Shelley entdecken die Theater wieder – und der junge Regisseur Wilke Weermann zeigt jetzt am Staatstheater Kassel eine freie Phantasie über die Erfindung des Menschen.

Being Raskolnikow

von Esther Slevogt

Berlin, 8. November 2018. Es geht dem guten Raskolnikow an diesem Abend wie König Ödipus: Er versucht, einem Verbrechen auf den Grund zu gehen, und findet am Ende heraus, dass er selbst der Mörder ist. Rodion Romanowitsch Raskolnikow ist der berühmte Protagonist von "Verbrechen und Strafe" (beziehungsweise "Schuld und Sühne"), der mit einem Beil quasi grundlos in ihrer Wohnung eine alte Pfandleiherin und ihre zufällig anwesende Schwester erschlägt. In Fjodor Dostojewskis 1866 erschienenem Roman weiß der abgewrackte und verarmte Raskolnikow natürlich um seine Tat und fällt danach in der heruntergekommenen Kammer, in der er haust, in einen mehrtägigen fiebrigen Ausnahmezustand, in dem er sich damit auseinandersetzt.

#MeToo, das Theaterstück

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 8. November 2018. Türen scheint es nicht zu geben in der graumelierten Box, in der Dorfrichter Adam tagt, nachdem eine böse Nacht hinter ihm liegt: Auf- und Abtritte der Parteien erfolgen auf allen Vieren durch die Unterbühne. Lediglich für den Supervisor, den Gerichtsrat Walter, öffnet sich eine Tapetentür samt Lichtschneise rechter Hand (Bühne: Valentin Baumeister). Adam steht da gerade halbnackt auf einer Leiter am Sicherungskasten, der weit oben angebracht ist; das Licht fällt hin und wieder aus, anders als "der Licht", der Schreiber nämlich, der, picobello gewandet und frisiert, stets zur Stelle ist und am Schluss, nach Adams Fall, folgerichtig dessen Nachfolge antreten wird.

Volksbewegte aller Länder, verlautbart Euch!

von Valeria Heintges

Zürich, 6. November 2018. Vor 25 Jahren erschien Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang" im Wochenmagazin "Der Spiegel". Der Text führte zu einem Aufschrei, machte Strauß zur Galionsfigur der neuen Rechten. Raunend, in langen, nahezu hermetischen Sätzen diagnostiziert er eine "frevelhafte Selbstbezogenheit" und prognostizierte Konflikte, in denen sich rächen würde, dass "der Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat". Es werde Krieg geben.

Lasst die Innensau raus!

von Jens Fischer

Hamburg, 3. November 2018. Bestes Schauspielerinnenfutter wird hier kredenzt, in aller köstlichen Unappetitlichkeit: Zum 60. Geburtstagsjahr des in der Silvesternacht 1993/94 verstorbenen Werner Schwab holt Viktor Bodo am Schauspielhaus Hamburg dessen mit Abstand am häufigsten aufgeführtes Stück als Präsent auf die Bühne: "Die Präsidentinnen" – das "Fäkaliendrama" von 1990.

Aus einem bürgerkriegszerrissenen Land

von Tobias Prüwer

Weimar, 3. November 2018. Mensch und Masse: Auf diese Formel könnte man das monumentale Erzählwerk "November 1918" herunterbrechen. Am Deutschen Nationaltheater Weimar unternimmt nun André Bücker nichts Geringeres, als Alfred Döblins vierbändiges, in der Emigration entstandenes Revolutionsepos auf die Bühne zu bringen. Die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Masse, des Menschen in der Revolte, kleidet Bücker in ein Spektakel mit Chor und Orchester.

Augenräuber und Automatenschönheit

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 4. November 2018. Nathanael – er ist der "Geisterseher" bei E.T.A. Hoffmann, der sensible Lyriker, der "mystische Schwärmer", der in Blicken Geheimnisvolles und in Träumen entsetzlich Wahrhaftiges entdeckt. Bei Florian Fiedler ist er eine Puppe. Von der Statur her kleiner als alle Claras und Olimpias dieser Oberhausener Inszenierung, aber die blauen Augen bestechend groß. "Mit uns wird gespielt, ohne dass wir es merken", sagt diese Puppe Nathanael einmal, fantastisch geführt und gesprochen von den vier Darstellerinnen der Clara/Olimpia. Ja, es ist ein manipuliertes Spiel, das Fiedler inszeniert. Eine vervielfachte Verwirrung.

