Phönix aus dem Beton

von Max Florian Kühlem

Dortmund, 25. September 2020. Bevor es in die Konfrontation geht mit der Stadt da draußen, mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sitzt das Publikum von Julia Wisserts Eröffnungsinszenierung am Schauspiel Dortmund erstmal in einem kargen Warteraum und starrt auf einen einzelnen Fernseher. Er zeigt ein flimmerndes Instruktions-Video in VHS-Optik.

Ritt auf dem güldenen Penis

von Martin Krumbholz

Köln, 25. September 2020. 100 Seiten Text? 150? Schlappe 28. Und Schauspieler? Vier oder fünf (wie seinerzeit in München oder Berlin)? Pralle neun. Das Zahlenverhältnis zeigt, worauf es hier ankommt. Sicher nicht auf "Werktreue"; das wäre auch Unfug angesichts der schier aus den Nähten platzenden Jelinek'schen Konvolute, die zu großzügigen Strichen gar selbst noch einladen. Ersan Mondtags Inszenierung verdichtet Elfriede Jelineks 2015 entstandene "Wut" vielmehr zu einer opulenten, wüsten, trashigen, in weiten Teilen formidablen Sprechoper.

Die Kreisläufe(r) der Katastrophe

von Sabine Leucht

München, 25. September 2020. O weh, das geht ja gut los! So, wie die ersten Worte zerhackt und alle Silben überartikuliert und einzeln mit Pausen umrahmt werden, ahnt man schon, warum Ulrich Rasche für seine Inszenierung von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" 150 Minuten braucht. Für dieselben 20 Seiten, die Jan Philipp Gloger in Nürnberg vor einer Woche in einer Stunde bewältigte. Und hektisch war das nicht.

Deutsches Heldenplätzchen

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. September 2020. Es endet mit einem nicht enden wollenden Textblock aus wuchtigen Sätzen, die stilistisch aus dem Heiner-Müller-Universum stammen könnten. Inhaltlich nimmt er es mit den Thomas Bernhard'schen Heimatvernichtungen auf. Eine zum Verlieben schön geschriebene Hasstirade auf das deutsche Land mit seinen Rotkohl-mit Rindfleisch-und-Klößen-Essern, unter deren Betten die bösen Geister der dunklen Jahre auf ihren Einsatz an den Flüchtlingsheimen warten. Auf das an Rüstung und Waffen verdienende, die Welt ausbeutende, turbokapitalistische Land mit seiner Fremdenfeindlichkeit und seinem Nationalismus.

Harfen in der Dauerschleife

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. September 2020. Er hätte nicht gedacht, dass sich das Theater mal nach Normalität sehnen würde, begrüßt Intendant Peter Carp das Publikum zur Eröffnung der Spielzeit am Theater Freiburg, bevor er die Hygieneregeln für die nachfolgende Schauspielpremiere erläutert. Die Publikum und Akteure einende Sehnsucht, mal wieder Spielfreude unbeschwert organisieren, entfachen, erleben, genießen und anschließend bei Getränken in gelöster Atmosphäre gemeinsam feiern, debattieren oder einfach runterspülen zu können, ist auch hinter den Gesichtsmasken schon beim Einlass spürbar.

Seltsame Seilschaft

von Tobias Prüwer

Leipzig, 25. September 2020. Corona scheint vorbei zu sein am Schauspiel Leipzig, denn man darf wieder dichter gedrängt sitzen. Natürlich ist das vom Gesundheitsamt abgesegnet – aber es erzeugt dennoch ein mulmiges Gefühl. Mit aller Hoffnung auf die Hightech-Klimaanlage kann man auch ein Stück über Tod und Vergänglichkeit einleiten. Neben der Haustechnik setzt Regisseur Enrico Lübbe dabei auf die Musik, wenn er Elfriede Jelineks "Winterreise" mit Franz Schuberts gleichnamigem Liederzyklus zu illustrativen Tableaus verschneidet.

Weniger Multi-Multi, bitte!

von Michael Bartsch

Dresden-Hellerau, 24. September 2020. Eine Bearbeitung des Romans "Schlachthof 5" von Kurt Vonnegut garantiert in Dresden stets größte Aufmerksamkeit. Hier steht im Ostragehege jener Schlachthof nach Entwürfen des ehemaligen Stadtbaurates und Architekten Hans Erlwein, in dessen Keller der Autor als amerikanischer Kriegsgefangener die alliierten Luftangriffe vom 13. Februar 1945 überlebte. Eine Gedenkwand des irischen Architekten und Künstlers Ruairi O'Brien erinnert daran, und es gibt Führungen auf den Spuren Vonneguts.

Druck auf der Sprechblase

von Valeria Heintges

Zürich, 20. September 2020. Sie haben alle "Druck auf der Sprechblase", sagen sie. Sie reden und quatschen, sie palavern und sinnieren. Sie lassen sich dabei nicht vom Sinn leiten, sondern vom Klang der Sprache. Das Ergebnis? Sätze wie "So eine Höröffnung ist eine Ohröffnung!". Man mag nicht widersprechen und kann sich doch nur wundern, dass sie zehn Anläufe brauchen, um zu der Erkenntnis zu gelangen. Sie machen viele Worte, könnte man meinen. Sie selbst sehen das anders. "Hier wird gesprochen?", fragt eine. "Hier wird gehandelt!", behauptet eine andere.

Digitale Auferstehung

von Michael Laages

Kassel, 20. September 2020. Vielleicht trügt die Erinnerung ja schon: an erste Begegnungen mit dem argentinischen Dramatiker Rafael Spregelburg. War's in der kurzen Zeit des Intendanten Tom Stromberg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dass er als eine der jüngeren, wichtigen Stimmen der lateinamerikanischen Bühnen-Literatur entdeckt wurde? An diesem Status hat sich in den etwa zwei Jahrzehnten seither nicht allzu viel geändert, zumindest auf deutschsprachigen Bühnen hat sich Spregelburds Sound bislang nicht durchgesetzt. Womöglich ändert sich das auch jetzt wieder nicht, nach Wilke Weermanns Versuch mit Spregelburds modisch-medialem Verwirrspiel in der Beschwörung von "z.B. Philip Seymour Hoffman".

Rufer im Schamlippen-Wald

von Simone Kaempf

Berlin, 19. September 2020. Die Untersuchungsliege wird nach vorne geschoben, endlich ist auch Johanna Freiburg dran. In einen Glitzer-Morgen-Mantel gehüllt liegt sie da, mit gespreizten Schenkeln, weniger lasziv als mehr Patientin, die dann recht selbsterklärend fragt: "Ist das jetzt mein erster Auftritt als menopausale Frau?" Ist es. She She Pop bleiben auch in ihrem neuen Abend sich selber treu, nehmen biographische Bruchstücke als Ausgangsmaterial. In diesem Stück ihr eigenes Älterwerden.

Die Wut im Stierkopf

von Claude Bühler

Zürich, 19. September 2020. Mit dem * hinter dem Namen Medea, so das Programmheft, seien die "Zwischentöne" gemeint, der "Blick zwischen die Sätze". Darauf hat Regisseurin Leonie Böhm ihre Version konzentriert, aus Euripides' Vorlage die Handlung, aber auch die übrigen Figuren weggestrichen. Den Herrscher Kreon etwa, der Medea aus Angst vor ihren Zauberkräften und Zornesmächten aus Korinth verbannen will. Oder ihren Mann Jason, der sie verlassen hat, um sich zwecks gesellschaftlichen Aufstiegs mit Kreons Tochter Glauke zu vermählen. Am Ende ist es der Deutung des Publikums überlassen, ob Medea wirklich tun wird, wofür sie Euripides weltberühmt gemacht hatte: aus Rache ihre Knaben töten, also Jason "zum Grame", wie es im Original heißt.

Kugelmenschen kennen kein Corona

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 19. September 2020. Ein Bilderreigen ist das. Zu Beginn Schattenfiguren im Nebel hinterm Gaze-Vorhang. Wie in einer Fotografie frieren sie immer wieder ein, zum Beispiel für die Kuss-Szene, die an Doisneaus "Der Kuss" im Paris der 1950er Jahre erinnern mag. Oder an den "küssenden Matrosen" aus New York, das berühmte Foto zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es regiert das Wort

von Georg Kasch

Hannover, 18. September 2020. Briefe also: Im Dutzend tragen Karlos und Elisabeth sie zu Beginn an die Rampe. Einen schönen Haufen ergibt das aus den zärtlichen Episteln, die sie sich einst als Brautleute schrieben. Aus ihnen entspinnen sich die herrlichsten Verwicklungen, Missverstände, Intrigen. Alle werden sich hier später bedienen.

Kriegszone mit Küchenplatte

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. September 2020. Prostituier dich für mich! Ein bisschen angemacht kommt man sich schon vor im Publikum von "Die Lage", als Jannik Mühlenweg uns zum Protagonisten eines WG-Castings macht. "Was ist dein erster Eindruck von mir?", "Geh mal rein in deine Vorurteile", "Findest du mich sexy", "Hast du Spaß am Leben?". Wir haben dem fiesen Gecken nichts entgegen zu setzen. Wir sind raus aus dem Pool potenzieller Nachmieter.