Macbeth unter Nazis

von Georg Kasch

Berlin, 3. November 2018. Einmal spricht Friedrich Bruckmann tatsächlich "Macbeth"-Worte: "Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke, Der Griff mir zugekehrt? Komm, lass dich packen!" Denn darauf läuft hier alles hinaus: Ein Emporkömmling wird anfangs dazu gedrängt, durch Mord seine Chance zur Macht zu ergreifen, seine Lady spricht ihm gut zu. Dann muss er wieder morden, beginnt Geister zu sehen. Schließlich werden beide abserviert. Das alles vor der Kulisse des Dritten Reiches, dessen Vertreter hier die besseren Karten haben. Moral: Die Palastrevolution frisst ihre Kinder. Am Ende siegen immer die Nazis.

Und ewig duscht der Kumpel

Von Cornelia Fiedler

Bochum, 3. November 2018. Zweimal Gerhart Hauptmann minus die Summe der in den Stücken verhandelten Probleme weißer Männer ist gleich viel viel Leere. Das ist die Formel für Benny Claessens antipatriarchale Versuchsanordnung "White People‘s Problems / The Evil Dead". Im Eröffnungsdreiklang der Intendanz von Johan Simons in Bochum übernehmen Claessens und sein Ensemble damit den Part der betont respektlosen innertheatralen Opposition.

Der Mensch zwischen den Schweinen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. November 2018. "Es war spät abends als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee." So beginnt Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloß". 1922 hatte Kafka das Werk angefangen, 1926 wurde es posthum veröffentlicht. K. ist darin ein Landvermesser, ein Fremder und einer, der dafür kämpft, bleiben zu können. Eine Landvermesserin macht Thomas Köck in seinem jüngsten Stück ebenfalls zur Hauptfigur. Auch sie handelt im Auftrag der Regierung, und auch in der Erzählung des vielfach ausgezeichneten Dramatikers liegt jede Menge Schnee – "Drecksschnee" – in der verhassten Provinz. Tatsächlich verortet er die Handlung im zerfallenen Europa im Winter 1918/19, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und doch schafft er natürlich und andauernd Bezüge zur Gegenwart.

Verhasste Elite

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 2. November 2018. Er steht unter Druck, die rechte Hand zittert, die Finger tanzen, der starre Blick geht geradeaus. Dann schreit er los. Gegen die "Scheißpolitiker", die das Land verkaufen, gegen die "Systempresse", gegen die aus seiner Sicht korrupte Polizei. "Das geht nicht mehr lange gut, bald fliegt euch das um die Ohren", brüllt er.

Keine Unze Frieden

von Andreas Wilink

Bochum, 1. November 2018. Der Globus ist das neue Signet des Schauspielhauses Bochum unter der Intendanz von Johan Simons. Entsprechend international handverlesen das Ensemble und weltumspannend die Eröffnungs-Inszenierung. Beginnend beim Autor Lion Feuchtwanger, der – 1884 in München geboren – sich nicht hat träumen lassen, 1958 in der Villa Aurora / Santa Monica zu sterben.

Immer geraden Fußes auftreten!

von Dorothea Marcus

Köln, 1. November 2018. Es ist ein Wiedersehen, man kennt es, aber wie seltsam, es ist nicht Berlin. Eine wunderschöne, nebelumdampfte russische Datscha hat Aleksandar Denić ins Kölner Depot I gebaut, grün angelaufen sind die pittoresken Zierfriese, innen erahnt man: Samoware, Silberbecher, Mustersofas. Daneben – in Ermangelung einer Drehbühne – steht eine Trinkhalle mit Billardtisch, es blinkt russische Pepsi-Werbung, davor steht auf kyrillischen Buchstaben "Autobus", dazwischen ein Lada mit Boot darauf – und natürlich eine riesige Leinwand, auf der die Bühnenteile zu Filmlandschaften zusammenlaufen.

Ein Rätsel

von Gabi Hift

Wien, 31. Oktober 2018. Ein Milliardär im Ruhestand steigt in die Politik ein. Für welche Partei er kandidiert, ist ihm egal, und er ist völlig ahnungslos in sämtlichen Fragen. Am Anfang macht er lächerliche Fehler, aber ein Medienhai, der bei ihm Schulden hat, manipuliert die öffentliche Berichterstattung und der zunächst naive Quereinsteiger lernt, wie man Floskeln einsetzt, die Meinung anheizt, sich Verbündete durch Bestechung züchtet und den sexuellen Mehrwert von Frau und Tochter für sich nutzt.