Schweinesystem

von Frauke Adrians

Berlin, 18. September 2020. Pornos und Fleisch: Das waren in den 70er Jahren die Top-Exportprodukte Dänemarks, nachdem das Land früher als alle anderen die Bildpornografie genehmigt hatte, und zwar unbegrenzt oder, wie man in der Branche wohl sagt, tabulos.


Kotzen im Unrechtsstaat

von Jan-Paul Koopmann

Bremerhaven, 18. September 2020. Das Elend beim Entrümpeln ist ja: Hat man den Krempel erst aus der Wohnung, geht meist auch die Gemütlichkeit flöten. Dann vermisst man ihn doch, den Plunder, und wird ihn trotzdem – um Himmels Willen – nicht wieder zurückschleppen. Ganz ähnlich verhält es sich mit Juli Zehs "Corpus Delicti" und der inszenatorischen Entschlackungskur, die Magz Barrawasser dem Stück in Bremerhaven verpasst hat. Auch da nagen leider bald Zweifel, ob nicht vielleicht doch etwas dran war an dem geschwätzigen Ballast des Textes.

Was ist aus dem Traum von Europa geworden?

von Annemarie Bierstedt

18. September 2020. Wenn eine dänische Autorin ein Schauspiel über Geflüchtete schreibt und ein deutsches Theater dies inszeniert, könnte man skeptisch kulturelle Aneignung vermuten. Erst kürzlich löste "American Dirt" der US-Autorin Jeanine Cummins eine Debatte darüber aus, ob eine weiße Amerikanerin aus der Sicht einer Mexikanerin einen Roman über deren illegale Flucht in die USA schreiben darf. "Das Abendland" der dänischen Dramaturgin Julie Maj Jakobsen will gar nicht das Leid der Geflüchteten aus deren Perspektive erzählen. Stattdessen arbeitet es sich raffiniert und klug daran ab, was die Flüchtlingskrise mit uns Europäer*innen macht. Wo liegt unsere Verantwortung für uns selbst und untereinander? Wo bestehen Defizite? Was definiert Europas Identität? Und was ist aus dem Traum von Europa geworden?

Die braune Soße ist geronnen

von Gabi Hift

Wien, 17. September 2020. Was für ein Coup! Peymann eröffnet die Saison am Theater in der Josefstadt! Für Nicht-Wiener, die vielleicht nicht wissen, wie sensationell das ist: Peymann kam als wilder Revoluzzer 1986 als Direktor ans Wiener Burgtheater, erklärte alles für verstaubt und sich zum einzigen Retter. Ein Deutscher! Piefkinese! Aus anfänglichem Hass entwickelte sich zwischen ihm und den Wiener*innen eine der großen Liebesgeschichten der Theatergeschichte. Und mit "Heldenplatz" von Thomas Bernhard gab es den größten Theaterskandal der Nachkriegszeit. Irgendwann ging er weg, ans Berliner Ensemble, und nun ist er "frei", aber der neue Burgtheater-Intendant Martin Kušej wollte ihm nichts anbieten.

Auf Probe

von Tobias Prüwer

Dresden, 16. September 2020. Wie anfangen? Wie neu anfangen? Wenn das Leben von Beginn an nur auf Probe, weil zerbrechlich ist – wie uns gegenwärtig besonders bewusst wird? Sebastian Hartmann lässt sich einfach treiben, wie es seine Art ist. In "Der nackte Wahnsinn + X" erfindet er einen wilden, hoch emotionalen Assoziationsreigen, in dem alles auf dem Spiel steht.

Horst Harpagon

von Katrin Ullmann

Hamburg, 12. September 2020. Tatsächlich muss man zwei Mal hinschauen, um Jens Harzer zu erkennen. Mit künstlichem Überbiss, Schnäuzer, Bauch und Buckel schleppt er sich über die Bühne des Thalia Theaters. Er feuert ein paar Schüsse aus seiner kleinen Pistole ab, bevor er es schwer atmend, schnaufend und auch ein wenig humpelnd bis zur Bühnenrampe schafft. Eine Lesebrille baumelt ihm um seinen eingezogenen Hals, die Haare sind zum spießigen Bürstenschnitt frisiert. So, in schlecht sitzender Hose, die keine Hosenträger der Welt retten können, und in Rentner-beigem Jackett (Kostüme: Janina Brinkmann) spielt er Harpagon, den Geizigen aus Molières gleichnamigen Stück.